laut.de-Kritik

Das Inferno lauert im Hintergrund.

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Als "getrieben von Psychosen" beschreibt Vincent Cavanagh den Entstehungsprozess des elften Anathema-Albums. Dann lacht er, meint seinen Satz aber wohl nur halb im Scherz. "The Optimist" macht zwar besonders gegen Ende seinem Titel alle Ehre, auf dem Weg dorthin verarbeiten Anathema aber so düstere Klänge wie lange nicht mehr.

Das Konzept des Weges ist durchaus wörtlich zu nehmen. Erinnerungen an Queens Of The Stone Ages "Songs For The Deaf" kommen hoch, wenn zu Beginn der Platte ein Protagonist (der titelgebende "Optimist") durch sein Autoradio zappt, um den Soundtrack für die bevorstehende Fahrt auszuwählen. Schließlich bleibt er bei Anathema hängen. Es wird nicht die letzte Anspielung auf die eigene Vergangenheit sein, die die Band auf "The Optimist" anbringt. Tatsächlich ist das gesamte Albumkonzept eine Rückbesinnung: Die Frage danach, was mit dem Besitzer des leerstehenden Autos auf dem "A Fine Day To Exit"-Cover geschah, befeuerte diesmal die Kreativzellen Daniel Cavanaghs.

Statt Selbstmord zu begehen, entschließt sich der Protagonist, einen kompletten Neuanfang zu wagen – oder, je nach Perspektive, vor seiner Vergangenheit davonzulaufen. Anhand der Klangkulisse "The Optimist" lässt sich diese Reise nachvollziehen. So widmet sich sich die erste Hälfte der Fahrt an sich: Gestartet in San Diego ("32.63N 117.14W") geht es über "San Francisco" die Westküste entlang. Mit großzügigem Elektronik-Einsatz verfolgen Anathema hier die in den letzten Jahren eingeschlagene Richtung weiter. Zwar herrscht Melancholie, doch der Hoffnungsschimmer schwingt stets zwischen den Noten mit. Vincent Cavanagh eröffnet mit den Worten "Let go of everything inside – we'll make everything inside alright" ("Leaving It Behind"), Lee Douglas beschwört in "Endless Ways", nicht aufzugeben, verspricht Besserung ("Hold on") durch einen selbst realisierbaren Traum: "The dream I'm creating". Diesen Geist transportieren Anathema auch in der Musik.

Doch angekommen in "Springfield" schlägt der bislang zum Weiterziehen motivierende Optimismus plötzlich in Zweifel um: "How did I get here? / I don't belong here". Was, wenn der ersehnte Abschluss sich doch nicht durch Weglaufen von alleine ergibt? Die Fragen kulminieren in einer tonalen Panikattacke, die die Band in post-rockigen Tremolosalven ausdrückt. Rennen ist keine Option mehr, ab sofort steht die innerliche Aufarbeitung im Vordergrund. Im jazzigen Besinnungsmoment "Close Your Eyes" (mit Posaune) scheint sdamit sogar beinahe Frieden einzukehren. Doch dann grätscht "Wildfires" dazwischen und reißt in einer aufreibenden Krise noch einmal alles nahe den Abgrund. Daniel Cavanagh selbst sorgt zu Beginn des Tracks für unheimliche Vokalrepetition, später ist es John Douglas, der mit brachialen Trommelwirbeln alles in Flammen aufgehen lässt.

Hier macht sich besonders bemerkbar, wie hervorragend das Album produziert ist. Gerne warf man Anathema auf jüngeren Werken vor, zu glatt zu polieren. Dass "The Optimist" davon weit entfernt ist, beweisen nicht nur die übergreifend eingesprengten Field Recordings und Hobo-Acoustics im Rausschmeißer "Back To The Start", sondern vor allem besagter "Wildfires"-Drumpart. Denn statt mit einem Knall alles hinwegzufegen, spielt sich das angesprochene Inferno eher im Hintergrund ab. Statt mächtig, aber vielleicht auch etwas plump ganz vorn im Mix reinzukrachen, schleicht sich John Douglas erst an – man sieht, wie sich das Feuer langsam ausbreitet und heranrollt. Aus sicherer Distanz beobachtet der Protagonist (und damit auch der Hörer) wie der Brand unaufhaltsam alles hinwegrafft – fasziniert und fassungslos zugleich. Es ist ein klangliches Raumerlebnis par excellence.

Erst dieser "Wildfires"-Kahlschlag ermöglicht es, "Back To The Start" als erleichternde, euphorische Hymne zu inszenieren. Es ist kein Rückschritt, sondern ein Befreiungsschlag, wenn das Auto schließlich wendet und in die erst gefürchtete, nun ersehnte Heimat zurücksteuert. Das Bild, das die Band mit "Back To The Start" zeichnet, ist das der Fahrt aus einem Tunnel hinaus in lichtüberflutetes Idyll. Nach aller Dunkelheit endet "The Optimist" doch noch im Glückszustand.

Tritt man einen Schritt von der Soundtrack-Erfahrung zurück und betrachtet die Stücke für sich genommen, kommt man jedoch nicht umhin, zuzugeben, dass "The Optimist" auch ein paar Durchhänger aufweist. "Ghosts" etwa dümpelt gleichförmig vor sich hin; Lee Douglas fehlt dann doch etwas der Ausdruck, um die bloße Ambient-Kulisse intensiv zu gestalten. Dem Instrumental "San Francisco" hätte mehr als ein Grundpattern sicherlich gut getan – fünf Minuten lang dasselbe Klavierarpeggio ist schlicht etwas wenig Abwechslung.

Dass eine gewisse Dosis Repetition zum Anathema-Sound dazugehört ist nichts Neues, doch bei Tracks wie "Leaving It Behind" und "Can't Let Go" liegen Stilmittel und Ideenmangel (bzw. Langeweile) bisweilen nicht sonderlich weit auseinander. Hier steckt das Album im Vergleich zum Vorgänger "Distant Satellites" klar zurück.

In einem Punkt allerdings haben Anathema absolut nichts von ihrer Stärke eingebüßt: Kaum jemand arrangiert so raffiniert wie die Gebrüder Cavanagh. Paradebeispiel für das instrumentale Jonglieren mit Melodien ist der Titeltrack "The Optimist", dessen ungerades Hauptthema im Verlauf seiner fünfeinhalb Minuten alle möglichen Stadien durchläuft, im Tempo variiert, mal mit wohl dosierter Schlagzeugunterstützung abhebt, dann verebbt, um Kraft zu schöpfen für die Weitergabe des Staffelstabs an Gitarre und Streicher, die dann zum großen Finale ansetzen. Wenn dann noch im Mix schwebend der bandtypische Leadgitarrensound erklingt, ist es ums Fanherz geschehen.

Solche Momente bietet "The Optimist" zuhauf, wenn man denn bereit ist, sich in die auf den ersten Blick zunächst etwas hermetisch erscheinenden Kompositionen zu versenken. Denn diese lassen sich nicht nur aus einem Blickwinkel betrachten – ändert man seine Perspektive zu "San Francisco" etwa geringfügig und konzentriert sich auf die Konstruktion des Stücks, wie sich Baustein um Baustein in das Puzzle fügt, gerät auch dieser zu weit mehr als nur einem monotonen Pattern mit ein paar schmückenden Girlanden. Für den einfachsten Einstieg in die Exkursion "The Optimist" sorgt die Soundtrack-Ebene des Albums. Also plant am besten schon mal die nächste einsame, nächtliche Autofahrt. Ein paar Liverpooler würden euch nämlich sehr gern begleiten.

Trackliste

  1. 1. 32.63N 117.14W
  2. 2. Leaving It Behind
  3. 3. Endless Ways
  4. 4. The Optimist
  5. 5. San Francisco
  6. 6. Springfield
  7. 7. Ghosts
  8. 8. Can't Let Go
  9. 9. Close Your Eyes
  10. 10. Wildfires
  11. 11. Back To The Start

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15 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 20 Tagen

    Konzeptuell sehr interessant, musikalisch etwas repetitiv, aber wie immer mit großartigem Händchen für Arrangements. Produktion bläst weg. Selbst Bergers Rezension taugt. Gehört 4/5

  • Vor 20 Tagen

    Bei Anathema war ich immer schon froh dass mich ein repitiver Sound nicht im geringsten stört (ganz im Gegenteil, gefällt mir meistens sogar wenn gut umgesetzt), daher muss ich mal sehen wie sich der Negativpunkt für mich auswirken wird, das Album klingt vom Konzept her jedenfalls äußerst interssant, ich freu mich wenn das Album bei mir ankommt, trotz der Leaks hab ich mir bisher nur "Springfield" angehört, das hat mir gut gefallen.

  • Vor 20 Tagen

    So stark hat man Anathema lange nicht gehört. Vorzügliches Album mit Emotionen en masse und einer fantastischen Produktion :)

  • Vor 16 Tagen

    ich hielt es nicht mehr für möglich. aber endlich schicken anathema mich wieder auf eine reise, die nimmer enden soll. alles ist viel näher beim zuhörer, weil anathema dieses mal nicht mehr immer noch einen und noch einen drauf setzen wollen, um künstlich eine maximale emotion zu erzeugen, die man einfach nicht mehr nachvollziehen kann. stattdessen schickt mich das album musikalisch und gesanglich angenehm reduziert auf eine reise, die durchaus ins unbewusste eindringt und mir bisherige stationen meines lebens vergegenwärtigt und zugleich die frage aufwirft, wo ich stehe und wohin ich mich bewegen möchte. ist durchaus länger her, dass ich sowas ner band bescheinigen konnte. zu dieser reise trägt die relativ luftige, vitale, nicht mehr so fürchterlich schwer atmende instrumentierung bei, auch dank des dezenten einsatzes elektronischer musik. und die songs wirken viel besser zusammen als ichs gewohnt bin von ihnen, natürlich dem gedanklichen konzept geschuldet, das man als hörer drauf stülpt, aber wohl auch als ergebnis guten songwritings.
    ich glaube endlich wieder an anathema, danke :)

  • Vor 16 Tagen

    ich erinnere mich, dass ich judgement, a fine day und alternative nicht soo schlecht (lies: für minusmenschliche und schwerst homosexuelle prog-scheise recht gut) fand. dann sehe ich bei den kommentaren 8 poster denen ich mein dick in den hals rammen und anschließend verprügeln will :frapp: das wars dann wohl mit anathema. ach ja, meine große liebe hat sich deren lyrics in die beine geritzt... das wars dann

    aber

    :kiss: @ toni und mila

    • Vor 16 Tagen

      wirkst ziemlich verkrampft/gestresst. anathema tunkt deinen dick in warme schokoladensoße, schön beruhigend ;) nur keine falschen assoziationen bitte, in deinem permenanenten kampfmodus.

  • Vor 15 Tagen

    meine Hose ist jetzt schon nass - bevor ich auch nur einen Ton gehört habe ...