laut.de-Kritik

Von der Ruhe-Illusion zum klanglichen Tsunami.

Review von

Manchmal hat man das Gefühl, zu Post Rock wäre alles gesagt. Schön, hat die Band eben ihre 'atmosphärischen Klangflächen', 'dynamischen Feinheiten' und 'komplexen Melodien' durchsetzt von 'brachialen Rhythmen'. Klingt trotzdem ein Album wie das andere. Bis einschließlich dem Vorgänger "Love Of Cartography" hätte ich auch Sleepmakeswaves in diese Kategorie geschoben. Gut, aber eben auch alles andere als außergewöhnlich was den Genrekontext angeht. Mit "Made Of Breath Only" ändert sich das allerdings.

Im Vergleich zum bisherigen Schaffen stellt die vorliegende Platte einen riesigen Schritt in die Eigenständigkeit dar. Mit welcher Energie Sleepmakeswaves hier zu Werke gehen, nötigt einiges an Respekt ab. Die Australier sind gekommen, um Post-Metal-Herzen zu erobern und selbiges dürften sie bereits nach den ersten zwei Spielminuten geschafft haben. Die oben genannten Genre-Typizitäten inklusive schaffen Sleepmakeswaves mit der Kombination ihrer Elemente ein individuelles Klangspektrum. All die Elemente trug die Band zwar auch schon auf den beiden früheren Alben vor, bringt sie nun aber zu neuem Einklang. Gerade mit dem dominanten Einsatz von FX-Electronics verschaffen sie sich diesmal im Kontext hohen Wiedererkennungswert.

"Worlds Away" dient dabei als Paradebeispiel. Schlagzeuger Tim Adderley tanzt nervös über die Becken, die Elektronik drängt sich in die Fugen dazwischen, während Alex Wilson die knackige Bassline legt. Dabei wogt der Song auf und ab, setzt die Verschnaufpausen aber weniger zur Erholung als vielmehr zum Spannungsaufbau ein.

Auffällig ist, dass die Gitarren zwar wie zu erwarten war in der Regel den roten Faden eines Songs bilden, jedoch nie als alleinige Herrscher das Stück kontrollieren. Das Zusammenspiel der Instrumente geht so weit, dass man gar nicht anders kann, als während eines prägnanten Leads oder einer der zahlreich gesäten Tremolo-Eskapaden auch das Drumherum wahrzunehmen. Die Kompositionen zwingen quasi dazu, beim Hören eine Panoramaperspektive einzunehmen, die es gleichsam ermöglicht, auf Details zu achten.

So formen Kompositionen wie der Zehnminüter "The Edge Of Everything" so aussagekräftige Klangkulissen, dass man sich beinahe ernsthaft fragt, warum irgendwann irgendjemand auf die Idee kam, man bräuchte einen Sänger, um Musik zu machen. Sleepmakeswaves zeigen recht eindrucksvoll, wie es ohne geht.

Das Standard-Band-Setup brechen sie schon mit Synthesizern auf, fügen im Verlauf des Albums aber stetig weitere Soundelemente hinzu. Glockenspiel und Klavier beherrschen das Zwischenspiel "Made Of Breath Only" (mit begleitendem Beat), Letzteres zieht sich bis in das anschließende "Into The Arms Of Ghosts" hinein. Dort regieren zunächst liebliche Melodien – wobei ein dumpfer Bassbeat bereits unheilvoll den drohenden Ausbruch andeutet –, bevor schlagartig ein monströses Rattern einsetzt und für einen der aggressivsten Momente der Platte sorgt. Kopfhörer auf! Speziell Alex Wilson stellt hier einmal mehr sein Gespür für Rhythmus und Melodie gleichermaßen unter Beweis.

Er ist es auch, der unter der Oberfläche des melodischen Höhepunkts "Midnight Sun" rumort, während darüber breite Streicherflächen das Bild prägen. Apropos Streicher: Im thematisch passenden Delay-Monument "Tundra" imitieren die Gitarren Geigen. Entsprechende Stellen führen vor, wie Sleepmakeswaves trotz der vorgeführten Kompositionsdichte großen Raum zum vielzitierten 'Atmen' schaffen: Obwohl die Rhythmusfraktion – besonders Drummer Adderley – sich einen Wolf spielt, erzeugen die darübergelegten, von Pausen bestimmten Gitarrenleads die Illusion von Ruhe.

Und aus der Ruhe heraus schöpft die Band häufig ihre größte Kraft. Das beweist sie vor allem gegen Ende des Albums in "Glacial" und "Hailstones". Ersteren transformieren Sleepmakeswaves in nicht einmal vier Minuten von totaler Idylle zum Tsunami – darauffolgende Ebbe inbegriffen. Und "Hailstones" versprüht geradezu Sommerwiesenflair, hebt mit seiner stetig anschwellenden Euphorie jedoch zum Höhenflug an und sorgt für einen wahrhaft glorreichen Abschluss.

Kurzum: Man darf den Titel "Made Of Breath Only" ruhig wörtlich nehmen. Sleepmakeswaves legen mit voller Kraft los, die Puste ist ihnen aber auch eine knappe Stunde später noch nicht ausgegangen. Deswegen lautet mein Tipp: Tief einatmen, gleich nochmal von vorne spielen.

Trackliste

  1. 1. Our Days Were Polar
  2. 2. Worlds Away
  3. 3. To Light And Then Return
  4. 4. Tundra
  5. 5. The Edge Of Everything
  6. 6. Made Of Breath Only
  7. 7. Into The Arms Of Ghosts
  8. 8. Midnight Sun
  9. 9. Glacial
  10. 10. Hailstones

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LAUT.DE-PORTRÄT Sleepmakeswaves

Ob es den Jungs von Sleepmakeswaves peinlich ist, dass sie ihren ersten großen Erfolg unter anderem dem Teenie-Streifen "Twilight" zu verdanken haben?

4 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 6 Monaten

    Unbedingt reinhören! Wusste garnicht, dass die hier besprochen werden.

  • Vor 6 Monaten

    Ihre Debüt-EP und das erste Album haben mir gut gefallen. Allerdings würde ich der Rezension widersprechen und das vorherige Album "Love Of Cartography" bereits hervorheben. Damit haben sie eigentlich den Grundstein zum neuen Album gelegt und ist mMn nicht mit den ersten beiden Outputs in einem Atemzug zu nennen. Hier wird das irgendwie fortgeführt, aber verfeinert. Dass sie ordentlich Krach machen können und dabei ein gutes Gespür für Meldodien haben, beweisen sie hier wiederholt.
    Für soulburn wird es aber nichts besonderes sein, ein Ohr riskieren darf er rotzdem. ;)

    4/5

  • Vor 6 Monaten

    Meine Lieblingsmap von THPS3 ist die Geißerei #RIPJeromeK

  • Vor 5 Monaten

    stark, aber auch schwer zu beurteilen. ich befürworte absolut, dass smw hier richtig aufs gas drücken, fette riffs raushauen, an dynamik die vorherigen alben überbieten und auf geschickte weise elektronische musik einweben, zudem an eingängigen melodien nochmals zulegen. allerdings kristallisieren sich wg. dieses overkills keine individuell hervorragenden songs heraus, und es gibt keine emotionale tiefe - das album scheint v.a. als gesamtwerk zu funktionieren, wodurch möglicherweise aber auch das relativ schwache songwriting übertüncht wird. und es fehlt eben ganz stark an: einnehmender atmosphäre und tiefer emotion.. klar lag darauf nie der fokus von smw, aber in der vergangenheit haben sie die gegensätze schon mal besser unter einen hut bekommen.