laut.de-Kritik

Sadomaso mit der Emomuse.

Review von

War der Kampf wider das Faustsche Dilemma "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust" auf der letzten dieser Schlacht entsprechend betitelten CD noch nicht entschieden, führen Brand New auf "Daisy" die Entscheidung herbei. Das Urteil lautet: Unentschieden! Fortan wird gleichzeitig gemetzelt und Frieden gestiftet. Betörende und sinnliche Melodien sind untrennbar mit Noise und Screams verwoben. Die Fuzz-/Noise-/Distortion-Orgien, mal als Eruption und mal als Crescendo, ergeben einen dynamischen und mitreißenden Laut/Leise-Kontrast.

Mit einer an alte Schellack-Platten angelehnten, balladesken Ouvertüre lockt "Daisy" den Pop mit einem verführerischen Augenschlag hinter zementierten Klangidealen hervor, nur um ihn im nächsten Moment mit infernalischem Lärm zu pulverisieren. Priming-Effekten folgend, bahnen Brand New Erwartungen, nur um sie direkt im Anschluss zunichte zu machen. Musiksyntaktische und -semantische Unregelmäßigkeiten prasseln auf die assoziativen Areale ein und generieren Spannungspotenzial. Kontraste, kristallisiert in Babel-gleichen Klangtürmen, buhlen, ja überfordern die Aufmerksamkeit.

Innere Zerrissenheit ("I don't want to let you go /… You're no better then they say"), Gleichgültigkeit ("We all need vices / Those days are dead") und Beziehungskrisen ("Everything that I own starts to pile up / Like bones make the walls of a prison") liefern die lyrischen Steilvorlagen für die gleichzeitig zerbrechlichen und kraftvollen Klangabfahrten. Wo Quartalszahlen den Maßstab bilden, gibt es keine Nachhaltigkeit: "Why won't anyone just close their eyes / Could it hurt them to rest for a while", fragt Lacey angesichts der Rastlosigkeit im Hier und Jetzt.

Eben im Stile eines rastlos Suchenden verlassen er und Kollegen die ausgetretenen Pfade immergleicher Arrangements und Strukturen und begeben sich auf eine musikalische Entwicklungsreise, die in höchstem Maße vor Progressivität strotzt. Minimal Music oder Mike Oldfields "Tubular Bells" lassen grüßen. Man hangelt sich entlang von Leitmotiven durch das scheinbar undurchdringliche Labyrinth aus Klangcollagen. Durch Rekombination einzelner Motive und Themen ergeben die Resultate eine organische Schichtung.

Das einzig offenkundige Zugeständnis an die Popkultur scheint die Länge der einzelnen Songs zu sein. Zusammengeschnürt in hörgerechte 3-4-Minuten-Pakete gibt die äußere Hülle, einem trojanischen Pferd gleich, subversiv die Möglichkeit, möglichst viele Menschen zu erreichen. Nur so kann man sich auch den Schritt zu einem Majorlabel erklären. Während Jesse Lacey innig die Popmuse küsst, versohlt er ihr gleichzeitig den Allerwertesten. Denn wie heißt es so schön in "Vices", dem schizophrenen und manisch-depressiven Opener? "Far away from any road ..."

Trackliste

  1. 1. Vices
  2. 2. Bed
  3. 3. At The Bottom
  4. 4. Gasoline
  5. 5. You Stole
  6. 6. Be Gone
  7. 7. Sink
  8. 8. Bought A Bride
  9. 9. Daisy
  10. 10. In A Jar
  11. 11. Noro

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