laut.de-Kritik

Volle Konzentration auf den eigenen Schniedel.

Review von

Würden sich Anhänger von Sigmund Freuds Triebtheorie mit deutschem Hip Hop befassen: Sie hätten an B-Tight ihre helle Freude. Dieser junge Mann eignet sich prächtig zur Illustration eines Entwicklungsstadiums, das der Begründer der Psychoanalyse einst als "phallische Phase" bezeichnete. Diese im Anschluss an die Konzentration auf Pipi und Kacka folgende intensive Beschäftigung mit dem eigenen Geschlechtsteil sollte bei einem gesunden Kind eigentlich um das fünfte Lebensjahr abgeschlossen sein. Eigentlich.

Nun, Freud ist genau so wenig jedermanns Sache wie Ghetto-Rap aus der Hauptstadt. Dass mir die Fixierung eines zumindest den Jahren nach erwachsenen Mannes auf den eigenen Schniedel mächtig pubertär vorkommt, diese Bemerkung am Rande möge man mir bitte gestatten, bevor ich mich mit der gelinde ausgedrückt übelsten Beatverschwendung des noch jungen Jahrhunderts befassen werde. Die Magensäure-Schleusen sind geöffnet.

Bevor jetzt wieder nach "Tsunami-Business in meinem E-Mail-Account" gekräht wird: Haltet die Luft an. Ich beabsichtige, diese Veröffentlichung zu loben. Ja, ganz recht: Unheilvoll grollend schiebt sich ein von B-Tight, pardon, von Beatight höchstpersönlich produziertes Intro aus den Boxen und verheißt nichts Gutes. Tai Jason legt mit "X-Tasy" und "Aggro Gesicht" zwei Mörderhammer nach, die ihresgleichen lange und verzweifelt suchen müssen. Abartig dicht konstruiert schlägt der Titeltrack mit geballten Fäusten jeden Brustkorb zu Brei. "Aggro Gesicht" raubt mit irrem Synthiewahnsinn den letzten Rest geistiger Gesundheit.

Don Tone schraubt zu "Goldstück" einen Beat zusammen, der der besungenen Chinchillapelz tragenden Glamourwelt an protziger Theatralik in nichts nachsteht. (Wie dieser Track mit dem angeblich dazugehörigen Skit inhaltlich zusammenhängt, darf mir MTVs Patrice bei Gelegenheit allerdings gerne erklären.) Beatight schichtet die wabernde Schallmauer, durch die es ihn anschließend treibt ("Durch Die Wand"), ebenso gekonnt auf, wie er in "Der Tag Danach" mit trägen Handclaps und vor Melancholie triefenden Gitarren die gedämpfte, elendschwangere Stimmung eines verkaterten Morgens einfängt.

Dumpfe Bässe pumpen - gar nicht unpassend - durch den zweiten Teil der "Fickparade", und einmal mehr ist es Tai Jason, der in "Bitches" für edlen, gedimmten Pornosound sorgt. Volle Punktzahl für die Beats, und soll ich euch was sagen: Für eine Instrumental-Ausgabe von "X-Tasy" würde ich ohne zu zögern Geld ausgeben. Aber, nein! Nach bester Aggro-Manier muss man diese musikalisch hochwertigen Perlen einem überschaubar talentierten, unoriginellen und vollkommen uncharismatischen Rapper vorwerfen. Vergeudung? Vergewaltigung!

Sex, Macht und Geld, mehr interessiert nicht. Nackte Haut, dicke Titten, fette Ärsche: Die Crackbitch, die damit aufwartet, darf darauf hoffen, aus ihrem miesen Junkie-Dasein errettet zu werden. Edel, hilfreich und gut, so ist er, der Maulheld unserer Tage. Bobby Dick kümmert sich um seine Ladies. Wie schön. Mir drängt sich trotzdem der Verdacht auf, dass die acht der zehn Damen, die in B-Tights Gruppenfick-Träumen mit sich selbst beschäftigt sind, den größeren Genuss davontragen. Der Chorus aus "Bitches" konkurriert übrigens mit den Refrains aus "Fickparade" und "Ghetto Bitch" um den Titel der "dümmlichsten Hookline ever". Wählt ihr, ich vermag das nicht zu entscheiden.

Nix gegen Pornostyles - aber ein wenig Witz, einen Hauch von Flow und etwas trickreicher gereimte Texte als diese zusammengeholperten Zeilen möchte ich, besonders, wenn die musikalische Basis derart grandios ausfällt, dann schon geboten bekommen, bitte schön. Daran hätte ich persönlich erheblich mehr Spaß als an B-Tights Negerlatte 20 cm tief im Darm. Wobei ... Sollten die Maßangaben tatsächlich mehr als schnödes Wunschdenken sein, dann erklärt das vielleicht die Blutleere im Hirn.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. X-Tasy feat. Frauenarzt
  3. 3. Aggro Gesicht
  4. 4. Der Tag Danach
  5. 5. Goldstück Skit
  6. 6. Goldstück
  7. 7. Fickparade Part 2 feat. Mok
  8. 8. Helden Skit
  9. 9. Ghetto Bitch
  10. 10. Bitches
  11. 11. Durch Die Wand
  12. 12. Outro

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21 Kommentare

  • Vor 10 Jahren

    Übergeile beats, kannste sagen waste willst! ne ep mit so vielen abwechslungsreichen geilen beats findeste nich oft! ok ich gebe zu vom technischen her könnte es schon was besser sein aber wenn man sich den deutschen pornorap standard anhört ist das schon das höchste niveau! zum vergleich, es ist auf jeden fall besser als jedes frauenarzt oder orgi 69 release, dagegen ist "x-tasy" wie "der beste tag meines lebens" von savas!!!

  • Vor 10 Jahren

    die beats werden im artikel glaube ich, wenn ich mich richtig erinnere, auch in den höchsten tönen gelobt. dass es immer noch rapper gibt, die schlechter sind, rechtfertigt seine leistung am mikrofon leider nicht (wenn man von leistung sprechen kann. das wort stammt immer noch vom verb "etwas leisten" ab).

  • Vor 10 Jahren

    irgendwie ist es komisch, dass jede erscheinung von b-tight von den kritikern als schrott dargestellt wird aber von den hörern mit 4 punkten belohnt wird