laut.de-Kritik

Der Beginn eines brachialen Missverständnisses.

Review von

Im Frühjahr 1996 machte eine noch junge Berliner Band mit einem Knochen brechenden Tourplan auf sich aufmerksam: Zwischen dem 30. Mai und dem 15. Juni trat sie ganze 16 Mal auf. Nach drei Konzerten in Österreich fand der Deutschland-Auftakt im Konstanzer Kulturladen statt. Neben großen Städten wie Stuttgart oder München besuchten Rammstein auch die Provinz, etwa Leinefelde, Glauchau, Hildesheim oder Stavenhagen.

Die Mühe lohnte sich, denn die Kunde über die denkwürdigen Auftritte verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Nicht nur beim interessierten Publikum, sondern auch bei der Presse. Wer waren diese Sonderlinge, die mit brachialen Klängen und spektakulärer Pyrotechnik auf sich aufmerksam machten? Was wollte dieser Hüne von einem Sänger mit tiefer Stimme, rollendem "R" und Texten über Tod, Blut, Inzest, Gewalt vermitteln? Was sollte dieser Name, offenbar eine Anspielung an eine Tragödie, aber anders geschrieben?

Die Antworten, oft eher Mutmaßungen, waren teilweise bizarr und führten zu einem Missverständnis zwischen der Band, deren Musik und vielen Kritikern, das bis heute anhält. Zumindest in Deutschland, denn im Ausland, wo man die Texte kaum versteht, wurden Rammstein bald zur bekanntesten deutschsprachigen Band überhaupt.

Sicherlich trug auch die Band selbst zu den Missverständnissen bei. Angefangen beim Namen: Auf der Ramstein Air Base nahe Kaiserslautern stürzte 1988 ein Kunstflieger ins Publikum, 70 Menschen kamen zu Tode. Eine Anspielung auf ein furchtbares Ereignis also, das durch das zusätzliche "M" noch mehr Brisanz erhielt. Wobei Gitarrist Paul Landers später erklärte, es handelte sich um einen frühen Projektnamen, der irgendwie hängen geblieben sei, und nicht um eine Aussage. Das zweite "M" sei ein Schreibfehler gewesen.

Die Liste lässt sich verlängern: Warum verwendeten sie 1998 im Video zu ihrer Coverversion von Depeche Modes "Stripped" Szenen aus Leni Riefenstahls Film zu den Olympischen Spielen von 1936? Toll gefilmt, zweifellos, aber auch eine Verherrlichung des Naziregimes. Bei Texten wie "Rammstein / ein Mensch brennt / Rammstein / Fleischgeruch in der Luft / Rammstein / ein Kind brennt / Rammstein / die Sonne scheint" könne es sich, so der allgemeine Tenor, nur um Menschen mit einem kranken Gemüt handeln. Und so weiter.

Das Missverständnis rührt auch von daher, dass eine Musikrichtung im Mainstream angekommen war, die in einer Nische schon seit einigen Jahren existierte. Rammstein hatten die Mischung aus Metal, tanzbaren Elementen und krassen Bildern nicht erfunden. Die oft als Vorgänger angeführte slowenische Band Laibach war bereits seit 1980 aktiv und hatte zahlreiche weitere Bands beeinflusst. Doch waren sie allesamt Insider-Erscheinungen geblieben.

Auch bei Rammstein schien es zunächst dabei zu bleiben, obwohl sie von Beginn an professionell aufgestellt sind. Die sechs Mitglieder, alle aus Ostdeutschland, musizieren schon vor der Wende, manche von ihnen im DDR-Untergrund, und bringen entsprechend Erfahrung mit. 1994, im Jahr der Gründung, nimmt sie Pilgrim Management unter Vertrag, Anfang 1995 unterschreiben sie einen Plattenvertrag bei Motor Music, das Debüt "Herzeleid" erscheint in Deutschland im September 1995. Nach vier Wochen erreicht es mit Position 99 die höchste Chartplatzierung.

Im Nachhinein erstaunlich, denn die meisten Stücke gehören heute noch zum Live-Repertoire und zu den Publikumsfavoriten. Angefangen beim Opener "Wollt Ihr Das Bett In Flammen Sehen": Vier Noten am Keyboard, übernommen von brachialen Powerchords auf der Gitarre, dann mehrere Wiederholungen mit dem Zusatz von Schlagzeug und Bass. Schließlich setzt Sänger Till Lindemann mit tiefer, bedrohlicher Stimme ein. "Sex ist eine Schlacht / Liebe ist Krieg", stellt er im Lied fest.

Wenige Zeilen später klingt er fast schon philosophisch: "Ihr glaubt zu töten wäre schwer / Doch wo kommen all die Toten her". Ein simples Riff, endlos wiederholt, garniert mit Samples und Keyboardeinlagen, dazu eine Stimme und Lyrics, die direkt aus der Hölle zu stammen scheinen. Elemente, die nicht nur dieses Album, sondern Rammsteins Musik insgesamt beschreiben.

Langweilig oder stumpf ist das aber nicht, denn letztlich funktioniert Unterhaltungsmusik dank ihrer Einfachheit und den immer wieder kehrenden Wiederholungen und Zitaten, sei es aus dem eigenen oder aus fremdem Fundus. Für Abwechslung sorgen bei Rammstein die Texte, die von allen erdenklichen menschlichen Perversionen handeln. "Mein schwarzes Blut und dein weißes Fleisch / Ich werde geil von deinem Gekreisch", heißt es im dritten Track, der auf einem Schulhof beginnt. "Jetzt hast du Angst und ich bin soweit / Mein krankes Dasein nach Erlösung schreit / Dein weißes Fleisch wird mein Schafott / In meinem Himmel gibt es keinen Gott."

So geht es munter weiter. "Asche zu Asche" legt sich gar mit der Bibel an ("Auf dem Kreuze lieg ich jetzt / Sie schlagen mir die Nägel ein / Das Feuer wäscht die Seele rein / Und übrig bleibt ein Mundvoll / Asche"). In "Heirate Mich" holt ein Mann seine verstorbene Liebe aus dem Grab und vergeht sich an der Leiche. "Laichzeit" handelt von Inzest, "Du Riechst So Gut" von einer Vergewaltigung, "Rammstein" zum Schluss von der schon erwähnten Flugkatastrophe.

Eine Tour de Force, bei der lediglich "Seemann", zumindest zu Beginn eine Ballade, für eine kurze Verschnaufpause sorgt. So krude die Bilder auch sind, eines darf man nicht vergessen: Bei Rammstein handelt es sich weder um persönliche Bekenntnisse noch um Politik, sondern um Kunst. Eine Kunst, die die Band in den folgenden Jahren geschickt und einträglich weiter betreibt. Der Durchbruch gelingt ihnen 1998 mit dem Zweitling "Sehnsucht", doch schon 1997 verwendet David Lynch zwei Stücke ("Rammstein" und "Heirate Mich") aus dem Debütalbum für seinen Film "Lost Highway" und macht sie so international bekannt. Im zweiten Anlauf erreicht auch "Herzeleid" Platz 6 der heimischen Charts.

2001 versuchen Rammstein mit dem Song "Links 2 3 4" die Diskussion um ihre angebliche Affinität zu rechten Themen zu beenden ("Sie wollen mein Herz am rechten Fleck / Doch seh ich dann nach unten weg / Da schlägt es links / Links zwo drei vier"). Auf weitere Anspielungen verzichten sie deshalb jedoch nicht: Auf einem beliebten Tour-T-Shirt heißt es vorne "Manche führen" und hinten "Manche folgen".

Auch wenn sich die Themenauswahl ihrer Songs (geringfügig) erweitert, sorgen Rammstein weiterhin für Diskussionen, etwa 2004 mit dem Lied "Mein Teil" über den sogenannten Kannibalen von Rothenburg. 2009 wird erst ihr Video zu "Pussy" wegen pornographischen Inhalts nur in stark zensierter Version ausgestrahlt, dann das dazugehörige Album "Liebe Ist Für Alle Da" wegen des Stücks "Ich Tu Dir Weh" und eines Fotos vorübergehend indiziert.

Das Erzeugen von Kontroversen beherrschen Rammstein also bestens. Auch gegenüber den eigenen Fans, zumindest jenen, die sich im Internet organisieren. So erwirkt das Band-Management 2004 die Einstellung der Seite rammsteinfans.de, 2009 gehen die zwei großen Seiten rammstein-austria.com und herzeleid.com vorübergehend vom Netz, nachdem es in den Foren Diskussionen über das noch nicht veröffentlichte Album "Liebe Ist Für Alle Da" gegeben hatte.

Wer Rammstein einmal live erlebt hat, wird sie kaum vergessen. Und auch verstehen, warum sie sich geschickt an wenigen Akkorden und einfachen musikalischen Mitteln bedienen. Bei all den Feuerflammen, mittelschweren Explosionen, riesigen, ejakulierenden Kunstpenissen und einem Sänger, der ständig brennend durch die Gegend stelzt, hätte selbst Jimi Hendrix kaum mehr als ein E aus seiner Gitarre holen können.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Wollt Ihr Das Bett In Flammen Sehen?
  2. 2. Der Meister
  3. 3. Weißes Fleisch
  4. 4. Asche Zu Asche
  5. 5. Seemann
  6. 6. Du Riechst So Gut
  7. 7. Das Alte Leid
  8. 8. Heirate Mich
  9. 9. Herzeleid
  10. 10. Laichzeit
  11. 11. Rammstein

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