21. Januar 2011

"Joy Division hatten nie Streicher"

Interview geführt von

Am 28. Januar erscheint das zweite White Lies-Album "Ritual". Dafür verpflichtete der Dreier aus London Produzent Alan Moulder, dessen Namen man schon in Booklets von My Bloody Valentine, Depeche Mode und Nine Inch Nails lesen durfte.Der große Erfolg des Debütalbums "To Lose My Life" strahlte vor zwei Jahren von Großbritannien auf Kontinentaleuropa über, weshalb sich Bassist und Songwriter Charles Cave, Drummer Jack Brown und Sänger und Gitarrist Harry McVeigh plötzlich einer immensen Erwartungshaltung gegenüber gestellt sehen.

Diese parieren sie nun auf "Ritual" mit einer überraschend deutlichen Hinwendung zu elektronischen Sounds. Im Interview mit Charles Cave fragten wir, wie das zweite Album zustande kam und was sich seit dem internationalen Durchbruch verändert hat.

Nach dreimaligem Hören eures neuen Albums per Stream muss ich sagen: Das hätte ich nicht erwartet. Ich bin wirklich überrascht.

Charles: Gut. Positiv überrascht?

Ja. Ich bin davon ausgegangen, dass ihr eurer Erfolgsformel des Debütalbums treu bleiben würdet und habe mich daher auf einen eher depressiven Waverock-Morgen eingestellt.

(lacht) Nein, damit können wir wohl nicht dienen.

Versuchen wir es mal zu definieren: Ihr nähert euch ja unverhohlen dem Pop an, die Gitarren spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle und trotzdem ist fast immer der White Lies-Trademark-Sound zu erkennen. Ich würde sogar sagen, dass die Songs schon klar in Richtung Stadion-Gig schielen.

Yeah, könnte sein. Also nicht dass wir uns darüber Gedanken gemacht hätten, wo man die Songs am besten spielen könnte. Aber die Melodien sind viel stärker als auf dem ersten Album. Ich denke, wenn man gute Songs mit tollen Melodien hört, denkt man fast automatisch, dass dazu viele Leute gemeinsam auf einer großen Fläche singen könnten. Das gibt der Song vor. Ich nehme das also als Kompliment.

Der Grundton ist dieses Mal aber auch viel optimistischer. Was lief da falsch?

Finde ich gar nicht mal. In vielen Songs geht es um den Verlust vom Glauben an die Liebe. Die Idee und das Konzept von Liebe wird in Frage gestellt bzw. als Ablenkung und Ritual beschrieben, das Menschen in ihrem Leben benötigen, um diesem mehr Bedeutung beizumessen. Auf der ersten Platte ging es viel um Zweifel. Nun ist der Blick trotz aller Zweifel vielleicht etwas zuversichtlicher. Nach dem Motto: Wir akzeptieren, dass es so ist, wie es ist. Es bekümmert uns nicht mehr.

Ward ihr es vielleicht auch leid, dass über euch ständig als die Band berichtet wurde, die so elend und traurig klingt wie Joy Division?

Ein wenig vielleicht. Aber wir wissen natürlich, dass es zum neuen Album jetzt wieder neue Vergleiche geben wird, mit denen wir dann zwei weitere Jahre leben müssen. Es ist egal. Viele Journalisten sind sehr faul. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob wir wirklich wie Joy Division klingen, sie schreiben einfach einen anderen Artikel um, fertig. Während wir neue Songs schreiben, interessiert uns sowas nicht. Wir tun das, weil es uns Spaß macht.

Aber als Musik-Fans müsst ihr euch doch sicher geschmeichelt fühlen, wenn man euch mit euren Idolen vergleicht, oder?

Kann ich so nicht sagen. Als Musiker ist es immer seltsam, mit anderen verglichen zu werden, weil du weißt, wie persönlich diese Arbeit ist. Nur ich kann meine Musik so gestalten, wie ich es tue und nur Tom Jones kann es auf seine Weise tun. Musikvergleiche sind daher ein bisschen so, als würde man Kinder untereinander vergleichen und sagen: "Hey, dein Kind sieht ein bisschen so aus wie mein Kind." Das ist unsinnig. Es bedeutet nichts.

Letztlich ist Musik einfach Musik, also Sounds, die irgendwo her kommen und die alle irgendwo ähnlich klingen. Ob da nun eine Celine Dion singt oder Nine Inch Nails, es ist alles Musik. Manche Leute übertreiben es damit, winzigste Teile von Songs auseinander zu nehmen und diese zu vergleichen. Es geht doch eher um die Persönlichkeit des Künstlers, die dahintersteckt. Ich würde mir wünschen, dass die Leute sich mehr damit beschäftigen würden.

Hmm, als Musikjournalist und Musikliebhaber finde ich es aber schon hilfreich, dass man musikalische Vergleiche anstellt, gerade um dem Leser eine Idee zu geben, wo der Künstler grob einzuordnen ist. Das trifft natürlich besonders auf Newcomer zu.

Ja, vielleicht. Dazu eine kleine Geschichte: Bevor unser erstes Album veröffentlicht wurde, schrieb ein Journalist, wir würden wie die Killers klingen. Dann kamen haufenweise Leute zu uns und sagten: Wenn ihr nach einer Band nicht klingt, dann sind es die Killers. Verstehst du? Es ist verwirrend. Es kommt immer auf den Vergleich an. Ich persönlich finde auch, dass wir überhaupt nicht wie Joy Division klingen.

Die einzige Verbindung zu ihnen mag sein, dass Harry eine sehr tiefe Stimme hat. Aber die hat Tom Jones auch. Joy Divisions Musik ist leer und depressiv. Es ist Post Punk. Dagegen klingen die White Lies geradezu glamourös und verschnörkelt mit den Streichern und allem. Joy Division hatten nie Streicher.

"Wir blieben bei Nine Inch Nails hängen"


Du hast einmal gesagt, White Lies würden eher die negativen und traurigen Dinge eures Lebens reflektieren als die glücklichen. Ist das heute immer noch so?

Ich glaube, das ging auf die Frage zurück, warum wir vor allem über gewisse Aspekte des Lebens schreiben. Darauf sagte ich, dass man sich meiner Meinung nach viel stärker an die schlechten Zeiten erinnert als an die guten. Die Bilder sind stärker.

Was geht dir durch den Kopf, wenn du das neue Album jetzt hörst?

Hmm. Schwer zu sagen. Zumindest bin ich jetzt in der Position, es einfach nur genießen zu können. Es ist fertig. Ich kann nichts mehr daran ändern. Das ist ein großartiges Gefühl. Es kommt mir manchmal schon vor wie das Album einer anderen Band. In erster Linie spüre ich den Drang, diese Songs endlich dem Publikum vorzuspielen. Ich will nach draußen mit ihnen, weil ich finde, dass sie besser sind als die unseres Debüts.

Hat euch Produzent Alan Moulder auf den elektronischen Weg gebracht?

Nicht ganz. Bevor wir uns für ihn als Produzenten entschieden haben, hörten wir uns durch seinen Back Catalogue, wodurch Harry und ich am "Fragile"-Album der Nine Inch Nails hängen geblieben sind. Die Platte lief danach bei uns rauf und runter und kann daher vielleicht als Inspiration genannt werden. Aber da Jack und ich bereits zuvor häufig in Clubs auflegten, war der Draht zur Elektronik sowieso vorhanden. Wir hörten viel Trentemöller, Richie Hawtin und minimale Sachen.

Es war dann ein logischer Prozess, dass auch die neuen Songs am Computer entstehen. Das hat ja zahlreiche Vorteile: Wenn du ein Orchester auf einem Song haben willst, benötigst du dafür etwa zehn Minuten. Du musst also nicht extra eines einbestellen und die Musiker bezahlen. MIDI sei Dank. Als wir danach die elektronischen Demos hörten, fanden wir die Atmosphäre ziemlich stimmig. Es klingt manchmal ein bisschen billig und trashig, was wir sehr charmant finden.

Welche neue Qualität hat Moulder ins White Lies-Soundgeflecht mitgebracht?

(überlegt) Ehrlich gesagt hatten wir alle Songs schon geschrieben, bevor Alan zu uns gestoßen ist. Und die Versionen, die auf der Platte gelandet sind, klingen nicht Welten von den Demos entfernt. Vielmehr waren die Demos sowas wie schlechte Aufnahmen der finalen Songs. Er veränderte also weniger die Songs an sich, war dafür aber sehr in die Suche nach den richtigen Sounds involviert. Es kam zum Beispiel vor, dass er Sounds von unseren Demos lobte, die wir auf jeden Fall verwerfen wollten. Er überredete uns aber und half uns daher, manche guten Dinge erst zu erkennen.

Ich habe gelesen, dass Harry vor allem den Song "Peace & Quiet" mag, weil er sehr komplex aufgebaut ist und außerdem noch der insgesamt längste ist. Würdest du ihn als Schlüsselsong beschreiben?

Ja, das würde ich. Auf unserem ersten Album hatten wir den Song "The Price Of Love", von dem wir alle der Meinung waren, dass es der zukunftsweisende Song ist, den wir bis dato geschrieben hatten. Dieses Attribut würde ich nun "Peace & Quiet" zuschreiben. Zusammen mit "The Power And The Glory" könnte er bereits jetzt ein bisschen was von unserer Zukunft verraten. Das ist natürlich wieder eine sehr persönliche Sicht, aber es sind halt Songs, bei denen wir alle das Gefühl haben, dass sie fast etwas besser sind, als das, wozu die Band im Augenblick eigentlich imstande ist.

"Man fühlt sich leicht ausspioniert"


Es ist im Popgeschäft ja doch noch ziemlich ungewöhnlich, dass der Sänger einer Band nicht der Songwriter ist, ganz zu schweigen davon, dass der Bassist die Texte schreibt. Verweigert Harry manchmal Zeilen aus deinen Texten?

Sehr selten. Wenn, dann geht es immer um technische Fragen wie Zeilenlängen oder so. Dass er zum Beispiel weniger Worte an einer Stelle benutzen will. Wenn ich Texte schreibe, denke ich auch nie daran, sie zu singen. In erster Linie schreibe ich, weil es mir Spaß macht. Ich brauche also einen Gegenpol, der mir sagt, diese Stelle können wir so nicht lassen.

"Turn The Bells" ist zum Beispiel ein Song mit sehr viel Text, aber in meiner Urversion hatte er beinahe nochmal doppelt so viele Worte. Wir haben ewig Zeilen verschoben, aber der Song funktionierte einfach nicht mit so viel Text. Auf der einen Seite ist der Versuch schwer, ein Gedicht in einen Song umzuwandeln, aber wenn sich die Mühe lohnt, vergisst man das. Ich finde, dass "Turn The Bells" großartig geworden ist und wir bekommen speziell auf diesen Song jetzt schon viel hervorragendes Feedback.

Wäre es ein Problem für dich, wenn Harry morgen ankommt und selbst White Lies-Texte schreibt?

Ähh, nein, eigentlich nicht. Ich habe darüber noch nie nachgedacht, weil ich weiß, dass er daran kein Interesse hat. Eben wie ich nie zu ihm gehen und sagen würde: Macht es dir was aus, wenn ich einen Song auf der Platte singe? Das ist einfach nicht unsere Arbeitsweise. Aber wer weiß schon was die Zukunft bringt.

Zum Schluss: Euer Debüt hat sich weltweit fast eine Million Mal verkauft ...

Nein, hat es nicht. (lacht) Es waren eher so 450.000 Stück. Ich wünschte, es wären eine Million Stück gewesen, du kannst das auch gerne schreiben, aber das wüsste ich schon, denn dann hätte ich ein bisschen mehr Geld gesehen.

Habe ich bei der BBC gelesen.

Tja schade, es stimmt leider trotzdem nicht.

Dennoch: Helfen solche Zahlen dabei, die große Bedeutung der eigenen Songs für junge Menschen besser zu verstehen?

Ich weiß nicht, ob ich das je richtig verstehen werde. Wenn ich unsere Songs höre, ist das eine sehr persönliche Sache. Ich finde es immer etwas seltsam, wenn mir Leute sagen, wie viel ihnen dieser oder jener Song bedeuten und wie er ihnen aus der Seele spreche. Ich meine, es ist ja meine Erfahrung, die darin verarbeitet wird. Wie also kann ein anderer das Gefühl haben, genau das so erlebt zu haben? Ich fühle mich in solchen Situationen immer irgendwie unbehaglich.

So gerne ich mit unseren Fans auch spreche, das hat manchmal schon einen voyeuristischen Touch. Manche kennen die Texte eben Wort für Wort auswendig, da fühlt man sich leicht ausspioniert. Du merkst, mir fällt es schwer, das richtig einzuordnen. Was vor allem daran liegt, dass ich meine Texte schreibe, um mir und der Band Denkanstöße zu geben. Dabei vergesse ich dann, dass dies natürlich genau so auf die Hörer zutrifft, die sich mit den Texten später zuhause auseinandersetzen.

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