laut.de-Kritik

So machen sich die Hosen selbst zu netten Erzähl-Onkels.

Review von

Es klingt selbstironisch, wenn Die Toten Hosen zu ihrem Song "Strom" nun ohne Strom ansetzen. Im Liedtext heißt es: "Öffnet eure Ohren / Wir sind zurück wie neu geboren (...) Wir schwitzen Lärm aus uns heraus." Derweil geben sich die Hosen ohne E-Gitarre und mit Big Band in einem angejazzten, neuen Gewand; Lärm wird über weite Strecken nicht ausgeschwitzt. "Neu geboren" werden manche der Songs auf dem Live-Album "Alles Ohne Strom" tatsächlich, wie "Paradies" in Polka-Rhythmus. Andere wirken auch nicht so sehr viel anders als mit Strom.

Der Mitschnitt hinterlässt einen markanten, starken Eindruck. Die kompletten 79 Minuten ermüden zwar zum Ende hin. Doch auf dem Weg durchs Set beweisen auch zahlreiche Höhepunkte die Gestaltungskraft der deutschen Punk-Band. Punk als Haltung kittet die Songs derweil nicht aneinander. Hier steht der Spaß am Spiel im Vordergrund, weniger die Subversion. Klar, hier stehen einige den Toten Hosen fremde Menschen aus einer Big Band mit auf der Bühne; das verleiht dem Ganzen (noch) etwas Vorsichtiges, Förmliches und wird sich wohl erst in der Tour 2020 vollends eingrooven. 17 Personen bilden die gesamte Combo.

Eine Ansage Campinos zu Beginn weist in Richtung Bequemlichkeit: Spielen wir mal ein paar Songs, die uns gefallen, covern sie, spielen wir ein bisschen hier- und davon, eigene Hits, bisschen was Neues. So machen sich die Hosen selbst zu netten Erzähl-Onkels, die nicht wehtun wollen - frei nach dem Slogan "Wir wollen auch dazu gehören" im Opener "Entschuldigung, Es Tut Uns Leid". Das Ergebnis klingt indes angenehm zum Anhören, zumal die Big Band ganz exzellent aufspielt und die Soundqualität überzeugt. Charmant wirkt der Clash zwischen edlen, warmen, sanften Saxophontönen und der kehligen Straßenkampf-Vehemenz auf Campinos Stimmbändern. Mitunter langweilig gerät diese Konstellation, wo sie sich Song für Song wiederholt.

Auf etlichen Nummern fügt sich das alles aber so clever, dass Unplugged-Skeptiker sich im Zweifel mal "Urknall" anhören sollten, um die Platte von ihrer Schokoladenseite wahrzunehmen. Da passt der lautmalerische Chorgesang der Originalversion wie von selbst zum Jazz-Umfeld. Obwohl der ursprünglich hart instrumentierte Song auf "Laune Der Natur" atemlos hechelt, lässt er sich neu erfinden, ohne ihn zu zerstören. Latin-Rhythmus transformiert den Takt. Aus der Metrik und den Bläsern entsteht eine südländische, leicht Salsa-gefärbte Klangtönung. Sie holt diesen und manche weiteren Songs aus dem steifen Vier-Viertel-Korsett heraus, das sonst E-Gitarren und Bass mit Verstärker vorgeben. Punk war ja schon 1976 genau so offen für Rock-Ästhetik wie für Ska und Reggae.

Auf "Alles Ohne Strom" tritt sogar eine Prise Kammermusik hinzu. Der neue Song "Schwere(-los)" handelt von einer traumatisierten Auschwitz-Überlebenden. Diese Nummer ohne Cello so gut aufzuführen wie hier, wäre eine Herausforderung. Diesen Song haben die Hosen und Marteria extra für die Unplugged-Tour geschrieben. Mit Pizzicato-Spiel überrascht "Paradies". Diesen Song drehen die Hosen mit ihrem Gast-Perkussionisten so, dass er trommelgetrieben und fiebrig wirkt.

"Everlong", einziger Song auf Englisch, kommt ursprünglich von den Foo Fighters. Sie haben ihn selbst bereits akustisch aufgenommen. Die Toten Hosen entschuldigen sich erst einmal für die freche Aneignung des Titels, spielen das Stück lustvoll und gestalten es so, wie es das bisher nicht gab. Die Grunge-Dissonanzen entfernen sie aus Dave Grohls Komposition, eher wirkt der Song 'deblockiert' und gelassen.

Wirkungsarm erscheint dagegen das Rammstein-Cover "Ohne Dich", im Original auf deren "Reise, Reise" (2004). Bei Rammstein dominieren die Streicher. Im nun klaviergeprägten Slow-Mo-Titel überrascht Campino mit hellem Stimmklang und fast schon Flüstern, so dass ein echter Kontrast zu Till Lindemanns Originalvortrag herrscht. Ansonsten klingt das Cover wie eine brave Kopie. Gut, die Idee zählt, aber schon das Publikum vor Ort reagiert nicht hörbar beeindruckt.

"Politische Lieder" (von Funny van Dannen) und "1000 Gute Gründe" (wieder als Ska) biegen in die Liedermacher-Schiene ein, gerade in dieser akustischen Ausstattung überzeugend. Einen starken Reiz löst das neue Lied "Kamikaze" aus: Hymnisch, heimelig, harmonisch, so klingt es, und so könnte man sich den stimmungsvollen Tune gut am Ende künftiger 'normaler' Sets vorstellen. Ein anderer neuer Song, "Feiern Im Regen", offenbart im Text zwei sehr verschiedene Referenzen der Hosen, Bob Marley und Die Ärzte. Schöne Metaphern wie " tanzen unsere Akkus leer" gestalten das Stück atmosphärisch. Dennoch leidet es ein bisschen an einlullender Süßlichkeit.

Beatles-artige Harmonien überraschen und sorgen für eine kurze, wohlige Instrumentalpassage. Vor Publikum überzeugt die komplette Nummer: Es brandet tosender Applaus auf, so übrigens auch bei dem recht mediokren, ebenfalls neuen "Sorgenbrecher (Auf Euch)". Unterm Strich polieren Die Toten Hosen etliches gut zu neuem Glanz auf und bauen neue Songs geschickt ein. Allzu spannend ist die Scheibe nicht, aber schön.

Trackliste

  1. 1. Entschuldigung, es tut uns leid!
  2. 2. Strom
  3. 3. Urknall
  4. 4. Laune der Natur
  5. 5. Das Ist Der Moment
  6. 6. Kamikaze
  7. 7. Ein Guter Tag Zum Fliegen
  8. 8. Ohne Dich
  9. 9. Schwere(-los)
  10. 10. Altes Fieber
  11. 11. Politische Lieder
  12. 12. 1000 gute Gründe
  13. 13. Everlong
  14. 14. Alles mit nach Hause
  15. 15. Paradies
  16. 16. Sorgenbrecher (Auf Euch)
  17. 17. Achterbahn
  18. 18. Liebeslied
  19. 19. Feiern Im Regen
  20. 20. Hier Kommt Alex
  21. 21. Tage Wie Diese

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2 Kommentare mit 23 Antworten

  • Vor 23 Tagen

    ""Öffnet eure Ohren / Wir sind zurück wie neu geboren (...) Wir schwitzen Lärm aus uns heraus.""

    Könnte original eine Textpassage des typischen Openers eines Böhse Onkelz Album sein.

    Und wie Everlong von Campino gesungen klingt, will ich mir gar nicht ausmalen.

    Ungehört 1/5

    • Vor 23 Tagen

      Vollste Zustimmung.
      Sollte klar sein.

    • Vor 23 Tagen

      Es gibt ja leider keine einzige deutsche Rockband, die nach einer bestimmten Zeit des Bestehens nicht einen "Seht her, wir haben die dicksten Eier"-Song aufgenommen hätte. Bei den Onkelz füllt das halt ganze Alben, bei den anderen glücklicherweise nicht.

      Mich würde allerdings auch eher interessieren, wie Hier kommt Alex in einer Version der Foo Fighters klingt.

    • Vor 23 Tagen

      Dieser Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Hausordnung durch einen laut.de-Moderator entfernt.

    • Vor 23 Tagen

      sorry, wo haben onkelz "wir haben die dicksten eier" alben? du verwechselst da was. onkelz haben mehr so (pseudo) lyrische mutmacher songs und "wir unverstandenen opfer der medien" plus einige provokationen auf lager. aber "dickste eier" ist eher so deutschrap 2000-jetzt. bevor hier falsche hoffnungen aufkommen: ich mag die onkelz trotzdem. irgendwie. vltl auch nur nostalgie.

    • Vor 23 Tagen

      er hat schon recht. nicht zwingend auf albumlänge, aber die pathos-dinger oft als erster song auf dem album sind schon vorhanden.

    • Vor 23 Tagen

      Die härteste Firma in der Stadt, hat euch etwas mitgebracht. Wie kannst du für mich reden, du bist nicht wie ich. Die Böhsen Onkelz geben euch die Ehre, die böhsen Onkelz reichen euch die Hand. Wir sind keine Religion,wir sind nicht eines Gottes Sohn. Doch wir sind das, woran Du glaubst. Wer hat nicht schon von uns gehört. Ob er wollte oder nicht. Den Namen, der so viele stört,Doch alle Herzen bricht. Die Band, der Mythos, die Legende. Wir feiern uns solange es uns gibt. Auch wenn nicht jeder Arsch uns liebt.Gepriesen sei der Name dieser Band. Betet zu Gott, dass ihr uns kennt.

      Das sind nur ein paar Beispiele.

      Klar, die Medienschelte ist in den Songs auch drin und man ist ja auch nur so geil, weil man immer missverstanden wird. Aber hier baumeln schon viele Klöten, oder nicht?

    • Vor 23 Tagen

      Alben der Onkelz folgen immer dem Schema F.
      Am Anfang ein pathetischer Opener, wie geil man doch ist, und wie geil der Anhang ist, weil man ja die geilen Onkelz hört.
      Dann folgt meistens ziemlich viel Gejammer für Heulsusen mit dicken Armen, weil die Welt außerhalb des Onkelz-Universum möglicherweise das Geil-sein der Band & deren Fans dann doch nicht unumwunden anerkennen will, bisschen pseudo-mäßige Sozialkritik und noch mehr Pathos, weitestgehend alles komplett ironiebefreit.

    • Vor 23 Tagen

      "Dann folgt meistens ziemlich viel Gejammer für Heulsusen mit dicken Armen"

      Gold. :)

    • Vor 23 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 22 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 22 Tagen

      Lösch Dich bitte, die Faschospasstis waren schon immer Schmutz!

    • Vor 22 Tagen

      die Onkelz (welche Phase auch immer) sind und bleiben pure SCHEISSE ...KOT...
      nur mal so gesagt !!

    • Vor 22 Tagen

      jo, eben. das "heulsusen mit dicken armen" passt, finde ich, ganz gut. klar, da kommt auch irgendwo latent mit, wie geil die sind. aber unter "dicke eier" verstehe ich halt was anderes. also eher so rap, offensiv zur schau gestelltes "ich, mein aussehen, mein auto, meine uhr, meine frau(en)" (in der hierarchischer reihenfolge). jaja. sehr schematisch. i know. ich höre btw auch gerne rap. also nicht falsch verstehen. und nochmal zu onkelz: alles eine frage der sozialisierung. wer schön aufm dorf groß geworden ist abseits cooler clubs und luisa neubauer, der mag halt auch uwe und klaus mitm onkelz schriftzug aufer heckscheibe. oder versteht sie zumindest. aber glücklicherweise jibbet auch noch eine welt abseits von uwe und klaus und auch den onkelz. in diesem sinne.

    • Vor 22 Tagen

      ..bin auch aufm Dorf(Kleinstadt) aufgewachsen und trotzdem sind die Onkelz die GÜLLE...

    • Vor 22 Tagen

      in diesem Sinne.

    • Vor 22 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 22 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 22 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 22 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 22 Tagen

      muss man ja auch nix mit anfangen können. kann man aber auch ert einmal einfach so akzeptieren, genauso wie bras lelele und pietro lombardis wasweißichfürlieder, ohne dabei in das übliche "chantal & ronny" bashing abzugleiten. wo ist das problem, wenn die onkelz chantal wirklich geholfen haben? oder marcel sich halt cool in seiner onkelz gang fühlt? wenn chantal und marcel jetzt freiwild hören und meinen, dass mustafa hier nicht hingehört und der jude der satan ist, ist das scheisse. wenn chantal und ronny gerne onkelz hören oder weise aussagen vom großen kollegah brauchen, um ihre kleines leben auf die kette zu kriegen oder einfach "ne gute zeit zu haben beim fußball" (dax werner). warum soll ich mich darüber lustig machen.

    • Vor 22 Tagen

      Du hast schon recht, Luemmlot, aber wenn hier jemand regelmäßig so stumpfsinnig auftritt wie AirBaeron, ist die Versuchung einfach zu groß. Wir sind auch nur Menschen. Er hat seine Posts gerade gelöscht, aber ich möchte hier nochmal festhalten, dass er zweimal davon geschrieben hat, dass die Onkelz in einer bestimmten Schaffensphase "pures Gold" waren.

    • Vor 22 Tagen

      Doppelword an den ehrenwerten Icy! Homologe, LÖSCH DICH!

    • Vor 22 Tagen

      89-93 pures Gold handelt mit dies!

    • Vor 22 Tagen

      quak nicht, geil waren nur die alben aus ihrer skinheadzeit :koks: :kiss:

    • Vor 22 Tagen

      SKINHEADS SIND ABER GAR KEINE NAZIS SONDERN EIGENTLICH LINKE ODER NEUTRAL OIOIOI IHR HABT ALLE KEINE AHNUNG ARBEITERKLASSE ENGLAND DAMALS !!!!!!!!!!!!11111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111111 UND RUNEN SIND GERMANISCHES TWITTER VOR 1500 JAHRE IHR PENNER UND KEINE NAZIS.

      denkt doch mal nach, leute! cui bono? hm? genau. die besatzungsmächte.

    • Vor 21 Tagen

      Oioioi, oi-Punk ist in der Tat (ultra)links, aber was bedeutet deine 1er-Kette?

  • Vor 23 Tagen

    Fehlt ja eigentlich nur noch "You'll never walk alone" ...