laut.de-Kritik

Nebenbei noch schnell Carl Orff geschändet.

Review von

Mit Grausen erinnert sich jeder, der nicht van Goghs Ohr für Musik hat, an den schwülstigen Schlagerdancepop von E Nomine. Die haben die Zitrone so lang gepresst, bis sie verdientermaßen verschieden ist. Nun holen die Hintermänner Fritz Graner und Kris Weller den nächsten Giftpfeil aus dem Köcher, getreu dem eigens postulierten Motto "RTL II ist mit an Bord!".

Mittelalterszene, Elektrogoth, Metal, Neue Deutsche Härte etc, alles verwursten die Musikmetzger derart nivellierend - man glaubt im ersten Durchgang der Platte, es könne keine gelungenere Satire geben. Selbstredend werden die Pate stehenden Genres nicht geehrt sondern stumpf ausgebeutet. Anders ausgedrückt: Der Rammstein ist ganz schnell den unheiligen Laibach runter.

Murks aus Mittelalter lautet die Marschrichtung. Formal sind alle Zutaten für einen zünftig bunten Mantel und Schwert-Schinken vorhanden. Schlachtfelder, Herrscher, Krieger, priesterlicher Inquisitionspop und ganz viel Pathos. Leider fehlen den Songs zündende Melodien. Die Lyrics verfahren talentfrei nach dem fleddernden Konzept: Wagner goes Pennälerlyrik. Jede Lacrimosa-Platte ist dagegen pure Poesie. "Du bist schlecht. Die Lanze stoß ich im Gefecht. Ich bin der Ritter, du der Knecht." Ergebnis: Wenig Borgia, viel Brechreiz!

Der allgegenwärtige Chor schleudert wahllos lateinische Wortfetzen wie schwarzen Pesthauch heraus. Hie und da gekrönt vom hauseigenen Quengel-Sopran namens Johanna von Orleans. Bei so viel Melodram statt Drama, Langeweile statt Spannung fragt man sich unwillkürlich, wo denn wohl der zugehörige Scheiterhaufen bleibt, um dem Grauen ein Ende zu setzen?

Das Melodie-befreite "Ritter Und Knecht" hat man in ähnlicher Form schon 100 mal und viel gekonnter von Rammstein gehört. Wenn Till Lindemann sich mal mit Milan Fras (Laibach) und Gabi Delgado (DAF) zusammen täte, um diesem unsäglich gockelhaften Plagiatsänger ordentlich das Mikro zu schrotten, der verschlafene Sangesbruder könnte sich nicht beschweren.

"Tusnelda" ist Tussirock für Leute, die die In Extremo-Pose lieben, aber Rockmusik hassen. Nebenbei schändet der Chor noch schnell Carl Orffs "Carmina Burana". Mangelnde Konsequenz beim Schreddern aller Kunst kann man "Schlafes Bruder" sicherlich nicht vorwerfen. So geht es die ganze Platte über munter weiter. Der hausbackene Gummimetal war bei Wolle Petry noch bedingt lustig. Das ist lang her.

Zur Krönung dieser kalkulierten Charade gibt es die Horrorballade "Ich Bin Liebe". Die fies künstlich herunter gedimmten Vocals klingen dem Songtitel zum Trotze dermaßen unsympathisch, da hört man ähnlich zwanghaft zu, wie man bei einem Unfall im Vorbeifahren reflexhaft hinschauen muss. Warum nur macht man so was als Musiker? "Nimm meine Liebe, ich schenk sie dir!". Nee danke, Alter, lass mal stecken. Dann lieber zu den Nutten!

Trackliste

  1. 1. Absolution
  2. 2. Kyrie Eleison
  3. 3. Heilig
  4. 4. Metallum
  5. 5. Erdenblut (Stahl Von Avalon)
  6. 6. Thusnelda
  7. 7. Ich Bin Liebe
  8. 8. Ritter Und Knecht
  9. 9. Heute War Gott Nicht Hier
  10. 10. Abendland
  11. 11. Schlafes Bruder

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16 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Ich hatte die Scheibe letztens bei Expert in der Hand, weil ich den Bandnamen so unglaublich dumm fand. Nachdem ich mir das Cover und die Tracklist angesehen und dann noch das RTL II-Logo gesehen hatte, war ich schon felsenfest der Überzeugung, dass das ein ziemlicher Mist sein muss und für die Leute produziert wurde, die durch Unheilig zur "Schwarzen Szene" gekommen sind. Aber scheinbar war der unheilige Graf nicht der erste, der den hilflos im Koma liegenden Körper von Gothic geschändet hat (E Nomine hatte ich ganz vergessen/verdrängt). Ich war heilfroh, mir das niemals anhören zu müssen, insofern mein herzlichstes Beileid an dich, Ulf.

  • Vor einem Jahr

    @TheBeast666 (« Ich hatte die Scheibe letztens bei Expert in der Hand, weil ich den Bandnamen so unglaublich dumm fand. »):

    Bezieht sich wohl auf die griechischen Götter (und Brüder) Hypnos und Thanatos. Und wenn man sich nach dem Gott des Todes benennt muss man schon verdammt gothlike sein. Demnächst mit Helene Fischer im Stadl zu bewundern.

  • Vor einem Jahr

    @Morpho (« @TheBeast666 (« Ich hatte die Scheibe letztens bei Expert in der Hand, weil ich den Bandnamen so unglaublich dumm fand. »):

    Bezieht sich wohl auf die griechischen Götter (und Brüder) Hypnos und Thanatos. Und wenn man sich nach dem Gott des Todes benennt muss man schon verdammt gothlike sein. Demnächst mit Helene Fischer im Stadl zu bewundern. »):

    Das ist mir wohl bekannt. Der Tod wird ja auch gerne poetisch als Schlafes Bruder bezeichnet. Und ja, viele Goths stehen auf so eine pseudointellektuelle Kacke, auf Hausfrauenphilosophie gepaart mit Pennälerlyrik und Pathos. Aber das war ja auch in der "Neuen Deutschen Todeskunst" Gang und Gebe, da gibts auch ganz furchtbare lyrische Ergüsse.

  • Vor einem Jahr

    neee, so darfst du da nicht ran gehen...mit der einstellung wäre ich längst taub oder bekloppt...mascis ist unzerstörbar@Morpho (« @TheBeast666 (« Ich hätte noch was ähnlich cooles zur allgemeinen Erheiterung der Runde: http://www.youtube.com/watch?v=kYyUjpgQ22w Wobei man dieser Combo wahrscheinlich noch zu Gute halten darf, dass es sich um eine echte Band handelt im Gegensatz zu den Dreck da oben. »):

    Habs mal auf stumm geguckt und nebenher richtige Musik laufen lassen. Das Video allein ist ja große Kunst aber Dinosaur Jr hab ich mir somit für immer ruiniert und damit auch einen erheblichen Teil meiner 90er-Jahre Nostalgie. »):

  • Vor einem Jahr

    DIE SEEEEEEEEEEEEEELE BRRRRENNT!

  • Vor einem Jahr

    @Morpho (« @TheBeast666 (« Ich hatte die Scheibe letztens bei Expert in der Hand, weil ich den Bandnamen so unglaublich dumm fand. »):

    Bezieht sich wohl auf die griechischen Götter (und Brüder) Hypnos und Thanatos. Und wenn man sich nach dem Gott des Todes benennt muss man schon verdammt gothlike sein. Demnächst mit Helene Fischer im Stadl zu bewundern. »):

    "I never sleep, cause sleep is the cousin of death."