Noch 'ne Castingshow - ein weiteres Musicland of the Living Dead? Nicht wirklich: Die deutsche Erstausgabe von "X-Factor" lässt hoffen.

Köln (ulf) - "X-Factor" - die gefühlt tausendste Castingshow! Muss das wirklich sein? Darf man nicht einfach froh sein, dass "DSDS" langsam im eigenen Saft der inzestuös bohlenschen Wegwerfproduktionen verwest; dass die "Popstars"-Scheiben um den Berliner Tanzbären Detlef D! Soost nur noch genau den Erfolg ernten, den sie verdienen? Nein! Frei nach Andy Warhols Motto - "Gib den Leuten immer ein wenig mehr als sie wirklich brauchen!" - kommt der nächste Frontalangriff um die Ecke gefegt. Und der ist überraschenderweise gar nicht so übel wie gedacht.

Viel Schlimmes stand zu befürchten, als RTL den deutschen Ableger des britischen "X-Factors" ankündigte. Nach DSDS, dem Totengräber der musikalischen Vielfalt, ein weiteres Musicland of the Living Dead?

Nach dem Casting ab ins Bootcamp

Halt! Immerhin hat das Vorbild eine talentierte Sängerin wie Leona Lewis hervorgebracht. Und das Konzept verspricht auf dem Papier auch nicht gerade pure Langeweile. Es bewerben sich Sänger oder Bands ab 16 Jahren. Nach der ersten Castingphase geht es ab ins Bootcamp zum "Drill of Song", um später gegeneinander anzutreten.

Die Jury besteht aus George Glueck, Till Brönner und Sarah Connor. Dabei wird jedes Jurymitglied einer der Kategorien - "Bis 24 Jahre", "Ab 25 Jahre" und "Bands" - als Guru zugeteilt. Alle drei Lehrmeister wetteifern nunmehr um den Sieg der eigenen Schützlinge. Dem Gewinner winkt ein Sony-BMG Kontrakt.

Nur Augenwischerei?

Das Konzept erscheint spätestens auf den zweiten Blick kritikwürdig. So jeder Mentor nur den eigenen Künstler durchpowern möchte, geht die Objektivität auf Kosten der Kandidaten verloren. Falls alles nur Makulatur sein sollte und man sich doch abspricht, entlarvt sich der Wettstreit als sinnlose Augenwischerei und Zuschauerveralberung. Aber wir wollen nicht gleich allzu negativ an die Geschichte herangehen.

George Glueck gibt den Elder Statesman

Die Jurybesetzung hält nach den ersten beiden Folgen insgesamt, was sie verspricht. George Glueck gibt gelassen väterlich den abgeklärten Elder Statesman, der im September seiner Karriere gern noch einmal vom Hocker gehauen werden möchte. Das darf man dem aus Transsilvanien stammenden Erfolgsproduzenten getrost abnehmen. Hat doch der Mann aus Siebenbürgen so gar nicht das vampirhafte Gebaren oben genannter Kollegen.

Immerhin hat er jenseits der großen Namen interessante Künstler wie Rio Reiser oder Ryuichi Sakamoto betreut und bringt komödiantische Qualität wie Dittsche heraus. "Etwas Schräges kommerziell zu machen ist viel leichter, als etwas Kommerzielles schräg", verkündet er launig. Das erscheint allemal besser, als alles Kantige gleich auszusortieren.

Unverzichtbar: Till Brönner

Till Brönner erscheint als deutscher Jazzpop-Hero mit internationaler Reputation erst einmal wenig passend für den Medienzirkus Maximus. In Wahrheit ist der smarte Trompeter (der u.a. von Legenden wie Dave Brubeck geschätzt wird) mit seinem Sachverstand und dem trockenen Humor absolut unverzichtbar.

So fragt er das ebenso talentbefreite wie egozentrische Twingirl-Duo "Exotica" lakonisch: "Singt ihr gern? Ja? Dann solltet ihr es vielleicht einfach mal lernen. (..) Aber andererseits: Warum sollten wir hier auf jemanden verzichten, der gute Chancen beim Grand Prix hat? "

Sarah Connor im Glashaus

Natürlich gehören solche Knallchargen als unterhaltendes Opium für das Fernsehvolk dazu. Nichts Neues und wenig erwähnenswert. Schade nur, wenn eine gestandene Künstlerin wie Sarah Connor als Jurymitglied ähnlich unvorteilhaft agiert.

Da koddert sie unsachlich den miniberockten 17-jährigen Teenies entgegen: "Ich finde es dramatisch, dass eure Mutter euch zu solchen Outfits rät. Meine Tochter hätte einen Arschtritt bekommen!" Was geht es die Jury an, welchen Stil der Künstler pflegt?

Und überhaupt: Wer im Haus des Henkers sitzt, soll nicht vom Stricke sprechen! Schließlich wird das damalige Fräulein Lewe anno 1997, als sie mit Touche Member Martin Scholz zusammen war, auch nicht gerade in der Burka durch die Strassen von Bremen und Delmenhorst gelaufen sein. Vom höschenlosen Nackedeiskandal der blutjungen Diva vor knapp zehn Jahren bei "Wetten Dass..?" ganz zu schweigen.

Auch bei dem eher leger gekleideten Sänger Mario mit seiner samtenen Stefan Gwildis-Interpretation von "Sie Lässt Mich Nicht Mehr Los" geht die leidige Fixierung auf Äußerlichkeiten weiter. "Als du reinkamst, habe ich aus irgend einem Grund nicht erwartet, dass du so singen würdest." So etwas ist anmaßend und einer Jury nicht würdig. Es scheint wohl einfacher, den Star aus der norddeutschen Provinz zu holen, als umgekehrt. Zum Glück bleibt es bei den beiden Patzern. Fachlich ist die ehemalige Frau Terenzi unangreifbar. Den Gesang der Kandidaten beurteilt sie stets fehlerfrei und kompetent.

Die Mischung birgt den Kick

Genau diese bunte Mischung auf Seiten der musikalischen Scharfrichter bringt den großen Kick. Alle scheinen daran interessiert, Charisma und Musikalität zu entdecken. Die Bandbreite ist enorm für ein RTL-Mediengruppenformat. Rap, kehliger Blues, Singer/Songwriterfolk oder schwitzender Soul. Alles bekommt seine Chance getreu Brönners Motto: "Ich kann streng sein, bin aber auch ein Mensch, der tiefe Liebe dafür empfindet, wenn jemand bei seiner Musik angekommen ist."

Spannendes Kandidaten-Material

Derartig abwechslungsreich und hochwertig sieht dann auch die Auswahl der Sänger aus. Die japanische Studentin Natsumi Tanaka besticht eben nicht nur mit verkaufsträchtiger Exotik, sondern hat auch was drauf. Ganz egal, ob Mati Gavriel mit einer Damien Rice Variation, die Powerfrauen von Big Soul oder Antony mit seinem introvertierten Michael Jackson-Cover "Man In The Mirror". So viel gute und individuelle Leute gab es nicht ansatzweise bei den Konkurrenzshows. Neu ist auch, dass die Vortragenden jeweils ihr eigenes Instrument mitbringen dürfen, um möglichst authentisch performen zu können.

Ein Schelm, wer an Manipulation denkt

Zu viel des Lobes? Sicher nicht; zumindest bis jetzt. Es gibt durchaus Wermutstropfen. Allzu deutlich klingt es, als ob die ohnehin fähigen Kandidaten oft eine Prise zusätzlichen Raumklang bzw. Hall auf dem Mikro haben. Der gesangliche Auswurf bleibt hingegen bar jeder Technik? Zweierlei überflüssiges Maß? Ein Schelm, wer da an Publikumsmanipulation denkt!

Insgesamt fällt die neue Show unterhaltsam aus und lässt auf ein ehrliches Engagement für die Musiker hoffen. Wenn Brönner, Connor und Glueck so weitermachen, wird RTL es vielleicht in naher Zukunft doch ein wenig bereuen, das interessante Format an den Vasallensender Vox abgegeben zu haben, um selbst auf der vergreisenden Superstar-Tante sitzen zu bleiben. Wir werden es beobachten. Fortsetzung folgt.

Von Ulf Kubanke

Fotos

Sarah Connor

Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Sarah Connor,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig)

Weiterlesen

laut.de-Porträt Till Brönner

Bereits um die Jahrtausendwende schreibt das Jazzecho: "Till Brönner als den emporstrebenden deutschen Nachwuchstrompeter schlechthin zu bezeichnen ist …

laut.de-Porträt Sarah Connor

Das Jahr 2001 ist das Jahr der Sarah Connor. Vor allem die zweite Hälfte. Bereits die erste Single "Let's Get Back To Bed - Boy!" der am 13. Juni 1980 …

12 Kommentare