laut.de-Kritik

Scheitern auf abstrus hohem Niveau.

Review von

Wo man hinsah, Killa Beez auf dem Kiez. Das W prangte auf bermuda-rockenden Beinen der Backpacker, auf übergroßen Wu Wear-Pullis der B-Girls und auf tiefergelegten BMWs. Es roch nach billigem Deo und teurem Hasch. Jeder Hamburger Gangbanger und seine Mudda hatten sich im Sommer 1997 auf der Reeperbahn versammelt, und sie alle fieberten vor der Großen Freiheit dem Auftritt der größten Hip Hop-Gruppe aller Zeiten entgegen: dem Wu-Tang Clan. Im Gepäck hatte der neben Drogen und Frauen sein zweites, größenwahnsinniges Album "Wu-Tang Forever". Alle wollten die Ruckus sehen, wie die Ruckus sein, und sie alle folgten in jenen Tagen der gewohnt schüchternen Empfehlung vom RZA aus "Bells Of War": "You don't even gotta go to summer school / Pick up the Wu-Tang double CD / And you'll get all the education you need this year."

Doppel-CD, "Double LP from Wu-Tang Clan / It's yourz": 29 Tracks stark, aufgenommen in der Wu-Mansion in New Jersey und angeheizt von einem vier Jahre währenden Hype, kollabiert und scheitert dieses Doppelalbum auf einem so abstrus hohem Niveau, das noch Jahrzehnte später verblüfft. Der Sound bürstet zwar glatter poliert gegen den Strich als bei all den liebgewonnen, vorherigen Wu-Scheiben, poltert parallel jedoch mit der tightesten RZA-Bassdrum ever durch die Hood und funkt in Synthie und Snare knarzig genug, um den Kopf zu bangen wie… Nein, der sexistische Vergleich bleibt weg. Schlimm genug, dass Mitglieder des Clans vorher und später nicht gefeit waren vor ekligen Lyrics, wie Ghostface im "Iron Maiden"-Track von seinem "Ironman"-Debüt ("'Sho 'nuff, hit the bank and thrust. Wu Nauticas, Jamie Sommer got trained on the tour bus.")

Die selbsternannten Götter entzauberten sich mitunter als Produkte ihrer Umgebung selbst. Sie vergessen Poppa Wus eigene Predigt auf dem Spoken Words-Opener "Wu-Revolution", sie vergessen ihre eigene Mission: "I'm calling my black woman a bitch / I'm calling my peoples all kinds of thing that they not / I'm lost brother, can you help me." Vielleicht richtet sich dieser Schrei nach Selbstliebe auch again and again an sie selbst, an sie, die als Kinder oft genug Opfer von Gewalt und sexuellen Übergriffen waren, wie U-God in seinem Buch "Raw: My Journey Into the Wu-Tang" offenlegt.

Der Weg der "Wu Revolution" wird kein leichter sein. Das bürgerliche Feuilleton schreckte diese Realität ab. Sie hatten sich vom Wu-Tang Clan und "Wu-Tang Forever" nichts weniger als die Rettung ihres Hip Hops gewünscht. Einem Hip Hop, der nicht flucht, den man beim Weintesten in der Hamburger Altbauwohnung ohne Scham hören und pop-theoretisch auseinandernehmen kann. Die Wilden sollen doch bitte schön edel sein. Doch die Faszination des Clans lag schon immer darin, sein eigener, kleiner Mikrokosmos zu sein, der den (ungehörten) Teil der Gesellschaft spiegelt: von Weisheit zu Whiskey, von Weed zu Gewalt, von Gangster-Rappern, die Gerüchten zufolge auch innerhalb der erweiterten Wu-Familie nicht vor Anschlägen auf unbeliebte Rap-Cousins zurückschreckten, von latent antisemitischen Five Percenter-Moslems, die seit 20 Jahren proisraelische Emcees wie Remedy in ihren Reihen dulden, bis hin zu offenen Widersprüchen, wie RZAs Rant gegen Rap and verwässerten R'n'B-Bullshit im Intro der zweiten "Wu-Tang Forever"-CD, während drei Clanmänner mit Gastauftritten bei Mariah Carey oder 411 hart abliefern. Nichts ist schwarz-weiß, alles ist grau.

Anyway, ich schweife ab. RZA heißt auf "Wu-Tang Forever" all diese Richtungen und Stimmungen willkommen, versucht, ihnen gerecht zu werden, und gießt sie perfekt in Musik. Erstmals unterstützen ihn seine Producer-Protegés 4th Disciple und True Master hinter den Reglern, trotzdem hält er mehr denn je als allmächtige Spinne alle Fäden in der Hand. Der Gründer bewegt sich am Ende seines Fünfjahresplans in seiner eigenen Sphäre. Jeder Beat offenbart ein eigenes kleines Universum, ist im Gegensatz zu den extrem stimmigen Solowerken oder dem brachialen Debüt eine kleine Wissenschaft für sich und enthält on top einige der besten Verse aller Zeiten.

Beispiele gefällig? Ghostface, oben noch gescholten, droppt auf dem von 4th Disciple zerbrechlich und unheilvoll angelegten "Impossible" laut RZA gar den größten Wu-Vers ever, wie dieser in seinem Buch "Wu-Tang Manual" erläutert. Nicht umsonst heimst der Part auch den Rap Of The Year-Award des The Source-Magazins sein.

"Call an ambulance, Jamie been shot, word to Kimmy / Don't go, son, ni**a, you my motherfucking heart / Stay still, son, don't move, just think about Keeba / She'll be three in January, your young God needs ya."

Wie keiner zweiter Emcee malt Tony Stark from the scratch weg das Bild der Straße, die Geschichte endet dort, wo viele aus dem Ghetto enden: "Finally, this closed chapter comes to an end / He was announced, pronounced dead, y'all, at 12:10." Wie niemand sonst leidet er am Mic mit seiner Story und wird so nicht nur für Everlast zu einer Ikone, wie dieser im 2004er Interview erzählt: "Ghostface ist auf jeden Fall einer meiner Lieblingskünstler. Er weint, er schreit und ist immer mit dem Herzen dabei. Das kannst du fühlen."

Der zweite Vers, der Hip Hop-Historie geschrieben hat, findet sich an vorderster Front auf der erste Single des Albums. "I bomb atomically…", wenn diese drei Wörter über den "Triumph"-Beat fallen, explodieren alle Köpfe - musikalisch. Der ewig unterschätzte Inspectah Deck legt nach Meinung von Kolleg:innen wie Talib Kweli einen Blueprint für Rapreime ab: "For me personally, it's a masterclass in the internal rhyme scheme. It's a masterclass on how to write a verse", so Talib im Interview mit Deck. "Socrates' philosophies and hypotheses can't define how I be dropping these mockeries." Mehr geht nicht - auch für den Inspectah nicht.

Der Rebel INS dominiert zwar "Wu-Tang Forever" nach Belieben, stellt auf Albumlänge Ghost in den Schatten und sprintet mit seinen Parts auf "A Better Tomorrow", "The City" oder "For Heaven's Sake" trotz A-Game-Performances der anderen an Mentor GZA, Teamseele Ol' Dirty, Weisheit-Dropper RZA und Aushängeschild Method Man vorbei. Ein Top Ten-Emcee wird er jedoch nie. Seit seinem "C.R.E.A.M."-Juwel auf sein Solodebüt wartend, verliert er Mitte der 90er alle seine Songs, als RZAs Kellerstudio überschwemmt wird. Bis zu 500 Beats sollen der legendären Flut zum Opfer gefallen sein, und Deck musste sich hinten anstellen. Getrieben von Frust und Wut entert er für "Forever" die Booth einen Tick hungriger als seine Kumpels, die größtenteils schon ihre Goldplatten an der Wand und um den Hals hängen hatten. Inspectah Deck kennt in jenen Jahren 1996 und 1997 auch mit externen Rap-Gruppen keine Gnade, wovon sein alles killendes Feature auf Gang Starrs "Above The Clouds" Zeugnis ablegt.

Leider kann er diese Energie später nicht in Erfolge ummünzen. Der RZA schippert nach dem "Wu-Tang Forever"-Finale seines ersten, berühmten Fünf-Jahres-Plans nach Hollywood, liefert meistens für seine Leute nur noch nebenbei Standardwerke ab, und so fehlt Deck die verdiente Krönung zum All-Timer. Umso wichtiger ist es, dem legendären und immer bodenständigen Emcee seine Props für "Wu-Tang Forever" zu geben. Das irre Niveau seiner Shaolin-Brüder zu toppen, gelingt nur den ganz Großen.

Wir reden seit Minuten nur über ihn, dabei hätten so viel Engagement auch Ghost und Raekwon mit ihrem gewohnt kongenialen Storytelling auf "The M.G.M." verdient, auf dem sich die beiden angeregt über das legendäre Boxduell zwischen Julio Caesar Chavez und Pernell Whitaker aus dem Jahre 1994 im MGM Grand Hotel in Las Vegas unterhalten. Oder Raekwons messerscharfe, brutale Auftaktline - "Machine gun rap for all my niggas in the back / Stadium packed" - bei "It's Yourz", die später Drake für sein "Wu-Tang Forever" samplen sollte.

"Punks in the back, come on in the track and let your feet stomp", 97er Version. Oder GZAs doppelte und dreifache Böden auf "Reunited": "I splash the paint on the wall, formed a mural / He took a look, saw the manifestation of it was plural." Oder, oder, oder - die Liste an wundervollen Versen ist so endlos wie der Wu-Tang selbst, und RZAs Beats stehen den Lyrics in nichts nach. Am Anfang dominierten eingängige Banger wie die erwähnte, hooklose erste Single "Triumph" mit ihren dramatischen Violinen, den kleinen Hintergrundsequenzen und den straight marschierenden Drums. "Reunited" bricht den Cuban Linx-behangenen Nacken und legt mit einem durchgehenden Geigensolo-Loop-Wahnsinn den Grundstein für Kanye Wests Karrierebeginn, während "It's Yourz" den Snare-Wechsel zwischen Snaps und harten Hits perfektioniert.

Nach Tagen des intensiven Konsums traten zwei andere Tracks in den Vordergrund, und jedes Jahrzehnt später entdeckt man neue Spuren wie Archäologen auf der Suche nach Atlantis. "Severe Punishment", zuerst oft wegen seines arg monotonen Uptempo-Beats geskippt, zeigt gerade im letzten Drittel RZAs Genialität, wenn er asiatische Filmsequenzen über Beat legt und so einen ersten Rap-Film-Mix-Versuch wagt, der später in sein "Ghost Dog"-Meisterwerk münden sollte. Es bräuchte ein Buch, um alle kleinen Diamanten zu würdigen. Diggt selbst.

Das Album steigt auf Platz eins der Billboard-Charts ein und verkauft in der ersten Woche 612.000 Einheiten, trotzdem gilt es als Wendepunkt in der Geschichte des Wu und als Scheitern auf dem Höhepunkt. Die ersten Risse sind bereits sichtbar, sie überdeckt jedoch großartige Kunst. Da geht es dem Clan nicht anders als zum Beispiel den Gunners und ihren "Use Your Illusion"-Scheiben. Für die alten Fans war es zu glatt, und für die Musiker selbst das Ende, oder besser der Anfang für eigene Karrieren.

Welche Anforderungen hatte der RZA versucht, nicht zu erfüllen? Alle neun Mitglieder scheinen lassen? Die Solo-Klassiker und das Debüt vergessen zu machen? Einen neuen Sound zu finden? Hip Hop zu retten? Straßen-Dudes wie Soziologen in jedem Winkel der Welt zu begeistern? Die Musikindustrie umzukrempeln? In Underground und an der Spitze der Charts zu stehen? Die Black Community nach vorne bringen? Das Vorhaben konnte nur scheitern. RZA trieb seine Mannen nur noch zu Höchstleistungen innerhalb seiner Vision, doch die selbstbewussten Stars formten sich nicht mehr wie Voltron, wie damals im Keller in Staten Island. Raekwon fasst die gemischte Gefühlslage im Interview mit VladTV perfekt zusammen: "The reason I felt like it was a masterpiece is because, at that time, it was something different that we brought to the table as far as the collective of Wu-Tang. What doesn't make it a classic to me is the fact that it wasn't 100 percent of us involved on the creative side, like we were with the first one."

23 Uhr, Große Freiheit. In der Halle ist die Luft fast sichtbar, stickig. Die Kehle wie ausgedörrt, das Schlucken fällt schwer. In der Loge brechen Prügeleien aus, erste Fans verlassen das Gebäude. Wo bleiben sie? Genervt schwärmen die Wu-Tang-Fans wie Killerbienen an die Bar. Ein einsamer DJ versucht, die Masse mit Hip Hop-Klassikern im Zaum zu halten. Der Name des allen unbekannten Plattendrehers: Allah Mathematics, seines Zeichens gelehriger RZA-Schüler, Wu-Logo-Erfinder und Tour-DJ - und dann beginnt Ol' Dirty Bastard ins Mic zu lallen, während Method Man blauen Dunst hustet. Die Stimmung kippt, die neun Götter sind da.

Das Konzept entpuppt sich als solide Ansammlung von Hits mit den zwei erwähnten Emcees als Partytiere. Live viel Hype um etwas. Trotzdem wanken selbst Indie-Nasen wie Thees Uhlmann glückselig nach Hause und werden noch ihren Kindern von diesem Konzert erzählen. Wer lange genug blieb, konnte gar mit ODB an der Bar anstoßen oder in den Tourbus steigen. Drogen, Sex und Weltretten 4 minus: Die Wu-Tang-Jungs verzichteten zumindest an jenem Abend auf die Wu-Revolution, Götter waren sie auch nicht, doch "Wu-Tang is Forever". Wo war Poppa Wu eigentlich?

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

CD 1

  1. 1. Wu-Revolution
  2. 2. Reunited
  3. 3. For Heaven's Sake
  4. 4. Cash Still Rules/Scary Hours
  5. 5. Visionz
  6. 6. As High as Wu-Tang Get
  7. 7. Severe Punishment
  8. 8. Older Gods
  9. 9. Maria
  10. 10. A Better Tomorrow
  11. 11. It's Yourz

CD 2

  1. 1. Intro
  2. 2. Triumph
  3. 3. Impossible
  4. 4. Little Ghetto Boys
  5. 5. Deadly Melody
  6. 6. The City
  7. 7. The Projects
  8. 8. Bells Of War
  9. 9. The M.G.M.
  10. 10. Dog Shit
  11. 11. Duck Seazon
  12. 12. Hellz Wind Staff
  13. 13. Heaterz
  14. 14. Black Shampoo
  15. 15. Second Coming
  16. 16. The Closing
  17. 17. Sunshower
  18. 18. Projects International Remix

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2 Kommentare

  • Vor 4 Monaten

    Danke für diesen Text, Wudo!

    Eigentlich kaum vorstellbar beim mittlerweile schon 7. (hab ich das richtig mitgezählt?) Stein aus dem Wu-Universum, aber mit insbesondere Ghosts Sexismus, der mindestens zweischneidigen 5-%-Nation und dem ausführlichen Fokus auf Inspectah Deck hast du gleich mehrere (zumindest mir) wichtige Sachen angepackt, die bisher zu kurz gekommen sind.

    Das Album selber hat mit Severe Punishment, Its Yourz und The City ein paar meiner absoluten Wu-Favoriten am Start und ist für den stolzen Umfang geradezu spektakulär homogen in Qualität und Stimmungsdichte. Mir hat der Blödsinn, den RZA auf dem Intro und Raekwon auf dem Outro zu Scheibe 2 verzapfen, irgendwie trotzdem manchmal den Spaß am Album gekilllt, so dass ich es - Schande über mich - überwiegend als Playlistfutter ausgeschlachtet und selten am Stück gehört habe. Aber die nächsten Tage klettert der Zähler sicher mal wieder ein bisschen :)

  • Vor 4 Monaten

    „Das bürgerliche Feuilleton schreckte diese Realität ab. Sie hatten sich vom Wu-Tang Clan und "Wu-Tang Forever" nichts weniger als die Rettung ihres Hip Hops gewünscht. Einem Hip Hop, der nicht flucht, den man beim Weintesten in der Hamburger Altbauwohnung ohne Scham hören und…“
    Was immer da in der Redaktionspillendose ist, fresst weniger von dem Zeug.