laut.de-Kritik

Die Schwedin lässt nicht den Body talken, sondern das Herz.

Review von

Einblick in die Psychen der aktuellen Generation FemPop möchte man manchmal haben. Ist es tatsächlich rein werbetechnisches Adaptionsverhalten, wenn sich seit Lady Gagas Landung auf unserem Planeten ein weiblicher Popstar nach dem anderen ins Cyborg-Reih-und-Glied stellt?

Janelle "ArchAndroid" Monáe, Christina "Bionic" Aguilera, Kelis aus dem "22nd Century" und jetzt "Fembot" Robyn - dieser unübersehbare Retrofuturismus in der Frauenliga sollte eigentlich manch aktuelles Gender-Seminar beschäftigen. Zumal ein technoides Enhancement von weiblichen Körpern ja durchaus auch im Geiste chauvinistischen Ressentiments gegenüber einer femininen "Schwäche" gelesen werden kann: Braucht die selbstbehauptete Mainstream-Künstlerin von heute auf einmal die mechanische Unterstützung ihrer Physis zur Ausformulierung einer betont toughen Attitüde?

Oder ganz im Gegenteil: Bedeutet die äußere maschinelle Modifikation die Sichtbarmachung einer Antithese zu den äußeren (regressiven) Schönheits-Modifikationen, die in einer nach wie vor eher männerdominierten Gesellschaft vor allem an die weibliche Bevölkerung mal subtil, mal im Imperativ herangetragen werden? Emanzipatorische Fragen, auf die Robyn mit dem ersten von drei Minialben in 2010 ihre eigene Antwortversion artikuliert.

In Entsprechung letztgenannter Position dient ihr eigener Fembot vor allem als Projektionsfläche für den Umgang mit dem externen Druck, dem sich ein seit über einem Jahrzehnt erfolgreicher Popkünstler ausgesetzt sieht. "My tour is killing me / This flight is killing me / My manager's killing me", deklamiert sie vor trockenem Backbeat im Eröffnungstrack die Stimme des Boulevards, der den Breakdown des Celebritys lüstern herbeiredet. Erst nach vier Minuten wird die Reaktion auf das Druckszenario als "Don't fucking tell me what to do!" formuliert.

Musikalisch löst sich das Roboterszenario bereits im folgenden "Fembot" in luftiger Dancemusic auf, geht aber lyrisch noch einmal in die Science Fiction: "Fresh out of box, the latest model" und "Looking for a droid to man my station" bricht sie zynisch erneut mit ihrer Vergangenheit. So fremdgesteuert mag sich Robyn jedenfalls als Teenager gefühlt haben, als sie in den Händen eines Majorlabels zur neuen Aguilera aufgebaut werden sollte. Der Track erklärt ganz wie der Opener auch eine klare Gegnerschaft: "I've got some news for you / Fembots have feelings too".

Damit trägt die Schwedin, die schon auf der Grammy-nominierten Selftitled von der "Bionic Woman" und dem "Robotboy" sang und erst neulich für Röyksopp den Track "The Girl And The Robot" beisteuerte, ihre Cyborg-Hülse bis auf Weiteres zu Grabe - und lässt fortan ihren Körper aus Fleisch und Blut sprechen. Jedoch anders als gedacht, auf dem Dancefloor nämlich.

Der dort inszenierte Bodytalk öffnet die Bühne für die zwei Seiten ihrer Künstlerpersona: Verletzlichkeit, Romantik und Selbstzweifel einerseits im "Dancing On My Own"-Bubblegum-Pop, der dem großartigen "With Every Heartbeat" von 2007 in nichts nachsteht; Kraft, Aufbegehren und schwelende Wut in "Dancehall Queen", speziell aber in "None Of Dem". "None of them get my sex / None of them move my intellect / None of them work for me / None of them make me feel anything", tönt ihr Diss vom Rand der Tanzfläche. Von dort hört man sie zu Röyksopps Dubtechno schwer atmen, fast schnaufen vor rastloser Anspannung.

Schlicht grandios wird die halbe Stunde von "Pt I" dann am Ende mit "Hang With Me". Verpackt in eine zuckersüße Akustikmantelung aus Piano und Streichern löst Robyn hier jenen Dualismus aus Stärke und Verletzlichkeit auf. Können du und ich Nur-Freunde sein, fragt sie, kann ich dir vertrauen? Wirst du da auch sein, wenn ich die Geduld verliere?

Sie wünscht sich die Nähe abseits des ausdefinierten Beziehungsrahmens und gesteht, dass sie um die schwierige Möglichkeit bangt. Im selben Moment stellt das lyrische Alter Ego dieses neu zu schaffende Verhältnis unter eine Bedingung: "Just don't fall recklessly, headlessly in love with me / Cause it's gonna be all heartbreak".

Damit behauptet sich Robyn als Herrin ihrer eigenen Gefühlslage, ohne den Roboter zu reaktivieren, sich also verstellen oder selbst täuschen zu müssen. Sie lässt schlussendlich nicht den Body talken, sondern das Herz. Aus der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Facetten ihrer inneren wie äußeren Person folgt das autonome Fazit. Damit positioniert sich die Schwedin sowohl musikalisch als auch inhaltlich ganz vorne an der Spitze aller cyborgisierten Popsängerinnen zur Zeit.

Trackliste

  1. 1. Don't Fucking Tell Me What To Do
  2. 2. Fembot
  3. 3. Dancing On My Own
  4. 4. Cry When You Get Older
  5. 5. Dancehall Queen
  6. 6. None Of Dem (feat. Röyksopp)
  7. 7. Hang With Me (Acoustic)
  8. 8. Jag Vet En Dejlig Rosa

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4 Kommentare

  • Vor 7 Jahren

    Hört sich ganz interessant an. Die Sachen, die ich bisher von Robyn kenne, haben komischerweise immer meinen Geschmack getroffen, obwohl ich mit elektronischer Musik meine Probleme habe. Ich werde mir das Album auf alle Fälle zu Gemüte führen.
    Zur Rezension: Selten so eine verschwurbelte Beurteilung gelesen :-). Diese Feminismustheorien, die die neuesten Vermarktungsstrategien von "emanzipierten Künstlerinnen" inspirieren, sind in diesem Zusammenhang irgenwie ein bisschen albern...
    (Ich muss dazu sagen, ich studiere Soziologie ... und hab die noch nie so richtig verstanden ^^..)

  • Vor 7 Jahren

    Tolles Album, da hat sich die Wartezeit absolut gelohnt. Popmusik, wie sie besser kaum sein kann. Freu mich schon sehr auf die Teile 2 und 3.

  • Vor 7 Jahren

    "Ist es tatsächlich rein werbetechnisches Adoptionsverhalten, wenn sich seit Lady Gagas Landung auf unserem Planeten ein weiblicher Popstar nach dem anderen ins Cyborg-Reih-und-Glied stellt?"
    Wer oder was wird denn adoptiert?
    Abgesehen davon klingt die Platte verheißungsvoll. Da wird auf jeden Fall reingehört.

  • Vor 7 Jahren

    Die Platte ist super! Die 4 Sterne sind berechtigt. Dancing on my own kann mit With Every Heartbeat mithalten. Dancehall Queen ist wirklich gelungen und zeigt mal was anderes von Robyn, None of dem hat einen sehr güten, düsteren und wütenden Flow. Hang with me in der Akustik Version ist sehr schön und melodisch und das knallige, vielfälltige Album voller Elektro, Dance und Beats mit einem schwedischen Folksong über wilde Rosen zu beenden ist einafch nur ein Witz!!! Und es passt! Es ist doch Robyn, die kann das machen. :-) Tolles Album das Lust auf Part 2 dieser Body Talk Trilogie macht.