laut.de-Kritik

Sechs Töne für die Ewigkeit.

Review von

"Der, der immer auf einem Bein so cool Querflöte spielt" – Mama schwelgt mal wieder in vergangenen Jahrzehnten. Ja, im Gegensatz zum Großteil meiner Lieblinge im Plattenregal stieß ich auf Jethro Tull tatsächlich über den Musikgeschmack meiner Eltern. Einbeinige Flötisten überzeugten mich, der gerade Slayer und die Böhsen Onkelz entdeckt hatte, zunächst nicht wirklich. Irgendwann allerdings fiel der Satz: "Die Stimme von Metallica klingt genau wie Jethro Tull". Da sah es mit der Neugier schon anders aus.

Wie James Hetfield sang Ian Anderson zwar nicht. Aber "Locomotive Breath" war doch ein ziemlich cooler Song. Nur so ganz ohne Metal? Ich weiß nicht. Wenig später steht ausgerechnet in einer Metalzeitschrift inmitten einer Liste der "250 besten Rock- und Metalsongs" "Aqualung". Wer zwischen Death, Bathory und Metal Church auftaucht, muss wohl einiges draufhaben, denke ich mir.

Zwei Tage später schallen statt Tom Arayas Hassmonologen Ian Andersons Pennergeschichten aus dem CD-Player. Plötzlich waren Kerry Kings Tribal-Tattoos gar nicht mehr so cool. Auch wenn ihr Besitzer 20 bis 30 Noten in derselben Zeit spielt, in der Jethro Tull gerade mal sechs hervorbringen. Der Beginn des Titeltracks brennt sich auf ewig ins Gehirn.

"Sitting on a park bench / Eying little girls with bad intents“, hinterher ein irres Kichern und Gitarrenakkorde, die trotz schwacher Verzerrung Sechzehntelgewichse à la "Angel Of Death" in punkto Heaviness um ein Vielfaches toppen. Innerhalb der ersten Minute des lose in Sonatenhauptsatzform arrangierten Titelsongs, kreiert Ian Anderson ein Bild im Kopf des Zuhörers, wie es meiner bisherigen Erfahrung nach kein anderes Konzeptalbum (ja, ich weiß: Ian Anderson will nicht, dass man "Aqualung" als ein solches bezeichnet) vermag. Der verschlagene, schmutzstarrende, möglicherweise gefährliche Penner Aqualung erwacht zum Leben.

Im folgenden, wieder gut einminütigen, zweiten Abschnitt fügt Anderson dem abschreckenden ersten Eindruck seines Protagonisten eine neue Facette hinzu. Der einsame alte Obdachlose, vom harten Leben auf der Straße körperlich und seelisch gezeichnet, dessen Glauben an eine Besserung längst die Realität eingeholt hat. Leise Akustikgitarre, die sich an eine resignierte Singstimme schmiegt, sanftes Klavier.

Cut, Tempowechsel: Dritter Abschnitt. Die nächsten 72 Sekunden fliegen fröhlich beschwingt vorbei. Band und Sänger nehmen das Thema des vorangegangenen Parts auf und variieren es. Abrupt nimmt Martin Barre dann mit seinem Solo die aufgebaute Geschwindigkeit heraus. Nur um sie kurz darauf noch intensiver zurückzubringen. Das Musterbeispiel eines "Song im Song". Dreimal dürft ihr raten, wie lang dieser fantastische Leadgitarrenausflug dauert.

In etwa genauso lang wie der anschließende "di-dididi"-Teil und die krönende Reprise: plus-minus eine Minute.

Wie gesagt: sechs Töne, sechs Teile, sechs(-einhalb) Minuten – ein Meisterwerk, das für sich allein schon den Meilenstein verdient. Und die Querflöte kam noch nicht einmal zum Einsatz.

Das ändert sich in "Cross-Eyed Mary". Während "Aqualung" klar die Gitarren dominieren, spendieren Jethro Tull ihrer schielenden Hure tänzelnde Flötentöne. Auch dieser Track kredenzt grandiose Melodien und Rhythmen in Hülle und Fülle. Die Stimmung vermittelt wie schon beim Opener gleichzeitig Abneigung und schelmische Sympathie gegenüber den Geschichtsträgern. Ein Phänomen, das sich über das gesamte Album hinweg erstreckt und neben den ausgefeilten Kompositionen nicht unwesentlich dazu beiträgt, die Spannung durchgehend hoch zu halten.

Beeindruckend ist, mit welcher Leichtigkeit die Instrumente zwischen songdienlichem Groove, herrlichen Harmonien und verspielten Soli hin und her springen. Aus einer energischen Drum-Orgelkombo schält sich plötzlich ein wildes Flötensolo, die Gitarre übernimmt, Klaviergetrippel führt zurück. "Cross-Eyed Mary" zeigt das in Reinform.

Doch "Aqualung" lebt nicht nur von ausufernder instrumentaler und kompositorischer Vielfalt. Simple Akustikintermezzi ("Cheap Day Return", "Wond'ring Aloud" oder etwas größer angelegt: "Mother Goose") prägen das Album ebenso entscheidend. Breit arrangierter Prog trifft auf reduzierte Singer/Songwriter-Attitüde. Durch die Kombination dieser beiden Pole entsteht ein Kontrast, der sich erstens beim Hören nicht wie einer anfühlt, und zweitens das jeweils gerade vorherrschende Element hervorhebt.

Folk- und Bargefidel hält in "Up To Me" Einzug. Den gesamten Charakter des Stücks formt eine lockere Jamatmosphäre. Sporadisch mischt sich die nörgelnde E-Gitarre ein, Clive Bunker wirbelt über die Percussions. Hier ein Triller, dort ein Lachen, da ein Klappern, und über allem ein Klavierpattern, das die ganze Chose zusammenhält.

Dem gegenüber steht das epische "My God". Über drei Minuten lang baut sich der Song beständig auf, bevor Anderson schließlich die Querflöte zückt und die zweite Hälfte mit einem unfassbaren Solo definiert. Mal unterlegt ein Männerchor die absurden Klänge, im nächsten Moment ist der Meister wieder völlig auf sich allein gestellt und bereitet das große Finale vor. Statt dieses nach Martin Barres abgedrehten Einwurf dann tatsächlich in die Tat umzusetzen, überraschen Tull mit einem sanften Ausklang.

Nach dem ebenso filigranen, wie verrückten "My God", entfaltet "Hymn 43" seine Macht mit einem unwiderstehlichen Dead-Note-Riff. Dessen erstes Teilstück ruft Erinnerungen an den Beginn des Albums wach; allerdings sind es diesmal sieben Noten.

Ihr rifftechnisches Potenzial haben Jethro Tull zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht ausgeschöpft. The best is yet to come. "Slipstream" fungiert als Brücke, dann erklingen die oft vergessenen Pianosilben von "Locomotive Breath". Dass es diese nicht ins kollektive Gedächtnis geschafft haben, liegt vermutlich einzig und allein daran, dass der nachfolgende Rhythmusschlag um so fester verankert ist. Der Grundsatz "Die einfachsten Riffs, sind oft die besten" bewahrheitet sich einmal mehr. So eingängig und badass klingt Progressivität viel zu selten. Ich liebe Zug! Da verzeiht man Anderson gar die Fade Out-Sünde.

Euphorisiert mobilisiert "Wind Up" ein letztes Mal die Tull-Kräfte. Ruhiger Beginn, ruhiges Ende, dazwischen massiver Groove inklusive "Locomotive Breath"-Zitat und Gitarrensolo. Das abschließende Balladencrescendo hinterlässt wohlige Wärme, Gänsehaut und einfach das Gefühl, soeben eines der besten Alben aller Zeiten gehört zu haben. Diesen Eindruck verstärkt das auf diversen Neuveröffentlichungen hinten angestellte "Lick Your Fingers Clean" sogar noch. Wenn auch mit anderen Mitteln. Hier regieren Flöte und mainstreamkompatible Stadiontull.

Egal mit welchem Song man endet – "Aqualung" ist und bleibt einer der ganz großen Höhepunkte der Musikgeschichte. Sechs Noten und ein Tuff-tuff für die Ewigkeit.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Aqualung
  2. 2. Cross-Eyed Mary
  3. 3. Cheap Day Return
  4. 4. Mother Goose
  5. 5. Wond'ring Aloud
  6. 6. Up To Me
  7. 7. My God
  8. 8. Hymn 43
  9. 9. Slipstream
  10. 10. Locomotive Breath
  11. 11. Wind Up
  12. 12. Lick Your Fingers Clean

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7 Kommentare mit 8 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Ah mein erstes Tull-Album, der beginn eine großen Liebe. Insbesondere der Titeltrack hat mich schon immer fasziniert durch seine Tempowechsel und die verschiedenen Stimmungen, die erzeugt werden. Ein rundum perfektes Album und sicherlich einer der Meilensteine des Progrock. Wenn in den nächsten Wochen noch Genesis, Hendrix und Thin Lizzy kommen bin ich vollends zufrieden.

  • Vor 2 Jahren

    Sehr schöne Platte. Ich fände TAAB aber meilenstein-würdiger. Warum? Das war einfach die n Schlag ins Gesicht für alle Konzeptalben, das selbst ein fettes Konzept war. Herrliche Scheibe.
    Mother Goose ist mein Lieblingsstück zusammen mit Wondring Aloud. Aqualung's Riff ist natürlich zurecht überall hoch gelobt worden.

  • Vor 2 Jahren

    Sehr gute Rezension auch. Werde gleich nochmal das Aqualung-Vinyl auflegen :-)

  • Vor 2 Jahren

    Das du den Plkattenschrank deiner Eltern geplündert hast macht dich erstmal sympatisch, Manuel. :D Das dabei letztlich nur Aqualung wirklich hängen blieb und die Onkelz wieder mal in Halb-Acht Stellung abgefeiert werden, eher nicht. Seltsame Kombination. :D

    Zum Review, das wurde einfach Zeit. Von den Live Qualitäten bin ich heute noch begeistert.

    • Vor 2 Jahren

      Musikalisch begeistert das nach wie vor. Ian Anderson's Stimme ist aber wirklich scheiße geworden. Und die ist seit den 80ern auf nem absteigenden Ast. Leider. Der Mann hatte eine wirklich angenehme Singstimme.

    • Vor 2 Jahren

      @moddy das kann durchaus sein. Hab Ian seit Anfang der 80er nicht mehr live gehört und mich auch darauf bezogen.
      Übrigens Thick As A Brick u. Aqualung gehören eigentlich in einem Atemzug genannt. Auseinander dividieren musikalisch, kann ich die nicht. Ausser ich nehm den allgemeinen Bekanntheitsgrad als Gradmesser, da ist Aqualung um Meilen vorne. Nur mir persönlich wäre das schon zu allgemein. ;)

    • Vor 2 Jahren

      @Speedi
      Die hatten ihre Blütezeit bis zu den 80ern. Ich besitze auch nur alle Alben bis Stormwatch. Danach hat Anderson's Stimme stark abgenommen und musikalisch haben die nie wieder was Packendes gemacht. Die hat Anderson glaube ich letztes Jahr auch aufgelöst. Aus Respekt vor IA hatte ich mir auch die 4 letzten seiner Alben gekauft. Secret language of birds hat mir sehr gefallen. Und live hatte ich JT 2010 das letzte Mal gesehen IA 2012. Beide Male fand ich die Stimme sehr enttäuschend. Der sollte seine Solo-Sachen live spielen, die sind gesetzter und passen heute auch besser zu ihm.

    • Vor 2 Jahren

      Es gibt nur eine Band deren Platten und Livesachen ich von Anfang bis Ende gehört habe. Welche weißte sicher. ;)

      Bei allen anderen, gibt es 2-3 Alben die für mich heraus stechen. Meist habe ich die auch zu ihren besten Zeiten live gesehen. Das setzt sich bis heute fort. Mein Schwager hat mich mal in Gelsenkirchen ins Stadion geschliffen, wo so Band´s wie die Bay City Rollers, Smokie o. Sweet ihre Hits live spielten. Eine wirklich gruselige Veranstaltung für mich. Die Leute um mich herum, hatten einen Höllen Spaß. ;)

      Da ich ebenfalls quer Beet lese hier, musste ich meinen Kommentar hier lassen, wegen dem Manuel der angesichts dieser zwei Reviews (Jethro Tull u. Onkelz) auf mich den Eindruck machte, etwas komische musikalische Gehörausbildung. :P

    • Vor 2 Jahren

      @Speedi
      Queen.
      Nur 2-3 Alben pro Künstler? Dein Plattenschrank muss klein sein. Ich kann zum Beispiel auch was mit Taake und Tull anfangen. Oder mit Klassik. Mit Gehörbildung hat das wohl eher wenig zu tun, sondern einfach mit subjektivem Geschmack.

    • Vor 2 Jahren

      Bis Anfang der 90er hatten sich ca. 800 bis 1000 LP´s und ca. 200 CD´s angesammelt. Die 90er war fast nichts los mit CD´s kaufen, war anders (Familie) beschäftigt. In den 90er auch alles verkauft (leider) was Original war. Etwa 98 hatte ich dann genug Festplattenplatz um langsam wieder einzusteigen ins Sammeln. Seitdem beim kaufen nur noch *.MP3 oder *.flac. Um es auf der 2006 wieder zusammen gestellten Anlage hören zu können, wurde selbst gebrannt selten was als CD gekauft. Heute mit Spotify, Apple usw. bestens versorgt. Fleißiger Konzertbesucher, je nachdem was der Geldbeutel her gibt zwischen 6 -12 Events im Jahr. Denke damit bin wirklich gut dabei. Ich höre wirklich alles Querbeet, immer aufgeschlossen gegenüber anderen Meinungen. Bestimmte Sachen erschließen sich mir nicht, ja auch gerade was den Heavy Bereich betrifft. Klassik natürlich auch. Anfangs muss es mir leicht fallen, etwas mir anzuhören. Musik hat viel mit meinen eigenen Emotionen zu tun. Wenn sie mich toucht heule ich Rotz und Wasser, vor Glück.

      Meinte nicht dich mit der Bildung Moody.
      Apropos Bildung, ich hatte einen tollen Musiklehrer als ich ganz Jung war. Der war Beatles Fan und hat uns damals bis ins kleinste Teil erklärt, beim Gospel angefangen über den Rock´n Roll hin zum Beat, wie die Zusammenhänge sind. Der Plattenschrank meiner Eltern war übrigens auch wichtig für mich gewesen, Udo Jürgens meine Mutter, mein Vater war ein Marlene Dietrich Fan bzw. mochte diese Stimmen.

  • Vor 2 Jahren

    Alle Meilensteine in den letzten 4 bzw. 5 Jahren sind musikalisch gerechtfertigt usw, aber um ehrlich zu sein, ich bin seit 3 Jahren genervt; WANN KOMMT ENDLICH EIN MEILENSTEIN VON YES??? Und ich meine nicht Fragile, Close to the Edge oder Tales from Pornogrphic^^ Ocean oder Relayer( die finde ich eh schlecht, Moraz war nach Wakeman eine Fehlbesetzung in meinen Augen) sondern Drama oder, ich warte bis mich die Musiknerds unter euch steinigen werden, also los, ich habe nichts mehr zu verlieren, DRAMA ODER 90125; ACH SAGEN WIR GLEICH BIG GENERATOR, ok das Letzte war ein Scherz, Big Generator gefällt mir nicht so gut wie eben 90125, also (sehr)lange Rede, kurzer Sinn, Meilenstein von YES seit 2 Jahren überfällig!!!

    • Vor 2 Jahren

      Also nur weil dein Lieblingsalbum nicht als Meilenstein rezensiert wird, musst du nicht rumweinen. Deine Meilenstein würdigen Alben sind alle musikalisch fad. Fragile ginge klar.

    • Vor 2 Jahren

      Fragile niemals, die Hälfte des Albums sind in meinen Augen nur Lückenfüller. Höchstens Close to the Edge, dass höre ich auch gerne ab und zu moodycurmudgeon

  • Vor 2 Jahren

    Danke für den Lüpfer, hab das Meilensteinwerk grad nochmals genossen, nach gefühlten 30 Jahren wiedermal mit einer 96er 25th anniversary CD. Jeder Track ein Kunstwerk.