laut.de-Kritik

Rrra ist das neue Bla.

Review von

Wäre es unfair, statt einem neuen Text einfach die Review von "Jibrail & Iblis" noch einmal zu posten? Ersetzt halt die Song- und Albentitel, im Grunde steht jeder einzelne Punkt wie gehabt.

Es hat sich mehr oder weniger zu einem Klischee entwickelt, Samra und so ziemlich jedem einzelnen seiner Songs zu unterstellen, aus irgendeiner Zusammensetzung der Themen Selbsthass, Mama, Suff und Kippen zu bestehen. Und diese Witze machen sich so einfach, weil sie schlicht wahr sind. Es passiert nicht viel im Hause Samra, außer dass dieses neue Album noch depressiver und noch pechschwärzer klingt als das letzte. Man könnte es schon fast als eine Art Konzeptalbum über Sucht und Verzweiflung lesen. Wäre es nicht so aggressiv monoton, dass einem das Hirn schmilzt.

Der Mann muss wirklich eine der größten Stätten für Talentvergeudung diesseits des Atlantiks sein. Wenn er nämlich mal in Fahrt ist, haut er richtig raus. Wenn der erste Verse des Openers "Rohdiamant" einsetzt, schlägt er ein wie ein Dämon, hungrig, zähnefletschend, ein Flow und Stimmeinsatz, der durch Mark und Bein geht. Auch seine Schilderungen von Alienation und Abgeschottetheit trotz Ruhm und Reichtum auf Songs wie "SMS" und "Der Letzte Tag" schneiden bisweilen tief. Nur sind damit alle seine Kompetenzen in drei Songs abgehandelt. Die restlichen achtzehn sind dasselbe, nur schlechter.

Man könnte folgenden Hot Take aufstellen: Samra hat sehr viele sehr gute, bisweilen großartige Verses. Aber er hat möglicherweise bisher nicht einen durchgehend guten Song. Seine große Schwäche bleibt auch auf "Rohdiamant" seine Mutlosigkeit und das offensichtliche Verlassen auf vorgefertigte Muster und Produzenten. Fast jeder Aspekt der Musik scheint darauf zu warten, dass ein anderer die Arbeit macht. Die Texte klingen, als wären sie auf den Flow geschrieben, die Flows warten auf potente und groovende Beats und die Beats klingen, als solle man auf den Text achten. Und so geht das dann fast eine Stunde lang.

Die Produktion aus dem Hause Lukas Piano wird einmal mehr dem Namen gerecht. Der Mann lässt Pathos und Drama aufleben, da sind bisweilen sehr reiche und pompöse Arrangements auf der Platte, die aber mangels richtigem Groove nie so richtig abheben. Oft krankt die Produktion an dem Kollegah-Syndrom von gigantomanischer, geschmackloser Opulenz, die die größtmöglichen Gefühle mit der kleinstmöglichen Nuance aufbauen will. Da stimmt auch Samra mit ein, der genau eine Delivery durch all seine Verses peitscht, zumeist auch mit dem selben Reimschema.

Nach 21 Songs grast es sich nämlich so komplett ab, wenn er seine Doppelreim-Stapel in jeden Part klemmt, als würde das ab und zu zusammengezweckte Film-Referenzieren von seinem im Kern aus 50 Vokabeln bestehenden Grund-Begriffspool ablenken. Richtige Knüller kommen textlich immer dann besonders zur Geltung, wenn er in Sachen Melodrama keine Sekunde vom absoluten Gewittersturm-Hans-Zimmer-Zeitlupen-Wuuuusch-Modus ablässt, dabei aber mit verzweifeltster Tonlage Sachen sagt wie "Mein Leben ist geschrieben / Nach der sechs kommt die sieben". Genial, Graf Zahl ist Fan. Oder Vierzeiler wie der hier: "Kennst du das, wenn du ein'n Traum hast / Und jeder da draußen dich auslacht? / Kennst du das? Kennst du diesen Schmerz? / Du liebst sie so sehr, doch sie bricht dir dein Herz" dazu diese Atmosphäre, so subtil wie eine "Mitten Im Leben"-Montage zu "Apologize" von OneRepublic.

Dass er nur auf den selben Beats rappt, stimmt dieses Mal aber nur für fast alle Songs. Immerhin für gleich zwei Nummern holt er sich Inspiration aus dem EDM-Lager. "Diebe" und "Lost" machen House-Crossover mit phänomenal schmalzigen Hooks und noch seichterem Inhalt, besonders Letzterer trimmt Samras üblichen Stoff auf einen Billo-House-Beat mit maximal generischem Groove und "Tom's Diner"-Gedenkdrop. Es ist mangels Konkurrenz ein Highlight des Albums.

Nicht so spannend klingt dagegen sein Tupac-huldigender Feature-Song mit seinem neuen Artist Ano, dem möglicherweise ersten Maskenrapper, der so egal ist, dass man nicht mal wissen möchte, wer daruntersteckt. Und vor allem: Mit euren Tupac-Vergleichen kommt ihr nicht sehr weit, wenn dieses sperrige Autotune-Gejaule im Refrain euer Nate Dogg ist.

Ach, Mensch, ist das alles schon wieder negativ. Dabei hätte ich mir echt gewünscht, dieses Mal so richtig Respekt an den Kerl geben zu können, der ja eigentlich könnte, wenn er doch nur ein paar Entscheidungen bei der Album-Arbeit renovieren würde. Dass er ein handwerklich irre guter Rapper ist, das leugnet ja auch keiner und auch unsympathisch wirkt er in der Regel nicht. Wenn all die Dämonen und der Weltschmerz, von denen er rappt, auch nur im Ansatz echt sind, möchte man ihm darüber hinaus auch nur das Beste wünschen.

Aber diese Platte hat so fundamentale Probleme, sich neuen Ideen und musikalischem Wachstum zu stellen, dass man in den immer wieder mit den gleichen Schemata angesetzten Songs spürt, wie die Arbeit in den eigenen Klischees versandet. Stand jetzt nimmt der "Rohdiamant" nämlich ein ganz gutes Songkonzept und rammt es über eine viel zu lange Laufzeit in den siebten Höllenkreis der Langeweile.

Trackliste

  1. 1. Rohdiamant
  2. 2. Augen Überall (feat. Ano)
  3. 3. Diebe
  4. 4. Keine Liebe
  5. 5. Kennst Du Das ?!
  6. 6. Ein Allerletztes Mal
  7. 7. Mon Frére
  8. 8. Mi Amor
  9. 9. Im Vorbeifahren
  10. 10. Chaje (feat. Bozza)
  11. 11. Leben Und Leben Lassen
  12. 12. Feuer, Gold & Blei
  13. 13. Lost (feat. TOPIC42)
  14. 14. Zeichen
  15. 15. SMS
  16. 16. Star
  17. 17. Goldjunge
  18. 18. Rausch
  19. 19. Von Der Wiege Bis Ins Grab
  20. 20. Was Dann?
  21. 21. Der Letzte Tag

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4 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 3 Jahren

    Monoton trifft es gut. Ich gab diesem Kassenschlager mal eine Chance, sich auch in meinen Ohren zu beweisen, da Berlin Lebt 2 meiner Meinung nach zwar nicht wirklich gut, aber stellenweise unterhaltsam gewesen ist. Und ja, ich habe bis zu Track 7 aufmerksam durchgehört, danach nur noch geskippt und reingehört, weil sich absolut wenig tut auf diesem Projekt. Eine EP hätte es genauso getan.

    Es ist nicht so, dass die Tracks allesamt besonders schlecht sind, "Kennst Du Das!?" war z. B. ein kleiner Ohrwurm, nur ist diese Depressionsnummer halt nach fünf Tracks früh ausgelutscht, wenn immer dieselben Phrasen über Erfolg, Drogen und der eigenen Mutter kommen. Es ist fast so, als würde Samra mit einer Checkliste im Studio hocken und wehe eines dieser Elemente kommt nicht in dem produzierten Lied vor.

    Wirklich gut Texten kann er am Ende auch nicht, schließlich gibt es bereits zahlreiche Alben aus allen Genres, die mit seinen Themen wesentlich besser umgehen und es auch hinkriegen, das ganze unterhaltsam und abwechslungsreich zu gestalten.

  • Vor 3 Jahren

    Kennst du einen Track, kennst du alle. Früher ziemlich interessant und vorallem wirkte auf mich auch immer hungrig. Mittlerweile Musik für kleine Mädchen.

  • Vor 3 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.