laut.de-Kritik

Das Rock-Grenzen überwindende Werk neu aufgelegt.

Review von

Wir schreiben das Jahr 1997. Das Internetzeitalter hat gerade erst begonnen. Britpop-Bands wie Oasis und Blur vermarktet man zu Beginn der Ära Tony Blairs unter dem Slogan "Cool Britannia". Von Radiohead, gegründet in Oxford, erwarten viele ein zweites "The Bends" (1995). Sänger Thom Yorke taucht dagegen in die Sozialtheorien Noam Chomskys ein. Als Folge markiert "OK Computer" eine Abkehr vom klassischen Rock-Schema. Vom Kapitalismus zeichnet der Fünfer ein kryptisches Bild.

Dass man mit "Paranoid Android" eine aus mehreren Fragmenten bestehende, sechsminütige Nummer als erste Single ausgekoppelt hat, spricht für das damalige Vertrauen der Band und ihrer Plattenfirma Parlophone in dieses Album. Der Text zeigt im Gegensatz zum optimistischen Opener "Airbag" ein verstörendes Bild menschlicher Entfremdung. In seiner musikalischen Opulenz sollte dieses Stück Muse etwa als Blaupause dienen. Was gerade Gitarrist Jonny Greenwood in diesem Song an kraftvollen Sounds herauskitzelt, verschlägt einem die Sprache.

Vor allem Greenwood hat man ein Großteil der Ideen auf "OK Computer" zu verdanken. Für das beängstigende Streicherarrangement von "Climbing Up The Walls" lässt er sich von der sonoristischen klassischen Musik eines Krzysztof Penderecki inspirieren. Der Track steigert sich kontinuierlich zu einer erschütternden Ode an das Scheitern, die sicherlich in ihrer Unerhörtheit so einige Pop-Hörer die Wände hat hochkriechen lassen.

Der Produktionsprozess gestaltete sich mitunter sehr schwierig. Anfang 1996 legten Radiohead eine Pause ein, um neue Ideen zu sammeln. Parlophone spendierte der Band 100.000 britische Pfund, um sich neues Equipment zuzulegen. Als Produzent entschied man sich für Nigel Godrich. Mit dem Soundspezialisten entstand zuvor am 4. September 1995 die Nummer "Lucky", die dramaturgisch schlüssig die vorletzte Stelle auf dieser Scheibe einnimmt, pendelnd zwischen Glück und Leid.

Danach verlor man das Songwriting aus den Augen und verzettelte sich in Details. Deswegen fasste der Fünfer den Entschluss, ihre Stücke live aufzunehmen. Vier Songs aus dieser Selbstfindungsphase schafften es in die späteren Aufnahmen für dieses Album hinüber. Darunter fällt der überirdische Closer "The Tourist". Der dramatische Refrain kündet von der Entschleunigung des eigenen Lebenstempos, um in dieser unübersichtlichen Welt nicht den Verstand zu verlieren. Dass man den Verhältnissen hilflos gegenübersteht, davon singt "No Surprises", ebenfalls in diesen Sessions konzipiert, ein bittersüßes Lied.

Bevor es mit der Arbeit an dieser Platte weiterging, begab sich die Band auf US-Tournee. Dort schrieb man "Exit Music (For A Film)" für die tragische Schlussszene von Romeo & Julia. Das zerbrechliche Falsett Thom Yorkes unterstreicht eindrücklich die Verzweiflung Julias über den Verlust ihres Geliebten. Die gespenstischen Soundteppiche Jonny Greenwoods am Keyboard lassen den Hörer ihre Ohnmacht gegenüber der erdrückenden Realität am eigenen Leibe erfahren.

Das Stück gibt folglich die Marschroute für die Klangästhetik dieser Platte vor. Nach der Tour nahm man im St. Catherines Court in Bath, einem düsteren Gewölbe aus der Antike, Gesangsspuren in einem Take auf. In den Canned-Applause-Studios in Didcot spielte man die Tracks unter Livebedingungen ein. Im November 1996 war "OK Computer" im Kasten.

Mit "Let Down" und "Karma Police", der fünften und sechsten Nummer auf diesem Album, warfen Radiohead weitere fantastische Singles ab. Ersterer Song schwingt sich zu einer hoffnungsvollen Hymne wider der Desorientierung des Individuums innerhalb der Gesellschaft auf. Dagegen bezieht der vergleichsweise unkonventionelle Folgetrack wütend Stellung hinsichtlich der Kontrollmechanismen in Politik und Wirtschaft. Der lyrischen Paranoia bereitet eine lärmende Feedbackorgie in Anlehnung an Slowdives "Souvlaki Space Station" eindringlich ein jähes Ende.

Das schwelgerische "Subterranean Homesick Alien" und das an die Bandvergangenheit anknüpfende "Electioneering" ziehen zwar gegen die restlichen Stücke etwas den Kürzeren, überzeugen wiederum durch kompositorische Vielschichtigkeit.

Fälschlicherweise bezeichnet man "OK Computer" oft als ein Konzeptalbum. Eine durchgängige Thematik weist diese Scheibe indes nicht vor. Die flirrenden Klänge Greenwoods und die dichte Produktion Godrichs erzeugen dennoch eine mysteriöse Grundstimmung, die das gesamte Werk dominiert.

Radiohead befinden sich mit "OK Computer" auf dem Zenit ihres künstlerischen Schaffens, auch wenn spätere Alben noch radikaler die allgemeinen Hörgewohnheiten verschoben haben. Kritiker und Fans dankten es ihnen. Ende des Jahres 1997 folgte der Grammy für das "Best Alternative Music Album". Mehr als 5,5 Millionen Einheiten sollte die Platte bis zum heutigen Tage verkaufen. Nur in den USA hat man kurioserweise den Durchbruch mit dem weitaus sperrigeren Nachfolger "Kid A" (2000) erst erreicht.

Anlässlich des 20. Jubiläums dieses Meisterwerkes erscheint nun eine Wiederveröffentlichung unter dem Namen "OK Computer OKNOTOK 1997 2017". Die Boxed Edition mit einer CD, drei 12'', Hardcover-, Notiz- und Skizzenbuch und Kassette dürfte jeden Anhänger wunschlos zufrieden stellen. Weiterhin gibt es für Sammler die Platte auf Vinyl und für den kleinen Geldbeutel eine Doppel-CD. Hörer, die keinen Plattenspieler oder CD-Player besitzen, können die Musik digital erwerben. Alle Formate beinhalten das Hauptalbum, B-Seiten und die drei unveröffentlichten Tracks "I Promise", "Man Of War" und "Lift". Sämtliche Songs hat man von den originalen Analog-Tapes remastert.

Die neu dazugekommen Tracks und die B-Seiten, die man auf dem Original nicht mehr berücksichtigen konnte, bleiben jedoch größtenteils verzichtbar. "Polyethylene (Parts 1 & 2)" und "Man Of War" dringen in allzu überkandidelte Prog-Sphären vor. "I Promise" unterzieht man einer lieblichen Zuckergussglasur. "Lift" hätte ohne seinen übermäßig euphorischen Keyboardeinsatz eine reduziertere Herangehensweise besser zu Gesicht gestanden. "Melatonin" und die Pianoballade "How I Made My Millions" wirken wie halbgare Skizzen.

Andererseits enthält diese Zusammenstellung mit "Palo Alto" eine Nummer, die wegen ihrer Schroffheit sich hinter dem Albummaterial keineswegs zu verstecken braucht. Trotzdem hätte der Song in den Fluss dieses Werkes nicht gepasst. Dass das Original von "OK Computer" 1997 so klingt wie es klingt, beruht auf den richtigen Entscheidungen Radioheads während des Entstehungsprozesses.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Airbag
  2. 2. Paranoid Android
  3. 3. Subterranean Homesick Alien
  4. 4. Exit Music (For A Film)
  5. 5. Let Down
  6. 6. Karma Police
  7. 7. Fitter Happier
  8. 8. Electioneering
  9. 9. Climbing Up The Walls
  10. 10. No Surprises
  11. 11. Lucky
  12. 12. The Tourist

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9 Kommentare mit 9 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Ich bin zwar kein großer Radiohead-Fan, aber OK computer ist tatsächlich ein fantastisches Album (v. a. Exit Music, Paranoid Android, Karma Police und Lucky).
    Zu dem Nachfolger Kid A finde ich dagegen überhaupt gar keinen Zugang. Wahrscheinlich muss man das Album erstmal 30 mal durchhören. Aber das ist mir etwas zu aufwendig.

  • Vor 2 Monaten

    Man hätte auf den Klang und das neue mastering eingehen können. Da hat sich mit diesem Release viel getan. Das fällt schon auf wenn man die Platte gut kennt.

    • Vor 2 Monaten

      Positiv oder negativ? Ich besitze die Collectors Edition (2cd digipack) von vor ein paar Jahren, aber wenn das Mastering noch mal mehr Details, Dynamik bzw. einfachen besseren Klang aus der Scheibe rausholt, würde ich doch überlegen, die Neuauflage zu kaufen...

  • Vor 2 Monaten

    Ach schwächer als The Bends und überhaupt haben die nur ein erstklassiges Album geliefert.