Im Finale der VOX-Castingshow trifft Till Brönners charismatische Kellnerin auf Sarah Connors Soul-Sparflammen.

Köln (ulf) - Nun ist es geschafft. Die Finalisten des ersten X-Factors stehen fest. Mit Edita Abdieski und Big Soul ist das Ergebnis indes nur halb befriedigend ausgefallen. Dennoch: Im Vergleich zu den einschlägigen Konkurrenzprodukten der Marke Brechreiz und Volksverdummung glänzt hier tatsächlich echtes Gold.

Im Halbfinale wurden allerdings auch die Schwächen des Konzepts mehr als deutlich. Mit Matti Gavriel musste nun jemand gehen, der mehr Künstlertum im kleinen Finger hat als die mitunter karaoke-artig chargierenden Black Music Darstellerinnen von Big Soul zu viert auf die Bühne bringen.

Sarahs wenig rühmliche Rolle

Schon letzte Woche spielte Sarah Connor in dieser Inszenierung eine wenig rühmliche Rolle. Trotz hervorragender Interpretation des warm gelaufenen Antony Thet, der mit buddhistisch ruhigen Charme und leichtem Prince Schmelz in der Stimme überzeugte, entschied sich die Sängerin – fachlich nicht im geringsten nachvollziehbar – für die seit Wochen schwächelnden Soul-Sparflammen.

Dabei hat das Halbfinale durchaus noch einmal deutlich gemacht, wer die Big Player unter den Kandidaten sind. Mati Gavriel hatte sicherlich nicht seinen besten Auftritt mit Lennons "Imagine". Insgesamt hat das Multitalent jedoch mehr als einmal bewiesen, was er drauf hat und wie einmalig seine künstlerische Ausstrahlung ist. Er choreografiert, designt das Bühnenbild mit, spielt gefühlte 100 Instrumente und hat sich mit seiner steinerweichenden Interpretation von "Hallelujah" in die Ruhmeshalle großartiger Interpreten begeben. Wer Leonard Cohens Übersong so locker für sich erobert, sollte fortan nicht mehr viel beweisen müssen. Zu viele gestandene Bühnenpersönlichkeiten sind hier bereits in langweiliger Schönheit gestorben.

Biss, Talent und erhebliches Können

Till Brönners Gruppe wurde gnadenlos Woche um Woche dezimiert. Dass hier das meiste Talent zu finden war, ist dennoch kein Geheimnis. Mit der schlicht großartigen Edita Abdieski hat er jedoch einen Pfeil im Köcher, der es verdient, ins Schwarze zu treffen. Von Anfang an hat die finanziell gebeutelte Kellnerin mit Biss, Talent und erheblichem Können unter Beweis gestellt, was es heißt, eine Stimme unter Tausenden zu sein, nicht eine von Tausenden. Ob mit dem fetzigen "Blame It On The Boogie" oder der wahrhaft berührenden Cocker-Variation "You Are So Beautiful". Edita bringt mit Frische und natürlicher Weiblichkeit all jenes auf den Punkt, was so mancher selbst ernannten Pop Queen nahezu komplett abgeht: Charisma bis zum Anschlag!

Unangenehm würdelos waren nach dem ersten Auftritt der Chanteuse nur die Kommentare Glücks und Connors. Ersterer degradiert Abdieski, statt sich angebracht einfach mal zu verneigen, mit einem kaum kaschierten Scheinkompliment zur Musicalsängerin, der wohl niedrigsten von Overacting geprägten Kunstform knapp oberhalb des Leierkastenmannes. Letztere will Schwächen im Gesang hören und stellt dabei nur Van Goghs Ohr für Musik unter Beweis. Solche Szenen sind es, die dem interessierten Verfolger der Sendung sauer aufstoßen.

Projektionsfläche eigener Sehnsüchte

Und Big Soul im Finale? Nur weil die schwergewichtigen Damen mittlerweile medial allenthalben als Aschenputtelstory des Jahres gehandelt werden und verständlicherweise Millionen von Bürgern als Projektionsfläche eigener Sehnsüchte dienen, muss es gleichwohl erlaubt sein, auf die stimmliche Leichtgewichtigkeit des Quartetts hinzuweisen. Sicher, sie sind sympathisch und machen ihre Sache ganz ordentlich.

Spätestens im direkten Vergleich mit Beth Ditto oder einer durchschnittlichen Gospel-Soul-Frauenkapelle der südlichen Mississippi-Provinz wird aber klar, wie schwachbrüstig und vergleichsweise typisch hüft- und kehlsteif deutsch die Performance daherkommt. Soul als Küchenlieder-Version 100-fach gehörter Evergreens? Brauchen wir das wirklich so dringend? Im Gruppensong "Somewhere Over The Rainbow" mit dem gelungenen Duett Gavriel/Abdieski standen Big Soul dann auch entsprechend überflüssig daneben wie vier nette Tanten, die sich redlich bemühen.

Der Don Quixote der Castingshows

Am Ende hat das Publikum sich allein und ohne das bislang gewohnte Gesangsduell entschieden. Muss es wirklich überraschen, dass das Urteil am Ende pro Mainstream und contra musikalischer Einzigartigkeit ausfiel? Wohl nicht! Soll man das Publikum dafür bechimpfen? Nein, denn eine freie, nicht manipulierte Meinungsbildung kann nach den polarisierenden Kampagnen der letzten Wochen und Monate ohnehin ausgeschlossen werden.

Till Brönner wirkt in diesem Ensemble manchmal etwas wie ein unfreiwilliger Don Quixote. Mit seinen fachlich stets treffenden und pointierten Kommentaren würzt der Trompeter die Schaschliksoße des Privatfernsehens. Und vielleicht kämpft der Jazzmann von La Mancha am Ende doch nicht vergebens gegen die scheinbar allmächtigen Windmühlen der Beliebigkeit. Der Ausnahmekünstlerin Abdieski sei es mehr als gegönnt.

Von Ulf Kubanke

Fotos

Sarah Connor

Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig)

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23 Kommentare

  • Vor 3 Jahren

    Mati Gavriel glänzt meines Erachtens vor allem mit künstlerischer Attitude. Was wirklich dahinter steckt, kann man kaum beurteilen. Schon gar nicht, wenn er seichte Sülze á la "You are not alone" vorzutragen hat. Stimmlich finde ich ihn ziemlich schwach, seine Grenzen konnte man bei fast allen Darbietungen erkennen.

    Bei Anthony Thet hat mich gestört, dass er es geschafft hat, jeden noch so geilen Song ("Black Hole Sun", "Walk this Way" etc.) stimmlich so weich zu spülen, dass sich selbst ein Bon Jovi geschämt hätte. Hier fehlte vor allem die Fähigkeit, der Stimmung eines Liedes den nötigen Ausdruck zu verleihen. Ecken und Kanten? Fehlanzeige. Eher etwas für die nächste Kuschelrock-CD.

    Ich denke, die beiden Finalistinnen sind schon o.k., wenn man sich die talentfreie Grütze aus anderen Casting-Shows anguckt bzw. anhört. Da sind teilweise Leute dabei, die so gut singen können wie ich Atome spalten kann.

  • Vor 3 Jahren

    Mal ehrlich, stimmlich hat sich Mati zwischen Küblböck und Sportfreunde Stiller bewegt, das war ja teilweise nicht mehr zum Aushalten. Raus damit.

  • Vor 3 Jahren

    Ich gucke mir seit Lena's doch beachtlichen Erfolg keine Castingshows mehr an, weil ich denke, dass es keinen mehr aus Deutschland geben wird, der auf diesem Weg so die Menschen (vor allem im Ausland) begeistern kann (ich weiß, sie ist Geschmackssache ^^, ich mag halt den Scheiß :-)). Obwohl ich denke, dass bei X-Factor schon gute Kandidaten dabei waren. Ich habe auch keinen Plan, was bei "Popstars", "Supertalent" oder "DSDS" abgeht, weil ich D! oder Dieter Bohlen einfach nicht mehr sehen kann. Wenn man ehrlich ist, interessiert das doch wirklich keinen mehr richtig. Die töten einfach Popmusik mit ihren Marketingstrategien. Das regt mich auf, weil es auch gutgemachte Popmusik gibt. Deswegen ging, glaub' ich, der musikalische Trend in diesem Jahr auch in Richtung Indie Pop. Es gibt tolle Schreiber wie Ellie Goulding oder Marina The Diamonds, die einfach schöne, zum Teil einprägsame aber keine platten Melodien komponieren und interessante Texte schreiben können. Dass die Plattenbosse es nicht raffen, das bei diesem größtenteils gecasteten Bubblegum-Pop-Shit nichts mehr gescheites rauskommt. Nur wer authentisch ist und bleibt kann auch über lange Zeit erfolgreich sein. Das ist meine Theorie. Ein klassisches Beispiel dieses Jahr war das Comeback von Sade. Wenn man fast 10 Jahre wirklich gar nichts macht, aber dann wieder zurückkommt und die Kritiker als auch die Fans begeistert, zeugt das für mich von Qualität. Ich denke, intelligente Popmusik hat nur im Zusammenhang mit Pop/Rock überlebt, weil es in der Rockmusik immer noch authentische Bands gibt. Es sind nicht Leute der Plattenfirma, die die Künstler pushen, sondern die Fanbase, die sie sich über Jahre aufgebaut haben. Leute der Plattenfirma kommen erst, wenn eine Band bereits eine große Fanbase hat. Ich find's halt schade, wenn man immer sagt, Popmusik ist Kommerz, weil das Wort "Pop" heißt ja bekanntlich "populär" und populär ist vieles. Selbst Rap oder Metal ist eigentlich Pop (natürlich nicht von der Musikstilrichtung her), weil es bei einer bestimmten Art von Leuten angesagt ist. Das muss sich halt nicht unbedingt in Plattenverkäufen wiederspiegeln. Es gibt jedenfalls noch intelligente und gutgemachte Popmusik. Sorry, das war lang und klang vielleicht auch ein bisschen subjektiv aber das musste ich mal loswerden. :-)

  • Vor 3 Jahren

    @MissJones (« So, mein erster Kommentar und das gleich mal zu ner Castingshow.

    Matti war zwar schwul but cool, sein angeblicher Sexappeal blieb mir aber trotzdem verborgen und er konnte nicht gerade spitze singen. Der arme Freddy Mercury. Show besser als Gesang, und das find ich dann schon komisch, wenn sich dieses Format rühmt, mehr auf Qualität zu achten.

    Edita ist gut, aber die adlibs bei Blame it on the boogie waren unnötig, mag die kein Des und ändert deswegen jeden Refrain??

    Der andere Heini hätte den langweiligsten Song von Lenny Kravitz lassen sollen, nicht Under the bridge singen, und vor allem nicht versuchen, die Frauen zu betören, der ist viel besser, wenn er sich nicht bewegen muss. Der soll wieder Prince-Soli nachspielen...

    Pinos ersten Auftritt fand ich cool. War aber ein leicht bekloppter Zwerg.

    In diesen Formaten lutscht sich doch von selbst schon alles tot, bevor auch nur die versprochene Karriere losgeht. Liegt halt am Format.

    P.S. Was ist eigentlich mit dem Forum passiert? »):

    pino fand ich bei it's a men's world überragend. ansonsten war er ne nervige tucke. ich hoffe trozem, dass dieses format, welches im gegensatz zu dsds und konsorten mehr auf musikalisches talent als auf hohe einschaltquoten setzt einen einigermaßen vertretbaren gewinner hervorbringt. dies ist jedoch unwahrscheinlich falls george glück den gewinner produzieren wird.
    das ende des forums war ganz klar von laut.de gewollt, da die seite einem größeren massenkompatibleren publikum zugänglicher gemacht werden sollte. schließlich wurde jeder drive-by poster innerhalb kürzester zeit in grund und boden gedisst. ansonsten werden die kommentare hier nach wie vor von elitären "musikexperten" bestimmt, die ohne den ansatz der objektivität alles was nach kommerz riecht in grund und boden stampfen müssen, während einige redakteure versuchen sich auch schwachsinniger musik zu öffnen um dem mainstrem geschmack etwas mehr plattform zu liefern (siehe das letzte daniel schuhmacher review oder die ganzen best of anilingus tracks listen).

  • Vor 3 Jahren

    Edita ist großartig! Das war mir spätestens ab ihrem Auftritt mit "Respect" klar. Das war so genial!

  • Vor 3 Jahren

    also ich verfolge X factor UK das zur zeit läuft und ich muss sagen da ist ein ganz anderes aufgebot an ausgefallenen künstlern , natürlich besser !!

    an sich war die show ganz gut , nur wurden viele in eine rolle gedrängt die sie garnicht sind.
    antony lässt man songs von prince , kravitz etc. singen und sein wir ehrlich diese künstler kann man nicht singen wenn man nicht das Charisma besitzt.
    Die Big Souls waren anfang noch ganz nett aber seit gefühlten 10 shows haben sie immer die gleichen schritte drauf , ein beinchen links ein beinchen rechts händchen hoch und das wars.
    Gossip hats vorgemacht wie Pfunde richtig powern können.
    einzigartigkeit seh ich nur in Mati , der zwar nun nicht die hammerstimme hat aber was er daraus gemacht hat mit coolness und effiziens seine show dargeboten hat.
    nun er ist kein mainstream und typisch deutsch ist nun mal halt Big soul , hausfrauen werden Superstars , das rührt dann wieder millionen zu tränen , * grmpf*

    Und Editha hat zwar ordentlich dampf in der stimme aber mehr im hochton aber es kann sich sehen u hören lassen.
    für mich ist sie die Gewinnerin des Finale denn sie hat durchweg gute leistung gezeigt während Big Soul mehr und mehr in weichen gewässern dümpeln.