laut.de-Kritik

Viel Bowie für wenig Geld

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Im Juli dieses Jahres war David Bowie eine ganz besondere Ehrung widerfahren. Da wählten ihn die Leser des englischen Massenblattes 'Sun' zum "größten Star des 20. Jahrhunderts", weit vor Mick Jagger und Noel Gallagher. Welchen Bowie sie wohl im Sinn hatten? Den "Young American", der ganz oben auf der New Wave mitschwamm? Den "Ziggy Stardust", der dem Rock'n'Roll die metaphysische Note gab? Den 'Virtual Bowie', der sein Image an der Börse verkauft und als einer der ersten die Bedeutung des Internets erkannt und genutzt hat?

Vermutlich doch das verwandlungsfähige Chamäleon, den singenden Schauspieler, der hinter all diesen Rollen steht. Als solcher jedenfalls hat Bowie zum Ende des eben abgewählten Jahrhunderts mit "hours..." ein Album abgeliefert, das noch einmal alle wichtigen Stationen seiner Karriere berührt und auch als Dankeschön an die treuen und wohlwollenden Hörer gemeint sein könnte. Die experimentelle Phase ist erst einmal vorbei, am Ende des Jahrhunderts werden wir alle ein bisschen sentimental, da machen sich geradlinige Riffs vor Synthieflächen und Backgroundchören nicht schlecht. Komponiert hat hauptsächlich Langzeitpartner Reeves Gabrels, der auch die Gitarre spielt und in dessen Songs Bowie mit fragiler Stimme und dramatischer Inszenierung glänzt. Vertraute Klänge aus vertrauter Feder: Das ist viel Bowie für wenig Geld.

Schon der Opener "Thursday's Child" geht butterweich gestrichen ins Ohr, das Zusammenspiel von akkustischer und elektrischer Gitarre auf "Survive" versetzt den Hörer zurück in die "Hunky Dory"-Zeit, in der die Melodie alles war und der Rhythmus nichts. Zentrale Figur von 'hours...' ist der "Mann Mitte 50, der Rückschau hält und merkt, dass vieles in seinem Leben nicht geklappt hat", behauptet Bowie, doch die meistens Songs behandeln ihre düsteren Themen eher allgemein.

Der Text zu "What's Really Happening?" wurde gar in einem Wettbewerb von den Fans beigesteuert und im ebenfalls neuen PC-Fantasy-Game "The Nomad Soul - Omikron", in dem David Bowie als computeranimierter 3-D-Star erscheint, spielt jedes Stück an einem anderen Ort, was den patchworkartigen Charakter der Platte unterstreicht. Selten gab sich das Chamäleon weniger Mühe, seine Rolle glaubwürdig auszufüllen. Früher spielte Bowie Rollen, nun spielt er den Rollenspieler und es wird deutlicher als zuletzt, daß im Spiel mit den Identitäten das SPIEL wichtig ist und nichts sonst.

Seine besten Momente hatte David Bowie, wenn die Rolle, die er wählte, der Fantasie und dem Sänger Raum ließ. Diesmal ist er in die Rolle des "größten Stars des 20. Jahrhunderts" geschlüpft - und die steht ihm gut zu Gesicht.

Trackliste

  1. 1. Thursday's Child
  2. 2. Something In The Air
  3. 3. Survive
  4. 4. If I'm Dreaming My Life
  5. 5. Seven
  6. 6. What's Really Happening?
  7. 7. The Pretty Things Are Going To Hell
  8. 8. New Angels Of Promise
  9. 9. Brillant Adventure
  10. 10. The Dreamers

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