laut.de-Kritik

Jetzt mit deutschen Texten? Mehr davon!

Review von

Dass eine Band beim achten Album plötzlich ihre Singsprache ändert, passiert nicht allzu oft. Aber gut, Itchy änderten schließlich auch noch beim siebten Album ihren Namen ... jetzt also auf Deutsch, und ihren Sound erneuern die Schwaben gleich mit. So druckvoll, experimentierfreudig und bestimmt wie auf "Ja Als Ob" hat man Itchy bis dato noch nicht gehört.

Das Motto erklingt gleich zu Beginn: "Einfach mal losgefahren, niemals drüber nachgedacht [...] Was soll uns passieren?" Itchy sprühen vor tatendurstiger Spontaneität, und das hört man ihnen auch an. Warum anklopfen, wenn man die Tür auch mit der "Faust" einschlagen kann? Ängste, die Band vergesse ob des Sprachenwechsels ihre Punkrockwurzeln, wischt sie damit von vornherein weg. Der Track klingt seltsam vertraut, als sei deutscher Text schon immer Teil des Poopzkid-Kosmos' gewesen. Dabei ist "Faust" nach einem 2018 veröffentlichten Jennifer Rostock-Cover erst der zweite Track mit deutschen Lyrics, den die Fans hören konnten, und der erste selbstkomponierte.

Während der Opener zum Warmwerden noch recht geradlinig vertrauten Trademarks folgt und mit mitreißender, aber übersichtlicher Struktur zwischen Pop-Punk und Alternative Rock pendelt, greifen Itchy beim Titeltrack etwas tiefer in ihre die Trickkiste. Die Saitenfraktion dreht ihre Fuzzregler hoch, und während Panzer (Bass) sich mit schwerem Stoner-Groove durch die Nummer fräst, zockt Sibbi (Gitarre) hyperaktive Staccato-Pattern. Letzteren folgt der augenzwinkernd vorgetragene Text, der mit seinem Aufzählungscharakter ein wenig Deichkinds "Wer Sagt Denn Das" ähnelt. Viel mehr Parallelen zu den Hip Hop-Heroen gibts allerdings nicht, schließlich gilt: "Ideen klauen, auf keinen Fall!"

Manchmal erinnern Itchy allerdings an Bilderbuch zu Zeiten von "Nelken Und Schillinge". Sie strahlen auf "Ja Als Ob" eine ähnliche Unverbrauchtheit aus und suchen wie die Österreicher, ohne je ins Proggige, Verkopfte abzudriften,  nach abwechslungsreichen Ansätzen bei Riffs und der Groove-Kombination von Gitarre, Bass und Schlagzeug, statt nur stur Powerchords runterzuriffen. Dank fetter Produktion und geschickten Arrangements gehen diese Ideen auch meistens bestens auf, etwa in der keck swingenden Festivalhymne "Herzlich Willkommen" oder dem schon erwähnten Titeltrack.

Textlich bieten Itchy sowohl Humor als auch Ernst, beides zum Glück ohne dabei im Regen zu feiern. Es gibt leichte Unterhaltung, wie im Rockstar-Abgesang "Wo Seid Ihr Denn Alle" ("Ozzy muss alles alleine machen") oder der Festival-Liebeserklärung "Herzlich Willkommen". Auf der anderen Seite stehen die Anti-Intoleranz-Ode "Nicht Weg" und ein introvertiertes Plädoyer für Individualität, "Unser Lied". Meist hocken Itchy irgendwo dazwischen, etwa während der suggerierten Realitätsflucht bei "Beyoncé & Jay-Z": "Hier sind drei Minuten Sicherheit / Spürt ihr schon die Leichtigkeit?"

Zwar bleiben nicht alle Songs gleichermaßen im Gedächtnis. "Meine Fresse" und das Sebastian Madsen-Feature "Ich Wollte Noch" laufen etwas zu brav und vorhersehbar durch die Ohren, "Auf Dem Gewissen" fehlt trotz spannender Ideen der Fokus. Insgesamt funktioniert Itchys "Einfach mal machen"-Plan aber hervorragend. Der stilistische Rundumschlag von Indie-Ballade ("Pflastersteine") bis Post Hardcore ("Nicht Weg") mit genug Ankerpunkten in vertrauten Gefilden, um alle Fans mitzureißen, macht auch beim x-ten Durchlauf noch Spaß. Gut die Hälfte der Songs haben außerdem das Potenzial, zum Liveklassiker aufzusteigen. Itchy auf Deutsch? Mehr davon!

Trackliste

  1. 1. Faust
  2. 2. Ja Als Ob
  3. 3. Godzilla
  4. 4. Ich Wollte Noch
  5. 5. Beyoncé & Jay-Z
  6. 6. Herzlich Willkommen
  7. 7. Meine Fresse
  8. 8. Unser Lied
  9. 9. Gegen Den Wind
  10. 10. Nicht Weg
  11. 11. Pflastersteine
  12. 12. Auf Dem Gewissen
  13. 13. Wo Seid Ihr Denn Alle

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5 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 6 Monaten

    Zugegeben mutig, dass eine Band, die ohnehin immer als kleine Schwestercombo der Donots genannt wird, nach diesem Donots-Move mit der Sprache auch C-Seiten-Material der selbst grauenvollen Donots hinterherliefert. Konsequenz heißt auch Holzwege zu ende zu gehen.

  • Vor 6 Monaten

    Fand, dass die Donots auf Deutsch wunderbar funktionieren, nicht so gut, wie auf Englisch, aber wunderbar.
    Was Itchy anbelangt und nachdem ich dem Album drei Durchläufe gegeben hab, muss ich leider sagen: Dieses Album macht alles vorhergehende schlechter, da ich mich selber fragen muss: Waren die wirklich so gut, wie ich dachte? Und... nein. Waren sie nicht. Sie waren Musik. Okaye Musik. Musik, zu der man vllt mal feiern kann. Ich dachte durch die Sprachbarriere, dass die talentiert wären, aber nein. Sind sie nicht. Ich mag nach wie vor die Riffs, aber für mich ist das ein einmaliges Phänomen, dass ein Album einer Band die komplette Discographie qualitativ dermaßen nach unten zieht, weil man realisiert, dass sie vllt nie so talentiert waren, wie man dachte.
    Kennt ihr das von anderen Bands? Für mich ist das ein Debüt.

    • Vor 6 Monaten

      Kann in dem Fall sein, daß die deutsche Sprache die Musik nach unten zieht. Ist eigentlich in allen Genres so. Ist halt absolut unmusikalisch, was so aus unseren Mündern kommt. Gibt nur sehr wenige Ausmahmen.
      Oder aber Du bist ihnen entwachsen, kann auch sein. Oder beides.

      Zur Band kann ich nix sagen, weil ich Beschallung für besoffene Abiturienten bei ihren ersten Festivalausflügen schon immer gemieden habe.

    • Vor 6 Monaten

      naja gerade im Black Metal (und im martial industrial aber martial industrial ist shw00l) wird überdurchschnittlich viel auf deutsch getextet. unabhängig davon, ab man nun aus deutschland oder irgend einem dritte weltland in osteuropa oder süd/mittelamerika kommt. die frage, ob die deutsche sprache beherrscht wird, stellt sich schon gar nicht mehr. die dt sprache ist sehr hart, endbetont und militärisch...daher gut im kontext von BM themen zu gebrauchen. französisch hingegen ist völlig ungeeignet für (black) metal zb. denn was nützt eine sprache in der "wir deportieren deine kinder und vergewaltigen sie tot" so klingt wie "schatzi, ich liebe dich"

    • Vor 6 Monaten

      Stimmt, breaki. Im Black Metal wird auch weniger Melodie benötigt, weshalb sich Deutsch ganz gut eignet. Und ja, für Militärisches und Nazischeiß haben wir genau die richtige Zunge. "Ich liebe Dich" klingt für englischsprachig gewohnte Ohren wie eine Disziplinierung.

    • Vor 6 Monaten

      Und ihr fragt euch immer noch, warum ihr damals nich' zum Linguistik-Studium zugelassen wurdet?!

  • Vor 6 Monaten

    Ich meine Gitarren zu hören und rockig klingen die Lieder teilweise auch...warum kann man denn nicht wenigstens in "Ich wollte noch" ein!!!!!! Solo einbauen und wie wäre es mit nem Leadriff über dem letzten Refrain, der übrigens auch gerne hätte wiederholt werden können?! Aber nein denn Soli sind anscheinend zu schwer, oder es musste zum Teil der Drumsound vermatscht werden, dass hatte Prio. Und dann wäre das Lied ja auch länger als 3:06 Minuten und das geht ja auch nicht. Die Lieder sollen ja im Radio laufen und nicht wegen des Hergenusses wegen gehört werden. Also lieber zwei Lieder mehr auf der Platte. Die sind dann zwar kacke, aber dafür stimmt die Songlänge und die Laufzeit der Scheibe.....

  • Vor 6 Monaten

    Ein Hauch Ärzte und für meinen Geschmack deutlich zu viel Silbermond Inspiration, alles weit weg von den eigenen Knaller Tracks...das hat nix mit der Sprache zu tun, das bockt einfach nicht.

  • Vor 5 Monaten

    Musik: kacke
    Texte: kacke
    Band: kacke