laut.de-Kritik

Audio-Zeitreise in den Kreuzberger Bierhimmel.

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Mit dem jazzigen Intro von "Novocaine For The Soul" der Eels gelingt der Einstieg in die Audio-Zeitreise in den Kreuzberg-Wende-Roman "Herr Lehmann" von Element Of Crime-Sänger Sven Regener noch nicht so recht. Auch der Jazz Butcher lässt den Hörer in seiner "Soul Happy Hour" eher an eine koksende Uma Thurman denken als an den biertrinkenden Christian Ulmen.

Fad Gadget lassen uns dann wissen, dass wir endgültig im Zeitalter der Synthesizer angekommen sind. An "Collapsing New People" hat sich auch Westbam als Remixer versucht, seine mächtig pumpende Version des Klassikers ist neben dem Original auch auf dem Soundtrack vertreten. Natürlich darf der Autor der Romanvorlage nicht fehlen, Regener quält sich "Nervous and Blue" durch die Endachtziger, bis er im Jetzt ankommt, um Lexy und K-Paul auf die Spur zu singen, beziehungsweise zu sprechen, "Oder Beides".

Elektronisch Angehauchtes aus der Gegenwart haben auch Thies Mynther und Dirk von Lowtzow alias Phantom/Ghost zu bieten. Dabei wandelt sich die zarte Blüte "Phantoms and Ghosts" zu einer wunderbar poppenden Blume. So wie ein Abend im Bierhimmel auf der Oranienstraße. Kreuzberger Nächte sind lang.

Und dann diese Flut von Coverversionen. Die wohl bekannteste ist Cakes Interpretation von "I Will Survive". Geht immer gut, vor allem wenn man Franzose und grade Welt- oder wahlweise Europameister geworden ist, hat aber nur noch bedingten Unterhaltungswert. Selbige versuchen sich an anderer Stelle noch an Willie Nelsons "Sad Songs And Sad Waltzes".

Laibachs Achtziger-Jahre Version von "Across The Universe" ist wahrscheinlich Geschmackssache, ebenso wie Anita Lanes Vorstellung von "Bella Ciao". Zwar fängt sie die bedrohlich-düstere Stimmung der Partisanenhymne gekonnt ein, allerdings geht das kämpferische Element völlig verloren. "Something's Gotten Hold Of My Heart", stellt Nick Cave fest, der Mann ist einfach eine Bank. Auch beim Nachsingen. Abgerundet wird der Soundtrack mit Klassikern von Violent Femmes und Ween.

Der Soundtrack ist, zumal als Untermalung für einen deutschen Film, insgesamt sehr gelungen. Auch wenn es keine neuen Lieder gibt für "Herr Lehmann". Schade nur, dass die Filmmusik keinen deutlicheren Berlin-Bezug herstellt. Die Insel West-Berlin im roten Meer bedeutet auch Iggy Pop und David Bowie. Doch von ihnen keine Spur auf Herr Lehmanns musikalischer Untermalung, genau so wenig wie von Blixa Bargeld und Rio Reiser. Schade eigentlich. Denn die haben den Mauerfall sicher nicht in einer Kreuzberger Kneipe verpennt.

Trackliste

  1. 1. Novocaine For The Soul
  2. 2. Soul Happy Hour
  3. 3. Collapsing New People
  4. 4. Nervous And Blue
  5. 5. Oder Beides
  6. 6. Blister In The Sun
  7. 7. Across The Universe
  8. 8. Something's Gotten Hold Of My Heart
  9. 9. The HIV Song
  10. 10. Phantoms And Ghosts
  11. 11. Bella Ciao
  12. 12. The Sound Of Fear
  13. 13. Buenas Tardes Amigo
  14. 14. I Will Survive
  15. 15. Frontera
  16. 16. Collapsing New People (Collapsing Westbam Remix)
  17. 17. Sad Songs And Waltzes

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