laut.de-Kritik

Der japanische Metal-Mozart auf einer Reise in die Depression und zurück.

Review von

Nicht viele Bands können von sich behaupten, die Musiklandschaft eines Landes grundlegend verändert zu haben. Natürlich existierte bereits vor X Japan eine Rockszene in Japan (wesentlichen Einfluss hatte beispielsweise Tomoyasu Hoteis Band Boøwy). Doch dass wirkliche Extreme in Sound und Optik zum Massenphänomen wurden, war kaum vorstellbar, bevor neben Loudness auch Yoshiki und seine Mitstreiter auf den Plan traten.

Der überzogene Glanz des Hair Metal verblasst geradezu gegen die halbmeterhohen Haarspikes, die Yoshiki, Toshi, Hide, Pata und Taiji Ende der 1980er-Jahre spazieren führen. Mit ihrem optischen Mix aus Glam, Punk und aggressivem Heavy Metal werden sie zu Pionieren des Visual Kei, gemeinhin die erste Assoziation, wenn man heute an japanischen Rock und Metal denkt.

Ihr Debütalbum "Vanishing Vision" veröffentlichen sie unter eigenem Label-Print und brechen prompt Independent-Rekorde. Klar, dass der Major-Deal auf dem Fuße folgt und auch der Zweitling "Blue Blood" einschlägt. Wenn es um die Auswirkung auf die Musikszene geht, hätte man auch eines dieser beiden Alben zum Meilenstein küren können, doch musikalisch befinden sich X Japan damals noch in der Entwicklungsphase.

Bei "Jealousy" lässt Yoshiki verstärkt seine klassische Früherziehung durchsickern, legt die harte Fassade ab und eröffnet die Platte mit einem experimentellen Klavierstück. Auch optisch fährt die Band ihre Aggression zurück, dem Höhenflug in Sachen Popularität tut das freilich keinen Abbruch.

Bald reicht der heimatliche Markt nicht mehr: Mit Atlantic Records wollen X Japan die USA erobern. Dem passt Yoshiki den Text des kommenden Albums an: Sänger Toshi muss sich damit anfreunden, komplett auf Englisch zu performen. Daran, die Radio-Pläne des Labels zu erfüllen, denkt Yoshiki allerdings gar nicht: Statt einem leicht verdaulichen Dreiminüter komponiert er eine halbstündige Metal-Sinfonie: "Art Of Life".

Die Struktur entsteht in knapp zwei Wochen, bis die Platte allerdings fertig ist, vergehen beinahe zwei Jahre. Später erzählt Yoshiki, allein die Perfektionierung der Gesanglinie habe ein Jahr in Anspruch genommen. Vielleicht lag es auch am bequemen Arbeitsplatz: Der inzwischen steinreiche Japaner reißt sich nämlich die One On One-Studios unter den Nagel – dort hatten Metallica kurz zuvor noch ihr "Black Album" eingespielt. Zwischenzeitlich gehts nach London an die Abbey Road, um das Royal Philharmonic Orchestra zu Höchstleistungen anzuspornen.

Welch Arrangementwunder dabei entstanden ist, offenbart sich bereits in den ersten Minuten. Yoshiki arbeitet mit klassischer Motivtechnik (tatsächlich entwirft der Japaner selbst seine Drumpatterns auf Notenpapier), und vor allem achtet er penibel darauf, die Parts nicht einfach nebeneinander zu stellen, sondern sie aufeinander aufzubauen. Das zunächst nur sanft unter einem Gitarrenarpeggio klimpernde Piano übernimmt schon bald die Führung – doch nur, um sich selbst bald in ähnlicher Weise vom Orchester ablösen zu lassen. Das spielt sich kurz in den Vordergrund und zieht sich dann wieder zurück, um Toshi Raum zu geben. Dessen Stimme ist im Grunde nur ein weiteres Instrument: Der weiche japanische Akzent verfremdet die englischen Lyrics, zudem ordnen X Japan die Worte strikt der Melodie unter und beugen sie entsprechend.

Trotzdem dringt der Kern des Textes durch, spiegelt ihn doch die Musik wieder. X Japan befinden sich auf einer Reise: zunächst in die Depression hinein – bis zum Wahnsinn – ehe sie schließlich einen Weg finden, trotzdem zu existieren und wieder hinauszutauchen. Nach dem melancholischen Einstieg entlädt sich alle Wut des Quintetts in einem mehrminütigen Speed Metal-Teil, den einerseits Yoshikis manisches Drumming, andererseits die an Metallica und Iron Maiden erinnernden Leads von Gitarrist Hide prägen. Bassist Heath (für den "Art Of Life" nach dem Ausscheiden Taijis das erste Bandalbum ist), grätscht mit seinen Figuren dazwischen, auch die Streicher schmiegen sich immer wieder an die Riffs an. Über die Sechzehntelsalven breitet Toshi schließlich eine Hook aus, die man noch vor Ende des Stücks wird mitsingen können.

All das, inklusive mehreren weiblichen Voice-Over-Parts, die sich wie Klammern um einzelne Abschnitte legen, und einem perfekt eingebetteten Cembalo-Zwischenspiel, ist allerdings nur die Vorbereitung auf ein Klaviersolo, das beinahe ein Drittel der gesamten Spielzeit einnimmt. Es ist das Herzstück von "Art Of Life", repräsentiert das Stück in aller Schönheit, aber auch Destruktivität. Bedeutsam ist es vor allem deshalb, weil Yoshiki hier seinen Perfektionismus aufbricht. Nach der Exposition eines Ruhe-Patterns, beginnt er eine dissonante Improvisation – die auf dem Album enthaltenen Töne entstammen tatsächlich dem ersten Take und stehen damit in der Herangehensweise im krassen Kontrast zum monatelangen Polieren der umgebenden Komposition.

Doch genau darum geht es Yoshiki hier: Er lässt die Kontrolle fahren und gibt sich voll und ganz seinen Emotionen hin. Er entlädt sie in rasenden Kaskaden, die das immer noch stoisch weiterspielenden Hauptmotiv zu verschlingen drohen – so intensiv, dass irgendwann nichts mehr von seinem Schmerz übrig ist. Die Katharsis wird hörbar, wenn sich nach ein paar letzten verzweifelten Schlägen auf die Klaviatur schlussendlich das Motiv wieder durchsetzt, die Streicher wieder durchkommen und sich ein Gefühl der Erschöpfung, aber auch Ruhe breit macht.

Wenn dann die Band einsteigt, um den Song in einer fünfminütigen Reprise des Heavy Metal-Parts zu Ende zu bringen, ist die Erlösung komplett. Seufzte Toshi am Ende des ersten Aktes noch "Just kill me ...", steht nun wie vorher bereits mehrfach angedeutet unverrückbar fest: "Wanna live / Can't let my heart kill myself" und X Japan schicken ihre Hörer mit "A rose is breathing love / in my life" ins Leben hinaus. Klar: Das ist kitschig und bisweilen dick aufgetragen, aber das ist Mozart auch.

Den amerikanischen Markt eroberten X Japan mit "Art Of Life" nicht. In Japan wird ihnen dafür die Ehre zuteil, als erste heimische Band überhaupt zum Jahreswechsel im Tokyo Dome zu performen – in den Folgejahren bis 1997 sind sie außerdem die einzige Band, die diesen besonderen Slot bespielt. "Art Of Life" fällt letztlich so komplex aus, dass die Band es nur fünfmal in Gänze aufführt (das zugehörige Livealbum ist unbedingt zu empfehlen!). Danach beschränken sie sich auf den letzten Akt, der das Werk repräsentieren soll, dieser Aufgabe aber freilich nur bedingt gerecht wird. Denn auch wenn die 25 vorangehenden Minuten auf dieses Finale hinarbeiten – es passiert einfach zu viel Wichtiges. Yoshiki hat das Stück so konstruiert, dass keine Minute verzichtbar ist.

Die schnellen Passagen seines Magnum Opus wird Yoshiki vielleicht nie wieder spielen können. Seit Jahren ließen ihn die Ärzte wegen einer schwer geschädigten Wirbelsäule nur noch mit Halskrause ans Schlagzeug, nach einer Operation im Juni 2017 äußerten sie Zweifel, ob er überhaupt noch einmal ans Kit treten sollte. Der X-Leader gibt sich trotzdem zuversichtlich: "Es ist Teil meines Lebens. Ich werde wieder Schlagzeug spielen. Aber wohl nicht in dem Maße wie ich es gewohnt bin."

Dem Traum, auch in der westlichen Welt Anerkennung und Popularität zu gewinnen ist er inzwischen näher gekommen. Nach einem zehnjährigen Split (1998 bis 2007) sind X Japan heute nicht nur in der Heimat größer denn je. Für einige Reunion-Konzerte standen unter anderem Richard Fortus (Guns N' Roses) und Wes Borland (Limp Bizkit) als Platzhalter für den kurz nach der Auflösung verstorbenen Gitarristen Hide auf der Bühne. Zu den Bewunderern der Band zählt Kiss-Zunge Gene Simmons, mit Marilyn Manson schraubt Yoshiki an einem neuen Projekt. Und auch das Publikum wächst: 2014 absolvieren X Japan ihre erste Welttournee, dabei füllen sie unter anderem den New Yorker Madison Square Garden.

2018 plant die Band, das erste Studioalbum seit 22 Jahren zu veröffentlichen. Die Aufnahmen sind bereits abgeschlossen. Was Yoshiki mit "Art Of Life" bereits anstrebte, ihm dann aber verwehrt blieb, soll nun endlich passieren: eine weltweite Release-Kampagne. Im besten Falle wird diese zum Manifest der zweiten Ära X Japans. Am Ausnahmestatus der ersten ist dank des Vermächtnisses von "Art Of Life" nicht mehr zu rütteln.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Art Of Life

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