laut.de-Kritik

Neue Erweckungsmantras fürs Shoppingkanal-Publikum.

Review von

Kurz nach Halloween erscheint das 17. Studioalbum vom selbstbetitelt "größten weiblichen deutschen Popstar". Da sage man nicht, Frau Kerner habe kein Händchen für das passende ästhetische Umfeld. Gestartet als interessanter deutscher Postpunk mit Pop-Appeal, 32 Jahre später bauchgelandet als musikalisch beliebige Plattitüdensammlerin. Keine optimale Entwicklung.

Wer das zugegeben niedliche Cover vor dem Kauf im Laden erblickt, hat den künstlerischen Zenit schon hinter sich. Die Produktion kann man vom popindustriellen Blickwinkel her durchaus als abgezockt betrachten. Eine Ansammlung halbgarer Andeutungen und im Ansatz bereits verstümmelter Ideen. Alles schön eingebunden in Nenas Shoppingkanal-Vorstellung süßlicher Erweckungsspiritualität.

Lustvoll macht sie sich nivellierend über die Errungenschaften der eigenen musikalischen Wurzeln her. "Besser Gehts Nicht" hätte ein schnurriges Wavestück der Sorte poppiger Cure werden können. Stattdessen versteckt man die ansprechende Gitarrenfigur im Hintergrund zu Gunsten von Discofox-tauglichem "Sorry, sorry, I'm so sorry!"-Schmand. Ja, mir tut es auch schon leid, und es gilt insgesamt 15 Lieder dieser Güte zu überstehen.

"Das Ist Nicht Alles" steht exemplarisch für den gewohnt pseudofrischen Nena-Anbiederungsrock - geeignet für Menschen mit Rockmusik-Phobie. Hätte man den Song leidenschaftlich gefühlt, würde er anders klingen. Besonders schwer verdaulich: der vorgestrige Cyber-Coolness-Ansatz, den spätestens Tokio Hotel mit ihrem letzten Klangverbrechen in der Kajalgrube ersäuft haben.

Der arme "Schmetterling" wünscht sich ob des unangenehm künstlich infantilisierten Strophengesangs ganz schnell ins Raupenstadium zurück. Und "Frieden" als volkstümlicher Marsch samt Blechtrommel lässt einen in seinen fünfeinhalb endlosen Minuten die Vorzüge des Nichtpazifismus erneut überdenken. Wer dieses Lied bewusst einem Freund zu Weihnachten schenkt, kann wahrlich kein guter Mensch sein.

"Goldene Zeit Goldenes Land" bedient sich hernach offenkundig bei Corey Harts Synthieklassiker "Sunglasses At Night". Trotz geschickt platzierter Nena-Schlüsselbegriffe wie "in Atlantis geboren" oder "kosmische Oktaven" findet der Track leider nie zur eigenen musikalischen Identität.

Zur Krönung dann das Titelstück "Du Bist Gut": "Alles was ich nicht ändern kann, das lass ich wie es ist / Denn alles was sich nicht ändern lässt, ist gut so wie es ist." Das ausgelatschte Elektro-Arrangement zwischen Kraftwerk und Carlos Peron auf mediokrem Schiller-Niveau spricht indes nicht dafür, dass die gute Nena zwischen beidem unterscheiden kann.

Und über allem natürlich wieder diese haarsträubenden Texte. Niemand - schon gar nicht im Showbiz - muss zwingend ein zweiter Rilke sein. Nena jedoch kokettiert nicht erst seit gestern sehr vereinnahmend mit den Attributen angeblicher Spiritualität. Das vorgegaukelte Versprechen der weisen Frau kann sie jedoch keinen einzigen Song lang einlösen.

"Wann und wo und wie ist mir egal / Das ist nicht alles / Das kann nicht alles sein / Und leben tu' ich nicht zum ersten Mal." Statt auch nur einmal der mantrahaft vorgetragenen Ganzheitlichkeit sprachliche Taten folgen zu lassen: Hier wird kein Publikum dazu ermutigt, über den eigenen Tellerrand zu schauen.

"Ich bin nicht beunruhigt / vielleicht brauch' ich nur 'ne kleine Therapie oder 'n Seminar / Aber sonst ist mit mir wirklich alles klar." Möchte man nicht in selbige Situation geraten, kann ich vor dem Albumkauf nur dringend sehr behutsames Vorhören empfehlen.

Trackliste

  1. 1. Das Ist Nicht Alles
  2. 2. Schmetterling
  3. 3. Lied Nummer Eins
  4. 4. Im Reich Meiner Mitte
  5. 5. Freiheit
  6. 6. Besser Gehts Nicht
  7. 7. Ich Hör Mir Zu
  8. 8. Wo Ist Mein Zuhause
  9. 9. Goldene Zeit Goldenes Land
  10. 10. Solange Du Dir Sorgen Machst
  11. 11. Lautlos
  12. 12. Ich Hab Dich Verloren
  13. 13. Deine Flügel Brechen Nicht
  14. 14. Frieden
  15. 15. Du Bist Gut

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