laut.de-Kritik

Must! Destroy! System!

Review von

Bei manchen Platten fällt es schwer, über Musik zu schreiben. Zum Beispiel, wenn der Inhalt der Texte gewichtiger erscheint als der Ton, der die Message trägt. Das geschilderte Dilemma gilt vor allem, wenn man sich selbst als zoon politicon, als politisches Wesen versteht. Denn ich bin über zehntausend Jahre alt, und mein Name ist Mensch! ZSK legen mit "From Protest To Resistance" ein solches Album vor, was nicht heißen soll, dass die Punks aus Göttingen schlechten Punkrock machen.

ZSK machen Alte-Hasen-Punk, schnell und tight, aber halt weit abseits von Funpunk. Und verbreiten die Nachricht vom notwendigen Widerstand mal auf Deutsch, mal auf Englisch. Getreu dem Zitat George Orwells, das auf ihrer Frühjahrs-EP "If Liberty Means Anything At All" prangte: "If Liberty means anything at all, it means the Right to tell people what they do not want to hear." Alsdann.

In ihren Songs besetzen sie typisch linke Themen (interessanterweise wird der Antifaschismus komplett ausgeblendet), es geht um Polizeibrutalität auf Demos im rotz-direkten Opener "Keine Angst" oder dem Schlachtruf "Fight For More". Auf wen es ankommt, macht "We Are The Kids" klar (Formel: Punk macht Spaß und erzieht die "Kids" gleichzeitig), hier helfen Guido Knollmann, Gitarrist der Donots und Marcel Bischoff, Sänger von Waterdown.

"Alles was ich will, ist die Regierung stürzen" sangen die Goldenen Zitronen einst, und ähnliches haben sich auch ZSK auf die rot-schwarzen Fahnen geschrieben. In "Zähl Die Stunden" träumt der politische Gefangene schon mal von der Revolution, in "Dabei Sein Ist Alles" konstatieren sie: "Wir haben nur manchmal dieses stechende Gefühl, dass hier einiges nicht zu unserem Besten ist". "Business As Usual" entlarvt die Mächtigen der Welt und ihre Gier als die Schuldigen an Krieg und Leid in der Welt.

"Hello 1984" geißelt die wahr gewordene Horrorvision des Orwellschen Überwachungsstaats, "Small Steps" geht an die Kämpfer der Zapatisten-Bewegung Mexikos als Vorkämpfer für die Unterdrückten der Welt. Das klingt alles leicht pathetisch und romantisierend, aber ZSK fallen nicht auf die Nerven, weil sie nicht den Zeigefinger heben, sondern gleich die ganze Faust. Sie wollen die Welt verändern, und wer mitmachen will, der macht halt mit. Die anderen bleiben zuhause.

Gegen genau diese "Revolutionsromantik" wehren sie sich in "Was Wir Wollen", und am Schluss bekommt mit "Kein Mensch Ist Illegal" die gleichnamige Anti-Abschiebungs-Kampagne noch einen formidablen Mitgröhler als Hymne. Hier klingen ZSK so wütend wie nirgendwo sonst auf dem Album. Sie machen mit jedem Satz klar, dass sie glauben und ernst meinen, was sie hier singen. Für den politisch Geneigten eine schöne Ansammlung von Protestsongs (oder sind es doch schon Widerstandslieder?), für alle, die gerne mal über die Zustände nachdenken wollen, ein willkommener Anstoß.

Die Meinungsbildung wird erleichtert durch zahlreiche Informationen, Zitate des Globalisierungskritiker-Gurus Noam Chomsky und Internet-Adressen. Eine beigelegte CD-Rom informiert über "Kein Mensch Ist Illegal", die Anti-Tierversuchs-Aktionisten von SHAC und Peta informiert, jene Tierschützer, die in Werbekampagnen gerne mal den Holocaust mit Tierhaltung verharmlosen. Das ist allerdings der einzige Wehrmutstropfen, denn "From Protest To Resistance" überzeugt ansonsten von vorne bis hinten - im wahrsten Sinne des Wortes. Fist in the Air in the Land of Hipocrisy!

Trackliste

  1. 1. Keine Angst
  2. 2. We Are The Kids
  3. 3. Was Uns Noch Übrig Bleibt
  4. 4. Fight For More
  5. 5. Zähl Die Stunden
  6. 6. Business As Usual
  7. 7. Dabei Sein Ist Alles
  8. 8. Hello 1984
  9. 9. This Is Our Answer (Raise Your Fist)
  10. 10. Was Wir Wollen
  11. 11. Small Steps
  12. 12. Kein Mensch Ist Illegal
  13. 13. Time To Lose

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