laut.de-Kritik

Lieber Rumpel-Nische als seelenloser Hype.

Review von

Rückblende: Mitte 2010 trifft sich eine Crew heranwachsender Skateboarder, inmitten von ihnen der damals noch 16-Jährige Earl Sweatshirt. In einer abgeranzten Wohnung mixen sie sich einen widerwärtigen Drogencocktail, nur um ihn Sekunden später wieder auszukotzen. Währenddessen rappt Earl über verhasste Religionen und Vergewaltigungsphantasien. Eine der größten Jugendbewegungen der letzten Jahre im Hip Hop ist geboren.

Ein halbes Jahrzehnt später hat sich vieles geändert. Die Einstellung Earls zu Personen, die sich außerhalb seines Kosmos bewegen, dagegen nicht. Denn "I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside" ist nicht nur ein zugleich wundervoller wie verstörender Albumtitel, sondern auch Ausdruck Earls Denken. Ganz von ungefähr kommt wohl auch niemand auf die Idee, ein derart verschrobenes Album zu machen, das nur so vor Aversion und Beklemmnis trieft.

Dass diese bedrückende Art seinen State Of Mind aber ganz treffend bündelt, macht Earl spätestens in der zweiten Zeile der Platte klar, indem er feststellt: "I'm like quicksand in my ways". Mit "I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside" soll damit allerdings Schluss sein. Zum allerersten Mal könne er voll und ganz hinter seiner Arbeit stehen, betonte Earl kurz nach der Veröffentlichung. Das wiederum hängt wohl auch damit zusammen, dass er unter seinem Alter Ego RandomBlackDude die komplette Scheibe auch produziert hat.

Doch der sperrige Sound, der sich bereits auf "Doris" abzeichnete, fällt diesmal noch viel radikaler aus. LoFi-Ästhetik, träge Loops, verstolperte Samples und brettharte Drums bestimmen das Bild eines dunklen und menschenscheuen Albums, das in seiner Intimität ungewohnte Einblicke gewährt. Zwischen Gedankenfetzen zur Trennung von seiner Freundin ("Mantra") und Ekel gegenüber der Plastikwelt da draußen ("DNA") blitzen auch immer wieder Erinnerungen an seine verstorbene Großmutter durch: "I spent the day drinking and missing my grandmother".

Ansonsten finden sich nur wenige Zugänge zum Werk. Und das, obwohl Earl seinen monotonen Flow phasenweise ablegt und den Beweis dafür erbringt, vor wenigen Jahren noch als wahrscheinlich bester U20-Rapper gehandelt worden zu sein. Etwa, wenn er an der Seite vom wie immer konstant abliefernden Vince Staples über einen maximal reduzierten Beat stylt und sich deutlich vom sonstigen Schaffen seines Jahrgangs abgrenzt: "Give a fuck about the moves all these loser niggas making now".

Umgekehrt wird es wohl kaum anders sein, denn "IDLSIDGO" bricht derart konsequent mit allem Zeitgeistigem, dass zuweilen der Eindruck entsteht, Earl verkrampft sich – zumindest was die Musikalität betrifft – zu sehr auf eine Andersartigkeit, die bestenfalls an MF Doom erinnert, bisweilen aber auch mühselig und abgegriffen wirkt. So wie ein junger Künstler aus Kalifornien eben klingt, der lieber in seiner Nische künstelt anstatt sich irgendwem da draußen anzubiedern.

Trackliste

  1. 1. Huey
  2. 2. Mantra
  3. 3. Faucet
  4. 4. Grief
  5. 5. Off Top
  6. 6. Grown Ups (ft. Dash)
  7. 7. AM // Radio (ft. Wiki)
  8. 8. Inside
  9. 9. DNA (ft. Na’kel)
  10. 10. Wool (ft. Vince Staples)

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7 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Trockene, spröde Beats und Raps, atmosphärisch Bombe! Genau das richtige Album zur Weltflucht im Frühling, der die Penner und Junkies aus ihren zugemüllten Wohnungen lockt und die seelenlosen Konsumopfer in die Cafes treibt, um, nach öffentlicher Anerkennung geifernd, ihre innere Leere mit angesagten Kaffeevariantionen wegzuspülen.

  • Vor 2 Jahren

    Gibt's inzwischen Informationen zu einem physischen Release? Ich finde weder bei Amazon.de noch bei amazon.com Infos dazu.

    Das Album wurde noch nicht gehört. Bei Earl mach ich mir da aber auch keine Sorgen ob's ein Fehlkauf werden könnte.

  • Vor 2 Jahren

    Bei eurer verhaltenen Kritik dachte ich naja. Und siehe. Ich höre das Album schon seit ein paar Tagen durch. Diese Atmosphäre. Extrem deep. Ein recht tiefgründiges und auch tristes Album. Ich find's um einiges besser als Doris. Für mich bisher das beste Hip-Hop-Album in diesem Jahr.