laut.de-Kritik

Die Rache währt ewig.

Review von

Ich will coole, stimmige Beats. Ich will fesselnde Geschichten. Die will ich von Typen erzählt bekommen, denen man Flow nicht erst buchstabieren muss. Huch, das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal ... Das geht nun wirklich nicht.

Doch, das geht. Ghostface Killah und Adrian Younge legen gemeinsam ein Überraschungsei, von dem ich noch immer nicht fassen kann, dass es der offensichtlich gerade im Fieberwahn delirierende Kollege Johannesberg tatsächlich widerstandslos gegen den neuen Erguss von Fler eingetauscht hat. Sachen gibts.

Dabei gehört "Twelve Reasons To Die" zu der Sorte Platten, die direkt aus dem heißesten, feuchtesten Kopfnickertraum gefallen sein müssen: Das Werk bietet zwar nicht wirklich ein Dutzend gute Gründe fürs Sterben. So weit wollen wir nicht gehen. Es reicht aber allemal, um auf die Knie zu sinken. Zwölfmal - und öfter.

Ghostfaces Style entspricht schlicht seinem Namenszusatz: Killah. Vermutlich würde ich diesem Mann sogar dann noch verzückt und voller Genuss dabei zuhören, rappte er das Melderegister von Sprockhövel rauf und runter. Wo andere am grassierenden Wortbrockenhusten laborieren, serviert er aber in aller Regel Texte, die diese Bezeichnung auch verdienen.

"Twelve Reasons To Die" treibt das Storytelling nun auf die Spitze: Das Konzeptalbum, angelegt als Soundtrack zu einem imaginären 60er-Jahre-Mafia-Horrorstreifen, erzählt von vorne bis hinten eine durchgehende Geschichte: "The Rise Of The Ghostface Killah". In der Hauptrolle: Tony Starks, Don eines Mafia-Clans, der eine Vendetta mit der verfeindeten DeLuca-Familie auszufechten hat.

Drogen und Gewalt, Ganoven und schöne Frauen, Liebe, Verrat, Mord, Tod und Wiederkehr: Der Plot vereint alle Zutaten, aus denen sich große Dramen speisen, und am Ende ist es nicht die Liebe, die alles überdauert. Es ist die Rache. "Let's see who's gonna survive."

"He spares noone", warnt schon die Eröffnungsnummer. "He was forgotten. But he was someone. So beware of the stare of the Ghostface Killah." Beware, genau! Der Typ kommt nämlich bestimmt nicht mit einem Messer zu einer Schießerei.

"They pussies couldn't walk a mile in my shoes." Das vielleicht nicht. In Kooperation mit Starks' Hormonhaushalt fiese Fallstricke auslegen, das kriegt die Gegenseite allerdings bestens hin. Der Boss verliert Kopf, Kragen und sein Leben. Statt die Fehde damit final zu beenden, haben die DeLucas so jedoch einen Rachedämonen entfesselt, mit dem es sich erst recht nicht mehr gut Kirschen essen lässt.

Die mindestens ebenso phantastische wie haarsträubende Story, der Vortrag, die Gäste, die Beats, nicht zuletzt das wie ein angejahrtes Filmplakat gestaltete Cover: Bei "Twelve Reasons To Die" passt einfach alles perfekt zusammen. Ghostface Killah assistieren zahlreiche Wu-Tang-Genossen. Die stoische Ruhe, die Masta Killa ausstrahlt, verströmt in "I Declare War" mit seinen beinahe schon sakralen Orgelklängen Eiseskälte. "Never close your eyes in the barber chair", erteilt U-God in "Blood On The Cobblestones" einen wertvollen Ratschlag, der letzten Endes auch nicht hilft.

"So the DeLucas want Tone? Nah, not today", gibt sich Inspectah Deck zu diesem Zeitpunkt noch sicher. Wer aber alle Warnungen, mit denen Cappadonna in "The Center Of Attraction" wahrlich nicht geizt, in den Wind schlägt, steht bald einsam und alleine da. "Enemies All Around Me". Nur William Hart säuselt die Hook dazu.

Das irdische Machtgefüge der Starks-Familia mag fragil sein und letztlich brechen. Der unbedingte Willle, Vergeltung zu üben, bleibt. Kurz aufkeimender Musical-Stimmung in "Revenge Is Sweet" macht der inzwischen erfolgreich zum Ghostface Killah mutierte Protagonist brutal den Garaus. In Gesellschaft mit allen seinen Mitstreitern von Inspectah Deck bis Killa Sin zeigt er in "Murder Spree" zu den beschworenen zwölf auch noch etliche der insgesamt bekanntlich sechs Millionen Wege auf, die über den Jordan führen.

Die alles umspannende Rahmenhandlung erzählt der RZA, die Regler überlässt er allerdings komplett Adrian Younge. Der vollführt ein ums andere Mal das Kunststück, seine Beats zugleich edel und reduziert erscheinen zu lassen. Lediglich den gebündelten Emcee-Kräften in "Murder Spree" stellt er eine etwas dickere Soundwand entgegen (die können es auch vertragen). Überall sonst schneidet er die Instrumentals völlig auf den Rap zu.

Das nimmt ihnen nichts von ihrem Zauber: Klavier- und Orgeltöne treffen auf Bass und staubige Drums. Hier schnurrt sich ein Cello ins Bild, da quietscht, Scratches gleich, ein elektronischer Effekt vorbei. Engelsgleicher Frauengesang weht wie aus anderen Sphären herüber. Nach eisigen Graupelschauern und durch Straßenschluchten und um Häuserecken pfeifendem Wind wirken die weichen Keyboardklänge aus "The Center Of Attraction" wie eine wärmende Decke.

All das überzieht eine Patina, als stamme die Produktion tatsächlich aus den 60er Jahren. Jazzige Improvisationen, funky Rhythmen, Soul im Überfluss: Der Geist, der sonst in den 36 Kammern umgeht, dürfte sich auch hier pudelwohl fühlen, wenngleich die Wu'sche Kung-Fu- der Mob-Thematik gewichen ist.

"I'm bulletproof now", so der aus den Rillen einer Schallplatte wieder auferstandene Ghostface Killah. "Back from the dead I'm invincible." Darin steckt eine unmissverständliche Drohung. Eine Verheißung aber auch.

Trackliste

Twelve Reasons To Die

  1. 1. Beware Of The Stare
  2. 2. Rise Of The Black Suits
  3. 3. I Declare War
  4. 4. Blood On The Cobblestones
  5. 5. The Center Of Attraction
  6. 6. Enemies All Around Me
  7. 7. An Unexpected Call (The Set Up)
  8. 8. The Rise Of The Ghostface Killah
  9. 9. Revenge Is Sweet
  10. 10. Murder Spree
  11. 11. The Sure Shot
  12. 12. Twelve Reasons To Die

Instrumentals

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