laut.de-Kritik

Bescheidenheit, Talent und kindliche Freude.

Review von

"Ich hab' Rap nicht erfunden, hab' Trap nicht erfunden, hab' Hip-Hop nicht erfunden." Nimo leitet sein offizielles Albumdebüt mit erstaunlich bescheidenen Worten ein. Im hiesigen Rap-Spiel, in dem sich jeder zweite als Erfinder des Genres oder zumindest einer Stilrichtung dessen aufspielt, offenbart er eine erfrischend realistische Selbsteinschätzung.

Damit soll Nimo jedoch nicht das Talent abgesprochen werden. Ganz im Gegenteil verfügt der Rapper über einen bewundernswert variablen Flow, den er spielerisch den geschmackssicheren, atmosphärischen Produktionen anpasst. Das hebt ihn deutlich von vielen anderen autotuneaffinen Genre-Kollegen ab. Er selbst setzt die Software dann auch viel gezielter ein. Leichteren Songs wie der One-Night-Stand-Hymne "Heute Mit Mir" spendiert er eine gute Portion Auto-Tune, wohingegen er das Programm bei ernsteren Tönen herunter reguliert.

Es wäre zu viel gesagt, die Texte Nimos politisch korrekt zu nennen. Dennoch handelt es sich um ein Charakteristikum des 385idéal-Umfelds, bewusst auf grenzwertige Verse zu verzichten. So zeigt Nimo wenig Verständnis für die Instrumentalisierung von Terrororganisation: "Erzähl mir nichts von deinen Storys, Bubi, was hast du denn schon erlebt? Wurdest westlich erzogen, aber rappst von al-Qaida." Wahre Worte, immerhin gibt es im Deutschrap bereits genug künstliche Kontroversen und relativierenden Terroristen-Talk.

"Warum Hasst Ihr Mich" erweist sich als Highlight der Platte. Nimo ringt mit seiner Vorbildfunktion und den an ihn gerichteten Vorwürfen, er verleite Kinder zum Drogenkonsum. Was Sido vor einem Jahrzehnt noch in seiner beschwingten Art und Weise behandelte, stimmt Nimo deutlich melancholischer: "Ich höre weg, aber in Wirklichkeit fühle ich mich scheiße. Vielleicht haben sie ja recht oder stimmt's nicht?" Nimo ist sich sicher, die Rolle als Leitfigur vorerst nicht annehmen zu können: "Wie soll ich ein Vorbild sein, wenn ich selbst noch ein Kind bin?"

Spannend auch, wenn er die Beweggründe für Anfeindungen hinterfragt: "Was macht mich zum schlechten Menschen? Meine Haltung oder mein Gang? Die Rolex an meiner Hand? Die Tattoos auf meinem Arm? Ist es die Regierung in meinem Land, für dessen Fehler ich nichts kann?" So stellt er das Gebaren der iranischen Obrigkeit einerseits in Frage, besteht andererseits aber darauf, nicht in Sippenhaft genommen zu werden.

Auf "Patte" beginnt Nimo zunächst wieder angenehm zurückhaltend: "Egal wie gut du bist, im Leben wird's immer 'nen Besseren geben. Bin nicht der Beste, nein, aber auf bestem Weg." Doch wie es der Titel bereits erahnen lässt, hat Nimo eine eigentümliche Vorstellung davon, unter welchen Bedingungen jemand der Beste ist: "Es geht nur um Patte, denn der Beste ist der, der am besten verdient." Diesen Fehler hat Haftbefehl bereits auf "Kanackiş" begangen: "Du fragst dich bestimmt: Wieso Probs an Bushido? Der Beste ist der, der am meisten verdient, Cho." Das war, ist und bleibt ein Trugschluss.

Für "Wie Falco" schließt sich Nimo mit Yung Hurn und Ufo361 zum Auto-Tune-Triumvirat zusammen. Die erhoffte Ehrerbietung an den Österreicher kommt dabei leider nicht heraus. Vielmehr behandeln die drei Robo-Stimmen verflossene Babes und Bitches. Mit Falco verbinden sie in diesem Zusammenhang kurzsichtig lediglich zwei Eigenschaften: "Ich bin bald reich wie Falco" und "Ich werd' von Frauen geliebt wie Falco." Im Falco-Bingo wären noch zu haben gewesen: Absolutes Gehör, Welthits, Groove ohne Ende und, wenn es unbedingt sein muss, ein viel zu früher Unfalltod.

Alles in allem gelingt Nimo mit "K¡K¡" ein mehr als solides Debütalbum. Über weite Strecken vermittelt er eine unbändige, kindliche Freude an seinem Job ("Hoodi", "Let’s Go Amina"). Unter den gelungenen ernsthafteren Ansätzen hinterlässt vor allem der abschließende Beitrag "Irgendwann" eine Leerstelle. Die Interpretation der letzten schwermütigen Zeilen eines gut gelaunten Albums obliegt dem Hörer: "Ja, irgendwann bin ich zufrieden. Aber bis dahin mach' ich meinen Job, lächle für euch und bleib' verschwiegen."

Trackliste

  1. 1. Michelangelo
  2. 2. Veni Vidi Siktim
  3. 3. Rettung Naht
  4. 4. Let's Go Amina (mit Hanybal)
  5. 5. Heute Mit Mir
  6. 6. Hoodi (mit Soufian)
  7. 7. LFR
  8. 8. Hype (mit Celo & Abdi)
  9. 9. Warum Hasst Ihr Mich
  10. 10. Is So (mit Olexesh)
  11. 11. Battalion
  12. 12. Nutte Hier Bin Ich (mit Haftbefehl)
  13. 13. Patte
  14. 14. Hätte Niemals Gedacht
  15. 15. Wie Falco (mit Yung Hurn und Ufo361)
  16. 16. Irgendwann

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LAUT.DE-PORTRÄT Nimo

Kiffer, Knacki, Künstler? Nimo ist von allem etwas. Manche halten ihn gar für die Zukunft des deutschen Straßenrap, noch bevor er 2016 sein erstes …

6 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor 5 Monaten

    Ein überdrehter Kasper mit Anglerhut, jederzeit zwischen Schreihals und Schluckaufflow pendelnt. Das ist next level shit, ganz klar

    Wenigstens sind die Beats oftmals gut, da hat Deutschrap mittlerweile ein tolles Niveau erreicht, da kann jeder Hinterhof-Serkan einen Hit landen

    • Vor 5 Monaten

      :lol: sehe ich ähnlich :D

    • Vor 5 Monaten

      Aber wenn Sucuk & Eule 3/5 bekommen, müsste dieser Schmutz hier doch mindestens 4/5 bekommen, oder?

    • Vor 5 Monaten

      Sorry, aber Nimo hat schon Talent. Finde den hope of the new generation Quatsch bei ihm ganz angebracht, auch wenn ich ihn selbst abgesehen von 1-2 tracks nicht pumpe.

      Auf dem Anglerhut rumreiten finde ich auch etwas lame, vor allem, wenn man selbst Hochseeangler und Angelbedarfsgeschäftsbetreiber ist. ;) (@Bushido angelehnt)

      Mehr als 3/5 würde ich allerdings auch nicht geben.

    • Vor 5 Monaten

      ist natürlich auch viel Auslegungssache. Wenn man z.B den Track "Vanilla Sky" von letzten Hany-Album hernimmt, wo er als Feature auftritt, ist dort außer deplatzierten Jacko-Einlagen und ständiger Stimmverdrehung wenig zu holen und gerade dieses krampfhafte Verstellen zeugt dann eher vom bloßen Kaschieren fehlenden Talents.

      Einfach mal ein paar Lines geradeaus rappen können die irgendwie nicht, es muss immer ein Gejohle, Gewimmer oder sonstiges Zwischenrein und das ist der Grund warum ich das gerade auf Albumlänge durchaus anstrengend finde. Ist aber wohl Trend, die Beats stimmen aber dann muss man sich nicht wundern wenn die Interpreten austauschbar werden

      (gleiches kann man freilich auch über die Kanaken-Straßen-Schiene im Fahrwasser von Bushido und Co sagen)

    • Vor 5 Monaten

      Ist halt oft ein schmaler Grat zwischen Talent und "der kann doch nix, außer..." - gerade wenn man die neueren Strömungen im Rap hernimmt.

      Ich höre ja z.B. auch Leute wie Lil Pump, Smokepurrrpp, Famous Dex, etc. pp. oder Yung Lean und Konsorten.
      Da gebe ich sogar ausnahmsweise dem Flizzmaster recht, wenn er sagt: das [timing, vibe, coolness, bla] ist der state of art.
      Wenn dann noch klassische rap skills dazukommen, von mir aus, gerne. Ein Pouya z.B. hat gezeigt, dass man durchaus beides verbinden kann. Doch zur Zeit reicht es in 80% der Fälle eben, so auf den beat zu nuscheln, dass die Leute es fühlen.

      Kurz: Empfinde Nimo als jemanden, der Gespür für Vortrag und timing hat, ABER das Ganze im Gegensatz zu den oben genannten tatsächlich ein wenig zu verkrampft über die Bühne bringt und oft Luft nach oben lässt. Deswegen gebe ich mir auch keine Alben von ihm. Einfach noch nicht gut genug, imho.

    • Vor 5 Monaten

      Hab halt wenig Verständnis dafür, wenn ein EGJ-Schluckspecht wie unser Max halt übermäßig hated und halt gleichzeitig einen 40jährigen WoW-Suchthurensohn absolut abfeiert, der seit 15 Jahren keinen Text mehr selbst geschrieben hat und seit 20 Jahren bei JEDEM Track den EXAKT selben "Flow" auffährt. :)

    • Vor 5 Monaten

      aber er hat wenigstens einen und muss ihn nicht durch ständiges Gehuste und Gekrächze torpedieren ;)

      und Texte selber schreiben..das bisschen "JAJAJA" und Sprachwirrwarr der neuen Szenerapper bekommt selbst der nervöseste Anglerhut noch hin. aber okay. STYLE :D

      @milla klar, sowohl als auch, aber gerade bei solchen Hypes lass ich mich dann gerne auch von noch "mehr" Talent überzeugen

    • Vor 5 Monaten

      seh das eher so wie garret. amtliche beats, aber der typ selber hat (noch) nix was ihn richtig rausstechen lässt. ist aber nicht die katastrophe, die ich nach den ersten tracks befürchtet habe. 2/5 sind schon drinn

  • Vor 5 Monaten

    nimo der angelhutspasti der einen absolut verblödeten eindruck macht. Scheisse ist der dumm. Das der Typ überhaupt ingendein text geschrieben kriegt.

  • Vor 5 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 5 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 5 Monaten

    Dieser Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Hausordnung durch einen laut.de-Moderator entfernt.

  • Vor 5 Monaten

    3/5 und um längen besser und weniger nervig als sein Tape.

    Beats Bombe.

  • Vor 5 Monaten

    Video zu dem Song mit Hany: https://www.youtube.com/watch?v=85qO-MH0TZg

    Würde Hany gerne in trashigen Action-B-Movies sehen, schreibe notfalls auch das Drehbuch.