Matthias Manthe über Lustmord, Bernd Begemann vs. Spex Redaktion und weitere Ghouls, Zombies & Monsters.

Berlin (mma) - Einfach herrlich, wenn schon Tage vor Halloween ein vergruselter Tourteaser für so viel Aufregung sorgt. Was war geschehen?

Brian Williams alias Lustmord hatte auf seiner Vimeo-Seite einen kurzen Videoclip hochgeladen, der in okkult-esoterischen Bildern die Europa-Performances u.a. im Berliner Berghain ankündigte – mit jeder Menge Runen, Pentagrammen, Trockeneis.

Die Spex Redaktion, eng verbunden mit der Drone/Noise-Konzertreihe Elektroakustischer Salon im Berghain, gab diesem Teaser auf Facebook ein "Like", woraufhin ein handfester Diskurs entbrannte. Bernd Begemann höchstselbst nämlich sah sich zum Widerspruch gegen jene Gefallensbekundung aufgerufen.

das ist doch nicht euer scheiß-ernst. ominöses gewaber und ein bedeutungsvoller runenkreis. oh, in einem früheren leben bin ich als hexe verbrannt worden! ganz bestimmt. fühlt sich eure publikation noch in irgendeiner form dem geist der aufklärung verpflichtet?

Woraufhin Spexautor Gunnar Klack die pophistorische Bedeutsamkeit des Church of Satan-Mitglieds Williams hochhält.

Dass das Exzessiv-Schamanenhafte nicht nur einen ästhetischen Reiz an sich hat, sondern auch noch prima in eine Kulturgeschichte der irgendwie-gebrochenen-aber-auch-nicht-ironischen Versuche von Katharsis-trotz-Postmoderne passt, ist doch nachvollziehbar, oder? Außerdem glaube ich, dass wir uns eh an dem Anfang eines New-Age-Revivals befinden. Esoterik, hippiesques Gedudel und sonstiger Kult-Krams werden vermehrt sowohl Subjekt als auch Objekt von Popkultur sein... Nicht, dass ich selbst gegen Aufklärung bin, aber man kann ja nicht so tun, als hätte das popmäßig keine Relevanz...

Heroismus statt Schamanismus?

Bernd Begemann regression gehört bekämpft und nicht abgefeiert. wenn du auf irgendetwas stehst, musst du dich nicht mit dem geschichtlichen des ganzen entschuldigen. wenn es dir freude macht, erklärt es sich selbst. als besorgter bürger darf ich mich allerdings hinstellen und sagen: hansi hinterseer macht dreck, dieter bohlen macht dreck, lustmord macht dreck. überleg dir eindringlich, ob du dann mit dem guten alten "aber den kids gefällt's und außerdem gab es sowas immer schon" kommen willst. vielleicht gibt es da draußen teenager, bei denen man mit aleister-crowley-kinder-killen-ist lustig-abscheulichkeiten punkten kann. du solltest dir überlegen, ob du das willst und wer bei dir damit gepunktet hat.
dein bernd

Constantin Neumeister Ich kann beim besten Willen Deine Argumentation nicht nachvollziehen. Regression gehört bekämpft? Na, dann überleg' Dir bei wem du damit punkten kannst. Lustmord ist – das Video explizit ausgeschlossen – ein großartiger Künstler, und das im Wortsinn.

Bernd Begemann lieber constantin, du siehst nicht die regression in runenkreisen und new-agiger spökenkiekerei? vielleicht ist das übrige "lustmord"-werk epochal, da fehlt mir der überblick. von seinem gegenwärtigen trailer ausgehend würde ich jedoch annehmen, dass mr. williams sich in einer echt miesen phase befindet. und seine semiotik, na ja, saugt dicke, dicke pferdepimmel. lieber jens, was kommt als nächstes, die "bläckföös"? mensch, mer san an lustischer verein? ich hab nur spaß an popmusik, die ich ernst nehmen kann. ist vielleicht eine temperamentsfrage. und, ja, ich genieße es, mich wie der kleine junge im märchen zu fühlen, der auf die nacktheit des kaisers hinweist. heroismus statt schamanismus, die realität der liebe gegen das schäbige mysterium des todes sage ich.
sayonara.
bernd

Max Karlsson Felix Wallenhorst ihr seid süß.

Bernd Begemann glücklicher narr max karlsson felix... wir kämpfen um DEINE seele!

Der Abschied als Triumph

Der vielversprechenden Wochenmitte folgte das erweiterte Halloween-Wochenende und damit ein ganzer Reigen erwähnenswerter Gigs. Am Freitag etwa verabschiedeten sich Tocotronic in ihre wohlverdiente Auszeit in 2011. Das letzte Konzert wurde erst vom Astra in die deutlich geräumigere C-Halle verlegt und dann nach drei Zugaben natürlich schwer abgefeiert. Nur von Bürgermeistern war trotz Großraumspektakel nirgendwo etwas zu sehen.

An Halloween selbst gaben sich Yeasayer die Ehre und ernteten vergleichbare Euphorie.

Kostümwise fiel der Abend in der Maria im Ostbahnhof allerdings eher bescheiden aus, vor allem im Vergleich zu den Feierlichkeiten in Übersee.

(Yeah Yeah Yeahs als Ghouls)

(Vivian Girls' Katy Goodman als Die Antwoords Yo-Landi Vi$$er)

(!!! als Frankie Goes To Hollywood)

Von hypnotischer Kriegsbemalung

Am Montag setzte schließlich die ehemalige Yeasayer-Vorband Warpaint ebenfalls mindestens drei Ausrufezeichen, was die anstehende Electronic Beats nur schwer schlagen dürfte. Eine derart konsistente Psychedelic-Rock-Darbietung hatte der L.A.-Frauenvierer mit dem sehr homogenen Albumdebüt zwar theoretisch erahnen lassen, die präzise Umsetzung machte in der Praxis aber trotzdem sprachlos. That Groove is a Sog you cannot resist.

Wer sich bei Warpaint auch an The Cureschen Postpunk erinnert fühlt, wird sich über abschließende Meldung eventuell besonders freuen: Robert Smith intoniert aktuell das Crystal Castles-Stück "Not In Love" – ein Cover der kanadischen New Wave-Band Platinum Blonde.

Berlin-Korrespondent Matthias Manthe berichtet in seiner wöchentlichen Kolumne über Themen, die wir gegen seinen ausdrücklichen Wunsch "indie" nennen. Feedback und Anregungen gerne direkt an matthias@laut.de.

Fotos

Warpaint, Tocotronic und The Cure

Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Matthias Manthe) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Matthias Manthe) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Matthias Manthe) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Matthias Manthe) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Matthias Manthe) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Matthias Manthe) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Matthias Manthe) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Matthias Manthe) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Warpaint, Tocotronic und The Cure,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein)

Weiterlesen

laut.de-Porträt Bernd Begemann

Bernd Begemann entstammt dem Dunstkreis der 'üblichen Verdächtigen' der Hamburger Szene. Seine Musik und seine Texte liegen irgendwo zwischen Blumfeld, …

laut.de-Porträt Lustmord

Ein Mann der großen Gesten ist Brian Williams mit Sicherheit nicht. Viel lieber bleibt er unauffällig im Hintergrund und macht sein Ding. Sein Ding …

6 Kommentare

  • Vor 4 Jahren

    die spex ist das pseudo-intellektuellste gebrabbel in schriftform auf dem ganzen musik-printmedienmarkt. man könnte auch sagen die hören sich selbst gern lesen.

  • Vor 4 Jahren

    Spex war vor ca. 20 Jahren relevant. Heutzutage begnügt man sich mit einem überschaubaren intellektuellen Niveau und druckt lieber Doppelseiten mit ganz großen Bildern auf Hochglanzpapier. Dass die behandelten Themen hauptsächlich auf den persönlichen Vorlieben und Sorgen der Autoren basieren, wäre nicht weiter schlimm, hätten diese nicht so einen abgrundtief schlechten Geschmack.

  • Vor 4 Jahren

    Spex war vor ca. 20 Jahren relevant. Heutzutage begnügt man sich mit einem überschaubaren intellektuellen Niveau und druckt lieber Doppelseiten mit ganz großen Bildern auf Hochglanzpapier. Dass die behandelten Themen hauptsächlich auf den persönlichen Vorlieben und Sorgen der Autoren basieren, wäre nicht weiter schlimm, hätten diese nicht so einen abgrundtief schlechten Geschmack.

  • Vor 4 Jahren

    Ist Begemann wirklich so dumm oder hat jemand seinen Account gehackt? Wenn der Lustmord-Atze bei der Church of Satan ist, kann der Bernd ihm doch nicht mit 1. Aleister Crowley 2. Kinder killen 3. das schäbige Mysterium des Todes kommen.
    Null Ahnung, aber Hauptsache, mal wieder die Fresse aufgerissen, wa, Begemann?
    1. Scheiß auf Crowley 2. Kinder sind tabu, lies die 11 Regeln, 3. Satanisten feiern das Leben und scheren sich nicht um den Tod. Was er meint, sind vielleicht irgendwelche Gothic-Gruftis, die er noch in den 80ern in Bad Salzuflen kennengelernt hat. Damit hat aber die CoS nichts zu tun.

  • Vor 4 Jahren

    das erinnert mich an die diskussionen darüber, ob das weiße tocotronic-album und die songs "pure vernunft darf niemals siegen" und "das böse buch" jetzt die abwendung vom poplinken bezug zur kritischen theorie und die hinwendung zu deutscher romantik markieren.
    tocotronic haben jetzt aber immer noch kritisch-aufklärerische texte (z.B. "mach es nicht selbst"), auch wenn einem die ausdrucksweise von von lowtzow nicht nur aufs erste hören übel aufstoßen kann.

    außerdem ist das emphatische beharren auf den "geist der aufklärung" erstmal nur ne leere phrase und mir kommts so vor als würde es in poplinken kreisen auch oft dabei bleiben. wenn man begemann nicht zumindest wie ich aus den einschlägigen medien kennt, könnte man anhand der obigen zitate genauso gut auf die idee kommen, er wäre ein "besorgter bürger" aus der csu, der mit märchen von der "jüdisch-christlichen aufklärung" mal gegen islamische migranten, mal gegen angeblich satanistische und jugendgefährdende rockstars stimmung macht.

    "ich hab nur spaß an popmusik, die ich ernst nehmen kann."
    Oh je, dann würde mir spontan überhaupt nichts hörbares einfallen. vielleicht sollte ich mir mal begemanns texte antun?
    lustmord ist jedenfalls ganz nett, aber wer bei satanisten, popstars oder beidem in einer person den stein der weisen sucht, ist selber schuld.

  • Vor 4 Jahren

    @Menschenfeind: Naja, die CoS hat schon maßgeblich bei Crowley geklaut, aber der ist schließlich auch besser als sein Ruf. Im Endeffekt ist sie aber eine Selbsthilfegruppe für Christentumsgeschädigte, die sich selber mit Orgien und Satansanbetungen dekonditionieren wollen, ohne an Satan zu glauben. Das schreibt LaVey ja auch selbst.
    Irgendwie erinnert die Diskussion oben aber an die frühen 90er, als die Religionslehrer von Klassenzimmer zu Klassenzimmer liefen, um vor AcDc zu warnen, weil die total satanisch sind. Die Spex ist und bleibt halt dümmer als ihr Ruf, was eigentlich schwer sein sollte. Vielleicht sollte Begemann Adorno mal über den Wikipedia-Artikel hinaus lesen...