19. Juli 2013

"Das Paar Schuhe hat mir gestern die Polizei geschenkt"

Interview geführt von

Von der Straße in die Charts: Die beiden Guaia Guaia-Verantwortlichen Elias Gottstein und Carl Luis Zielke haben geschafft, wovon viele Straßenmusiker in Deutschland träumen. Nach einer dreijährigen Fahrrad-Tour ohne festen Wohnsitz und sonstigen gesellschaftlichen Absicherungen, grüßen die beiden Neubrandenburger dieser Tage von Universal- Hochglanzplakaten.

Mit ihrem Major-Debüt "Eine Revolution Ist Viel Zu Wenig", einem erfolgreichen Dokumentarfilm und der Teilnahme am diesjährigen Bundesvision Song Contest im Gepäck, geht es für die beiden Freiheitsliebenden vom Obdachlosenheim direkt ins Rampenlicht.

Das Kontrastprogramm könnte kaum größer sein. Zwei Stunden vor dem Treffen mit den Jungs von Guaia Guaia sitze ich noch im schnieken Soho-House-Konferenzraum und plaudere bei französischem Sprudelwasser und hausgemachten Cookies mit Placebo-Drummer Steve Forrest über die Highlights im Scheinwerferlicht. Nun hocke ich auf einem schmuddeligen Kreuzberger Bürgersteig vor einem Szene-Cafe und lausche den Erlebnissen zweier gebürtiger Neubrandenburger, die vor wenigen Monaten noch in einem Obdachlosentreff am Berliner Ostkreuz lebten. Statt um Ruhm, Glamour und Moneten, dreht sich unser Gespräch um rostige Fahrräder, Polizeieinsätze und die Gier nach leeren Pfandflaschen.

Hallo ihr zwei, ihr habt euch vor drei Jahren dazu entschlossen, euer Leben auf der Straße zu verbringen. Kam euch der Gedanke über Nacht? Oder steckte da bereits ein längerer Planungsprozess dahinter?

Elias: Der Wunsch, aus diesem ganzen strukturierten Alltagsscheiß mal richtig auszubrechen, war bei uns beiden eigentlich schon länger vorhanden. Wir lebten damals in Frankfurt und leisteten gerade unseren Wehrdienst ab. Irgendwann saßen wir zusammen im Kino und schauten uns den Dokumentarfilm "Nomaden Der Straße" an. Da geht's um Straßenmusiker – allerdings im klassischen Sinne. Sprich: Leute, die abgefahrene Musik mit unkonventionellen Instrumenten wie Bierflaschen und Holzstücken machen. Das hat uns total umgehauen. Die hatten alle so viel Energie und Lebensfreude in ihren Gesichtern. Da haben wir uns gedacht: So, das machen wir jetzt auch – nur halt ein bisschen moderner.

Louis: Wir haben ja zu der Zeit schon viel Musik gemacht. Nur hatten wir keinen Bock auf diese geplanten Gigs, bei denen der Veranstalter einem genau vorschreibt, wie, wo und wann man genau was machen soll. Wir wollten einfach nur spielen – und zwar immer dann, wenn uns der Sinn danach stand. Auf der Straße kann man halt machen, was man will.

Wie ging's dann weiter?

Elias: Naja, wir haben dann irgendwann mal geguckt, wo in der Republik gerade die Sonne scheint und sind dann schließlich mit dem Zug nach München gefahren und haben dort unsern ersten Straßengig gespielt.

Weil dort das Wetter am schönsten war?

Elias: Ja, genau. Wer will schon bei Regen irgendwo draußen stehen und Musik machen?

"Wir haben immerhin drei CDs verkauft"

Waren da die Fahrräder schon am Start?

Louis: Nö. Wir hatten aber schon einen Anhänger dabei, wo unser Equipment drin war.

Elias: Equipment klingt so hochtrabend. Eigentlich waren da nur unser Laptop und eine Box drin. Mehr hatten wir nicht. Funktioniert hat's aber trotzdem.

Sprich: Die Bayern haben euch abgefeiert?

Elias: Wir haben immerhin drei CDs verkauft.

Wow!

Elias: Das war für uns schon ne coole Sache. Ich meine, der Springbrunnen hinter uns war lauter als das, was bei uns aus der Box kam. Aber ein paar Leute sind trotzdem stehengeblieben - Leute, denen wir sonst nie begegnet wären. Das war eine ganz wichtige Erfahrung für uns.

Louis: Leider konnten wir die Gunst der Stunde aber nicht richtig nutzen, denn am nächsten Tag hat man uns wieder des Platzes verwiesen.

Ein Umstand, mit dem ihr euch in der Vergangenheit ziemlich oft auseinandersetzen musstet, richtig?

Louis: Ja. Die Staatsgewalt steht nicht so auf unangemeldete musikalische Kleinkunst.

Elias: Zumindest nicht dort, wo viele Menschen auf einem Haufen sind.

Ihr seid ja aber auch über die Dörfer getingelt. Gab es dort denn weniger Probleme?

Elias: Wenn man sich in einem Kaff ohne eigene Polizeiwache spielt, dann dauert es in der Regel wesentlich länger, bis irgendwann mal ein Streifenwagen auftaucht. Das war wesentlich entspannter.

Louis: Außerdem macht es viel mehr Spaß. Die Natur, die frische Luft: Das hat schon was.

Und trotzdem habt ihr die meiste des Jahres in Ballungsgebieten verbracht. Warum?

Elias: Da haben mehr Leute CDs gekauft.

Louis: Außerdem liegen in Berlin, Hamburg und Köln mehr Pfandflaschen auf den Straßen rum, als in kleinen Dörfern (lacht).

Elias: Das stimmt.

Keine Regeln, keine Grenzen, keine Verpflichtungen: Klingt, wie das Paradies auf Erden. Gab es dennoch Momente, in denen ihr euch gewünscht hättet, im Besitz eines festen Wohnsitzes oder einer Krankenversicherung zu sein?

Louis: Natürlich gab's auch Probleme. Die ersten beiden Jahre waren wir vor allem musikalisch sehr unzufrieden.

Angst ist unser Grundantrieb

Warum?

Louis: Nun, wir haben ja vor der ganzen Straßensache schon Musik gemacht. Diese Songs hatten aber inhaltlich überhaupt nichts mit dem Leben auf der Straße zu tun. Als wir dieses Material dann mit auf Reisen nahmen, kamen wir uns vor, als würden wir auf der Straße nur eine Rolle spielen. Das passte irgendwie nicht. Erst als wir anfingen, unsere Erfahrungen vom Leben auf Achse in die Musik einzubinden, war das Paket perfekt. Das hat aber irgendwie ziemlich lange gedauert.

Elias: Die Leute haben das halt nicht gecheckt. Wie auch? Da stehen zwei Typen auf der Straße und singen über Sachen, die mit der Situation nichts zu tun haben. Das war irgendwie nicht echt. Wir wollten, dass die Leute eine Verbindung spüren. Die Musik, die Leute, die sie machen und die Straße: Das sollte ein und dasselbe sein. Ein langer Prozess (lacht).

Louis: Du meintest aber andere Probleme, oder?

Eigentlich schon.

Elias: Ach so.

Louis: Lass mal überlegen.

Elias: Ich glaube, dass wir uns bei vielen Problemen und Ängsten immer gut gegenseitig auffangen konnten. Der Stress mit der Polizei, pöbelnde Fußgänger, die dir mitten im Auftritt das Mikro aus der Hand reißen oder mitten in der Nacht irgendwo in der Wallachei sein Zelt aufzuschlagen: Das sind schon Dinge, die man besser zu zweit hinkriegt. Alleine würde das, glaube ich, nicht funktionieren. Zumindest nicht bei uns beiden. Der Zusammenhalt nimmt einem viele Ängste. Angst ist aber auch irgendwie unser Grundantrieb.

Inwiefern?

Elias: Erst wenn man Ängste überwindet, erfährt man Neues. Plötzlich hüpft man über Hürden, die vorher noch viel zu hoch erschienen.

Hattet ihr auch Angst, als ihr den Vertrag bei Universal unterschrieben habt?

Louis: Absolut.

Elias: Da ging es auch um Überwindung. Ich kann die Leute auch verstehen, die jetzt rummosern. Ich würde auch meckern, ganz klar. Aber für uns war dieser Schritt enorm wichtig. Dabei ging es aber nicht um Geld, Ruhm oder dem Verlangen danach, sich als Star zu fühlen, sondern lediglich um eine weitere Hürde im Leben. Ich habe keine Ahnung, wohin die Reise gehen wird. Vielleicht beißen wir uns in zwei Monaten tierisch in den Arsch. Vielleicht läuft aber auch alles ganz easy. Bis jetzt hat sich zumindest noch nicht allzu viel verändert.

Louis: Es geht uns einfach darum, Dinge auszuprobieren. Wir sind ja Musiker, nicht nur Objekte der Straße. Wir wollen mit unserer Musik natürlich auch so viele Menschen wie möglich erreichen. Ich finde den Grundgedanken eigentlich völlig legitim. Andererseits wollen wir aber auch unseren Prinzipien treu bleiben. Wir wollen weiter unangemeldete Konzerte spielen, mit dem Fahrrad durch die Gegend düsen und die Hände über dem Projekt Guaia Guaia halten. Vielleicht sind wir da etwas träumerisch und naiv. Mag sein, dass es in die Hose gehen wird. Vielleicht klappt aber auch alles. Wir werden sehen.

Würdet ihr jetzt nicht viel lieber irgendwo in der Sonne chillen oder ein Straßengig spielen, anstatt hier der den ganzen Tag mit Pressevertretern zu verbringen?

Elias: Nö. Das ist doch auch mal was anderes. Ich find's spannend.

Louis: Wir könnten auch einfach aufstehen und uns verabschieden. Wir sind ja vertraglich nicht dazu verpflichtet. Aber es macht uns Spaß – zumindest im Moment (lacht).

Ich habe gelesen, dass ihr lieber unter freiem Himmel schlaft, als die Nacht in einer Bleibe mit Dach und Tür zu verbringen. Im Herbst geht's auf Tour. Da warten doch bestimmt Tourbus und Hotels auf euch, oder?

Elias: Das wissen wir noch gar nicht so genau.

Louis: Also im Tourbus würde ich nur ungern durch die Gegend fahren. Dann schon lieber mit dem Zug. Warum guckst du mir eigentlich dauernd auf die Schuhe (lacht)?

Ich hab mich nur gewundert. Es war zu lesen, dass du eigentlich lieber barfuß unterwegs bist?

Louis: Ah, verstehe (lacht). Ja, das stimmt. Das sind auch nicht meine Schuhe.

Wem gehören die denn?

Louis: Keine Ahnung. Das Paar hat mir gestern die Polizei geschenkt.

Die Polizei?

Louis: Wir wurden gestern Abend mal wieder eingesackt und weggebracht. Da man uns aber fernab unseres eigentlichen Standortes wieder auf freien Fuß setzte, hat man mir ein paar Schuhe für den Nachhauseweg in die Hand gedrückt. Ist doch nett, oder? Die sehen auch gar nicht mal so Scheiße aus, finde ich.

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