laut.de-Kritik

Wenn schon Weiterentwicklung, dann nicht "Kid B", sondern "Master A".

Review von

Der vierte Longplayer stand erst kurz im Regal, das fünfte Studiowerk der Oxforder war trotzdem schon in der Mache. Mehr wie "The Bends" werden Radiohead darauf klingen, wussten die einen. "Kid B" besserwussten die anderen. Back To The Roots oder eine Fortführung der 2000-er Kopfgeburt, die möglichen Schubladen für "Amnesiac" waren schon geöffnet.

Jetzt ist die Platte da. "Packt Like Sardines In A Crushd Tin Box" heißt der Opener und begrüßt uns mit DJ Shadowesken Elektronik-Spielereien. Man nehme den Titeltrack der letzten Platte, mische ihn mit einer tempoerhöhten Version von "Idiotique", gebe noch eine Melodie hinzu, und fertig ist ein Radiohead-Popsong der ersten Güteklasse.

Aber Radiohead wären nicht Radiohead, wenn der poppige Beginn schon das Ende der Leier wäre. "Pyramid Song" kennt man schon, schließlich dauerrotiert der Song schon seit einiger Zeit. Ungewöhnlich für einen Song, der mit einem immerwährenden Taktwechsel seine Masseninkompatibilität geradezu heraus schreit. Das richtig böse "Pulk/Pull Revolving Doors" dürfte mit seinem metallischen Klang, seinem dumpfen Synthie-Bass, seinen verzerrten Textpassagenfetzen und seinen durch und durch ungemütlichen Beats nicht gerade die ideale Einstimmung auf ein Versöhnungsgespräch sein.

Nach der schwer verdaulichen Vorgängerkost wirkt wahrscheinlich jeder Track beruhigend. Nun kommt ein Song, dessen Wirkung sich nicht mehr mit Worten beschreiben lässt. Sprechblasen kommen mir nach einiger Zeit des Nachdenkens als einzig adäquate Darstellungsform in den Sinn. Denkblasen. Mein Gesicht und diese fette Denkblase: "You And Whose Army?". Leise und zurückhaltend klagt sich Thom's Stimme voran und gipfelt im unaufdringlichen Einsatz der übrigen Bandmitglieder. Fast zögernd scheinen die anderen Instrumente einzusetzen, um ja nichts von der Schönheit des Songs zu gefährden. Ein Schellack-knisterndes "Come on, come on" schmachtet uns alle an, und "Karma Police" lässt grüßen.

Mit "I Might Be Wrong" liegen Radiohead absolut nicht falsch, die Dance-Elemente machen sich sehr gut mit dem Gitarren-Einsatz und Thoms Wahnstimme. Das Zwischenstück vor Lied No.6 sollte man zu einem kompletten Song ausarbeiten. "Knives Out" wird mit tödlicher Sicherheit die nächste Single, zumindest vom Chartspotential, auch wenn das "Letzte-Ton-Halten-Und-Ausblenden"-Ende nicht gerade die Kreativ-Plakette verdient hat. Schade. Die ruhigere "Morning Bell"-Version klingt in meinen Ohren besser als die "Kid A"-Fassung. Wie erhaben "Dollars And Cents" wirken kann, ist mir zugegebenermaßen erst genau in diesem Moment, nach zigmaligem Hören aufgefallen, darüber muss ich noch grübeln. Über die Rolle des Intrumental-Tracks "Hunting Bears" hingegen bin ich mir einig: dieser könnte ohne weiteres in einer Neuverfilmung des Jarmusch-Meisterwerks "Dead Man" auf den Soundtrack schlüpfen. "Like Spinning Plates" ist der kränkste Song auf der Scheibe. Viel vorwärts und rückwärts, Thoms Gesang ist sogar rückwärts rückwärts, also wieder vorwärts. Aber ich habe ja nie behauptet, dass ich Radiohead voll und ganz verstehe. Obwohl man Thoms Lyrics nach gewisser Zeit tatsächlich verstehen kann ...

In "Life In A Glass House" kommt schließlich noch der Startrompeter Humphrey Lyttleton zu seinem Gastspiel, wozu ich rein qualitativ als alter Blues und Jazz-Verweigerer nicht viel sagen kann. Mein Bauch brummelt: ein Wahnsinns-Song. Ein guter Abschluss für eine teils gemeine, aber trotzdem unerwartet warme und extrem liebenswerte Platte. Ein Gesamtkunstwerk, dessen Vollendung in der Limited-Edition-Buch-Verpackung liegen mag.

Alles in allem weit, weit weg vom 90er-Rock der "The Bends". Kein fetter Gitarreneinsatz wie in fast vergessenen Creep-Zeiten. "Radiohead 21" sind viel subtiler. Die Wurzel-These ist zerschlagen, die Fortführungs-Theoretiker mögen sich bestätigt fühlen. Aber Entschuldigung: Gegen "Amnesiac" wirkt "Kid A" wie eine unausgegorene Kopfgeburt. Wenn schon Weiterentwicklung, dann nicht "Kid B", sondern "Master A". Radiohead haben wieder einmal einen drauf gesetzt und uns ein für alle mal gezeigt: Lasst die Schubladen zu, wenn ihr euch nicht blamieren wollt!

Trackliste

  1. 1. Packt Like Sardines In A Crushd Tin Box
  2. 2. Pyramid Song
  3. 3. Pulk/Pull Revolving Doors
  4. 4. You And Whose Army?
  5. 5. I Might Be Wrong
  6. 6. Knives Out
  7. 7. Amnesiac/Morning Bell
  8. 8. Dollars And Cents
  9. 9. Hunting Bears
  10. 10. Like Spinning Plates
  11. 11. Life In A Glass House

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