laut.de-Kritik

Wir sind hier nicht in New York, Paul!

Review von

Journalismus braucht Wahrheit, darum: Paul Pötsch, Sänger der Band Trümmer, ist mir 2016 in Berlin auf den Fuß gestiegen, mit angesichts seiner Körpergröße clownesk großen Schuhen. Dabei entschuldigte er sich so herzallerliebst, dass ich beschloss, Fan der Band Trümmer zu sein, komme, was wolle. Wer sich also wie ich Fanboy um die Gruppe Trümmer sorgte, weil deren Zweitwerk "Interzone" schon fünf Jahre zurückliegt und alle Bandmitglieder anderweit gut zu tun hatten, spürt bald in "Früher War Gestern": The band is back in town und es fühlt sich sehr wie früher an. Also noch früher als gestern, sozusagen.

Pötsch hört sich folgerichtig weiterhin wie ein deutscher Dylan Baldi an, der sich in Balladen versucht, der Rest der Truppe probiert auf "Früher War Gestern" sogar noch stärker als zuvor, den Ton von The Strokes zwischen "Is This It" und "Room On Fire" zu treffen und landet dabei zum dritten Mal statt in New York mitten in der Hamburger Schule oder einfach deutschem Indiepop/-rock. Björn Sonnenberg statt Julian Casablancas, es gibt Schlimmeres. Überhaupt schaut man Trümmer, was für ein prophetischer Bandname, gern beim wiederholten Scheitern zu, weil das in ihrem Fall zu interessanten Ergebnissen führt.

Pötsch ist immer noch ein hochinteressanter Texter, dessen Sprachgefühl deplatziert und gelegentlich wirr erscheint, was Trümmer aber erst zu der spannenden Band macht, die sie ist. Die Texte schreien einem ihre doppelten Böden geradezu entgegen. Die Ernsthaftigkeit von Pötschs Vortrag, Interviews der Band und Pressetext stehen dieser Wahrnehmung diametral gegenüber. Vielleicht treiben Trümmer einfach nur ein ausgeklügeltes Spiel mit den Medien? Pötsch beteuert, die dritte Single "Weißt Du Noch" sei der Versuch eines Trennungslieds ohne spröde Schuldzuweisung. Das ist aller Ehren wert. Eben, weil Pötsch trotz seiner von ihm innig geliebten Slogans und Allgemeinplätze ein durch und durch authentischer, Emotionen weckender Texter ist, ist das natürlich zum Scheitern verurteilt. Der Song heißt "Weißt Du Noch", verdammt – in der Frage an das "Du" steht schon ein Gegensatz, ein impliziter Vorwurf des Nicht-Wissens des Gegenparts, dem Pötsch scheinbar ironisch Intelligenz und Bildung bescheinigt, nur um eine Fallhöhe zu errichten: Sein significant other weiß eben nicht um das, was wirklich zählt, nämlich den Wert der gemeinsamen Beziehung.

Von diesen Kleinoden strotzt "Früher War Gestern". Das lyrische Genie Pötsch ist sich dessen allem Anschein nach gar nicht bewusst. Vor allem deshalb handelt es sich hier um ein gutes Album. Das handwerklich saubere, gefällige Gitarrenspiel und die wie bei Trümmer gewohnt viel zu brave Rhythmussektion sind dafür lediglich das Bett, in das Pötsch sich wirft.

So ist es natürlich nicht Unzufriedenheit mit den Verhältnissen oder so ein Quatsch, das dieses Album charakterisiert. Der Mann hebt nicht einmal die Stimme auf diesem Album, da müsste man taub sein, um Wut herauszuhören. Genauso wenig erfüllt sich der von der Band angekündigte 'dreckigere' Sound der Scheibe, die wieder Gitarrist Hasselberg produzierte. Im Gegenteil, ist der Sound der Trümmerknaben noch glatter geworden und im Mittel schneller und dynamischer.

In den guten Momenten führt das zu Songs wie "Draußen Vor Der Tür" und "Der Regen", die eine angenehme Hektik versprühen. Das erwähnte Albumhighlight "Weißt Du Noch" ist sowieso klasse und erinnert neben "Scherben" dann vielleicht tatsächlich mal an Gitarren der Ostküste der USA. Die verkopfte zweite Single "Aus Prinzip Gegen Das Prinzip" überzeugt mit breitem Gitarrenbild in der Strophe und schönen Crescendo im Refrain. Pötsch wird kein Doherty oder Bamborschke mehr, dafür fehlt ihm das Fertige, Abgefuckte. Aber er hat als Sänger ein feines Tempogefühl und kann ein im positiven Sinne belehrendes Flair entfalten, dem man sich gerne aussetzt und an die besseren Tage von Nino Skrotzki erinnert. Verbindet sich dieses Talent mit den handwerklich zweifelsfrei vorhandenen Instrumentalkenntnissen des Rests der Band wie in "Tauben An Der Ihme", dann gerät sogar ein Lied über einen Nebenfluss der Leine, kurzum einen Scheißort, zu einer großartigen, verwehten, hinfließenden Sache. Über Tomte sagte mal jemand, dass diese Band so toll sei, weil sich Thees Uhlmann nicht dafür schäme, auf Deutsch zu singen und dadurch tolle, unprätentiöse Momente entstünden. Das vordergründig entspannte, im Kern aber sehnsüchtige "Wie Spazieren Geht" und das an die mittleren Tocotronic erinnernde "Zwischen Hamburg & Berlin" sind solche Momente.

Zu den schlechteren Momenten zählt neben dem egalen Rocker "Kintsugi", wie es sich für eine deutsche Band aller Empirie nach geziemt, die erste Single: Das vollkommen öde, zu wenig melodische "Was Wenn Nicht", in dem Pötsch die Aufregung eines Grundschullehrers für Ethik und Häkeln verströmt. Man hätte es dem Song vergönnt, nach zwei Minuten zum Ende zu kommen. Für das Album trifft das nicht zu. "Früher War Gestern" und Trümmer werden nach ihrer Debütsingle wohl nie wieder die Band der Stunde, dafür sind sie auf irritierende Art und Weise nicht greifbar genug. Aber toll und interessant sind sie 2021 auf alle Fälle, ob bewusst oder nicht

Trackliste

  1. 1. Wann Wenn Nicht
  2. 2. Aus Prinzip Gegen Das Prinzip
  3. 3. Weißt Du Noch
  4. 4. Scherben
  5. 5. Dort
  6. 6. Der Regen
  7. 7. Draußen Vor Der Tür
  8. 8. Kintsugi
  9. 9. Zwischen Hamburg & Berlin
  10. 10. Tauben An Der Ihme
  11. 11. Wie Spazieren Geht

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2 Kommentare

  • Vor einem Monat

    "Es ist Herxheim, Axel. London East End ist's jedenfalls nicht."

    - Unbekannt

  • Vor einem Monat

    Bei denen fragte ich mich etwa nach Mitte des Albums, wieviel Zeit sollte man einer Band geben? Alles recht routiniert, verschachtelte Sätze ah toll. Gloria (Geister 2015) in den Kopf, in die Ohren. Ok Profis am Werk, wollen wir alle hin und manche. Plädiere für Sparflamme, günstig produzieren, nicht ganz so viel kopfert, artet aus in Groß, is ja gut ich besetze mehr das positive. Vierte Album schreiben, ab gehts mit Schmitz´s Katze!?