laut.de-Kritik

Liebe Fans, die Schotten dürfen - weil sie können.

Review von

Die erste Frage, die man sich stellt: Dürfen die das? Synthiepop-, Hip-Hop- und Countryeinflüsse, dazu ein Kinderchor gleich auf dem zweiten Track? Es klingt fast so, als wären die drei Schotten übergeschnappt. Aber, Entwarnung. Biffy Clyro wissen mit ihrem siebten Studioalbum genau was sie tun. Und ja, sie dürfen, weil sie können.

Der Vorgänger "Opposites" zeigte bereits, wohin die Reise geht: Große, radiofreundliche Hymnen, denen innovative Instrumentierung und geschickte Arrangements Einzigartigkeit verleihen. Auf "Ellipsis" gehen Biffy Clyro den Weg weiter - ohne Rücksicht auf Verluste: "Es ging darum, uns innerlich zu entkalken und mit jeder Gewohnheit zu brechen, die wir hatten", erklärt Sänger Simon Neil den Entstehungsprozess. "Wir wollten Biffy Clyro neu verkabeln und auf den Kopf stellen".

Es warten wieder kluge Gitarren, hymnenhafte Chöre, geniale Wechselspiele von Main- und Backingvocals. Aber es warten auch andere Elemente: Da ist einmal der doch recht dominante Synthie, der fast jede Hook untermalt und an manchen Stellen fast für Dancepop-Stimmung sorgt. Viele werden ihn hassen. Da ist dieser Song ("Re-Arrange"), der sich mit elektronischem Beat und Falsettgesang nahtlos in eine Mainstream-Radio-Playlist zwischen Justin Timberlake und dem letzten Castingshow-Gewinner integrieren lässt.

Dann diese betonte Lässigkeit, wie sie die Songs angehen, fast so, als würden sie es gar nicht ernst nehmen: Von James Hetfield-mäßigen, übertriebenen "Ahs" als Suffix an das letzte Wort im Refrain ("Blood-Ah", bei "Wolves Of Winter"), bescheuerten "Uh-Uh-Uhs" als Outro ("Animal Style") bis zu imitierten Tiergeräuschen ("Small Wishes") ist die ganze Palette an potentiellen Peinlichkeiten dabei. Nur: Biffy Clyro wirken dabei eben nicht peinlich, sondern nonchalant.

Der Vergleich mag jetzt zu groß sein, aber auch die vier Pilzköpfe aus Liverpool nahmen irgendwann jede noch so abstruse Idee auf. Und doch, bei dem skalenfremden Ton in der Strophe von "Small Wishes" musste ich an die Beatles denken: Wie sie in "I Want To Tell You" einfach ein Halbtonintervall über den ganzen Verse legen.

Es ist diese Liebe zum Detail, die großartiges Songwriting ausmacht. Auf "Ellipsis" findet sich viel davon: Die Akkordverschiebung in der Strophe von "Howl". Oder, dass im Opener plötzlich die Gitarren wegfallen und ein viertelnder Bass den Gesang trägt, bevor oktavierende Akkorde den Refrain einleiten. Beinahe jeder Verse kommt ein wenig anders, die Songs sind abwechslungsreich und sehr kreativ arrangiert.

Das Wichtigste dabei: Es wirkt nicht aufgesetzt. Mögliche 'Ausverkauf'-Vorwürfe treffen die Sache nicht. Vielmehr scheint es so, dass gerade der Erfolg des letzten Albums den Schotten die Möglichkeit gab, die Songs so zu schreiben, wie sie wollen. Und deswegen geht sogar dieser Kinderchor okay, der die Bridge bei "Friends And Enemies" trägt.

Trotzdem muss man sagen: Die stärksten Momente auf dem Album sind die Songs, die im eher klassischen Alternativrock-Style straight-forward gehen oder mit begrenzter Instrumentierung aufwarten: "Howl" ist eine richtig starke Rocknummer mit großer Melodie. "People" ein zurückgefahrener, hauptsächlich von Akustikgitarre und übermäßigen Akkorden getragener Song.

Und dann ist da noch "Medicine", den Biffy Clyro im Vorfeld in diversen Radio- und Fernsehshows gespielt haben, einzig mit einer Akustikgitarre, was zeigt: die Songs funktionieren. Wahnsinnsperformances waren das, der Song ist einer der besten Akustikballaden der vergangenen Jahre, ohne es sein zu wollen!

Biffy Clyro sind am Ende ehrlich, machen was sie wirklich wollen, ohne zu vergessen, wo sie herkommen. Sie werden mit dem neuen Album erneut Fans vergraulen - und sie wissen das auch. "Ellipsis" zeigt aber, wie kreative Rockmusik im Jahr 2016 klingt.

Trackliste

  1. 1. Wolves Of Winte
  2. 2. Friends and Enemies
  3. 3. Animal Style
  4. 4. Re-arrange
  5. 5. Herex
  6. 6. Medicine
  7. 7. Flammable
  8. 8. On A Bang
  9. 9. Small Wishes
  10. 10. Howl
  11. 11. People

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