18. August 2008

(Jazz-)Melodien für Millionen

Interview geführt von

'Wir sind kein Jazztrio, wir sind Trio Elf', lautet ihre selbstbewusste Daseinsberechtigung.2006 debütierten die Münchner mit "Elf", auf dem sie elektronische Musik von u.a. LTJ Bukem und Aphex Twin umsetzen, mit akustischen Drum'n'Bass-Beats kombinieren und seither die Vision eines clubtauglichen Akustikjazz realisieren. Jetzt legen sie mit "746" das unter Musikern gefürchtete 'zweite Album' vor. Es lässt sich entspannt plaudern mit (den) Elfen. Laut.de hat dem Münchener Trio zur Veröffentlichung von "746" auf den Zahn gefühlt. Walter Lang (Piano), Sven Faller (Bass) und Gerwin Eisenhauer (Schlagzeug) über Vergleiche mit dem EST, Melodien für Millionen, Giganten unter den Dreistellern und natürlich ihr aktuelles Album.

Was sagt euch 483?

Sven Faller: 483 ist natürlich eine Spitzenzahl! Wo hast du die denn hergezaubert? Da schwingt so was von toskanischen Sonnenuntergängen und mitternächtlichen Strandspaziergängen mit, auch ein bisschen osteuropäische Melancholie im Abgang. Alles in Allem eine zutiefst emotionale Zahl, natürlich nicht in der gleichen Liga wie z.B. 746, ein wahrer Gigant unter den Dreistellern, aber das wusstest du natürlich ...

Ich bitte dich ... natürlich! Ich bete die 746 seit Jahren an. Es scheint, als sei mein Sehnen und Flehen endlich erhört worden ... von euch!

SF: Das ist ja gerade das Geheimnis unseres Erfolgs, dass wir die geheimen musikalischen Phantasien der Menschen lesen können, und seien sie noch so abwegig. Dass du ein obsessiver Anhänger der 746 bist war uns schon lange klar. Und - du bist nicht allein! Wir wollen mit diesem Album Millionen bewegen!

Ich liebe Melodien für Millionen. Und Musiker mit Zielen. Wer ist denn eigentlich der ernsteste von euch? Ich würde ihm gerne mal eine Frage stellen ...

SF: (lacht) Wir haben sehr unterschiedliche Arten von Humor: Geff kann vortrefflich Witze erzählen und lauter lachen als alle Anwesenden zusammen. Walter liebt die Situationskomik und ist ziemlich gesellig. Auf den ersten Blick bin ich in Gesellschaft möglicherweise der "ernsteste" in der Band, allerdings als Zwilling extrem wechselhaft zwischen schweigsamer Stoik und sprudelnder Beredsamkeit.

So eine Art Dr. Jekyll und Mr. Hyde? Euer Gründungsmotto 'mit einem akustischen Jazztrio elektronische Musik umzusetzen', setzt ja auch eine gewisse Doppelspurigkeit voraus. Auf "746" kuriert ihr ebenfalls einige bekannte Weisen, wie z.B. Adriano Celentanos "Azzuro". Geziemt sich das als Jazztrio?

SF: Ich glaube, dass das Publikum viel weniger kategorisch denkt. Am erfrischendsten war für mich das Publikum in Griechenland, wo wir zweimal sehr erfolgreich gastiert haben. Wenn du dort die Leute fragst, welche Musik sie gerne hören, sagen sie einfach nur: Ich liebe Musik. Es gibt keine 'Jazzhörer' oder 'Elektronik-Fans' in dem abgegrenzten Sinn.

So bin ich auch aufgewachsen: Als Sechzehnjähriger spielte ich in einem sehr schönen Trio, das vor allem Parker und Coltrane nachgespielt hat. Wir haben aber auch über "Cocaine" von JJ Cale gejammt und britischen Ska (The Specials) und amerikanischen Punk (Dead Kennedys) als Inspiration gehört. In meiner Plattensammlung waren zu der Zeit unzählige Richtungen vertreten wie z.B. Sonny Rollins, frühe Pink Floyd, Connexion Latina, Beethovens Klavierwerk, Ideal, Oscar Peterson Trio, lauter grandiose Musik!

Viele von unserer Generation sind mit einer solchen globalisierten Kultur aufgewachsen: Bei einem Konzert in Singapur hat uns der Veranstalter, ein Chinese in unserem Alter erzählt, dass er seit der Teenager-Zeit fanatischer Flamenco-Fan ist.

Das hat nichts mit oberflächlichem Relativismus oder Beliebigkeit zu tun, denn durch die intensive und langjährige Auseinandersetzung stellt sich eine Authentizität ein, die dann sehr individuell sein kann. Was wirklich zählt, ist Qualität und Tiefe. In Athen kannte man "Azzurro" übrigens nicht, die Leute haben auf das Stück reagiert, als wäre es eine Trio-Elf-Komposition.

Ich weiß was du meinst ...

Gerwin Eisenhauer: Was sich in der Musik geziemt, hat mich niemals besonders interessiert ... ich glaube sogar, dass es oftmals erst dann interessant wird, wenn man sich hie und da ungeziemt verhält.

Walter Lang: Es geziemt sich nicht nur, es ist Tradition im Jazz, dass Pop Songs oder Musical Songs als Grundlage zur Improvisation genommen werden. Wir stehen da in der Tradition des Bill Evans Trio ("Who Can I Turn To"), Sonny Rollins ("I'm An Old Cowhand") oder Miles Davis ("Time After Time"). Und der Zuhörer hat sofort einen Bezug zu der Komposition, mit der wir spielen.

Hand in Hand: Kraftwerk & Adriano Celentano


Walter, was sagt dir die 483?

Walter Lang: Leider nichts.

... und dein Verhältnis zur 746?

WL: Da "746" der Titeltrack unserer CD ist und ich das Stück geschrieben habe, sagt mir der Titel sehr viel. Er sollte sich aber bei genauem Zuhören auch dem interessierten Trio ELF-Fan erschließen, da er ein Arbeitstitel war, dann durch Sven und unseren Label-Chef Matthias Winkelmann für gut befunden wurde, und jetzt sogar unser Cover ziert.

Dann darf ich dir erstmal gratulieren, ich finde "746" ist einer der schönsten Tracks auf eurem neuen Album. Du machst es spannend. Soll ich raten? Es hat weder mit Svens ominöser Sekte, noch mit Hotelzimmern oder der Gesamtzahl eurer derzeitigen Groupies zu tun, ...

WL: Ja bitte rate, die Antwort findest du in der Musik

Du willst also wissen, ob ich Ahnung habe ...

WL: (lacht)

... wohl höre ich, das das Stück von einem 7er-Metrum getragen wird. Das erklärt jedoch nicht die 46.

WL: Du kommst der Sache näher. Es ist im 7/4 Takt geschrieben und die Melodie ist in Sexten komponiert = 746.

Aha. Das ist allerdings sehr mythos- und geheimnisfrei. Ich an deiner Stelle würde mir eine eher geheimnisumwitterte Antwort ausdenken. Ich hatte ja schon die wildesten Fantasien, aber lassen wir das ... was hält das neue Album, außer dem erstaunlich solide erklärbaren Titel, an Überraschungen bereit?

WL: Wir wollten einen würdigen Nachfolger für unsere Aphex Twin-Adaptionen der ersten CD "ELF" finden und dachten an eine Band, die viele Elektronik-Künstler maßgeblich beeinflusst hat: Kraftwerk! So fanden wir "The Man Machine" (das 78er-Album). "Slam Stew" habe ich als Hommage an die zwei völlig unterschiedlichen Künstler Slam Stewart (der, der immer so schön mit seinem Bass mitsingt) und Stewart Copeland (dem Police-Drummer) geschrieben. Ursprünglich hatte ich gehofft, Sven würde das Thema mitsingen, aber jetzt singt er es wunderschön auf seinem Kontrabass.

Auf "Azzuro" verarztet ihr den 60er Jahre-Hit von Adriano Celentano. Wie kommt es dazu? Toller Klaviersolosound übrigens ...

WL: Danke. Die Arrangement-Idee zu "Azzurro" hatte ich während eines Urlaubs an der italienischen Riviera und der Titel fügt sich nahtlos in unser Programm ein. "Adria", ein Stück von Sven, ist eine Wahnsinns-Komposition. Eine wunderbare Melodie, großartige Changes und die rhythmische Freiheit, die Tempi gemeinsam ständig zu ändern. Das ist ein großer Spaß.

Auch für den Hörenden? Um dem Vorurteil "Musik für Musiker" zu begegnen ... Lionel Loueke, Herbie Hancocks Gitarrist, der kürzlich mit "Karibu" debütierte, meint dazu: "Die meisten meiner Stücke sind in ungeraden Takten, aber ich möchte nicht im 17/4 Takt spielen, der auch so klingt, sondern ich möchte die 17/4 wie einen 4/4-Takt klingen lassen, so dass dies auch Nicht-Musiker so empfinden. Darum geht's mir, nicht um intellektuelle Verrücktheit." Was sagst du dazu?

WL: Ich glaube nicht, dass viele Zuhörer wissen, dass "Take Five" von Dave Brubeck im 5/4 Takt ist. Trotzdem ist es einer der beliebtesten Jazz-Titel. So ähnlich ist es bei "Adria" und bei 746. Ich glaube auch hier, dass der Zuhörer nur von der Schönheit der Komposition gefangen genommen wird, ohne groß darüber nachzudenken. Auf der anderen Seite bin ich froh, dass wir über die Musik sprechen, das ist bei vielen Interviews, die ich lese, nicht der Fall, dafür danke ich Dir.

Bitteschön. Willst du dich schon vom Acker machen?

WL: (lacht) Nein, ich erzähle gerne weiter. Bitte weiterraten: Die Harmonien der ersten acht Takte von "Maydance" basieren auf einem sehr bekannten Standard und gehen dann ihre eigenen harmonischen Wege. Die Melodie ist sehr einfach, fast ländlich, deshalb "Maydance".

Ich kenn es … aber ich komm nicht drauf… verrätst du es mir?

WL: "The Autumn Leaves"

Ach komm, diesen abgenudeltsten aller ausgemergelten Standards kenn ich doch in- und auswendig. Das ist nicht Autumn Leaves! Wer ist noch meiner Meinung?

SF: Das mit "Autumn Leaves" habe ich nie so gehört. Meines Wissens wollte Walter einfach eine Trio Elf-Nummer schreiben, die wie ein typischer American Standard klingt. Beim auswendig Lernen für die Bühne (wir spielen live ohne Noten) merkte ich dann, das das Ganze ziemlich vertrackt ist und dreimal moduliert, also doch wesentlich "elfiger" als "Autumn Leaves".

GE: Ehrlich gesagt hätte ich es auch nicht erkannt, aber ich bin ja auch ein Schlagzeuger (alle lachen).

Walter ...

WL: (räuspert sich) Hatte ich schon "Intermezzo Op. 116" von Johannes Brahms erwähnt? (Gelächter) Es ist ein kreatives Arrangement von Sven und wird klangmäßig durch Mario Sütel, unseren Soundtüftler sehr schön erweitert.

" ... und welche Drogen hat der Trommler genommen?"


Aha! Wie Monty Pythons Flying Circus in solchen Situationen zu sagen pflegte: Kommen wir nun zu etwas ganz anderem. Warum erinnert mich eure Musik an die des EST?

SF: Es ist naheliegend, Piano-Trios, die den klassischen Sound dieser Besetzung ausgehend von ihren Wurzeln erweitern zu vergleichen. Ich selbst bin mit dem Werk von EST wenig vertraut, eher mit dem Werk Mehldaus. Allerdings hat der den eigentlichen Sound des Trios nicht erweitert mit Effekten oder fremdartigen Drumgrooves. Da gibt es sicher mehr Berührungspunkte mit EST. Vom kontrapunktischen Zusammenspiel sehe ich uns eigentlich in der Tradition des Bill Evans Trio, denn bei uns herrscht doch eine ziemliche Gleichberechtigung der Stimmen, die den starken Fokus vom Pianisten nimmt.

WL: Das weiß ich nicht, ich finde Trio Elf klingt sehr authentisch und nicht wie EST.

GE: Die Gemeinsamkeit ist, wir sind beide ein Pianotrio. Vielleicht ist es das?

Moment, ich notiere: An Selbstbewusstsein mangelt es den Elfen nicht. So, weiter gehts, inzwischen hab ich nämlich den roten Faden wieder gefunden. Der Groove und das Thema von "Arearea" sind ja ziemlich, darf ich es mal 'kaputt' nennen. Wer um Himmels willen denkt sich so was aus?

SF: "Arearea" war meine erste ernst zu nehmende Jazzband. Das Stück basiert auf einem Thema, das ich für diese Band geschrieben habe. Ich habe das Ganze für Elf umgearbeitet und einen Loop gebastelt, aber in den Proben wollte es einfach nicht zünden. Geff hat dann meinen Vamp komplett dekonstruiert, jeder Takt hat ein anderes rhythmisches Muster, und das Ganze scheint sich nie so recht zu wiederholen - großartig! Den Sound hat dann Mario im Studio noch ganz ordentlich verdreht mit der knallenden Snare - Alles in Allem eine echte Trio Elf Teamarbeit.

Und welche Drogen hat der Trommler genommen?

GE: Ich war mal mit dem britischen Rapper MC WREC von London Electricity unterwegs, der hat mit ähnlichen Drogen ... ähem ich meine, mit ähnlichen Beats gearbeitet. Außerdem bin ich ein großer Fan von The Streets und ich wollte so was mal mit unserer kleinen Kapelle ausprobieren. Und an alle Kids: No Drugs!

WL: Tatsächlich brachte Sven "Arearea" zur Probe mit und Gerwin hatte die Idee, inspiriert durch einen Gig den wir mit dem Londoner MC Wreck hatten, diese vertrackten Hits einzubauen. Es macht so einen Spaß darüber zu improvisieren.

Auch auf "Arearea" spielt der Klang eine wichtige Rolle und ihr erwähnt des öfteren euren Soundtüftler. Welche Rolle spielt Mario Sütel in eurem Trio?

GE: Mario ist der vierte Mann im Trio. Er fügt dem Sound des Pianotrios eine weitere Komponente hinzu. Er loopt uns, jagt uns Echos auf die Instrumente und greift ganz gezielt in unseren Trialog ein. Und manchmal dient er als advocatus diaboli. Ohne ihn sind wir sehr traurig.

Als wie groß habt ihr nach der guten Resonanz auf "Elf" den Erwartungsdruck für das 'zweite Album' wahrgenommen?

SF: Eine erste erfolgreiche CD ist natürlich immer schwierig. Die einen jammern, dass man wieder das Gleiche macht, die anderen, dass alles so neu klingt. Wir haben das Problem aber nie gespürt, da wir uns ganz automatisch live weiterentwickelt haben und nach und nach neue Stücke eingeführt haben. Der Stil der Band war einer organischen Evolution der Bühne unterworfen. Insofern haben wir schon gewusst, dass unsere neue Scheibe eine logische Weiterentwicklung sein wird, und haben uns keinerlei Druck gemacht.

GE: Wie Sven sagt, haben wir uns das neue Material während den Konzerten zur ersten Platte erspielt. Was hätten wir anderes machen sollen, als das was uns gefällt, so aufzunehmen wie wir uns das gedacht haben. Ich bin sehr glücklich mit der Musik. Wenn es den Menschen gefällt bin ich natürlich noch glücklicher.

WL: Wir haben uns natürlich überlegt, welches Material wir auf der neuen CD haben wollen. Einen Erwartungsdruck habe ich dabei aber nicht gespürt.

Gerwin, sag was zur 483.

GE: 483 oder besser "Zimmer 483" ist das neue Album von Tokio Hotel, der jungen Band aus Magdeburg, die sich in die Herzen der jugendlichen Hörer gespielt hat (stumme, beeindruckte Blicke seiner beiden Kollegen).

Wenigstens einer, der sich für den Jazznachwuchs interessiert. Sven, Walter, Gerwin, ich danke euch Elfen herzlich für das Gespräch.

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