laut.de-Kritik

Er bleibt der Außenseiter auf dem Deutschrap-Pausenhof.

Review von

Wo uns vergangene Intros Yung Hurns noch sachte an die vor uns liegenden Soundlandschaften heranführten, macht "Y" genau das Gegenteil. Mit "Ponny" präsentiert es das wohl expressionistischste Experiment der LP gleich zu Beginn: die letzten Überbleibsel von Hurns Trap-Flirts auf "1220". Von dem abwechslungsreichen Grundkonzept und den mäandernden Beats ist lediglich die brachiale Kick-Drum übriggeblieben. Die ballert dafür aber so schonungslos drauf los, dass mit etwas Distortion auch die amerikanischen Kollegen Lil Pump und Smokepurrp dafür Verwendung fänden. Mit deren stumpfem, aggressivem Sound hat Hurns Opener trotzdem nur wenig gemein. Dafür klingt "Ponny" schlichtweg zu bizarr und "gewollt". Kunst um der Kunst Willen eben, ohne wirklichen Inhalt.

Das hat in seiner Selbstverständlichkeit schon fast etwas Schelmisches. Frei nach dem Motto: Mal sehen wozu das Feuilleton dieses Mal Zeilen wie "Sie hat Wichse auf ihr'm G'sicht, sie braucht Zewa" so verwurstet. Was jetzt nicht heißen soll, dass Yung Hurns Musik abseits der doch eher nervigen Über-Stilisierung keine Qualitäten hätte. Im Gegenteil: Seine wilde Experimentierfreude macht ihn nach wie vor zum soundtechnischen Außenseiter (im besten Sinne des Wortes) auf dem uniformen Deutschrap-Pausenhof. Auch wenn "Y" dieses Alleinstellungsmerkmal ins Schwanken bringt, reichen die Höhepunkte des Albums aus, um sich weiterhin von all den, vom LeLeLe-Bazillus befallenen Klassenkameraden des Jahrgangs Modus Mio abzusetzen.

Die Altbauwohnung hat Hurn gegen eine "Wohnung Mit Lift" ausgetauscht, die Romantik scheint endgültig vergessen. Übrig geblieben sind Erzählungen aus dem oberflächlichen Leben der Reichen und Schönen, der selbstverliebte Schwanengesang eines Mittzwanzigers der, umgeben von exotisch betiteln Drogen und flüchtiger Liebe, an sich selbst kaputt geht. Das klingt nicht nur interessanter als es wirklich ist, sondern passenderweise auch genau so, wie das Cover aussieht: steril. Was nur bedingt ein Kompliment ist.

Es scheint nicht nur konzeptuell so, als sei Julian Sellmeister mittlerweile satt, vom Leben, von der Liebe, von allem. Große Teile seines vierten Studio-Albums geraten zum halbherzigen Selbstzitat. Den Sound seines besten Projektes "Love Hotel" recycelt er auf Songs wie "Beweg Dich", "Sie Will Zu Mir" oder "Sie Sagt (Deine Lügen)", ohne wirklich an die Qualität eines "Rot" anknüpfen zu können. Vielleicht fehlt der Herzschmerz, vielleicht fehlen die Drogen, vielleicht hat der Wiener aber auch einfach realisiert, dass jeder Song, gekocht nach diesem Erfolgsrezept, früher oder später zum Selbstläufer wird. Für letzteres spricht, dass sich das Material auf "Y" weitgehend unfertig anhört. Symptomatisch dafür steht etwa der ironisch betitelte, potenziell großartige "Leaked Song", der den besungenen, vollkommen strukturlosen Drogenrausch bereits beendet, bevor er überhaupt erst richtig anfängt.

Selbst Deepcut-Standouts wie "Illegal" oder "Wohnung Mit Lift" enden eher mit uninspiriert gesetzten 0815-Fades, statt den melancholisch-benommenen Vibe, den sie generieren, etwas länger auszukosten. So landet man am Ende bei nicht einmal zwei vollen Minuten wirklichen Inhalts. Es ist also kein Wunder, dass die ausgereiftesten und letzten Endes auch besten Songs jene sind, mit denen der Österreicher sein neustes Album teaste. Sprich: "Cabrio", dessen verspielter Beat zu den besten Instrumentals gehört die der junge Hurn bisher berappte, "Rauch", dem zweiten waschechten Trap-Fragment der LP, und das anfangs erwähnte "Ponny", das sich in seiner Exzentrik zwar gezwungen anfühlt, das aber dennoch, nimmt man es nicht zu ernst, einfach Spaß macht: ein Statement, das wohl auf große Teile von Hurns Diskographie zutrifft.

Momente wie das eröffnende lautstarke Knallen der 808 oder die Ösi-Imitation von Playboi Cartis Baby-Stimme auf "Rauch" machen "Y" trotz zahlreicher Schwächen hörenswert. Auch wenn der Donaustädter im Begriff scheint, seinen Esprit zu verlieren, und in Folge dessen verstärkt Rohrkrepierer wie "Doppel C" hervorbringt, gehört er immer noch zu den wagemutigsten Künstlern im deutschen Mainstream. Oder, um es in den Worten von Y. Hurn-Aficionados aka Kunstgeschichts-Studenten im 12. Semester zu sagen: "Klar hab ich 's neue Hurn Album schon gehört. Als er g'sagt hat: 'Sie will zu mir, aber es geht nicht mehr': Hab' ich krass gefühlt. Sexistisch? Ne man, Kunst ist das. Anyway, gib mal das Koks, bitte."

Trackliste

  1. 1. Ponny
  2. 2. Beweg Dich
  3. 3. Wohnung Mit Lift
  4. 4. Sie Will Zu Mir
  5. 5. Cabrio
  6. 6. Doppel C (feat. reezy)
  7. 7. Parkplatz Kahlenberg
  8. 8. Illegal
  9. 9. Rauch
  10. 10. Leaked Song
  11. 11. Flieg (feat. Fergy53)
  12. 12. Sie Sagt (Deine Lügen)
  13. 13. Noch Liebst

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6 Kommentare mit 8 Antworten

  • Vor 21 Tagen

    Gibt es ein feature mit Palina?

  • Vor 21 Tagen

    Ein paar gute Songs hat er, aber schon das letzte Album war eigentlich nichts und diesmal hat mich keiner der vorab veröffentlichten Songs dazu motiviert reinzuhören. Der ist halt doch eher ein Meme-Rapper. Bin auch gespannt, wie lange es dauert, bis das Interesse an ihm abnimmt und sein zur Schau gestellter Lifestyle sich negativ bemerkbar macht.

    • Vor 21 Tagen

      Kollege von mir kennt wen, der Yung Hurn anno dazumal als erster Veranstalter nach NRW geholt hat. Dadurch hat der sich wohl die fragwürdige Ehre erworben, Member einer Whatsapp-Gruppe zu sein, in der die ganze Baggage um Yung Hurn, Rin, Bausa und wie die Ritter von der traurigen Gestalt nicht alle heißen, Videos von ihren Afterhours posten. Da bemerkt wohl niemand mehr sonderlich viel, bzw. landen Vorschüsse und Gagen so sicher auf dem Ziehspiegel wie das Amen am Ende der Predigt.

    • Vor 21 Tagen

      Rin und Hurn sind ja noch jünger, aber einem Bausa sieht man die Exzesse schon an. Der sieht doch aus, als wäre er nur ein paar Misserfolge vom "Goldenen Handschuh" entfernt (und klingt auch so). :D

    • Vor 21 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 21 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 21 Tagen

      der "goldene handschuh" (neben der "junge muss an die frische luft") wahrlich einer der raren lichtblicke, in der sonst von purer scheiße dominierten deutschen filmlandschaft.
      nie wurde heimische kneipenkultur so herzergreifend zelebriert, wie in diesem cineastischen kleinod.

    • Vor 21 Tagen

      Bin schon Hurn Fan (pun intended). Fand 1220 aber besser. Mich nervt ein bissi diese Sex Fixierung, die teilweise etwas eklige und dumme Züge annimmt und in mir irgendwie ein Weinstein feeling aufkomme lässt. Find ihn auf Tracks wie Rauch stärker.

    • Vor 21 Tagen

      RIN schätz ich nicht als polytoxischer Jungspund ein. Hurn und Bausa eher.

    • Vor 10 Tagen

      So teuer ist Kokain nun auch wieder nicht, dass man dafür die komplette Gage ausgeben müsste, um hier und da einen Abend lang die Sau rauszulassen. Davon abgesehen darf man nicht vergessen, dass Young Hurn auch kommerziell unfassbar erfolgreich ist und sich demnach wohl kaum großartige Gedanken um den finanziellen Aspekt dieser Angelegenheit machen muss.

      Nur Idioten glauben, dass ein verpeilter Junky in der Lage wäre, sich sechs Wochen lang auf Platz zwei der deutschen Charts zu halten und diesen Erfolg dann ein Jahr später (mehr oder weniger) zu wiederholen. Der Typ weiß, was er tut. Wenn Young Hurn sich beim Koksen filmt, feiern ihn seine Fans dafür (man nennt das Markenkommunikation) – und die drallen, 16-jährigen Instagram-Sternchen, die ihn "Süßgott" nennen. Ja... ich bin auch ein bisschen neidisch.

  • Vor 21 Tagen

    War bei 1220 schon so. Die besten Songs im Vorfeld schon rausgeballert. Ponny, Cabrio, Rauch alles Hits. Leaked Song ist auch stark.

  • Vor 21 Tagen

    Die Songs klingen großteils fast identisch. Schade wie uninspiriert es geworden ist. Yung Hurn war wirklich mal einer, der frischen Wind hereingebracht hat.

  • Vor 20 Tagen

    3/5 gehen klar, gefällt mir besser als 1220 damals das war iwie zu glatt. paar nicht-singles gehen nach paar mal hören auch gut rein