8. April 2009

"Nick Cave ist größer als Morrissey"

Interview geführt von

Mit "To Loose My Life" legten die britischen Alternative-Rocker einen Bilderbuchstart hin, wie ihn sich wohl jede Newcomer-Band erträumt.Im Januar in der Heimat veröffentlicht, eroberte die Platte sofort die Spitze der Albumcharts, Morrissey und Nick Cave kamen zum Konzert und die Presse jubelte unaufhörlich. In Berlin traf ich den erfrischend bodenständigen Bassisten Charles Cave zum Interview und plauderte mit ihm über den unerwarteten Erfolg, Vergleiche mit Joy Division, sein Songwriting und die musikalische Entwicklung hin zum White Lies-Debüt.

Das heutige Konzert ist ausverkauft, wie auch eine Menge der kommenden Gigs. Euer Album stieg sofort auf Platz 1 der britischen Charts ein. Wie verkraftet man einen solch durchschlagenden Erfolg?

Charles: Ich glaube "durchschlagend" ist das richtige Wort, aber wir haben gar nicht wirklich die Zeit, viel darüber nachzudenken. Wir verbringen unsere Zeit lieber damit, darüber nachzudenken, wie wir eine großartige Show spielen, als darüber, wie cool es ist, dass dieses Mal viele Leute kommen. Wir wollen einfach allen dafür danken, dass sie ein Ticket oder die CD gekauft haben, indem wir die bestmögliche Show spielen. Es ist großartig, es ermutigt uns noch besser zu spielen. Wenn wir wissen, dass das Konzert ausverkauft ist, spielen wir eine bessere Show.

Und dann steht sogar ein gewisser Morrissey im Publikum vor einem.

Ja, er kam zu einer unserer ersten Shows.

Was denkt man in so einem Moment?

Na ja, wir haben es erst im Nachhinein erfahren. Ich hab' ihn nicht gesehen, also was soll's? Das spielt keine wirkliche Rolle. Ich meine, wenn ich er wäre, würde ich auch zu Shows, wie diesen gehen. Jemand mit so einer Musikkarriere – ich glaube es wäre einfach dumm, wenn er sich keine zeitgenössische Musik anhören würde, denn sonst würde er den Anschluss verlieren. Kunst entwickelt sich ja immer weiter und es kommt immer etwas Neues heraus. Und wenn er darüber nicht Bescheid weiß ...

Aber macht euch das nicht auch ein wenig stolz?

Ich schätze, es ist ein Kompliment, andererseits, wer weiß, ob er wirklich da sein wollte oder ihn nicht einfach jemand mitgenommen hat. Es ist cool. Nick Cave war auch da und er ist eine wirklich große Inspiration. Das ist eine größere Sache für uns. Aber vielleicht mochte er uns ja auch nicht. Wie auch immer!

Ich habe gelesen, dass du und Jack zusammen zur Schule gegangen seid. Wie habt ihr Harry kennengelernt?

Jack und Harry sind zusammen auf die Mittelschule gegangen. Ich habe Jack kennengelernt, als ich fünf war und er hat Harry getroffen, als er elf war und dann sind wir Freunde geworden und zusammen aufgewachsen.

Und wann habt ihr eure erste Band zusammen gegründet?

Ich glaube mit 14, 15. Es war keine richtige Band, wir begannen einfach zusammen zu spielen. Wir haben alle zur gleichen Zeit Instrumente bekommen und wollten lieber gemeinsam lernen, als allein. Wir spielen also schon eine lange Zeit zusammen.

"Wir wollten uns selbst beeindrucken"


"Unfinished Business" wird als eine Art Schlüsselsong in eurer musikalischen Entwicklung genannt. Inwiefern stellt dieses Stück einen Wendepunkt für euch dar?

Na ja, es ist der erste Song, den wir schrieben. Er markiert den geistigen Wandel, den Wandel der Einstellung in Bezug auf unser Musikmachen. Das war der erste Song, den wir schrieben und uns nicht darüber den Kopf zerbrachen, was irgendjemand denkt. Wir wollten uns selbst beeindrucken. Und es war auch der erste Song, bei dem ich mich wirklich über die Lyrics sorgte. Es ist einfach ein sehr wichtiger Song für White Lies, aber es ist auch das erste Stück, das wir schrieben. Die Dinge haben sich sichtlich entwickelt seitdem, aber dieser Song war einfach die Ermutigung, die wir brauchten. Und danach folgte "Death", ebenfalls ein wichtiges Lied.

Zusammen mit euren ersten Songs habt ihr auch ein paar Kurzfilme auf eurer Webseite veröffentlicht, die mit euren offiziellen Musikvideos in Verbindung stehen. Welche Idee steckt hinter diesen Kurzfilmen?

Na ja, wir sahen immer die starke Parallele zwischen unserer Musik und der visuellen Seite. Eine Menge Leute, die unsere frühen Shows sahen, bemerkten sogar wie eindrucksvoll diese visuell aussahen, obwohl wir lediglich – und das tun wir noch immer – leuchtendes, weißes Licht einsetzten und dazu Schwarz trugen. Wir waren uns schon früh über das Potential zwischen unseren Songs und der Visualisierung bewusst oder umgekehrt, wie diese zusammenarbeiten. Und als wir über die Möglichkeiten nachdachten, unser Album zu promoten und darüber, Leute vielleicht dazu zu bringen, Teile des Albums anzuhören, die sie normalerweise nicht hören würden, entschieden wir uns dazu, ein paar Kurzfilme zu machen. Und auch über die Musikvideos haben wir uns viele Gedanken gemacht und eine Menge Arbeit hereingesteckt. Und ich denke, sie sind wirklich kleine Kunststückchen. Sie sind wirklich interessant.

Eine Menge Bands finden Musikvideos wirklich langweilig, aber ich denke, das kommt daher, dass sie sich nicht so viele Gedanken darüber machen. Wenn die Idee zum Musikvideo am Ende des Tages die ist, einfach in einer Lagerhalle zu spielen – und das ist es dann, was man für 15 Stunden macht – dann ist das langweilig. Aber unsere Ideen, mit Wölfen zu spielen und sich zu einer Menge verschiedener Orte zu begeben – zuletzt fuhren wir nach Sibirien, ins arktische Russland... Und auch wenn das Video nicht so protzig wie die Videos anderer Bands aussieht, denke ich, dass wenn Leute es sehen, sie damit eine Verbindung haben und sagen: "Wow, diese Band ist tatsächlich dahin gefahren, die haben das tatsächlich gemacht." Und sie machen keine Stunts, sie standen tatsächlich neben einem wirklich großen Wolf und sind nach Sibirien ans Ende der Welt gefahren. Ich denke, es ist sehr real, da gibt es keine Effekte oder Bluescreen-Technik. Und das Video in Russland war wirklich heftig. Das war kein Urlaub!

Abgesehen von dem ersten Video zu "Unfinished Business" weisen eure letzten Videos auch eine sehr ähnliche Ästhetik auf.

Ja, wir hatten denselben Regisseur.

War es sein bzw. euer Ziel, die Clips so kohärent wie möglich wirken zu lassen?

Ich denke, die meisten, guten Regisseure haben einen signifikanten Stil. Andreas Nilsson hat zum Beispiel ein Video für Fever Ray, das Soloprojekt des Mädchens von The Knife (Karin Dreijer Andersson, Anm. d. Verf.) gedreht, und das hat einen ähnlichen Stil wie unsere Videos. Er ist ein brillanter Regisseur und wir wollten, dass die Videos definitiv mit einander in Verbindung stehen. Dasselbe haben wir auch beim Artwork gemacht, mit den Single-Covern. Es war unsere und seine Idee zur gleichen Zeit. Aber er ist federführend, wir hinterfragen ihn nicht so sehr.

Aber ihr könnt auch eure eignen Ideen einbringen?

Ja, das können wir definitiv, aber ich denke, wir mögen es, das nicht zu tun. Wir mögen die Überraschung und das Geheimnisvolle daran, mit jemandem zu arbeiten und ihm seine Kontrolle zu lassen.

Auf der anderen Seite hört sich auch euer Album sehr kohärent an. Wie würdest du es als Ganzes beschreiben?

Wir haben es in zwei Abschnitten geschrieben. Wir haben die ersten fünf Songs in etwa zweieinhalb, drei Monaten geschrieben und hatten dann eine kleine Pause, in der wir ein paar Shows spielten. Und dann haben wir den Rest in eineinhalb Monaten verfasst. Das Album wurde also in sehr, sehr kurzer Zeit geschrieben und deswegen klingt es meiner Meinung nach kohärent. Und ich würde das niemals ändern. Wir schreiben jetzt nicht, auf Tour, weil ich nicht denke, dass das funktionieren würde. Wenn wir das zweite Album schreiben, werden wir es auf dieselbe Art tun. Wir werden uns hinsetzen und uns die Zeit, ich weiß nicht wie lange es dauern wird, nehmen und wir werden jeden Tag arbeiten und das Album schreiben. Als Ganzes. Wenn du aufnimmst, dann entdeckst du bestimmte Dinge, die du auf dem Album wiederholen willst, ob es ein Gitarrensound, ein Keyboardsound ist, irgend so etwas. Du wiederholst Dinge, denn ich denke ein Album sollte ein sehr signifikantes Beispiel eines Moments in der Zeit sein. Eine Menge Bands verheddert sich damit, ein Jahr später darüber nachzugrübeln: "Oh, das hätten wir besser, anders machen können." Aber man muss auch respektieren, dass das ein Moment in der Zeit war und man muss es auch so behandeln. Das ist charmant und auch die Fehler und das Bedauern sind irgendwie charmant an sich. Aber wir haben auch nicht wirklich viele, wir mögen unser Album immer noch (lacht).

Ihr seid also zufrieden damit?

Ja, wir sind glücklich.

Manche beschreiben euer Album als schwermütig, stimmungsvoll und dramatisch. Stimmst du dieser Beschreibung zu?

Manches davon stimmt. Aber ich bin mir nicht sicher was "schwermütig" angeht. Es ist emotional und ziemlich dunkel und sehr intensiv. Da gibt es eine Menge erhebende Stücke. Wenn wir Live-Shows spielen, können wir das Publikum, können wir Hundert Gesichter sehen und da runzelt ganz bestimmt niemand die Stirn, jeder ist sehr erhoben und euphorisch dadurch. Und ich denke, dass es die Leute ermutigt. Ich denke nicht, dass es überhaupt deprimierend ist. Für mich ist es das nicht.

Es gibt ja auch eine Menge kraftvoller Melodien. Vielleicht rührt dieser Eindruck ja auch einfach von den Lyrics oder Songtiteln wie "Death" oder "To Lose My Life" her.

Ja, mit Sicherheit. Da stimme ich zu und auch wenn man die Lyrics nur lesen würde, dann würde man vielleicht auch zu diesem Schluss kommen. Als wir den Song "Death" geschrieben haben, stellte ich die Lyrics und wir den Song fertig und dann sagte ich zu den Jungs: "Ich werde ihn 'Death' nennen." Und sie sagten erst: "Mmh, wir sind da nicht so sicher." Und dann sagte ich: "Na ja, darum geht es in dem Song, warum Drumherum reden? Lasst es uns einfach 'Death' nennen." Und sehr schnell dachten sie sich auch: "Ja, das macht Sinn. Das ist ein großartiger Titel." Es ist sehr gewagt und sehr dramatisch einen Song "Death" zu nennen, aber davon handelt das Lied.

"Ich mag es nicht, Songs zu covern"


Die Medien vergleichen euch mit Bands wie Joy Division. Seid ihr stolz darauf, in einer Reihe mit Musikern wie Ian Curtis oder Echo And The Bunnymen genannt zu werden?

Es ist ein Kompliment, denn diese Bands hatten einen großen Einfluss auf die Musik. Es ist wirklich schmeichelhaft, mit ihnen in eine Liga gesteckt zu werden, aber ich finde es auch ein bisschen albern, da wir ja noch nichts groß gemacht haben. Ich meine, wir haben bis jetzt ein Album veröffentlicht. Nach fünf Alben können die Leute vielleicht beurteilen, ob wir wirklich einen signifikanten Einfluss auf irgendetwas, auf die Leute, auf das Musikbusiness hatten. Ich glaube, die meisten Vergleiche rühren daher, dass Harry in einer Bariton-Stimme, in einer tiefen Stimme, singt. Nicht viele Leute tun das. Man könnte uns genauso gut mit The Doors anstatt Joy Division vergleichen. Ich weiß nicht, die Leute vergleichen einfach.

Ihr seid auf Platz 2 der BBC "Sound of 2009"-Liste gewählt wurden. Denkst du, dass dies einen großen Einfluss auf eure Karriere hatte?

Ich bin ein bisschen ignorant, was diese Art von Dingen angeht. Ich weiß nicht wie viel Unterschied es macht? Ich persönlich fühle, dass es keinen Unterschied macht. Aber das mag ein bisschen naiv seien, vielleicht macht es doch einen Unterschied. Wir interessieren uns nicht wirklich für diese Dinge. Nachrichten von richtigen Menschen auf MySpace zu bekommen, ist uns viel wichtiger. Tatsächlich eine Nachricht von realen Personen zu bekommen, die sagen: "Hi, ich mag eure Musik wirklich sehr. Sie ist wirklich wichtig für mich", dass ist eine viel größere Sache, als ein Typ, der einfach entscheidet, dies ist die Band, die jeder mögen wird.

Auf eurer nächsten Single "Farewell To The Fairground" ist ein Kanye West-Cover enthalten. Wer hatte die Idee "Love Lockdown" zu covern?

Wir haben uns nicht ausgesucht, das zu tun. Es gibt ein Radioprogramm im UK, in dem man seine aktuelle Single live und dann noch ein Cover performen muss, aber das Cover muss ein Top 10-Stück sein, ein Art Pop-Song, den jeder kennt und man muss aus der aktuellen Wochenliste auswählen. Und wir haben darauf geguckt und da standen Take That, Lilly Allen, Girls Aloud und wir dachten: "Da gibt es nichts, was wir nehmen können." Und dann sahen wir den Kanye West-Song und dachten: "Na ja, wenigstens ist er anders." Und es war ein mutiger Schritt für ihn, diesen Song zu machen. Also dachten wir uns: "Ach, lasst es uns versuchen." Ich denke nicht, dass das Cover großartig ist, es ist okay. Es ist positiv aufgenommen wurden. Den Leute scheint es zu gefallen. Wir sind nicht wirklich eine Cover-Band. Ich mag es nicht, das zu tun. Aber die Leute wollten es, also bekamen sie es auch.

Auf eurer Webseite gibt es ja auch einen Crystal Castles-Remix des Songs "Death" zu hören. Wie kam es denn dazu?

Wir sind mit ihnen getourt und wir sind wirklich gute Freunde. Sie sind wirklich liebenswerte Menschen, sehr talentierte Musiker zudem. Sie haben sich einfach in den Song verliebt und boten an, ihn zu remixen. Und natürlich haben wir ja gesagt. Wir hatten eine Menge Remixe und das ist definitiv einer unserer Top 3. Sie haben einfach etwas sehr persönliches damit gemacht. Eine Menge Remixe kommt zurück und hört sich irgendwie gleich an, aber ein Remix sollte lieber, wirklich dramatisch oder von der Person definiert sein. Es macht keinen Sinn, einfach nur eine Dance-Version daraus zu machen. Aber bei Crystal Castles ist er sehr aggressiv und direkt. Ob man ihn mag oder nicht, ich respektiere es einfach, dass sie ihn gemacht haben. Das ist cool!

Ihr wart auf Tour mit Glasvegas, habt Konzerte mit Franz Ferdinand und The Cure gespielt. Gibt es eine Band mit der ihr gern auch auf Tour gehen würdet und warum?

(Überlegt) Ich würde wirklich gern mit Arcade Fire spielen. Wir sind große Fans von ihnen. Es ist eine schwere Entscheidung, denn es gibt eine Menge Bands die wir gern haben, die aber nicht unbedingt die nettesten Leute zum Touren wären. Ich glaube, Arcade Fire wären nett. Ich weiß nicht. Vielleicht mögen sie unsere Musik ja auch gar nicht, aber sie sind eine großartige Live-Band und es ist immer gut, mit einer großartigen Live-Band zu touren.

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