laut.de-Kritik

So subtil wie ein Hardcore-Porno.

Review von

Die Attribute der englischen Musikpresse für das nun wieder veröffentlichte 2009er Debüt von And So I Watch You From Afar könnten martialischer nicht sein. "Stell dir vor, Mogwai kommen aus Belfast und haben verdammt dicke Eier", heißt es an einer Stelle. Anderswo fantasiert man: "So muss es klingen, wenn ein Öltanker die Eisschollen von Sigur Ros durchbricht."

Am besten gefällt jedoch der hier: "Ein Gehirn zersiebendes Sperrfeuer aus Rhythmen und rasend wütenden Rottweilern, denen man frisch in die Eier getreten hat." Allein die wiederholte Eier-Metapher sollte auch dem letzten Musikfan klarmachen, dass es hier um instrumalen Post-Rock und nicht um deutschen Streber-Rock geht. Stattdessen die richtig harte Kante, in die Fresse. Apokalypse und so.

All diese Superlative, die sich Musikjournalisten gerne zurechtlegen, wenn es mal keine Textebene zu analysieren gibt, sind im Fall dieses Quartetts aus Irland ausnahmsweise völlig gerechtfertigt. Denn wie hier krachiger Post-Rock mit zugegeben nicht ansatzweise neuen Spannungsbögen, Metal-Abgründen, nervösen Analog-Frickeleien, Battles'scher Math-Präzision und Hardcore-Intensität miteinander vermengt werden, ist schon aufs Unmittelbarste beeindruckend.

Gerade die Vergleiche mit den Schotten und den Isländern hinken allerdings bereits auf den zweiten Blick. Denn And So I Watch You From Afar rollen eben nicht ein mantra-artiges Songmotiv bis zur ultimativen Eruption aus, sondern pflegen innerhalb ihrer Tracks eine eher spielerischere Herangehensweise. So hat man bei all den Tempo- und Lautstärkewechseln mitunter das Gefühl schon im übernächsten Track zu sein, ehe die zig Rahmenhandlungen am Ende doch lose zueinander laufen.

Menschen, für die 65daysofstatic oder Explosions In The Sky ruhig noch härter zulangen könnten, sind mit dieser irischen Band zweifelsohne sehr gut beraten. Was allerdings auf Dauer etwas ermüdend wirkt, ist gerade diese zutiefst physische Hyperpotenz der 65-minütigen Tour de Force. Man könnte auch sagen: And So I Watch You From Afar sind ungefähr so subtil wie ein Hardcore-Porno.

Trackliste

  1. 1. Set Guitars To Kill
  2. 2. A Little Bit Of Solidarity Goes A Long Way
  3. 3. Clench Fists, Grit Teeth...Go!
  4. 4. I Capture Castles
  5. 5. Start A Band
  6. 6. Tip Of The Hat, Punch In The Face
  7. 7. If It Ain't Broke, Break It
  8. 8. TheseRIOTSareJUSTtheBEGINNING
  9. 9. Don't Waste Time Doing Things You Hate
  10. 10. The Voiceless
  11. 11. Eat The City, Eat It Whole

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3 Kommentare

  • Vor 7 Jahren

    dieses album ist mindestens 4 Punkte wert. die bedingungen sind, dass einem das genre gefällt und dass man sich mindestens 2 wochen sanft reinhört. man erkennt unglaublich viele facetten, tolle momente und eine unglaubliche wucht. beispiel "clench fists, grit teeth, go"...

  • Vor 7 Jahren

    War eigentlich gespannt auf dieses Review... habe mich gefragt ob es 4/5 oder gar 5/5 bekommt.. aber nur 3 o_0?!
    Meiner Meinung nach sollte man sich nicht von diesem unsinnigen Review beeinflussen lassen.. bei mir hat allein das einmalige Hören des Tracks "A Little Bit Of Solidarity Goes A Long Way" zum Kauf geführt..

  • Vor 7 Jahren

    späte rezension, album ist ja fast schon ein jahr alt.
    definitiv eine 4/5.
    ich weiß nicht, ständig beklagen journalisten, post rock stagniere bis auf wenige ausnahmen.
    diese scheibe ist rotzig, energetisch und dennoch sehr eingängig. in dem ein oder anderen track steckt vielleicht eine idee zu viel, aber das stört nur minimal.