laut.de-Kritik

Der 73-jährige Liedermacher bleibt eine Klasse für sich.

Review von

Es gibt nicht mehr viele Liedermacher vom Kaliber eines Reinhard Mey. Vor genau 50 Jahren veröffentlichte der heute 73-Jährige sein Debüt "Ich Wollte Wie Orpheus Singen", sein größter Hit "Über Den Wolken" folgte 1974. Längst ist der Berliner für seine Fans und Hörer so etwas wie ein alter Freund, der bei seiner Fangemeinde alle drei Jahre mit einem neuen Album zu Besuch kommt. Fünf Dekaden nach "Ich Wollte Wie Orpheus Singen" hält Mey mit Akustikgitarre, sonorer Stimme und Sprachwitz Rückschau: "So viele Sommer mit dir verbracht / Mit dir geliebt und geweint und gelacht / Lass uns den Sommertag heut glücklich leben / Wie viele Sommer mag es noch geben." Seine Stimme klingt melancholisch, vertraut und herzlich.

Mey nimmt uns mit auf eine Reise durch Ortschaften und Begebenheiten der Vergangenheit, jedoch nicht ohne den Blick nach vorn zu richten. Bei "Im Goldenen Hahn" ist er Dramatiker, lässt einen Charakter auf den anderen folgen. In die eigene Vergangenheit geht es bei "Dr. Brand", und zwar auf die Schulbank: "Der kleine Dr. Brand war uns ganz einfach nicht gewachsen / Nicht unserem Spott, nicht unserer Bosheit und nicht unseren Faxen", singt Mey über den ungerecht behandelten Lateinlehrer, den gutmütigen Mann mit der Igelfrisur. Nicht ohne im Refrain eine Konjugation durchzugehen. Das ist gleichermaßen sentimental, altbacken und witzig.

Biographisch und auf wahren Begebenheiten beruhend ist auch "Herr Fellmann, Bonsai Und Ich", in dem es um den vermissten Bewohner eines Altenheims geht, den Mey in seiner Nachbarschaft aufsammelt und zurückbringt. Eine Odysee der besonderen Art. Mey ist der feinsinnige, freundliche Chronist, der kumpelhafte Wortschmied, der Erzähler und Wortjongleur. Seine Kunst hat er längst perfektioniert.

Er singt von Katzen ("Lucky Laschinski") und Kindern, von Heimweh und Berlin, vom Meer und von Familie, vom Leben und vom Tod, der irgendwann kommen wird. Ganz am Ende zollt er seinem Freund, dem Liedermacher Klaus Hoffmann mit dessen Song "Zeit zu Leben" Tribut, ganz am Ende darf es noch eine Adaption eines englischen Wiegenliedes aus dem 17. Jahrhunderts sein, "Lavender's Blue". Er singt es gemeinsam mit seiner Tochter Victoria-Louise - auf englisch! - vom Klavier begleitet.

Der 73-Jährige schenkt uns mit "Mr. Lee" ein gewohnt schönes, unaufgeregtes Album voller Melancholie und Augenzwinkern und bleibt eine Klasse für sich.

Trackliste

  1. 1. So viele Sommer
  2. 2. Im Goldenen Hahn
  3. 3. Dr. Brand
  4. 4. Herr Fellmann, Bonsai und ich
  5. 5. Lucky Laschinski
  6. 6. Mr. Lee
  7. 7. Wenn's Wackersteine auf dich regnet
  8. 8. Wenn Hannah lacht
  9. 9. Hörst du, wie die Gläser klingen
  10. 10. Wenningstedt Mitte
  11. 11. Heimweh nach Berlin
  12. 12. Im Haus am Meer
  13. 13. So lange schon
  14. 14. Zeit zu leben
  15. 15. Lavender's Blue

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5 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor einem Jahr

    Völlig richtig.
    Sei wachsam, Narrenschiff, Erbarme Dich,.... ChampiosnLeague!

  • Vor einem Jahr

    Ein ruhiges, in Teilen ungewöhnlich düsteres Album, auf dem er unter anderem den Tod seines Sohnes verarbeitet ("Mr. Lee", "So lange schon"). Es ist etwas ungewohnt, von ihm eher kryptische oder mehrdeutige Texte zu hören ("Mr. Lee", "Im Haus am Meer"), letzten Endes halte ich das jedoch für ein Stilmittel, um einige sehr persönliche Ereignisse in Worte zu fassen. Trotz der melancholischen Grundstimmung klingen Optimismus, der Schalk, die Lebensfreude noch immer durch, erfreulicherweise hat er sich dieses Mal aber die Albernheiten geschenkt, die für solche Glanztaten gesorgt haben wie zuletzt "Gute Kühe kommen in den Himmel".
    Die Stimme klingt rauher, etwas zittriger, was zwar einigen Liedern sehr gut zu Gesicht steht, allerdings von der Technik nicht vernünftig berücksichtigt wurde. Bei diesem Album war ich froh über die Texte im Booklet, denn auch nach mehrerem Anhören bestimmter Passagen habe ich nicht rausbekommen, was Reinhard Mey singt, da das Arrangement seine Stimme übertönt.
    Auf dem Album ist der Geschichtenerzähler Mey voll und ganz in seinem Element. Er hat vielleicht ein paar neue Stilmittel hinzugefügt, bleibt aber unverkennbar der Alte. Ob man das positiv oder negativ wertet, bleibt jedem selbst überlassen. Mir gefällt's in diesem Fall mal wieder.
    Gruß
    Skywise

  • Vor einem Jahr

    War ein Spontankauf, da ich RM noch aus Kindheitstagen in den 80ern kenne ('Alle guten Dinge sind Drei' usw.). Leider macht er heute totale Depri-Musik. Alles, was RM einst ausmachte, wie Wortwitz, eingängige Melodien oder Lebensfreude ist hier abgängig. Schwermut, Tod und Alter bestimmen das Werk in Text und Musik. Lediglich seine bildliche Beschreibung des Alltags und der kleinen Dinge im Leben faszinieren noch immer.

    • Vor einem Jahr

      kein Wunder! Das zuletzt Erlebte wird auch an einem Reinhard Mey nicht spurlos vorübergehen. vielleicht hör ich mal rein. War Herr Mey doch immer der musikalische Liebling meines Vaters!

  • Vor einem Jahr

    Höre es gerade. Angenehm melancholisch. Gefällt mir sehr.

  • Vor einem Jahr

    Reinhard Mey !!!
    Ein Kumpel in der Firma reichte mir seine Platte rüber.
    Hör mal rein, gute Songs sind dabei, meinte er.
    An " QX-13 " erinnere ich mich noch heute.
    Später dann: " Über den Wolken ".
    Es ist seine besondere Stimme und seine Persönlichkeit
    die heute immer noch zu uns durchdringt.