laut.de-Kritik

Mit internationalen Produzenten ins elektronische Niemandsland.

Review von

Die Liebe ist tot? Das ist ein recht schwerer Titel für eine heitere Pop-Band wie die Chvrches, der Fragen aufwirft: Sind die Schotten jetzt von melancholisch zu bedrückend gedriftet? Erwartet uns ein trauriges, vielleicht sogar wütendes Album? Hat Frontsängerin Lauren Mayberry etwas Fürchterliches erlebt und lässt uns daran teilhaben?

Die Antwort auf all diese Fragen: Nein. Mayberry spricht im Vorfeld von Texten, die allgemein von der Liebe, dem Erwachsenwerden und dem Verschwinden menschlicher Empathie handeln. Auch die beiden anderen Bandmitglieder Iain Cook und Martin Doherty betonen die Dualität der Lyrics und versichern, dass "Love Is Dead" ihr bisher komplexestes Album sei.

Zu dessen Realisierung haben Chvrches sich prominente Produzenten ins Haus geholt: Als Mentor fungiert David Allan Stewart von den Eurythmics, den Großteil an den Reglern bewerkstelligte Greg Kurstin (The Shins, Sia, Ellie Goulding, Adele) und für die Single "Miracle" zeichnet der Brite Steve Mac (Shakira, James Blunt, One Direction) verantwortlich.

Das Ergebnis ist satt produzierter Synthie-Pop mit schwelgerischen Bridges, melancholischen Gesangslinien und allzu belanglosen Refrains. Viele hoffnungsvolle Anfänge verbauen sich die Schotten durch überlagerten Effekteinsatz und repetitive Lyrics. Bestes Beispiel "Graves": sanfte Keyboard-Passagen und hymnenhafter Übergang von Strophe zu Chorus überzeugen, jedoch überfahren Chvrches diese Vorarbeit mit strapazierendem Gesang und Haudrauf-Synthies. In "Heaven/Hell" ziehen zunächst Emil Rottmayer-Trademark-Synthies in den Bann, nur um dann im ideenlosen Refrain zu versanden.

Dabei fängt "Love Is Dead" gut an. "Grafitti" stürzt sich mit quakender Electronica und mitreißender Darbietung auf den Hörer und erinnert an die früheren The Naked And Famous. "Get Out" beinhaltet die gelungene Gegenüberstellung schroffer Synthies in den Strophen und süßlichem Pop im Refrain. "Deliverance" punktet mit 80er-Synthwave und feinem Klangteppich, schlittert aber schon gefährlich Richtung Gleichgültigkeit.

Bevor das Album dann endgültig in leblosem Synthpop der 80er stecken bleibt, bringen Chvrches mit dem nachdenklichen "My Enemy" das erste von zwei Highlights, bei dem Matt Berninger von The National seine trockenen Parts über wabernden Beats vorträgt und mit Mayberrys flehendem Gesang wunderbar harmoniert, inklusive der für die Band mittlerweile bekannten Vocal-Snippets. Das andere Glanzstück, erneut mit einem Mann am Mikrophon: das düstere "God's Plan" (nein, Drake war nicht daran beteiligt). Experimentell, zurückhaltend und mit sensibel eingesetzten Effekten evozieren Chvrches eine konsistente Stimmung, auch dank der musikalisch ineinander greifenden Übergänge. Schon beim Vorgänger "Every Open Eye" stach der einzige Song mit männlicher Stimme besonders positiv heraus.

Alles andere klingt entweder nach Schema F produziert ("Miracle") oder nach unkreativer Zusammensetzung wie bei der Ballade "Really Gone". "Never Say Die" mit seinem Elektro-Bombast könnte immerhin noch im Abspann von kitschigen Nicolas Sparks-Schmonzetten oder pseudo-romantischen Sci-Fi-Filmen der Marke "Divergent" laufen. Selbst das unheilvolle Piano-Interlude "ii" bringt nichts, wenn man die eigentlich schöne Melodie im Schlusspunkt "Wonderland" mit Synthies weiterführt, aber in überzuckert-zähen Beats ertränkt.

"Love Is Dead" schießt sich somit selbst ins Bein und das ist wirklich schade. Trotz namhafter Produzenten gleiten Chvrches ins elektronische Niemandsland ab, und das, obwohl man sich mit so vielen trendigen Versatzstücken schmückt. Die Liebe für die Schotten ist zwar noch nicht ganz tot, aber deutlich erkaltet.

Trackliste

  1. 1. Grafitti
  2. 2. Get Out
  3. 3. Deliverance
  4. 4. My Enemy
  5. 5. Forever
  6. 6. Never Say Die
  7. 7. Miracle
  8. 8. Graves
  9. 9. Heaven/Hell
  10. 10. God's Plan
  11. 11. Really Gone
  12. 12. ii
  13. 13. Wonderland

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LAUT.DE-PORTRÄT Chvrches

Chvrches aus Schottland stehen für melancholischen, dennoch tanzbaren Synthie-Pop mit schönen Melodien und einer sympathischen Frontsängerin. Dabei …

11 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Als ehemaliger Bewunderer dieser Band muss ich dieser Rezension leider zustimmen; so weh es auch tut. Wobei mit "My Enemy" und "God's Plan" in der Tat die zwei allerbesten Stücke in Übereinstimmung mit meinem Empfinden identifiziert wurden - sie machen aber nur deutlich, wie gut das Album hätte sein können.

  • Vor einem Jahr

    Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

  • Vor einem Jahr

    Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

  • Vor einem Jahr

    Oh Gott, wo kommen denn diese vielen Mehrfachposts her?

  • Vor einem Jahr

    OK, dann werde ich mich wie es kritikenseitig aussieht mal auf die Gegenseite stellen: 4 x durchgehört und immer noch großartig. Zumindest wenn man zum einen einfach mal unterstellt, dass die junge Dame die Texte tatsächlich fühlt und nicht an den nicht seltenen Textwiederholungen stolpert. Inhaltlich hat sei schon was zu sagen und zwar mehr als manche Präsidenten mancher Staaten heutzutage.

    Wenn man die 80er musikalisch nicht nur retrocool findet, sondern ob eigenem Erlebens auch kennt und sich freut, dass nicht schon 10.00 mal gehörte alte Musik dieses Gefühl der melancholischen Euphorie hervorruft, dann servieren die Chvrches.

    Und wenn das Maistream ist, so what - um so schöner, dass die Kids neben Taylor Swift und Rita Ora so auch Musik mit Message in die Playlist geschummelt bekommen ;-).

    • Vor einem Jahr

      Was ist an Chvrches denn 80er, bis auf die Verwendung von Synthesizern und der erklärten Vorliebe für OMD? Das ist moderner Electro-Pop. Serviert hat Chvrches mit den ersten beiden Alben, das hier ist der überzuckerte Nachschlag. Die Inhaltsleere ihrer früheren Songs hat nicht gestört, weil das Trio nicht mehr als gute Electronica machen wollte. Neue Lyrics wie "Is it right if I’m a perfect actress / Playin’ the princess in distress" oder "Can't live forever with my head in the clouds / Can't live forever with my feet on the ground" haben wie Taylor Swift und Rita Ora keine Message. Das ist hedonistische Konsummusik, die lediglich eine "Awareness" suggeriert. Wenn man Bernie Sanders liked und 'feministische' Kleidung bei H&M kauft, ist man wahrscheinlich die Zielgruppe.

    • Vor einem Jahr

      Ach, ich weiß nicht! Ich glaube man verliert die Fähigkeit sich in die Jugend hineinversetzen zu können, in dem Moment, wo man ihre Musik nicht mehr mag oder nicht mehr versteht :-)

  • Vor einem Jahr

    Finde gerade das erste Album gar nicht so großartig wie viele User hier im Forum. Könnte aber auch daran liegen, dass Clearest Blue das erste Lied war, welches ich von ihnen gehört habe und dementsprechend gefeiert und dann das zweite Album durchgehört habe. Zur gleichen Zeit kam dann das dritte Album welches mit Graffiti gleich einen super Einstieg ermöglicht hat. Der Fuß hat mehr als gewippt. Zudem fand ich ich bisher alles "Electronisch-lastige" bisher eher als störend. Gerade bei Chvrches finde ich den elektronischen Einsatz gerade richtig - für mich genau auf den Punkt getroffen.

    Mit dem ersten Album werde ich einfach nicht warm. Ist von den Melodien gar nicht so eingängig.

    God's Plan ist allerdings ne krasse Katastrophe und My Enemy mit Matt Berninger wirkt auch irgendwie deplaziert auf dem Album.

    Generell finde ich Every Open Eye aber um einiges besser. Gerade Clearest Blue ist ein unglaublich toller Song, der gegen Ende einfach eine Dynamik entwickelt, die mich erstens im Auto laut mitsingen und zweitens wie blöd tanzen lässt.