laut.de-Kritik

Lieber toter Rapper als lebender Singer/Songwriter.

Review von

Am Anfang war Rap-Deutschland wüst und leer, und Finsternis lag auf dem Ozean. "Keine Beats, keine Rhymes, keine Texte, die du liebst oder feierst, keine Durchdrehmucke, keine Tracks, die dich fesseln, nicht mal einen echten Rapper." Und dann? "Und Dann Kam Essah".

Um die Größe, das Selbstvertrauen und die Selbstverständlichkeit zu bewundern, mit der Savas sich zugleich als Urknall und "Der Letzte Meiner Gattung" in Szene setzt, muss man kein Hardcore-Fan der ersten Stunde sein. "Arme hoch, der Heiland ist hier!" - und er trägt die dickste aller dicken Hosen.

Perlen des gepflegten Battleraps fädelt Kool Savas zu einem Schmuckstück auf, angesichts dessen keiner mehr auf die Goldkette der vermeintlichen Konkurrenz kuckt. Mit einem Lungenvolumen wie ein Triathlet feuert er in seinem ureigenen, schier überschnappenden Flow sein Silbenschnellfeuergewehr ab: "Technik, die du sonst nur in der Raumfahrt triffst".

"Aura" geht jedoch weit über vorteilhafte Selbstdarstellung und erbarmungslos despektierliches Abwatschen der Kollegenschaft hinaus. Savas verleiht seiner Paradedisziplin eine ganz neue Dimension: Inzwischen gefestigt genug, gestattet er Einblicke in seine private Gedanken- und Gefühlswelt.

Seht her! Das ist also sehr wohl möglich, ohne dass man dabei ins ekelerregend Dokusoap-Exhibitionistische verfällt! Kool Savas bringt ein Gedicht seines Vaters unter ("Nichts Bleibt Mehr"), reflektiert über die Schwierigkeiten, die "Die Stimme" ihm bescherte, ehe er sie schätzen - und nutzen - lernte. Er betrachtet und seziert seinen eigenen Werdegang. All das könnte sich - das haben andere bereits zur genüge bewiesen - zu peinlichen Unterfangen auswachsen.

"Aura" liefert jedoch an keiner Stelle auch nur den kleinsten Anlass zur Fremdscham. Selbst Elemente, mit denen man mich normalerweise quer durchs Land scheuchen kann - Hooklines ("Aura") oder ganze Parts ("LMS 2012") von Xavier Naidoo, dem König der Heulsusen, nutzlose Plastikeffekte auf der Stimme und schier schluchzende Damen ("Nie Mehr Gehn") oder aufwändiges Chor-Gesinge ("Nichts Bleibt Mehr") - finden ihren Platz und tragen zu einem stimmigen, enorm atmosphärischen Gesamtbild bei, allesamt vorteilhaft. Das nennt man dann wohl "Optimale Nutzung Unserer Ressourcen".

Die Beats bilden zugleich den Thron, auf dem der King Platz nimmt, und die Krone auf seinem Haupt: Auch hier keinerlei nutzloser Firlefanz, von Beginn an liegt - zumindest unterschwellig - eine schwer greifbare Stimmung in der Luft. Ob DJ Smooves furztrockene Drums in "Intro / Der Letzte Meiner Gattung", Melbeatz' exaltierte Streicher und wuchtige Bässe in "Und Dann Kam Essah" oder die filigrane Akustikgitarre in "Nichts Bleibt Mehr", für die Baltar verantwortlich zeichnet: Jedes Instrumental sitzt wie die sprichwörtliche Faust auf dem Auge.

Nicht einmal drei Minuten braucht Sir Jai, um seinen Reglern für den Titeltrack den Eindruck endloser Weiten zu entlocken. Statt immer die gleichen düsteren Kulissen aus Streichern und Klavier zu zimmern, entfaltet sich unter seinen Händen ein nicht minder theatralisches, übermenschgroßes Szenario, das an endlose Landschaftsaufnahmen erinnert.

Kühler, synthetischer, beinahe schon maschinell, geht es in "Nie Mehr Gehn" oder im breitwandigen "Optimale Nutzung Unserer Ressourcen" zur Sache. "Stampf" stampft - seinem Titel entsprechend - martialisch einher, während "King Of Rap / Ein Wunder" metallisch in Richtung Oldschool knarzt.

Piano und leises Knistern wie von altem, gut gepflegten Vinyl leiten "Echo" ein, ehe Olli Banjo und Kool Savas mit entzückend sachter Stimme wissen lassen, sie beabsichtigten, einen mit dem Traktor zu überfahren. Hätten die Herren der Vergleich zu Eminem und Royce nicht selbst gezogen, er käme unter dem Eindruck der zelebrierten Doubletimes an dieser Stelle von mir.

Die tiefste Quelle aber, aus der Kool Savas auf "Aura" im Überfluss schöpft, ist seine - aller angemessenen Derbheit zum Trotz - schlicht wundervolle Sprache. "Aura" birst schier vor einer Wortgewandtheit, die mühelos rechtfertigt, ihren Urheber "direkt neben Hesse und Brecht im Hugendubel" einzusortieren.

"Jede Zeile allein ein episches Werk": Geradezu virtuos nutzt Savas sein Arbeitsgerät, sein Vokabular. "Sieh, diese Verse sind wie Briefe, adressiert an den unendlichen Augenblick." Wie poetisch darf es denn bitte sein?

Dabei hängt über allem der Hauch eines Abschieds in der Luft. Savas, hörbar zum Letzten bereit, präpariert sich für "mein finales Battle, meine letzte Schlacht". In der Zeitlosigkeit, die Musik und Texte auf "Aura" ausstrahlen, schwingt bereits das Gefühl, die leise Andeutung eines Endes mit.

Dabei will er doch eigentlich gerne noch ein bisschen weitermachen: "Gib mir ein Mic und ich bleib'", tönt es aus "Nie Mehr Gehn". Man möchte für Savas Mikrofone im Großhandel einmarkten, so lange seine Ergüsse dermaßen weit von der Zahnlosigkeit entfernt bleiben.

Was mancher einstige Weggefährte wohl für den Inbegriff des Erwachsen-Werdens hält: Savas, zurück im Kriegsmodus, erteilt dem eine radikale Absage: "Ich bin ein Vorreiter. Lieber toter Rapper als lebender Singer/Songwriter." Gefahr gebannt, Glück gehabt!

Um die Sache perfekt zu machen, verzichtet Kool Savas für "Aura" zudem auf unnötiges Füllmaterial. Skits mit Insiderwitzen benötigt ein gelungenes Album so wenig wie zweitklassige Nummern, um die Tracklist mit aller Gewalt auf 24 Stücke aufzublasen. Das Ergebnis: eine durch und durch runde Angelegenheit. "Die Antwort auf die Frage: Wer ist fresh?" hat Savas mit "Aura" geliefert. Ein- für allemal, unwiderruflich.

Trackliste

  1. 1. Interlude
  2. 2. Intro / Der Letzte Meiner Gattung
  3. 3. Und Dann Kam Essah
  4. 4. Aura
  5. 5. Nie Mehr Gehn
  6. 6. Nichts Bleibt Mehr feat. Scala Chor
  7. 7. Optimale Nutzung Unserer Ressourcen
  8. 8. Die Stimme
  9. 9. Stampf
  10. 10. King Of Rap / Ein Wunder
  11. 11. Echo feat. Olli Banjo
  12. 12. LMS 2012 feat. Xavier Naidoo

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115 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Wenn man Raptechnik mit Rhytmus und Stimmeinsatz definiert, fickt er tatsächlich einiges. Aber das sind für mich Merkmale, die man nicht auf die Spitze treiben muss, um gut zu rappen. Texte sind meiner Meinung nach das Essenzielle beim Rap. Und da punktet Herr "Rasier den Markt, nenn mich Rasenmäher" halt nicht wirklich. Auch ohne Vergleichsgrundlage sind die Texte nicht der Wahnsinn, aber vergleicht man sie tatsächlich mit Tua, Maeckes, Jaw, Morlockk Dilemma usw. usw., sieht der Herr wirklich recht blass aus.

  • Vor 2 Jahren

    Mh also ich muss natürlcih neidlos zugeben, dass einige echte Perlen auf diesem Album zu finden sind. Aber irgendwie ist es nicht der Überhammer, der hier angepriesen wird. Ich sehe einfach nicht die Einzigartigkeit, die Savas heute noch zu bieten hätte. Hinter dem vielversprechenden NAmen "Optimale Nutzung unserer Ressourcen" verbirgt sich ein weiterer Selbstbeweihräucherungstrack. Vielleicht ist das aber auch das, was die Fans erwarten, zu denen ich nur mit diesem Album als Grundlage aber nicht zähle. Mit diesem Album wird mir nicht klar, wiese er "King of Rap" genannt wird...

  • Vor 2 Jahren

    [quote="Eloque"Ein Kollegah hat weit weniger zu sagen, ist dabei aber um welten Eloquenter als Herr Yurderi. Punkt »):

    So könnte mans kurz und knapp zusammenfassen. Deshalb wundern mich die 5 Sterne auch, und dass kein negatives Wort zu dem Album fällt.