laut.de-Kritik

Dunkle, abgründige Lieder, zäh wie altes Erdöl.

Review von

"Es ist eine fremde und seltsame Welt!" sagt Lula zu ihrem Sailor in David Lynchs "Wild At Heart". Genau so merkwürdig wie dieser beschriebene Planet gerät auch das Auftauchen unseres Meisters des Surrealen als musikalischer Solokünstler. Mit dem experimentellen Erstling "Crazy Clown Time" legte Mr. Twin Peaks alle musikalischen Regeln lässig in Schutt und Asche. Nach erfolgter Brandrodung folgt nun der Wiederaufbau in Form von "The Big Dream".

Ein Lynchmob von einem Album! Immer noch Tracks aus der Hölle; aber echte Songs! Es darf zwischendrin sogar gelächelt werden, wenn auch nur verhalten. Dunkle, abgründige Lieder tropfen zäh wie altes Erdöl aus den Boxen. Hie und da kulminiert eine dieser morastigen Blumen des Bösen in psychedelischen Melodien schwelgend zur bunten Blüte. Havarierte Elektrofetzen zerschellen als Zombieversion der Nine Inch Nails auf rudimentäre Bluesfelsen, die Tom Waits Geist herauf beschwören. "Got a Cold Wind blowing through my heart."

Die Melodien sind groß, könnten auch mit ausladender Geste in Las Vegas triumphieren. Doch mittels Onkel Davids elektronischem Chirurgenbesteck amputiert er alles, bis nur noch das weder schwarze noch weiße Skelett des alten Schmerzensmannes Blues übrig bleibt. Sogar den Gesang! In einigen Momenten tatsächlich noch mehr Torso als bei Nick Cave. Grandios!

Trotz exponierter Pein groovt die geschundene Kreatur Blues hier mitunter wie die Hölle. Nicht nur in "Sun Can't Be Seen No More" hetzt Lynch seine Rhythmen wie ein räudiger Straßenköter durch staubige Wüstenkäffer, bis noch der letzte Tumbleweed mitrockt. Man hört den Songs dabei eine wohltuende Rundheit an, die frühere Lynchtracks selten hatten. Das ist auch beabsichtigt. Ganz bewusst komponierte der "Blue Velvet" Schöpfer dieses Teufelsdutzend erstmals in Jamsessions zu Gitarre und Gesang.

Das Bob Dylan-Stück "The Ballad Of Hollis Brown" (Original von Dylans 1964er Album "The Times They Are A Changin'") wurde bereits von unzähligen Musikern gecovert. Rise Against haben die wohl schlacksigste Version gebracht, Nina Simone die eleganteste und Entombed die möglicherweise schrägste Variante. Der Wahnsinnige aus Montana degradiert sie allesamt.

Die sepia tönende Seelenverwandtschaft zu seinem toten Freund Mark Linkous von Sparklehorse - an dessen letztem Album er maßgeblich beteiligt war - zieht sich wie ein roter Faden durch fast alle Songs. Diese Melancholie bündelt Lynch im letzten Lied "I'm Waiting Here". Eine geisterhafte und todtraurige Miniatur mit einer allen Pops entkleideten Lykke Li. Als Schattenfee zelebriert die Skandinavierin eine Mischung aus entrückter Laura Palmer und kaputter Marianne Faithful.

Schlussendlich gelingt David Lynch mit "The Big Dream" ein Stückchen Musik, das seine künstlerische Philosophie perfekt spiegelt: "Man mag sich in Dunkelheit und Verunsicherung befinden. Aber dahinter ist noch etwas anderes. Man sieht es erst, wenn man beides überwindet und dahinter ausbricht."

Trackliste

  1. 1. The Big Dream
  2. 2. Star Dream Girl
  3. 3. Last Call
  4. 4. Cold Wind Blowin
  5. 5. The Ballad of Hollis Brown
  6. 6. Wishin' Well
  7. 7. Say It
  8. 8. We Rolled Together
  9. 9. Sun Can't Be Seen No More
  10. 10. I Want You
  11. 11. The Line It Curves
  12. 12. Are You Sure
  13. 13. I'm Waiting Here (with Lykke Li)

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10 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor einem Jahr

    @JaDeVin (« Klingt das wie der Score von Eraserhead? »):
    Das wärs gewesen, leider hört sich das eher an wie von einem Hip-Hop Produzenten abgemischter, gattpolierter Schlafwagen-Blues. Im Allgemeinen überschlägt sich ja die Kritik mit Lob, aber es ist mir ein Rätsel warum, ich finds einfach nur langweilig, weil für echte Düsternis einfach die Intensität fehlt. Die Gitarre macht unmotiviert Pling-Pling, der David quäkt am Gesang rum, sonst passiert nix.

    Und wo Lynch jemals "alle musikalischen Regeln lässig in Schutt und Asche" gelegt haben soll verstehe ich erst recht nicht, das erste Album war doch haargenau dasselbe nur mit 2-3 Elektrotracks drauf die auch von den Pet Shop Boys hätten stammen können. Da dachte ich erst der würde das als Scherz meinen, aber anscheinend lag ich da falsch und der meint das ernst. Die Kritiker lassen sich von Lynch ja sowieso schon Jahr und Tag an der Nase durch die Manege führen.

  • Vor einem Jahr

    In heaven everything is fine~

  • Vor 10 Monaten

    gerade durchgehoert.. koennte ein ziemlich geiles album sein.. mit anderem saenger :\