laut.de-Kritik

"Die da oben halten uns von Grund auf klein, deshalb heißt es jetzt: Mund auf, Schwanz rein!"

Review von

Der Weg nach oben ist ein steiniger. Raus aus dem eigenen Dreck, weg vom Arbeitsamt, vorbei an geldgeilen Haien und falschen Schlangen des Musikbusiness ("Kennt ihr die Wahrheit über Eddie Gangster schon? Er ist kein Gangster, nein er ist ein Bankersohn") müssen die Blutzbrüdaz, um ihren Traum von der großen Rapkarriere zu verwirklichen. "Die da oben halten uns von Grund auf ganz klein, deshalb heißt es ab jetzt: Mund auf, Schwanz rein", mucken Sido und B-Tight auf insgesamt fünf gemeinsamen Tracks um die Wette.

Wer darauf hofft, dass das einstmals unangepasste superintelligente Drogenopfer nun wieder zu alter Hochform aufläuft, der möge sich eines klar machen: das hier ist "die Mukke zum Film", ein Soundtrack, kein neues Sido-Album. "Um noch mal auf 'Mund auf Schwanz' rein zurückzukommen: Das ist ein Lied von Otis. Man darf das bitte nicht verwechseln, dass Sido da 'ne Rolle spielt", distanzierte er sich kürzlich im Gespräch mit laut.de von dem rebellischen, wütenden Emporkömmling von einst. "Als Sido würd ich den Song nicht mehr verkaufen, dafür bin ich zu alt."

In einem Jahr, in dem Sido sich mit dem ehemaligen Erzfeind Bushido paart und für Empörung bei den Tabaluga-Fans durch die Kollaboration mit Peter Maffay sorgt, kann ein solches Statement nun wirklich nicht mehr überraschen.

Selbst mit Selfmade-Sprössling Favorite ist auf einmal alles Friede, Freude, Eierkuchen, der Krieg von einst: vergessen. So rappen die beiden auf pumpenden Synthies gegen Vater Staat und das "Arbeitsamt" an und das gar nicht mal so übel. Favorite glänzt wie so oft mit verschrobenem Part: "Dieser Ameisenstaat hat echt gar keine Wahl mit mir, ich kam noch nie klar auf deren Sklavenmoral / Bin seit Tag eins Staatsfeind, der Wahrheitsgehalt derer Worte Null Prozent 'Arbeit macht frei'." Selfmade und Post-Aggro drehen gemeinsam am Rad der Deutschrap-Kommerzgeschichte, die in diesem Jahr wahrhaft Großes geleistet hat. Gut ist das trotzdem, was die beiden da abliefern.

Das gilt auch für Tracks wie "Immer tiefer in den Dreck", eine melancholische Nummer mit schöner Bassline und entspannten Rapparts von MoTrip oder "Ans Meer". Die Jugend hat's nicht leicht, "auf dem Weg nach oben is noch vieles zu lern'". Mit einer gesungenen Hook von Sido geht der Song als eingängige Popnummer gut ins Ohr. B-Tight liefert schöne Flows ab, auch wenn er heute immer noch nicht der beste Reimer unter der Sonne ist: "Regulär arbeiten ist mir nicht mal der Rede wert / Kein Bock auf'n Cheffe, der mich täglich nervt / dafür schlägt mein Herz viel zu sehr für die Musik / gib mir einfach nur'n Beat und ich lege los wie ein Sägebär."

Auf seinen Solotracks "Das bin ich" rappt er auf dramatischem Chor über Eddie Gangster, getragen von deepem Bass auf "Ich rappe 2012": "Ich rappe, alles andere macht mich krank / ich rappe, weil ich nichts anderes kann." Auch Sidos alte Weggefährten Tony D und Alpa Gun, kommen auf dem Album zu Wort: Tony D mit B-Tight auf dem Partytrack "Jippie Jey" mehr, Alpa Gun auf unentspanntem Snaregeklapper und pseudo-heroischen Syntieloops des Tracks "Blutzbrüdaz" weniger überzeugend.

Natürlich kommt man nicht ganz um die Vermutung herum, Sido verwende diverse Künstler 2011 als Accessoires, um seine Basics aufzupeppen. Was mit Favorite durchaus gelingt, wird mit "Geboren um frei zu sein" schon leicht peinlich. Als Hymne an die Freiheit promotet, wirkt das Zusammenspiel des Rio Reiser-Samples "Wir müssen hier raus" von Ton Steine Scherben aus dem Jahr 1972 mit Sidos neuer 'Rette-deinen-Nächsten'-Attitüde reichlich irritierend. "Atme ein, atme aus, wenn du wie wir zwei deine Freiheit willst, dann sag es laut / geh auf die Straße raus, schreib's auf Plakate rauf / lass deine Hoffnung nicht zusammenfalln wie ein Kartenhaus!" Manch einer mag da den jugendlichen Willen zur Freiheit erkennen, andere ziehen hier Parallelen zu abgedroschenem Selbsthilfegruppen-Gequatsche. Selbst die nochmals live im Studio eingespielten Lines von Scherben-Gitarrist Lanrue retten da nichts.

Schön, wenn Deutschrap seine Grenzen öffnet, an Remakes alter Reiser-Songs haben sich aber schon Jan Delay und Freundeskreis gewagt. Eine Stylefusion gerät jedoch nicht immer authentisch, gerade bei einem wie Otis.

Keinen Gefallen tut Sido seinen Hörern auch mit "Das Leben ist ein Arschloch", das die gelungenen Parts des Hamburgers Laas Unltd. und seine eigenen Pointen ("Dieser Honig um mein Maul lässt mich abheben / irgendjemand sollte mir'n Amboß an den Sack kleben") in nervtötendem Autotune untergehen lässt. Ich versteh diesen Hype immer noch nicht.

Zehrendes Synthiegepiepse oder Rauschen schlagen bei "Bis Zur Sonne" feat. B-Tight & Damian Davis und "Tageslicht" in eine ähnliche Kerbe. Der Offenbacher Haftbefehl schafft, wenn auch textlich nicht auf sonderlich hohem Niveau, mit "Bruda hin Bruda her" auf seine ganz eigene Art Atmosphäre und bekräftigt Kollegahs Aussage: "Entweder man spürt es oder nicht – das ist das Ding bei Haftbefehl."

"Hol doch die Polizei" mit Sample von "1,2 Polizei" und die Partynummer "Spring rauf" grooven und gehen in die Beine: "Ich komm nich runter heute Nacht, ich bin drauf / mach mein Glas voll mit Schnaps, ich trinks aus / ich chill hier auf Wolke acht und sing laut / Komm hier oben ist noch Platz, spring rauf."

Sonderlich viel Innovation bricht sich mit "Blutzbrüdaz" also nicht gerade Bahn, aber das Ergebnis entspricht den Erwartungen und überrascht durch die eine oder andere Nummer und Kollaboration sogar sehr positiv. Und wenn ihr böse Worte hört, denkt daran: das ist Otis! Sido ist inzwischen "ein ganz normaler, ein normaler Hoodie, nicht Bushido, doch ein guter Junge, frag mal Muddie."

Trackliste

  1. 1. Hol Doch Die Polizei (Sido & B-Tight)
  2. 2. Mund Auf (Sido & B-Tight)
  3. 3. An's Meer (Sido & B-Tight)
  4. 4. Arbeitsamt (Sido feat. Favorite)
  5. 5. Blutzbrüdaz (Alpa Gun)
  6. 6. Make Room (Erick Sermon)
  7. 7. Spring Rauf (Sido)
  8. 8. Tageslicht (Sido fet. B-Tight, Alpa Gun, Doreen)
  9. 9. Bis Zur Sonne (Sido feat. B-Tight & Damion Davis)
  10. 10. Geboren Um Frei Zu Sein (Sido)
  11. 11. Bruda Hin Bruda Her (Haftbefehl)
  12. 12. Immer Tiefer In Den Dreck (MoTrip feat. Sido)
  13. 13. Das Leben Ist Ein Arschloch (Sido feat. MoTrip & Laas Unltd.)
  14. 14. Das Bin Ich (B-Tight)
  15. 15. Ich Rappe 2012 (B-Tight)
  16. 16. Jippie Jey (B-Tight & Tony D)
  17. 17. Endstation Live (Sido)

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LAUT.DE-PORTRÄT Sido

"S wie der Stress, den du kriegst wenn ich am Mic bin. I wie 'Du Idiot!' Mich zu battlen wär' Leichtsinn. D wie die Drogen, die ich mir täglich gebe.

54 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    @stummerzeuge: der film interessiert mich in etwa so viel wie ein erneutes date mit deiner mutter. ich freue mich auch schon wenn inno hier reinschaut und liest das du angeblich schon seit ewgikeiten aggro und deutschrap aus berlin gehört haben willst...das wird sicher lustig, du opfer.

  • Vor 2 Jahren

    Für mich macht der Film, nur mal von den Trailern her gesehen, den Eindruck einer unfreiwilligen drittklassigen Mario Barth Kopie.

  • Vor 2 Jahren

    Ich kann mich eigentlich nur wiederholen: Wenn du das für eine annehmbare schauspielerische Leistung hältst, dann hast du noch nie bewusst einen guten Schauspieler spielen sehen. Und nein, das ist keine Haterei, sondern einfach eine Folge eines Mindestmaßes an Anspruch, den ich an Filme stelle.