laut.de-Kritik

Pagan-Schlager und Persil-Folk machen Odin zur Witzfigur.

Review von

Gezupftes wie Leierndes stiehlt sich verlockend ins Ohr. Sanft pulsiert der Rhythmus wie ein warmer Fjord. Dazu Storyteller-Gesang, teilweise eingebettet in rituelles, fast animalisches Chanten. Fertig ist der schicke Kniefall vor "Odin". Ob der Göttervater mit dem Rest von "Midgard" zufrieden wäre, ist dennoch mehr als fraglich. Zu wenig Pagan bei zuviel sterilem Persil-Folk trüben das Vergnügen.

Der Titel deutet es an. Faun holen - wenig originell, aber szenekonform - die gesamte altnordische Mythologie aus der Kiste und machen damit ein großes Tandaradei. Kämen dabei in Serie so hervorragende Lieder zum Vorschein wie das obige "Odin", die gesamte Platte wäre ein Spektakel. Leider ist dem nicht so. Die Ausnahmequalität "Odins" liegt besonders an der Zusammenarbeit mit Gaahls Wardruna. Wardrunas kreativer, oft etwas abgründiger Stil verhalf Faun zu Soundtrack-Lorbeer in der Erfolgsserie "Vikings". Für Oliver Pade und Co anscheinend trotzdem kein Grund, sich ein Scheibchen von dieser künstlerischen Souveränität ab zu schneiden.

Stattdessen orientiert man sich lieber nach unten. Wer ihre frühen Juwelen wie "Licht"/"Renaissance"/"Totem" kennt, weiß: Sie können es eigentlich verdammt gut! Nur müssen sie es auch tun. Seit "Von Den Elben"/"Luna" jedoch geben sie alle errungene Identität grundlos preis. Alles verflacht zusehends in schlageresker Volksfesttauglichkeit. Kunst und Charisma bleiben abgehängt auf der Strecke.

So auch hier. Manches Arrangement erinnert zwar noch im Ansatz an die Höhenflüge vergangener Glanzzeiten. Seltene lichte Momente wie die in Szenekreisen bis zum Überdruss tot gerittene "Rabenballade" täuschen nicht darüber hinweg, wie erschreckend schlicht und kitschbeladen die allermeisten Tracks geraten.

Das ist auch in Anbetracht des ambitionierten Themas ein Ärgernis. Poesiealben-Texte im Wandertagsduktus ("Und von Ferne sieht man's flirren, wenn die Sonne hoch erstrahlt.") sind nur ein enttäuschender Anteil des Scheiterns. So richtig schlimm wird es mit dem weiblichen Gesang, der handwerklich noch einigermaßen klar geht, in punkto Ausstrahlung aber auf ganzer Linie versagt.

Besonders schwer zu ertragen ist diesbezüglich "Federkleid". Jegliche themenbezogene Ausstrahlung verkommt zu unsexy Mauerblümchensingsang. Es fehlen nur noch Haarnadel und Dutt. Diesen Vorwurf kann man Oliver Pades Stimme nicht machen. Gewohnt tiefenentspannt gibt er einmal mehr das Klang gewordene Sedativum der Mittelalterfolklore ("Macbeth"). Das macht er wie immer gut.

Mit "Alba II" servieren Faun darüber hinaus eine verzichtbare Neudeutung ihres beliebten Liveklassikers von "Eden". Am Ende ist dann alles weder Fisch noch Fleisch. So bleibt von "Midgard" schlussendlich kaum mehr in Erinnerung als gelangweiltes Schulterzucken. Unbedingtes Reinhören vor dem Kauf wird dringend empfohlen.

Trackliste

  1. 1. Midgard Prolog
  2. 2. Federkleid
  3. 3. Sonnenreigen (Lughnasad)
  4. 4. Alba II Intro
  5. 5. Alba II
  6. 6. Nacht des Nordens
  7. 7. MacBeth
  8. 8. Gold Und Seide
  9. 9. Brandan
  10. 10. Odin
  11. 11. Rabenballade
  12. 12. Lange Schatten
  13. 13. Aufbruch
  14. 14. Alswinn
  15. 15. Räven

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10 Kommentare mit 11 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Buhuuu... ich hab grad das neue Album von FEUERSCHWANZ gehört... und... und... ich... muss zu meiner Schande gestehen... ES GEFÄLLT MIR BESSER als die Neue von FAUN!!! *heul*

  • Vor einem Jahr

    Zu dem Thema gibt es auch eine eigenständige Seite.
    www.faune-in-panik.de

    Hier mal ein O-Ton:
    "In dieser, von vielen ganz unterschiedlich bewerteten Situation möchte ich einen Akzent setzen. Diese Seite soll Liebesbotschaften und positive Kritik an Faun bündeln. Den Fans eine Stimme geben, unabhängig davon, welcher speziellen Community sie angehören, einfach und unverfänglich. Eine Möglichkeit geben, sich das Herz zu erleichtern und ein wenig zu hoffen. Aber vor allem das zu sagen, was vielleicht zu kurz gekommen ist. Faun für ihre einzigartige Musik und die wundervolle bisherige Zeit zu danken."

  • Vor einem Jahr

    Wenn man die Passagen zwischen den Gesängen zusammen schneiden würde, hätte man einen tollen Song.
    Kaum hört man die (wie ich finde, unpassend hohe Stimmen), vermengt mit den Schlager-artigen Texten, hat man keine Lust mehr weiter zu hören.
    Hatte mich gefreut auf ein etwas dunkler-mystisches Album...
    leider in kompletter Linie verfehlt.

    Der Kompromiss, auf der Mainstreamwelle mit zu schwimmen, aber das altbekannte weiter zu führen, ohne neue Klänge zu wagen, ist gescheitert.