8. Dezember 2011

"Es muss weh tun - oder euphorisieren"

Interview geführt von

Kann man zugleich King of Rap und ein hoffnungsloser Nostalgiker sein? Kool Savas kann. Er erzählt von seiner "Aura", Seelenstriptease, gleich zwei anstehenden Touren, seinem missionarischen Auftrag und dem Kampf mit seinem Bekanntheitsgrad - und schimpft munter auf Singer/Songwriter-Rapper.Dass seine "Aura" bald von der Spitze der deutschen Album-Charts herab strahlen würde, war zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht abzusehen. Genau genommen hatten wir noch keinen einzigen Ton der Platte gehört, als sich Kool Savas – wieder einmal – unseren Fragen stellte und sich dabei auch von widrigsten Kommunikationsumständen nicht abhalten ließ.

Willkommen zur Premiere!

Was denn für eine Premiere?

Unser Büro ist gerade umgezogen - und dieses Telefon wurde heute erst eingerichtet. Extra für dich: Durchwahl Nummer 12.

Wow. Das ist ja geil. Ich bin sehr stolz. Dankeschön.

Schön, dass wir uns endlich mal persönlich sprechen. War ja überfällig, nachdem du mir quasi den DJ ausgespannt hast.

Ich hab dir den Jo ausgespannt?? Oh, nein! Nein!! Du bist die Freundin von Jo bei laut.de! Der hat erzählt von dir!

Das soll er mal schön machen. Der hat bei uns schon auf Partys aufgelegt, da hätten wir ihn noch gar nicht reinlassen dürfen. Ich war echt erschüttert, als ich erfahren habe, wie jung der damals war. Aber inzwischen ist er ja schon groß. Da kann man ihn auch in die weite Welt ziehen lassen.

Ja, so langsam. Aber er hält sich ja trotzdem am liebsten immer schön in Konstanz auf.

Nachdem du Etliches bei ihm im Studio aufgenommen hast, hätten wir uns ja auch dort treffen können. Warum müssen wir uns eigentlich hier übers Telefon quer über die Autobahn anbrüllen?

Ja, wärste doch einfach mal vorbei gekommen. Ich hätte mich gefreut, auf jeden Fall.

Das holen wir nach. Du hast mal irgendwo gesagt, du seist kein Freund von Interviews. Also: Wir merken davon nichts. Das ist schon das fünfte, das du uns gibst. Ich glaube, mehr haben wir von kaum einem Kollegen online.

Echt?

Im Deutsch-Hip Hop-Bereich jedenfalls nicht. In dieser Beziehung: unerreichter King of Rap.

Jippieh!

Auch, wenn es ein bisschen einseitig werden könnte, weil ich es bisher noch nicht hören durfte: Lass' uns ein bisschen über "Aura" reden. Was darf ich erwarten?

Ui. Was kannst du erwarten ... Es ist auf jeden Fall ein straightes Hip Hop-Album. Es ist auch ein Kool Savas-Album. Ich kann das zwar nicht mehr wirklich objektiv beurteilen, aber für mich persönlich klingt es so, als sei es vor zehn Jahren entstanden. Die Sounds klingen jetzt nicht unbedingt alt, aber ich finde, der Spirit von diesem 90er-Jahre-Hip Hop wird in irgendeiner Form vermittelt. Irgendwie. Das war auch das einzige, das ich in der Produktionsphase gehört hab': so altes 90er-Zeug. Golden Era-Hip Hop. Aber ich weiß gar nicht, wie das bei anderen ankommen wird. Ich muss ehrlich sagen: Diejenigen, denen ich es vorgespielt habe, die mochten das und waren der Meinung, dass es mein bestes Album ist, bis jetzt. Ich hoffe, dass die anderen das auch so sehen. Dass alle das so sehen. Hoffentlich.

Es wird als dein persönlichstes Album beworben. Welchen Effekt hat das auf den Sound und die Inhalte?

Es geht schon stellenweise in eine andere Richtung als sonst. Es wird schon noch viel über Rap gesprochen und über mich. Es ist ein Album für mich. Von mir für mich. Definitiv. Ich spreche Sachen an, die mich beschäftigen, bei denen ich aber auch von ausgehe, dass sie andere interessieren können. Dass es auch für andere, die seit Jahren schon meine Musik hören, interessant sein könnte. Aber ... es ist persönlich in dem Sinne: Da ist mein Vater drauf. Ich spreche über Dinge wie meine Stimme, die ich früher zu hoch fand und die mir dann doch ein paar Türen aufgestoßen hat. Gerade weil sie so hoch und prägnant ist. Ich spreche über Dinge, ach, keine Ahnung! Wie sich Deutschrap entwickelt hat, seitdem ich da bin. Was natürlich auch so ein ganz kleines bisschen Selbstlob ist. Oder (lacht) eine Menge Selbstlob. Es gibt ein paar Sachen. Es ist jetzt nicht so, dass ich da den endgültigen Seelenstriptease vollführe, aber es ist doch schon noch näher an mir als die vorherigen Soloalben.

Früher hatte ich den Eindruck, dass du stark darauf geachtet hast, dein Privatleben von der Bühnenperson zu trennen. Korrekt?

Hundertprozentig. Eigentlich ist das noch nicht einmal wirklich anders, jetzt. Unverändert. Ich will von anderen Künstlern nicht alles wissen, und ich will auch nicht, dass andere über mich alles wissen. Ich finde, ich bin es als Musiker den Leuten auch nicht schuldig, ihnen alles zu erzählen oder da voll meine Seele offen zu legen und zu sagen: Hier, bitteschön: Das sind die Dinge, die mich bedrücken, das sind meine Sorgen, meine Ängste, meine Freuden, mit der und der Person bin ich zusammen und so weiter. Das geht ja niemanden etwas an. Ich musste da echt ein bisschen dickköpfig sein, weil mir wurde ja oft gesagt: Erzähl' doch mal ein bisschen mehr aus deinem Leben! Und ich hab' immer gesagt: Mir bringt das nicht wirklich was. Warum soll ich das tun? Ich werd' das dann tun, wenn ich es für nötig empfinde. Privat bin ich eigentlich gar nicht so. Wenn ich neue Leute kennenlerne, dann bin ich eigentlich ziemlich offen und erzähl' da schnell auch persönliche Sachen.

Würdest du dann sagen, dass jetzt eine Grenze gefallen ist?

Eine kleine. Eine gewisse Hürde wurde schon genommen. Das bedeutet aber nicht, dass ich ab jetzt in Tracks voll nur noch persönliches Zeugs von mir gebe. Ich finde, wenn man Rap hört - und Rap intensiv hört - dann hört man oftmals zwischen den Zeilen, wie jemand denkt, wie jemand fühlt. Und oft reicht das ja auch schon. Ich will jetzt auch nicht von jedem Rapper XY eine detaillierte politische Weltanschauung haben. Ich will auch nicht detailliert wissen, wie seine Familienverhältnisse sind. Aber wenn etwas inspirativ ist und man dafür etwas aus seinem Leben erzählen muss, weil man da im gleichen Atemzug Jüngeren - oder den Hörern - irgendwas mitgeben kann, dann find' ich das doch schon ganz gut. Aber man kann das ja auch in Form von Metaphern machen.

Man hört immer wieder, dass deine neuen Songs "erwachsener" klingen. Ist das ein Prädikat, mit dem du etwas anfangen kannst?

Das ist schon okay. Das ist ein Prädikat, das manchmal impliziert, dass es langweilig sein könnte oder ein bisschen trocken und ernst. Aber ein bisschen trocken und ernst war schon immer, was ich gemacht habe. Langweilig, hoffe ich, nicht. Aber ich bin einfach erwachsener geworden. Das kann ich ja nicht abstreiten. Ich bin 36, und es wäre ja auch schade, wenn ich mich jetzt noch wie ein 22-Jähriger benehmen müsste, irgendwie. Weißte? Ich glaube, ich geh' auch relativ offen damit um. Ich sag' das auch immer wieder: Ich fühle mich jetzt auch nicht wie ein Kind, obwohl ich in bestimmten Zusammenhängen auch wie ein Kind sein kann. Ich hab' auf jeden Fall einen albernen Humor. Ich blödel' auch gern rum. Aber meine Ziele, Weltanschauungen und so, die haben sich doch schon etwas verändert, mit den Jahren.

"Erwachsen" ist aber ja schon ein Kommentar zum persönlichen Entwicklungsstand. Nervt es nicht, diesen ständig öffentlich kommentiert zu bekommen?

Ganz ehrlich? Es nervt im Allgemeinen, dass das Leben, die Person, die man ist, und das, was man so tut, so öffentlich ist. Das ist das Schlimmste am Musikmachen, das sag' ich dir ganz ehrlich! Es gibt bestimmt Sachen, die schlimmer sind. Aber das ist etwas, worauf ich nicht vorbereitet war und was mir persönlich so extrem gegen den Strich geht. Überhaupt, auch nonstop bewertet zu werden! Ich versteh', dass Leute vielleicht den einen oder anderen Song nicht mögen oder sagen: Ich kann seine Stimme nicht abhaben. Oder: Ich hasse ihn. Aber dass die Leute über einen reden, über deinen Charakter reden und sagen: Er ist so, er ist so, er ist stur und er ist dies oder das. Mich interessiert das auch nicht! Biolek - ob der stur ist, das ist doch scheißegal! Oder ob der schwul ist. Das hat doch mit meinem Leben gar nichts zu tun! Das übertrag' ich dann auf mich selber und sag', was ich mache, sollte eigentlich mit denen auch nicht so viel zu tun haben. Aber es ist schon so: Wir leben halt in einer Gesellschaft, in der der Personenkult groß geschrieben wird, und man sitzt irgendwie automatisch auf dem Präsentierteller, in dem Moment, in dem man irgendwas macht, das man der Öffentlichkeit anbietet. Da sagen die Leute dann: Ja, das ist der Fluch des Musiker-Daseins. Oder der Prominenz. Wenn man das überhaupt so nennen kann, auf diesem Level. Keine Ahnung. Es ist nichts, das ich abfeiere. Es gab schon oft Momente, in denen ich mich richtig dagegen gesträubt hab', irgendwie.

Bist du in der Hinsicht mit den Jahren gelassener geworden - oder eher noch dünnhäutiger?

Naja. Wenn ich rausgehe, jetzt ist mir das scheißegal. Früher war es echt so ... Ich hatte eine Phase, wo viele Videos rauskamen und ich hab' gemerkt, man wurde einfach viel mehr angeschaut, auch viel mehr beobachtet. Die Leute haben einen viel öfter angesprochen. Mein Verhalten hat sich zu dem Zeitpunkt so verändert, dass ich weniger in die Öffentlichkeit gegangen bin und mich weniger unter Leuten hab' blicken lassen. Gerade, wenn junge Leute da waren. Weil es mir einfach unangenehm war. Aber mittlerweile seh' ich das supergelassen. Ich geh' überall hin, wo ich Bock hab', und wenns sein muss, bin ich auch ein bisschen ignorant. Weil ich sag' so: Okay, nur weil jeder - oder jemand - mich kennt, bin ich dem ja nicht schuldig, dass ich ihm Aufmerksamkeit entgegen bringe. Das klingt jetzt voll hochnäsig und arrogant, aber das ist gar nicht so gemeint. Die Leute wollen viel zu viel von einem. Dieses Fordern! Wenn ich jetzt mit 'ner Freundin essen wäre, und dann kommt einer, der nervt mich zu Tode und quatscht mich dann voll, dann sag' ich auch ganz normal: Sorry, das ist grade der falsche Augenblick. Ich hab' keine Lust, mich mit dir zu beschäftigen. Da muss man dann schon auch ein dickes Fell haben, damit man da nicht ständig Ausraster bekommt.

"Ich bin Tracy Chapman-Fan. Wirklich wahr!"


Dafür hätte ich nicht den Hauch von Geduld. Altersmäßig spielen wir beide in der gleichen Liga. Ich fühl' mich auf Rapkonzerten zunehmend steinalt. Mir kommt es vor, als werde das Publikum immer jünger. Das kann dir ja nur ähnlich gehen. Bekommst du nicht manchmal Angst, dich zu sehr von deiner Zielgruppe zu entfernen - auch thematisch?

Überhaupt nicht. Ich kann das nur wiederholen: Ich mach' die Musik für mich. Dass ich damit natürlich auch Geld verdiene und jetzt davon lebe, das ist ja ganz klar. Aber ich hab' da überhaupt gar keine Befürchtungen. Ich versuche noch nicht einmal, etwas zu machen, das der Zielgruppe gefällt. Ich versuche nur, etwas zu machen, womit ich klar komme. Wenn ich am Ende nur noch hundert Fans habe, und das sind dann hundert 50-Jährige, weil ich nur noch langweiligen Mist über Zigarren und Single Malt erzähle, dann ist das halt so. Dagegen kann man dann nichts machen. Ich werde jetzt auch nicht versuchen, etwas darzustellen, das ich nicht bin. Das ist doch lächerlich. Ey, wenn du etwas Gutes machst, dann spielt keine Rolle, was und welche Musik. Eine gute Melodie ist eine gute Melodie. Die wird immer ankommen. Ein guter Song ist ein guter Song. Ein guter Text ist ein guter Text. Das hat sich doch eh so gemischt. Sogar wenn es später so wäre, dass ich wie Everlast mit 'ner Akustikgitarre auf die Bühne gehe, das widerspricht nicht dem, das ich jetzt bin, weißte? Das kann alles funktionieren.

Steht das zu befürchten?

Nein! Nein!! Nicht unbedingt. Ich mein', ich mag Akustikgitarrenmusik. Stellenweise. Ich bin ein Tracy Chapman-Fan. Das ist wirklich wahr. Ich mochte auch das erste Album von Everlast. Sein Soloalbum. Aber das ist jetzt nicht so, dass ich sage: Oh, wo gehts denn dann später hin? Ich mach' mir da nicht so den Kopf. Es gibt andere Sachen im Leben, die so viel wichtiger sind. Ich glaube, gerade als Musiker oder Künstler - in Anführungsstrichen - lernt man, sich selbst zu ernst zu nehmen. Weil die Leute einen zu ernst nehmen oder das, das man macht, zu sehr in den Vordergrund stellen. Ich bin gerade dabei, komplett davon weg zu rücken. Das einfach auch oftmals bisschen mit Humor zu sehen und mir einfach zu sagen: Es kommt eh wie es kommt. Scheiß drauf, mach' dein Ding. Alles ist gut.

Das heißt, du würdest auch nicht ausschließen, dass du irgendwann mal - wie meinetwegen Denyo - ein Singer/Songwriter-Ding machst? Oder eine Reggae- oder eine Soul-Platte?

Auf meinem aktuellen Album hab' ich einen Satz, der heißt: "Lieber toter Rapper als lebender Singer/Songwriter". Es ist tatsächlich so: Mich kotzen diese Singer/Songwriter-Rapper an, weil ich das Gefühl habe, dass die das mit so viel Berechnung machen. Weil das dann auch so extrem in den Vordergrund gestellt wird. Ich finds voll lächerlich. Was soll das? Mach' einfach dein Ding, und gut is'. Ich finds halt auch seltsam, wenn einer von einem Album aufs andere etwas macht, weil gerade ... keine Ahnung! Nichts gegen Denyo oder so, aber weil die jetzt gesehen haben, Clueso geht ab ... Bei Clueso, denk' ich, hat man schon gesehen, dass da eine Entwicklung war. Das zeigt ja auch, dass da eine gewisse Natürlichkeit drinne ist, weißte? Der Junge tritt mit Liveband auf, fängt an, ein paar Hooks zu singen, merkt, dass er so eine gewisse Affinität zu diesem Singsang-Kram hat, und sein übernächstes Album ist dann halt nur noch gesungen. Das ist nachvollziehbar. Aber so ein klassischer knallharter Imagewechsel à la ... wie hieß die doch gleich? Diese ...

*kracks*

[Hier versandet das Gespräch an der spannendsten Stelle in einem ostdeutschen Funkloch. Aber da Savas einen Apparat mit eigener Durchwahl in der Redaktion stehen hat, klingelt er wenig später wieder durch. Und dann noch einmal, weil die Verbindung gleich wieder beim Teufel ist. Ja, man hätte das alles gemütlich in Sir Jais Studio abhalten können, hätte man sich besser organisiert...]

Oh, Mann! Vielleicht wirst du jetzt auch noch Zeuge, wie ich hier irgendwo im Nirgendwo vor Neuruppin stehen bleibe. Das ist mir ja noch nie passiert. Ich hab' vergessen zu tanken, und hier gibts nirgendwo eine Tankstelle. Die Anzeige ist schon unterhalb der Reserve.

Wenn wir dir mal nicht jemand mit einem Kanister vorbei schicken müssen ... Das könnte allerdings ein bisschen dauern. Wo waren wir denn?

Bei Jeanette Biedermann? Dass ich das einfach lächerlich finde, für mich persönlich. Ich kann das nicht ernst nehmen und der Person nicht abnehmen, dass sie das ernst meint. Ich finde aber, prinzipiell ist nichts unmöglich. Man sollte von allem ausgehen können. Dass alles passieren kann, irgendwie.

Das wäre jedenfalls eine Gelegenheit, mal nicht immer diesen Pionierstatus innehaben zu müssen. In einem unserer früheren Interviews hast du gesagt, immer der erste sein zu müssen, sei eine wahnsinnig anstrengende Sache.

Ja.

Wünschst du dir nicht manchmal, dich auch einmal in ein gemachtes Nest zu legen und irgendwas zu machen, das andere schon ausprobiert haben?

Wünschen ... naja, weiß ich nicht. Es ist so unspannend! Wenn ich etwas nicht fühle ... Ich kann tatsächlich keine Musik machen, wenn ich da nicht voll dahinter stehe. Entweder muss es wehtun oder es muss mich total euphorisieren. Irgendeine Mischung daraus. Wenn ichs nicht fühle, dann geht da gar nix, bei mir. Das ist das Problem. Ich kann auch nicht einfach nur sagen: Der Song ist gut. Oder: Komm, wie machen mal einen Song in dem Style. Nee! Das muss immer so sein, dass ich in dem Moment für mich persönlich sage: Woah, das ist das Geilste, das ich je gemacht habe! Das hängt bei mir immer mit extremen Emotionen zusammen.

"Aura" erscheint am 11.11.'11. Von der Deluxe-Ausgabe gibt es 1.111 Exemplare. Ist an dir ein Zahlenmystiker verloren gegangen?

Nee! Wir sind ein Independent-Label. Wir müssen natürlich kucken, dass das, das wir machen, so effektiv wie möglich ist, weil wir halt nicht diese großen 100.000-, 'ne halbe Million-Budgets haben wie Universal oder so. Das war einfach der einfachste Weg, um auf das Album aufmerksam zu machen. Deswegen ist das ganz schön, auch mit den elf Tracks.

In der Deluxe-Edition stecken allerlei Gimmicks, bei MZEE gibts das Album zusammen mit speziellen Sneakers: Reicht Musik alleine heute nicht mehr aus?

Musik reicht aus. Wenn man sich einmal anschaut, dass wir mit "Aura", der Single, die der gute Jo produziert hat, jetzt wahrscheinlich in die Top 20 gehen ... Das ist das erste Mal, dass ich mit einer Single Top 20 gehe. Wir haben [zum Zeitpunkt des Interviews war das so, d. Red.] kein Video. Wir haben das nur zum digitalen Download angeboten, und seitdem das raus ist, sind unsere Vorbestellungen nochmal explodiert. Musik reicht aus. Aber Musik reicht nicht aus, um die ganzen physischen Tonträger, die ganzen dreißig- bis vierzigtausend, die man hoffentlich verkaufen will, alle loszuwerden. Ganz ohne Gimmicks und Spielereien geht es nicht. (Brüllt los) Geil! 1.000 Meter nur noch, bis zur Tankstelle! Ich habs geschafft!

Mich hat gefreut, dass es auch eine Vinyl-Ausgabe geben wird. Kaufst du selbst noch Platten, oder bist du ganz im digitalen Zeitalter angekommen?

Nee. Ich hab' noch ganz viele Platten, hab' aber noch nicht mal mehr 'nen Plattenspieler. Und ich muss gestehen: Ich hör' zu Hause überhaupt keine Musik. Ich hör' auch CDs nicht großartig. Ich hör' Musik eigentlich, wenn, dann nur aufm iPod. Oder halt im Auto, meistens. Oder halt vom Computer. Ich bin, einfach der Zweckmäßigkeit halber, ein kompletter Digital-Dude geworden.

Trotzdem gibts "Aura" auf Vinyl.

Natürlich. Das ist ja auch einer der Ursprünge von Hip Hop. So ist Rapmusik entstanden. Wenn ich Vinyl nicht ehren würde, was wäre ich dann für ein guter Hip Hopper? Weißte?

Recht so. Du hast irgendwann ja auch verkündet, dass du dich dafür zuständig fühlst, einem jüngeren Publikum den ursprünglichen Vibe beizubringen. Siehst du dich da als 'ne Art Lehrer? Each one teach one?

Ja, genau. Ein kleines bisschen schon. Vor 15 Jahren hätt' ich mich darüber totgelacht. Aber jetzt, mittlerweile, ist das wirklich so. Ein bisschen. Ich bin ja gewissermaßen ein Vorbild für Jüngere. Das gibt einem ja auch ein gutes Gefühl. Man hat das Gefühl, dass man was Gutes macht. Dani? Darf ich ganz kurz tanken - und dich dann sofort zurückrufen?

[Wer könnte derart höfliche Bitten abschlagen? Mit frisch gefülltem Tank hängt Savas Minuten später zum mittlerweile vierten Mal an der Strippe. Unverdrossen, der Mann.]

Jetzt bin ich zurück. Ja, den missionarischen Auftrag, den nehm' ich gerne an.

Bist du ein Nostalgiker? War früher alles besser?

Ich bin so ein hoffnungsloser Nostalgiker! Und auch Romantiker. Alles, das heutzutage nicht so gerne gesehen wird. Natürlich, man bildet sich das ein. Aber ich glaube, das ist wirklich nicht mehr als 'ne Einbildung. Man ist nicht mehr jung, und man hat früher die Sachen einfach anders wahrgenommen. Als Kind kamen einem bestimmte Filme, die man gesehen hat, auch viel spektakulärer vor als jetzt. Genauso kamen einem als Jugendlicher bestimmte Songs spektakulärer vor. Dieses Ganze für sich zu entdecken, das war ...

*kracks* [Weg isser. Aber nicht für lange.]

Das ist ja 'ne lustige Gegend, in der du da rumfährst.

Ey, das ist der Osten! Hardcore-Osten! Neuruppin und so weiter. Keine Ahnung! Die wollen auch nicht, dass die Leute hier wieder rauskommen. Die wollen, dass sie hier definitiv kein Handynetz haben, damit sie bloß nicht auf die Idee kommen, dass es außerhalb noch was gibt. Es ist wie in "The Village".

Zurück zum Punkt: Früher war halt auch alles neu.

Ja, genau! Natürlich: Die Frische ist verloren. Man muss aber sehen, dass auch in der Veränderung etwas Schönes liegt. Das ist ja bei allem so. Das erste Mal was gegessen, das erste Mal Sex gehabt ... Am Ende kommts einem doch schon immer gleich vor. Man muss für sich selbst halt die Veränderung suchen.

"Für mich ist jede Tour heilig."


Glaubst du, dass man den jungen Leuten heute das Gefühl, wie es damals war, noch nahe bringen kann?

Die sind auch selber ein bisschen dafür verantwortlich. Mit der zweiten Tour, der "Liga der außergewöhnlichen Emcees", da versuchen wir ja, dieses Jam-Feeling wieder zu beleben. Die müssen auch selber Bock haben.

Zu dem Thema wollte ich gerade kommen. Was habt ihr da vor? Jams, so richtig mit Breakern und Graffiti und gib ihm?

Na, jetzt müssen wir auch nicht gleich übertreiben! Graffiti in so 'ner Halle, das ist schon ein Problem. Aber ich meine, das ist ein erster Schritt. Und je nachdem, wie die Resonanz darauf sein wird ... Ich könnte es mir wirklich vorstellen, dass man mal so 'ne echte Jam, sprich: mit allen Elementen, auch mit DJ-Battles, mit Breakdance-Battles, mit Graffiti und so weiter, dass man sowas deutschlandweit immer wieder organisiert. Aber das ist natürlich ein Aufwand, den wir mit unserer kleinen Bookingfirma jetzt nicht stemmen können. Aber es ist ein erster Schritt, um mal ein Zeichen zu setzen. Um zu zeigen: Ey, zusammen kommen Leute aus ganz verschiedenen Styles. Dass da auch Buddy Ogün als Comedian Bock darauf hat. Ich mach' da so ein bisschen den Schirmherrn und das Aushängeschild, und die anderen bringen einfach alle den geilen Flavor dazu.

Was macht einen MC für dich außergewöhnlich? Wer darf mit?

Die Orsons dürfen mit. Die sind absolut außergewöhnlich, die stehen auch für etwas. Olli Banjo ist ein außergewöhnlicher MC auf einem hohen technischen Level. Wir machen so ziemlich was Ähnliches, sag' ich jetzt mal. Laas Unltd. ist außergewöhnlich, weil er auch ganz krass diese Hip Hop-Fahne hoch hält, in Zeiten von Gangsterrap, und einer der ersten Rapper war, der sich selber den Lauch genannt, sich selbst so ein bisschen runter- und sein Ego in den Hintergrund gesetzt hat, um zu sagen: Hey, ich definier' mich nur über meine Skills. Und Buddy Ogün ist natürlich kein MC, aber das Außergewöhnliche an ihm ist, dass er als Comedian in so einer Rap-Formation mitreist. Das ist halt supernice.

Aber vorher kommt noch die Tour zu "Aura". Ich habe gelesen, das soll "ein atmosphärisches Gesamtkonzept" werden, "das auch Genrefremde anspricht". Glaubst du wirklich, du erreichst Publikum abseits von Hip Hop-Kreisen?

Ach, das weiß ich nicht. Man hofft es. Man geht davon aus, dass es sein könnte. Aber ... ja, ich weiß es nicht. Nee, vielleicht auch nicht. Die Jugendlichen sind sehr offen. Das Problem sind diese Pressetexte. Ich werde in Zukunft, glaub' ich, nie wieder einen rauslassen! So isses ja noch gechillt, aber es gibt Interviews, bei denen die Fragen nur aus diesen Pressetexten bestehen. Nur aus Zitaten. Ich hab' den selber nicht geschrieben. Ich hab' den halt abgesegnet. Aber so'n Pressetext ist nicht unbedingt die beste Grundlage. Man muss echt kucken, was man da reinpackt. Die Journalisten wollen auch, dass das ansprechend klingt, und dann stehen da Sachen, auf die werd' ich festgenagelt! Nee. Mir reicht das, wenn alle, die ein bisschen offen sind und Bock haben auf ein bisschen Rap und Hip Hop, wenn die vorbeikommen und das abfeiern. Wir werden unser Bestmöglichstes tun, ich werd' auch mein Bestes geben, um daraus ein Event zu machen. Für mich ist jede Tour heilig. Die Leute müssen nach Hause gehen und sagen: Wir haben besten Rap geboten bekommen.

Ich würde nicht so auf dem Pressetext rumreiten, wenn ich den einen oder anderen Ton Musik vorab gehört hätte.

Ich weiß. Ich weiß doch! Aber das geht nicht. Wenn wir das wirklich allen geben, vorher, dann ist es definitiv im Netz, danach.

Weiß ich doch auch. Ich schimpf' auch später noch über das Album, sollte es denn nötig sein. Wir fürchten uns ja nicht davor, zu schreiben, wenn wir was kacke finden.

Ja, das hab' ich schon gemerkt.

Na, komm. Zu dir waren wir bisher doch immer ganz nett.

Na, ja. "Bello 3" mochte Max ja nicht so sehr, ne? Der Brandl!

Der lässt grüßen, übrigens, und er fragt - wie immer - nach einer Westberlin Maskulin-Reunion.

Ich geh' nicht davon aus, dass es eine geben wird. Das steht in den Sternen. Aber wie gesagt: Einmal hat der gute Max echten Mist über mich geschrieben und mochte mich nicht. Da war ich auch sehr traurig. Vor allen Dingen, weil das Album davor schlechter war! "Bello 2" war schlechter als "Bello 3", weil "Bello 3" echt gut ausproduziert war, und wir hatten geile Songs drauf, Hits auch. Aber egal. Ich nehms ihm nicht übel! Aber habt ihr schon mal Drohungen bekommen?

Auch schon vorgekommen. Aber da gehts uns wie euch Musikern: Sobald man was veröffentlicht, bei dem der eigene Name dabei steht, muss man eben auch mit den Reaktionen klarkommen. Ich muss trotzdem noch fragen, was alle fragen: Thema Kollegah. Hast du dich geärgert, als er sein Album in "Bossaura" umgetauft hat?

Das ist halt deren Marketingstrategie. Scheint ja auch aufgegangen zu sein. Die sind ja gut gechartet damit. Ich wünsch' ihm viel Glück. Er macht sein Ding, der Kollegah. Der macht das.

Glaubst du denn, das ist auf Kollegahs eigenem Mist gewachsen, oder steckt deiner Meinung nach Selfmade-Boss Elvir dahinter?

Elvir hat mir nochmal geschrieben und meinte: "Danke, dass du das so sportlich siehst. Ich war einfach unzufrieden mit dem alten Titel und war froh, dass es einen neuen gab. Da wars mir dann auch egal, dass es so für Kontroversen sorgt." Ich denke, Elvir ist für Kontroversen eh zu haben, und die sind ja bis jetzt mit dieser Strategie gut gefahren, soweit. Das ist schon okay. Ich fühl' mich davon jetzt auch nicht übertrieben angegriffen. Aber das ist nix, wo ich jetzt sage: Boah, super! Ich will jetzt jedes Mal, wenn ich ein Album rausbringe, dass Kollegah sein Album genau so nennt. Wenn er das jetzt noch einmal machen würde und dann noch einmal, dann würde ich mir irgendwann auch ein bisschen verarscht bei vorkommen. Andererseits, wenn man es aus der Sicht eines Königs sieht, ist es ja auch ein Kompliment. Ein Nachahmer ist ja ein Kompliment für einen selbst.


Nach diesem königlichen Schlusswort entlassen wir Savas in die schlecht vernetzten ostdeutschen Weiten – aus denen er inzwischen glücklicherweise zurück ins Rampenlicht gefunden hat. Die Tour zu "Aura" startet am 18. Januar. Die Liga der außergewöhnlichen Emcees ist ab kommenden März unterwegs.

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