12. April 2021

"Manches muss unmissverständlich sein"

Interview geführt von

"Mäd Love" ist mit Tracks über seine Beziehung zu sich selbst und zu seinen Mitmenschen nicht nur das erwachsenste, sondern auch das intimste Album in Mädness' Diskografie.

Auf seinem neuen Album präsentiert Mädness zehn Songs, gefüllt mit Momentaufnahmen aus guten und schlechten Phasen, die nicht nur für das Publikum eine Identifikationsfläche, sondern auch für ihn selbst eine Hilfestellung für kommende schwere Zeiten bieten sollen. Wir haben mit ihm über Self-Care, sein persönliches Mantra und ein überraschendes Album-Outro gesprochen.

Am 16. April erscheint "Mäd Löve" – relativ eindeutig ein Album über Menschlichkeit, Beziehungen, Selbstheilung. An den meisten Stellen aber auf eine sehr bedrückende, traurige Art und Weise, wie ich finde. Wie passt das zur Liebe im Albumtitel?

Liebe ist ja eigentlich alles, auch Traurigkeit. Das steckt da ja alles mit drin, jeder von uns war schon einmal wegen Liebe traurig und auch euphorisiert – deshalb auch das "Mäd" zu dem "Löve".

Stand der Name denn von Anfang an fest oder hat der sich erst mit der Zeit ergeben?

Der ist einfach so aufgeploppt. Ich hatte erst einmal gar nicht den Plan, überhaupt ein Album zu schreiben, aber dann war es einfach irgendwann da und der Titel war dann auch sofort da, einfach weil das alles so schlüssig war und sich ableiten ließ. Da gab es zu keinem Zeitpunkt größere Überlegungen – irgendwie ganz gesund diesmal.

So ähnlich scheint es dir ja auch beim Schreiben des Albums gegangen zu sein. In einem Instagram-Post erzählst du, kein Album wäre dir jemals so leicht gefallen. Nur zwei Monate hast du an den Texten gesessen. Überraschend, bei so einem persönlichen Album, oder nicht?

Ich weiß nicht, ob das an der Pandemie hing, die zu dem Zeitpunkt auch gerade erst gestartet hatte, weil dann plötzlich kein Druck mehr da war. Es ist ja alles weggefallen – keine Konzerte, keine Aufgaben, alle Pläne für 2020 waren einfach gecancelt. Das hat mich irgendwie total befreit und dann hab ich gedacht: "Na gut, wenn du jetzt nichts machen musst, dann hock dich doch einfach mal hin". Ab dem Moment ging das Schlag auf Schlag.

Das Thema Songwriting thematisierst du ja auch auf dem Album. Auf "2 Cent" sagst du, dass du keine 100 Songs im Jahr schreibst, weil 90 davon dann schlecht wären. Am Ende des Tages hat "Mäd Love" auch genau zehn Tracks. Hast du nur die geschrieben und die waren es dann?

Zwei Songs mehr habe ich geschrieben tatsächlich. Die haben sich inhaltlich aber gedoppelt mit dem, was schon auf dem Album war. Deshalb hab ich auch diese Zeile mit den zehn Songs geschrieben, wären die zwei Songs auf dem Album gelandet, hätte ich das auch so geschrieben. Was ich damit aber eigentlich sagen will, ist, dass ich mich nicht so dieser Geschwindigkeit hingeben will, was das Singles und Tonträger releasen angeht. Andere können ja machen, was sie wollen und das kann dann auch ein anderes Ergebnis haben, aber ich glaube, dass man sich Zeit lassen sollte, gerade für so persönliche Sachen. Klar, wenn das jetzt wie bei mir so schnell passiert, cool. Aber selbst dann sollte man sich Zeit lassen für die Bearbeitung und das Ausproduzieren. Aber ich will nicht in einen Zwang geraten, immer abliefern zu müssen, ich will das selbstbestimmt machen. Durch höhere Frequenz des Releasens wird die Mucke ja nicht besser.

Du hast gerade selbst die Bedeutung des Ausproduzierens betont. Wie kann ich mir diese Phase vorstellen? Einerseits hast du ja selbst produziert, dann haben aber auch die Jungs von Tribez ihren Teil dazu beigetragen.

Ich habe überwiegend Loops gehabt oder halt fertige Beats von Produzenten. Mit diesem Grundgerüst sind wir dann zu den Tribez und haben das umkomponiert, größer gemacht, B-Parts produziert und sonst was. Einfach, damit wir flexibler sind, was die Beats angeht, eben weil die meisten auf Samples basieren. Der Grundgedanke war einfach, das schön auszuarbeiten, was schon da ist und das dann aber nach außen auch auszuspielen. Dazu bieten sich ja auch die ganzen Grafiken an. Ich wollte, dass das alles so aus einem Guss kommt. Und vor allen Dingen, dass man das dann auch drei Monate lang ziehen kann und nicht nach einer Woche und drei Bildern auf Instagram sagt "Übrigens, das Album kommt".

Stimmt, wenn man durch deine Posts scrollt, sieht man schon, wie gut die Ästhetik sich da streckt. Aber im Sound ja auch, beim ersten Hören sind mir vor allen Dingen die häufig eingebauten weiblichen Vocal-Samples aufgefallen.

Genau, das ist eines von diesen Elementen. Das war mir wichtig.

Um mal zum Inhalt zu kommen: Wie schon gesagt, "Mäd Löve" ist ein sehr erwachsenes und persönliches Album über gescheiterte Beziehungen und den Versuch, irgendwie mit sich selbst in Einklang zu kommen. Viele intime Problematiken sprichst du sehr offen an. Ist da irgendwo noch ein Stück von der Kunstfigur "Mädness" oder ist das wirklich 100% Marco?

Ich glaube, so ein kleiner Rest der Kunstfigur ist da immer drin. Sonst wird das zu intim, ein paar Geheimnisse will man sich ja noch behalten. Ganz gläsern will niemand sein, deshalb ist da schon noch eine gewisse Grenze zu mir als Marco.

"Es wird immer Zeiten geben, wo man vergisst, wie es war, als es einem gut ging. Das ist alles ein Auf und Ab."

Du bist aber trotzdem sehr ehrlich und gibst viel von dir preis. Der Song "Klar" beispielsweise thematisiert explizit deine vergangenen Erfahrungen mit Alkoholismus. Ich stelle mir das schwierig vor, über so tiefgehende, private Themen öffentlich zu sprechen. Selbst beim Zuhören fühlt sich das so hart an.

Das ist ja gut, dass du das als hart empfindest, so soll das auch sein. Solche Themen zu glorifizieren und abzuschwächen würde daraus ja einen ganz anderen Song machen. Natürlich hab ich das dann auch versucht, ein bisschen zu übersteigern und einen Moment herauszugreifen, der wirklich hoffnungslos war. Der Track beschreibt halt genau diesen einen Moment, aber nicht eine gesamte Geschichte dahinter.

Dafür gibt es im Kontrast ja auch sehr hoffnungsvolle Stellen auf dem Album, die danach klingen, als wärst du auf einem guten Weg mit dir selbst. "Handbremse" hast du geschrieben, um dich selbst daran zu erinnern, dass es okay ist, Pause zu machen, durchzuatmen und sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Hast du diesen Ratschlag an dich selbst denn auch genutzt für die Albumproduktion?

Zu dem Zeitpunkt, als ich das alles geschrieben habe, hab' ich tatsächlich die Handbremse gezogen. Ich weiß aber, wie ich bin und dass diese Handbremse auch ganz schnell wieder gelöst werden kann. Deshalb hab' ich da diese Erinnerung für mich verpackt, genau wie auf "Mantra". Das ist auch so ein "Erinnere dich daran, was du gedacht hast, als es dir besser ging"-Track, der auf die Sprünge helfen soll, was einem eigentlich gut tut. Es wird immer Zeiten geben, wo man vergisst, wie es war, als es einem gut ging. Das ist alles ein Auf und Ab. Wenn man mal Sport gemacht hat - für drei Wochen fühlt sich das ganz geil an. Nach der vierten Woche, wenn man dann Pizza essend vor dem Fernseher hockt, weiß man das nicht mehr.

Also spielt das Album eher mit guten und schlechten Momenten, die man so erlebt, anstatt von langanhaltenden Phasen, wie man jetzt an diesen Songs merkt.

Auf jeden Fall. Zu dem Song "Klar" noch mal, der ist ja ein situativer Ausschnitt. Es gibt aber auch noch den Gegen-Song auf dem Album, "Endlich wieder". Das ist der helle Moment in dem ganzen Problem, nämlich das Losgelöst Sein von Lastern und einfach dieses Gefühl von einem freien Leben. Ein Leben, das man sich selbst gestaltet, ohne substanziellen Einfluss. Das ist eben genauso eine Momentaufnahme, wenn man so will.

Ich bin mir noch unsicher, was genau für einen Moment du auf "Mantra" beschreibst. Da trägst du drei Mal ein Mantra vor. Deine Anleitung für ein gutes Leben, könnte man sagen. Bei der dritten Wiederholung fadet deine Stimme langsam aus und der Beat läuft im Loop weiter. Was war die Intention dahinter?

Der Grundgedanke für diesen dritten Teil war tatsächlich, dass ich hoffe, dass jemand das auch so sieht. Durch dieses Wiederholen prägt man sich das ja ein. Wenn dann nur noch der Beat da ist, kann man das dann schon so mitrappen und sich das selbst vorbeten. So, dass aus dem Song quasi das eigene Mantra wird. Ich weiß nicht, ob das funktioniert, aber das war zumindest der Gedanke.

Ich bin da glaube ich zu pessimistisch ran gegangen. Ich dachte tatsächlich, du willst damit zeigen, dass man sich solche Ideale teilweise immer wieder einredet, obwohl man gar nicht dran glaubt und sich dann immer weiter was vorspielt, solange bis man das aufgibt.

Das ist vermutlich schon oftmals das Ergebnis. So ist das halt, man betet sich tausend Mal solche Sachen vor, auch in Alltagssituationen. Man sagt sich, man will nicht mehr auf eine gewisse Art und Weise reagieren, und dann tritt eine Situation ein und man verhält sich entgegen seiner Ansprüche doch wieder genau so, wie man nicht mehr wollte. Einfach, wenn man so vor den Kopf gestoßen ist.

Und wie ist das bei dir mit dem Mantra, das du in dem Song predigst? Lebst du da wirklich nach oder ist das auch mehr so ein Wunschdenken?

Ich steh da natürlich hinter dem, was ich geschrieben habe. Das hätte ich gerne. Ja, schon so eine Art Wunsch, dass das alles so funktioniert und dass ich das so umsetze, wie ich es da sage. Probleme hab ich da aber trotzdem mit. Genau deshalb muss ich mich da selbst auch immer wieder dran erinnern. Auch deshalb diese Wiederholungen, für mich selbst.

"Das ist gerade eine Zeit, wo man sich einfach positionieren muss"

Nachdem das Album dich von diesen persönlichen Seite zeigt, beendest du das Album ziemlich überraschend. Der vorletzte Track klingt so unfassbar passend für das Ende des Albums und dann startet "Mittelfinger". Um es ganz einfach runterzubrechen, ein Song, mit dem du dich gegen Faschisten, Nazis und co. positionierst. Warum hast du dich dafür entschieden, für das Outro noch einmal eine ganz neue inhaltliche Ebene aufzumachen?

Das ist noch im Sommer letzten Jahres passiert, als Diskussionen rund um Black Lives Matter und diese Thematiken aufgekommen sind. Mich hat da so viel wütend gemacht, dass es da immer noch Diskussionen gibt über bestimmte Dinge. Diese Wut wollte ich in einem schönen Arrangement haben, es sollte erst einmal nicht danach klingen, was es tatsächlich ist. Aber im Großen und Ganzen geht es ja auch bei dem Thema um zwischenmenschliche Liebe, einfach auf andere zu achten. Wenn jemand beispielsweise sagt, er nimmt ein bestimmtes Wort als Beleidigung hin und will nicht mehr, dass ich das sage, dann muss ich mich diesem Problem annehmen und diesen Wunsch ernstnehmen. Alles was da drauf aufbaut, ist so ein riesen Berg, wenn man sich damit beschäftigt. Das macht unwahrscheinlich wütend, selbst mich aus einer Position raus, wo ich gar nicht betroffen bin. Ich bin ein heterosexueller, weißer Mann und selbst mir geht das schon so sehr auf die Eier. Einfach diese Erfahrungen, von meinen Freunden und Freundinnen, die ich da sehe. Ich will gar nicht wissen, wie das ist, wenn man betroffen ist. Deshalb wollte ich da ein ganz klares Zeichen setzen, auch so plakativ in der Hook mit diesem Mittelfinger-Symbol. Solche Themen müssen unmissverständlich sein. Auch für Leute, die Konzerte von uns besuchen oder halt einfach nur unsere Mucke hören. Denen muss klar sein, dass es da keine Hintertür gibt für die, falls die anderer Gesinnung sind. Wenn das so ist, können die gerne zuhause bleiben. Das ist ein Grund für mich zu sagen, jemand ist auf meinem Konzert nicht erwünscht, wenn er das anders sieht.

Da bin ich bei dir, aber ich würde mal behaupten, auf deinen Konzerten tummeln sich in der Regel sowieso nicht wirklich Leute aus dem rechten Spektrum, oder? Auch ohne die Single wusste man ja, wo du politisch stehst.

Ja, das stimmt schon, aber man weiß es ja nicht genau. Du kannst ja nicht in die Köpfe reingucken. Da will ich einfach auf Nummer sicher gehen. Und ganz abgesehen davon, war es mir allgemein wichtig, mich explizit zu positionieren. Das ist gerade eine Zeit, wo man sich einfach positionieren muss, man sollte momentan einfach nicht schweigen.

Noch ein kleiner Ausblick in die Zukunft: Im Video zu "Wir haben Recht behalten" gibt es eine Szene, in der du mit Döll gemeinsam im Fahrstuhl stehst, an die Wand ist "IUMB 2" getaggt. Ist das ein Hinweis, dass da bald nach deinem Solo-Album schon wieder das nächste Release schlummert?

Das ist manchmal schon echt Wahnsinn, was in Fahrstühlen für Tags sind, oder? Und was für Botschaften dann da drin noch versteckt sind, die sich vermutlich einfach in Zukunft bestätigen werden, wahnsinnig.

Das lass ich mal so stehen, aber dann jetzt nicht das eigene Mantra vergessen und nach dem Album direkt wieder weiterschuften.

Ne ne, mach ich nicht. Also, ich versuch's.

Egal was als nächstes kommt, ich bin gespannt, auf welche Ebene du dich als nächstes begibst. Persönlicher und erwachsener als jetzt gerade geht's ja schon mal nicht mehr wirklich.

Ich find's auch spannend und weiß ja auch noch nicht so richtig, wie's jetzt weitergeht. Wenn man das, was man schreibt, sich so ein bisschen auf sein Leben überträgt – und das ist ja mein Ziel, zu verinnerlichen, was ich da schreibe – dann ist das ja immer ein Prozess. Ich bin wirklich gespannt, wie der sich entwickelt. Hoffentlich ist es so weit, dass man halt einfach bald gar nichts Persönliches mehr zu erzählen hat, weil man an einem Punkt angelangt ist, wo man so glücklich mit sich selbst ist, dass man nur noch drüber schreibt, dass man Eis essen geht. Aber eigentlich glaube ich, dass sowas nie aufhört. Das Leben ist halt so. Nächste Woche kommt wieder der nächste Schicksalsschlag und zack, da hast du den nächsten traurigen Song. Nicht, dass ich unbedingt traurige Songs schreiben will, aber man kann's halt nicht so beeinflussen. Aber das finde ich auch spannend.

Was sagt denn dein aktuelles Bauchgefühl, wie diese emotionale Tiefe und persönliche Ebene von Fans aufgegriffen werden?

Schwer zu sagen, aber ich habe das Gefühl, dass wir so ein bisschen an einer anderen Hörerschaft kratzen. Gerade mit der ersten Single mit Mine zusammen hatte ich schon das Gefühl, Leute anzusprechen, die sonst auch nicht nur zu hundert Prozent Rap hören. Vorher hatte ich glaube ich ausschließlich so eine Rap-Hörerschaft. Das finde ich aber voll schön, ich höre ja selbst auch nicht nur Rap sondern bewege mich gerne auf anderen Feldern.

Zurecht. Das Album bringt ja auch hier und da Elemente mit sich, die nicht so auf der Rap-Schiene festgefahren sind, da ist es ja auch nur fair, wenn neue Sounds auch neue Leute mit sich bringen.

Ja voll! Vor allen Dingen freue ich mich über Leute, die so eine schlechte Denke über Rap hatten, weil sie denken, es gibt nur eine Art von Rap. Aber das liegt natürlich auch da dran, wie sehr man sich, was das angeht, bemüht. Fakt ist, es gibt schweineviel guten Rap, der jegliche Themen behandelt, wo man sich wiederfinden kann.

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1 Kommentar

  • Vor einem Monat

    "Wenn jemand beispielsweise sagt, er nimmt ein bestimmtes Wort als Beleidigung hin und will nicht mehr, dass ich das sage, dann muss ich mich diesem Problem annehmen und diesen Wunsch ernstnehmen."

    Auf welcher Ebene? Von Angesicht zu Angesicht? Gesellschaftlich? Unter Fremden? Unter Freunden?
    Und welches Wort meint er? Jedes Schimpfwort?

    "Das macht unwahrscheinlich wütend, selbst mich aus einer Position raus, wo ich gar nicht betroffen bin. Ich bin ein heterosexueller, weißer Mann und selbst mir geht das schon so sehr auf die Eier."

    Schön nah am Zahn der Zeit. Mega krass, dass er trotz dieser denkbar schlechtesten Voraussetzungen Empathie für andere Menschen aufbringen kann, die unter rassistischen oder sexistischen Anfeindungen leiden müssen. Woke-Level über 9000.

    "Da bin ich bei dir, aber ich würde mal behaupten, auf deinen Konzerten tummeln sich in der Regel sowieso nicht wirklich Leute aus dem rechten Spektrum, oder?..."

    "Ja, das stimmt schon, aber man weiß es ja nicht genau. Du kannst ja nicht in die Köpfe reingucken. Da will ich einfach auf Nummer sicher gehen."

    Was für ein Clown. Hauptsache wütend und empört und ganz laut dagegen, damit auch jeder mitbekommt, was für ein Gutmensch man ist.