laut.de-Kritik

Kein schlechter Comeback-Versuch.

Review von

Das ganze Yin Kalle-Phänomen habe ich ehrlicherweise ein wenig verpasst. Für mich geht die Timeline so aus: Viral-Erfolg unter anderem mit dieser Aboveground-Session. Wurde Teil einer neuen Welle von deutschen Soundcloud-Rappern post Sierra Kidd mit Edo Saiya und Negatiiv OG. Dann ein sehr komischer Beef mit besagtem Negatiiv OG darüber, wer von ihnen wirklich wirklich Drogen nimmt. Dann Cancelling wegen eines sexuellen Übergriffs.

Ja, nicht der vielversprechendste Lebenslauf, der sagt: Mit dem Atzen sollte man sich eingehender beschäftigen! Aber man musste ihm lassen, dass er von allen Leuten, die mit so etwas drangekriegt worden sind, verhältnismäßig konstruktiv reagiert hat. Vor allem dadurch, dass er einfach zu großen Teilen seine Fresse gehalten und nicht rumgejammert hat, wie schlimm das jetzt für ihn ist und seine Schuld eingestanden hat. Ein bisschen war ich morbid neugierig, wie jemand nach so etwas zurückkommt, dessen großes Ding es davor war, ein ignoranter Sympathieträger zu sein.

For what it's worth: Ich glaube tatsächlich, dass "Kleine Große Stadt" das beste Yin Kalle-Album ist. Vielleicht hat ihn die Situation und die damit einhergehende Selbstreflektion zu einem Charakter gemacht, der mehr tut, als Ami-Phrasen ins Deutsche zu übersetzen. Vielleicht ist es auch der Fakt, dass er jetzt das Gefühl hat, er müsse wirklich künstlerisch etwas liefern, wenn der richtige-Ort-richtige-Zeit-Hype kein Selbstläufer mehr ist.

Das Album hat zwei große Stärken: Einmal ist hier eine gewisse Konzepthaftigkeit angelegt. Die Songs sind kurz und präzise, stimmungsvoller als seine Lil Pump-Gedenkflows von früher, mehr Lil Peep und manchmal geradezu ein bisschen Mac Miller. Die Spannungskurve wird mit vielen Session-Songs, die eher wie kleine Sprachmemos daherkommen und Skits unterfüttert und man bekommt das Gefühl, dass hier aus einem ziemlich intensiven und impulsiven Zustand heraus gearbeitet wird.

Das funktioniert aber vor allem wegen der zweiten Stärke: Die Beats auf diesem Album sind ziemlich krass. Sie spiegeln den Drang zur Reduktion und kommen ziemlich minimalistisch daher. Es sind keine Beats, vor denen man sitzt und einem fällt das Zeug aus dem Gesicht. Aber die Gitarren-Loops klingen einsam, wavy und unterschwellig. "Ein Junge", "GrungeRotz" und das fantastische "Schöneberg Session" killen es mit diesem Gefühl, alleine und sad in einer großen, lebendigen Stadt zu versumpfen. Die beiden mit als Leadartists genannten Produzenten Eazymoney319 und Young J6cket verdienen es, dass man sich ihre Namen merkt – so schwer ihre echt klobigen Namen einem das auch machen wollen.

Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob "Kleine Große Stadt" es ganz zum großartigen Album schafft. Ein Haken dafür ist oft Kalle selbst. Der klingt an vielen Stellen fokussiert, bissig und überzeugend kaputt. Das hypnotische "Käfig" und das komplett in sich selbst versumpfte "Viele Bars / Kann Nicht Rappen" sind seine besten Performances hier. Er klingt immer dann am besten, wenn er eingelockt und im Moment klingt. Nicht zu groß überdacht, einfach aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche gespittet.

Das fällt leider ein bisschen auseinander, je mehr er sich selbst in dieses Konzept-Ding einklinkt und seine Lyricist-Creds verdienen möchte. Zum Beispiel sind da diese Gedichte wie "Wellengedichte" und "Regentänzer", die einfach nicht aufgehen und das Gefühl hinterlassen, der Junge überschätze ein bisschen seine lyrische Gewichtsklasse.

Immer, wenn er das macht, textet er wie ein Atze auf Mollytrip, der Sachen sagt wie "Bruder...hast du schon mal...der Himmel ist richtig heftig..., so voll blau und so". Aber halt in der Vortragsweise eines Poetry Slam-Dudes, der ein bisschen zu sehr erwartet, dass die Frauen im Publikum das gleich richtig geil finden werden. Auch die Beziehungssongs landen aus ähnlichen Gründen nicht so richtig. "Birnenbaum" klingt generisch. Warum macht er beim Versuch, wie ein cuter Typ zu klingen aus Krampf diese obercoole Fuckboy-Stimme?

Die Kritikpunkte sollen trotzdem nicht schmälern, dass "Kleine Große Stadt" Yin Kalle so ambitioniert und hungrig zeigt, wie man ihn noch nicht gehört hat. Damit Experimente auf einem Album scheitern können, muss es sie ja auch erst einmal geben. Vieles hier funktioniert überraschend gut. Klaro, jeder muss mit sich selbst ausmachen, wie man es mit Kalle und seinen Taten halten möchte. Trotzdem ist dieses Album auf jeden Fall eine faszinierende Fallstudie. Man spürt, dass hier jemand mit allen Leibeskräften gegen seine eigene Ersetzbarkeit argumentiert. Die Ergebnisse sind durchaus hörenswert.

Trackliste

  1. 1. Ein Junge
  2. 2. Er
  3. 3. Hypnose
  4. 4. GrungeRotz
  5. 5. Käfig
  6. 6. Wellengedicht
  7. 7. Schöneberg Session
  8. 8. Regentänzer
  9. 9. Gedankenradio (feat. Stricky)
  10. 10. Kleistpark
  11. 11. Wann Bist Du Hier
  12. 12. Maske Auf
  13. 13. Weit Weg
  14. 14. Mit Der Zeit
  15. 15. Birnenbaum
  16. 16. GartenRanz
  17. 17. Viele Bars / Kann Nicht Rappen
  18. 18. Sprechgesang
  19. 19. Kleine Große Stadt (Rote Truhe)

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2 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 11 Tagen

    Ich weiß ja nicht, also ich habe ein paar Songs gehört und man hat halt immer diese Vorgeschichte im Kopf. Und da wirkt die ganze Aufmachung mit diesen melancholischen Beats und traurigen Texten eher wie der klassische Narzissten-Move á la "Mimimi, ich bin so melancholisch und deep, bitte nehmt mich wieder ernst.", bevor es dann wieder von vorne losgeht.

    Ich will ihm schon eine zweite Chance geben, aber irgendwie kann ich es nicht.

  • Vor 11 Tagen

    Gelunges Comeback definitiv. Bin auch so bei 3/5.