Braucht der Musikkonsument überhaupt noch den Vorkoster? Oder ist der Kritiker dank qualitativer Blogs überflüssig geworden? Ein Popkomm-Panel zum Thema suchte nach Antworten.

Berlin (mma) - Es gibt in den Weiten des Web einen Überfluss an Gutem. Wie also schaffen es Print- und Online-Redaktionen in Zeiten von YouTube, Blogs und last.fm, die eigene Relevanz zu bewahren? Die Ausgangsfrage beim Panel zum Thema Zukunft des Musikjournalismus beantwortete Musikexpress-Chefredakteur Christian Stolberg mit dem Verweis auf eine redaktionelle Filterfunktion. Um im Ozean der Angebote Qualität auszumachen, bedürfe es weiterhin des fachkundigen, reflektierenden Journalisten.

In schreiberischer Hinsicht, hielt laut.de-Geschäftsführer Rainer Henze dagegen, habe eine Musikredaktion heute kaum eine Chance gegen den Idealismus unzähliger Hobbyautoren. Mit dem unlängst preisgekrönten User generated radio laut.fm beschreite er deswegen auch neue Wege. "Radio ist das klassische Musikmedium", erinnerte Henze. Somit sei laut.fm die konsequente Aufhebung der Konkurrenzsituation Blogs vs. Redaktion. Wenn der einzelne User Inhalte selber gestalten könne, erhöhe sich letztlich die Markenbindung an das anbietende Portal.

Die Web-Musikvideo-Revolution?

Gänzlich neue Wege durchs Web 2.0 kündigte indes Tobias Trosse von Televised Revolution bei einer gut besuchten Pressekonferenz an. Flankiert von MTV-Gründungslegende Ray Cokes und Viva-Gründer Dieter Gorny, mittlerweile Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Musikindustrie, gab Trosse den Startschuss zu putpat, dem "Musikfernsehen der Zukunft".

Während Details zur praktischen Seite der Plattform unter Verschluss blieben, freute sich Cokes nicht nur darüber, mit "Devil Dieter", dem alten Viva-Erzfeind, endlich einen Raum teilen zu können: Seit suicidegirls.com habe er sich nicht mehr so sehr für eine Websoftware begeistern können wie für putpat.

Der Plattform-Launch sei gar mit der Bedeutung des YouTube-Starts vergleichbar. Weil der Anteil von Musikfernsehen am gesamten TV-Programm von 90 Stunden im Jahr 2000 auf vorzeitliche 22 Stunden pro Tag zusammengeschrumpft ist, erscheint der personalisierte Web-Musik-Channel als Ausweg aus der Misere ewiger Substitution durch Celebrity-Showformate. Denn, so Cokes: "In fact, we want music." Die Beta-Phase für putpat startet heute.

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20 Kommentare

  • Vor 7 Jahren

    Was bitteschön ist "putpat" und was macht es anders oder gar besser als last.fm oder YouTube?
    Die Homepage gibt nun leider nicht allzuviel her und warum sollte ich mich dort registrieren wenn ich nicht einmal genau weiß wofür ich mich registriere?

    PS: Ray Cokes war einfach nur genial... damals auf MTV Europe...

  • Vor 7 Jahren

    @SimplyMichi («
    PS: Ray Cokes war einfach nur genial... damals auf MTV Europe... »):

    hach... :cry:

    die Registrierungsaktion ist aber wirklich Panne... ein bisschen mehr Info wär' schon was. :\

  • Vor 7 Jahren

    @BimBamBino (« Ich habe manchmal das Gefühl, dass www.laut.de der Tod des Musikjournalismus ist. »):

    Amen. Manche Kritiken hier sind wirklich unterirdisch.

  • Vor 7 Jahren

    Zitat («
    Über Musik zu schreiben, ist wie zu Architektur zu tanzen. »):

    Seit wann taugen dermaßen schiefe Bilder als Argument?

    und @crunker:
    Wer glaubt Rezensionen sind etwas anderes als subjektive Geschmacksurteile oder sollten etwas anderes sein, verkennt das Sujet. Wer eine Plattenkritik liest, vermutet dahinter nicht die Stiftung Warentest und eine Punktevergabe nach DIN-Norm. Gleich politischen Kommentaren die nicht als Empirie, sondern allenfalls auf dieser basierend als Hermeneutik zu verstehen sind. Trotzdem können Geschmäcker überein stimmen, kann man sich an ihnen orientieren, wenn man sie einzuordnen weiß. Andererseits ist denke ich Streit, Kritik, Meinung wichtig, freilich nicht unreflektiert, und es muß immer als subjektive Einschätzung des Sachverhaltes gekennzeichnet sein, um nicht zu verschleiern, aber ohne Meinunsäußerungen droht doch alles bedeutungslos, beliebig, leer zu werden. Alles ist TOP, wozu noch diskutieren, Jedem wie es gefällt, Brot und Spiele ...
    Ohne dabei oberflächlich sein zu müßen, der Mensch kommt ohne Kategorien nun einmal nicht aus. Warum? Das würde hier jetzt zu weit führen ...

    Zitat (« musikjournalismus war noch nie zu gebrauchen. »):

    Es wird ihn immer geben, es gibt ihn schon lang und er ist notwendig, besser noch unausweichlich. Es gibt keine Alternative. Der Mensch will sich über das was er geschaffen hat verständigen, da Musik letztlich immer eine Äußerung des Menschen über seine Welt in jedweder Form ist. Und Musik, ob nun als Kunst und/oder Unterhaltung, ein Ding ist was zumindest potentiell seine Lebenszeit überdauert, dem Anspruch des menschlichen Intellekts nachkommt als Art nicht nur der Reproduktion zu dienen, sondern Sein, Seiendes Verhältnis zu der Welt usw. beschreibt, dokumentiert, interpretiert, analysiert, abstrahiert, fantasiert ...
    In einem Diskurs darüber werden sich immer Experten heraus bilden, sei es aus Begabung, Interesse, Ehrgeiz/Fleiß usw. deren Kompetenz zumindest von einem gewissen Teil der am Diskurs teilnehmenden Akteure akzeptiert, damit legitimiert wird. So gesehen, werden bestimmte Personen immer herausgehobene Positionen in der öffentlichen oder privaten Diskussion einnehmen. In der Öffentlichkeit in Bezug auf Musik nun einmal präsentiert durch die Medien. Das nicht jeder, der in diesem Metier ankommt, dazu berufen ist, es Qualitätsunterschiede gibt usw. ist klar. Jedoch sprechen wir vernünftigerweise auch nicht der Politik als Handeln und Entscheiden die Gemeinschaft betreffend ihre Relevanz ab, nur weil es unter Politikern auch Diktatoren oder andere der "guten" Sache undienliche Individuen geben kann.
    Dieser Musikjournalismus ist, ob jeder Subjektivität, nicht beliebig. Denn er benutzt nun einmal des Menschen wichtigstes Medium, die Sprache in all ihren Ausgestaltungen. Sicher anhand der Sprache kann man nicht sagen, ob Musik "gut" ist oder nicht. Aber man kann anhand der Sprache sehen wie jemand seine Meinung begründet und aufgrund dessen auch dessen Beitrag kritisieren. Es ist ein Unterschied, ob jemand sein Urteil mit einer vernünftigen, schlüssigen Argumentation begründen kann oder nicht. Es ist ein Unterschied ob ein Rezensent wahrheitsgetreu mit Fakten und Zitaten umgeht oder nicht. Dazu kommt noch ein gewisser ästhetischer Anspruch. Also in welcher Art und Weise es jemand versteht sich auszudrücken. Was ästhetisch ist, darüber ließe sich wieder diskutieren, wie vieles andere auch. Doch auf einen gewissen Grundkonsens, wenn man so will einen notwendigen kleinsten gemeinsamen Nenner, ließe sich zumindest rekurrieren.
    Zitat (« bands einfach nur deshalb schlecht bewertet werden, weil sie ihren sound nich gross ändern, interressiert es die fans doch auch gar nich »):

    Was ist mit denen die keine Fans sind? Musikjournalismus ist doch nicht nur für die Fans da, sondern für alle an Musik Interessierten. Nebenbei, nicht alle Fans begnügen sich damit, immer weitestgehend das Gleiche geboten zu bekommen. Zum anderen kann man "sich nicht groß ändern" differenziert betrachten. Manche klingen vielleicht wie immer, nur schreiben sie keine guten Songs mehr, andere Interpreten hingegen schon. Manche werden langweilig, andere bleiben spannend. Manche waren subjektiv schon immer scheiße. Nur wer kann über alle verfügbare Musik der Welt auch nur eine Ahnung bekommen, wenn man sie sich komplett selbst anhören müßte. Stell sich einer vor was man sich da alles anhören müßte, denn woher soll man vorher schon wissen, ob eine bestimmte Musik tendenziell, an eigenen Geschmacksmaßstäben orientiert, Mist ist, ohne darüber informiert zu sein. Stell dir vor du findest Musik von etwas wie sich dann heraus stellt ganz Grässlichen, so wie wenn etwa Modern Talking noch nicht bekannt wären, der Name sagt dir nix und dann mußt du es anhören. Hinterher denkt man dann, hätte ich gewusst, dass das Pop-Müll ist, der mich sowieso nicht interessiert, hätte ich ohne mal zufällig davon belästigt zu werden, mir das nie angehört. Und so müßte man das dann mit der ganzen Musik machen, und man müßte viel Müll hören. Außerdem soll es ja auch bessere und weniger gute Alben bestimmter Interpreten geben, d.h. man könnte bestimmte noch nicht einmal durch das einmalige anhören von zwei, drei Songs als Müll ad acta legen, sondern müßte sich durchs ganze Werk hören, um entweder doch etwas ansprechendes zu finden oder schließlich zu merken, dass selbst das sinnlos war.
    Außerdem hat Musikjournalismus einige hervorragende Musik erst einer breiteren Masse zugänglich gemacht, die vielen sonst für immer verborgen geblieben wäre, weil man eben ums noch einmal zu wiederholen, schlichtweg nicht alles hören kann!

    Zitat (« für mich ist musikjournalismus schon lange nicht mehr relevant (erst recht nicht in der zeit der internets und kostenloser vorab hörproben).
    dann schau ich doch lieber kurz bei last.fm, was für ein gerne die musik ist und ähnlichen artist und kann daraus viel besser schliessen, ob ich die musik mögen könnte. »):

    Ich denke gerade in der heutigen Zeit, in der es unseriöse Elemtente, wie die Vermischung von redaktionellen Inhalten und Werbung und ähnliches gibt, ist ein "guter", kritischer Musikjournalismus notwendig. Wenn googlerankings gekauft werden, kann niemand behaupten das Allheilmittel Selbstinformation im Internet stelle einen vor keine Probleme. Last.fm auch schön und gut, nur kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass diese "ähnlichen Arists" nicht immer der eigenen Wahrnehmung oder dem eigenen Geschmack entsprechen. Zudem durch Suche nach ähnlicher Musik wie einem gefällt, sagen wir mal beispielsweise etwas was häufig unter Indierock, zurecht oder zu unrecht, zusammengefasst wird, wird man wohl kaum auf Musikstile wie Americana, Klassik, Rap oder Acid House stoßen. Damit ginge eine Begrenztheit und Dunpfes verharren in bestimmten Sparten einher. Das mag manchen genügen, anderen nicht, und wieder andere werden es nie besser wissen. Jedoch gewollt und im Sinne der Musik wäre das sicher nicht. Uninspirierte Hörer würden irgendwann vielleicht auch zu noch mehr uninspirierter Musik führen, das bedingt sich gegenseitig, deswegen lehne ich ein interessenloses beschränken auf einen oder wenige Musikstile ab. Musikjournalismus kann und soll ja auch das Interesse anregen.

    Zustimmung für "Häretiker", bezogen auf die Bandbreite des Musikjournalismus.

    Als weitere Anmerkung:
    Ich bin bestimmt kein kritikloser Verfechter des Musikjournalismus, aber so etwas wie eine hier teils geforderte Abschaffung, die Absprechung jeder Relevanz, seinen "Tod" muß denke ich etwas entgegnet werden.

    Ich entschuldige mich auch, dass das gerade wieder so lang (und für mich eigentlich doch zu kurz) geworden ist. Ich leide nicht an Profilierungssucht. Die Äußerung dazu war mir nur ein Anliegen. Ich neige generell dazu mich öfters mal umfangreicher auszulassen, sei es im ICQ, MSN, E-mails usw. Vielleicht eine Macke, aber keine Arroganz. ;-)

    yeah

  • Vor 7 Jahren

    @Tja... (« Von qualitativ hochwertigem Musikjournalismus würde ich mehr noch als die angesprochene Vorkosterfunktion erwarten, dass dort Hintergründe beleuchtet und Stilverortungen vorgenommen werden, sowohl was den Künstler und sein Umfeld als auch das Genre als solches angeht »):

    Fragt man sich natürlich, wie man das am besten leisten kann. Meistens stehen die Musikjournalisten ohnehin schon unter Zeitdruck. Auf einem enorm schnellebigen Markt kann man sich als Journalist kaum leisten, sich tiefer in eine bestimmte Materie einzuarbeiten.
    Wenn es um Albenbesprechungen geht, kommen die meisten Hintergrundinformationen ohnehin mehr oder weniger vorgefertigt vom Label. Sind diese Infos beschissen, geht's dem Journalisten dito.

    Zitat (« außerdem auch eine gewisse Stilsicherheit in Sachen Ausdruck - eben das, was viele Hobbyschreiber mangels Expertise nicht leisten können. »):

    Nun ist die Frage, wen oder was Du erreichen willst. Schreibst Du im Metal-, Indie- oder Rap-Sektor etwas, das annähernd nach elitärer Doktorarbeit klingt, ziehst Du nun mal keine Leser. Entweder, weil die nicht verstehen, was Du da äußerst, oder weil die Leser vor allem bespaßt werden wollen.

    Zitat (« Allerdings gibt es tatsächlich eine schleichende Entwicklung in Richtung Tod des Musikjournalismus, der sich darin zeigt, dass viele Journalisten genausowenig Ahnung vom fachlichen Metier und der deutschen Sprache haben, wie ihre mal eben was drauflostippende Web-2.0.Konkurrenz. »):

    Problem ist, daß die tippenden Fans im Regelfall dem Journalisten häufig überlegen sind. Gibt ja solche Freaks, die sich wirklich 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 52 Wochen im Jahr ausschließlich mit ihrem Lieblingsinterpreten auseinandersetzen, ihnen Altare bauen, sie anbeten, ihnen Jungfrauen opfern etc. Die kennen das übrige Repertoire des Interpreten auswendig und kennen auch Zeitpunkt, Farbe und Konsistenz des letzten Stuhlgangs. Gegen so jemanden ist ein Journalist in aller Regel erst mal machtlos, wenn es um das Know-How rund um diesen Interpreten geht - logisch eigentlich. Der Journalist kann höchstens Querverbindungen aufzeigen oder Einsteigern einen ungefähren Eindruck vermitteln, woran sie mit diesem Interpreten oder dieser Scheibe sind. Die Hardcore-Profis brauchen keinen Journalismus rund um ihre Lieblingsinterpreten. Die Neugierigen, Gelegenheitskonsumenten und Neueinsteiger dagegen schon. Nur - für diese Gruppen schreiben die Hardcore-Jünger in den seltensten Fällen.

    Gruß
    Skywise

  • Vor 7 Jahren

    @theskybehindyourhead («
    Ich entschuldige mich auch, dass das gerade wieder so lang (und für mich eigentlich doch zu kurz) geworden ist. Ich leide nicht an Profilierungssucht. »):

    Kein Grund zur Entschuldigung. Sehr lesenswerter Text da oben. :)

    Zur Diskussion: Nichts brauche ich weniger als eine weitere Instanz mit "objektiven Kriterien" nach der Art von Vergleichtstests (Preis, Ausstattung, technische Qualität usw.) oder Kaufrichtlinien oder einen Dienstleistungsjournalismus oder gar ein "Eingehen auf die Bedürfnisse des Hörers" von Seiten der Künstler. Es ist wie in der modernen Physik: Es gibt keinen unabhängigen Messprozess. Es gibt nur Wechselwirkungen. Und entweder mehr oder weniger enthusiasmierende Protokolle darüber.