laut.de-Kritik

Neu gewonnene Intensität in der Chaosgruppe des Electros.

Review von

Über 20 Jahre ist die Band um Sänger und Chef Steve Naghavi nun schon aktiv und es gibt wohl nur wenige, die der Berliner Electro-Band diesen langen Atem zugetraut hätten. Wobei ich vor allem bei den letzten Veröffentlichungen rätselte, worin wohl die Anziehungskraft der oft plumpen EBM-Stampfblaupausen mit Kasper-Lyrics liegen könnte.

In dieser Hinsicht machen mir And One auf "S.T.O.P." schon mal einen Riesengefallen: Sie lassen ihre deutschen Texte stecken. Was ich allerdings nicht erwartet hätte: Sie besinnen sich auf die Qualitäten ihrer frühen Alben und setzen wieder verstärkt auf intelligente, atmosphärische Stimmungsbögen. Obwohl mit Chris Ruiz das vor Jahren zurückgekehrte Gründungsmitglied gerade wieder von Bord gegangen ist.

Schon immer steckte im Party-Animal Naghavi ein großer Romantiker, der geschickt mit Melancholie umzugehen weiß. "Shouts Of Joy" mag zunächst als der vorhersehbare, von der Fangemeinde sicher hoch geschätzte Dancefloor-Kracher erscheinen, im vielschichtigen Refrain zeigt sich jedoch schon hier eine neu gewonnene Spielfreude.

Auch wenn sich an der grundlegenden Tatsache, einen And One-Song spätestens nach 10 Sekunden zu erkennen, im Folgenden nichts ändert, zählt "Killing The Mercy" sicher zum besten And One-Song der letzten zehn Jahre. Zum roboterhaften Machinery-Gleichschritt haspelt Naghavi seinen rauhen Sprechgesang, während im Hintergrund zahlreiche Percussion-Samples den Electro-Beat akzentuieren. Im Refrain breiten die Berliner dann einen pathetisch-anmutenden Klangteppich aus, der in Sachen Harmoniefolge im Dunkel-Genre wohl seinesgleichen sucht.

"Memory" gerät etwas flach, im untypisch arrangierten "You Without A Me" überrascht Naghavi, der aktuell drei Mitstreiter um sich versammelt, dann beinahe mit richtigem Gesang. Ein vergleichsweise düsterer Song, der And Ones Qualitäten erneut herausstreicht. Vernachlässigbare Uptempo-Nummern wie "Don't Get Me Wrong" mit der Textzeile "Don't you wanna fuck me? I am ready to play" gehören jedoch leider nach wie vor zum Band-Repertoire. Interessant wird es eher dann, wenn bekannte Wege verlassen werden: So tritt auf dem ruhigen "Aigua" eine Gastsängerin in Aktion, während sich "The 4" ungeniert dem Breitwand-Pop öffnet.

Ach ja, Douglas McCarthy ist auch mit dabei. Und auch wenn der Nitzer Ebb-Sänger heutzutage fast auf jeder zweiten Electro-Platte auftaucht: Es muss schon eine gewaltige Genugtuung für Naghavi gewesen sein, endlich den Mann verpflichten zu können, dem er 1987 als Teenie im Depeche Mode-Vorprogramm zujubelte und den er 1992 im Song "Techno Man" liebevoll veralberte.

Das resultierende "The End Of Your Life" aus der Feder Naghavis ist jedoch eine leider fast unscheinbare Ballade, in der der And One-Chef seinen Gast wenigstens nicht noch begleitet, der Klassenunterschied zu McCarthys Organ wäre einfach zu deutlich. "S.T.O.P." liegt in der Limited Edition noch die "Treibwerk EP" bei, die mit "Get It!" eine zweite McCarthy-Koop beinhaltet, die wohl zur Freude der meisten Fans auf beinharte Tanzflächenvibration angelegt ist.

Steve Naghavi mag seinen Ruf als Band-Diktator nach den jüngsten Abgängen von Ruiz und Langzeitmitglied Gio van Oli mal wieder untermauert haben. In musikalischer Hinsicht scheint er weiterhin einer Vision zu folgen. Dass die auch abseits immergleicher BPM-Stakkati stattfindet, ist begrüßenswert.

Trackliste

S.T.O.P.

  1. 1. Shouts Of Joy
  2. 2. Killing The Mercy
  3. 3. Memory
  4. 4. You Without A Me
  5. 5. Don't Get Me Wrong
  6. 6. Aigua
  7. 7. S.T.O.P. The Sun
  8. 8. The 4
  9. 9. Back Home
  10. 10. Everybody Dies Tonight
  11. 11. The End Of Your Life
  12. 12. No Words

Treibwerk EP

  1. 1. Get It!
  2. 2. H.A.T.E.
  3. 3. One And
  4. 4. My Mission
  5. 5. Low (feat. Eskil Simonsson/Covenant)
  6. 6. Dark Heart

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