laut.de-Kritik

Nicht mehr die Coolsten auf dem Schulhof.

Review von

Natürlich muss die Geschichte noch einmal erzählt werden: Wie die Strokes 2001 die Pop- und Rockmusik aus der lähmenden Umklammerung von abgeschmacktem Nu Metal und glattpoliertem Diven-Pop befreiten. Wie sie dem traumatisierten New York nach 9/11, auch als Wegbereiter der Yeah Yeah Yeahs, der Liars oder von Interpol, eine Identität zurückgaben. Und mit ihrer nonchalanten Coolness der von Nike aufgekauften Schuhmarke Converse schon bald zu ungeahnten Rekordumsätzen verhalfen.

Man muss diese Geschichte immer wieder erzählen, weil ein neues Strokes-Album nie allein an der Musik gemessen wird, die sich darauf befindet, sondern vor allem am Mythos Strokes, der zugleich der Ur-Mythos der Popmusik des neuen Jahrtausends ist. Keine gegenwärtige Band ist mit so vielen Erinnerungen aufgeladen, an keine werden immer wieder so große Hoffnungen geknüpft. Die Band immerhin scheint zu wissen, dass sie diese Hoffnungen nie wieder erfüllen wird.

Denn die elf neuen Songs der fünften Strokes-Platte zeugen von einer ausgesprochenen Gelassenheit der fünf (Ex-)New Yorker. Das hört man nicht nur im Dienst-nach-Vorschrift-Gitarrensolo des Openers "Tap Out", nicht nur an dem mit halber Kraft heruntergespielten, an alte Zeiten erinnernden Rocker "All The Time", nicht nur am schläfrig dahin wabernden Titelsong "80's Comedown Machine". Auch wenn Sänger Julian Casablancas dort scheinbar enthüllend singt "I tried to believe in it/ For a second try": Die Gelassenheit zieht sich durch das gesamte Album, zum Guten, aber auch zum Schlechten.

Denn das Wissen, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen, und vielleicht auch die Ahnung, es nicht mehr zu können, haben verhindert, dass die Band zum Äußersten geht. Abseits der Vorab-Single "One Way Trigger" tut man sich schwer, wahre Höhepunkte der Platte auszumachen. Und auch in Sachen Phoenix-verwandten Synthie-Pophit, wie "One Way Trigger" wieder einer ist, hat Casablancas schon mal mehr Punkte eingefahren. Beim euphorischen Überhit "11th Dimension" von seinem 2009er Solo-Albums "Phrazes For The Young" zum Beispiel.

Die einen mögen die mehr an die Anfangsjahre erinnernden rockigen Nummern mit recht gewöhnlichem Indierock-Refrain und dem typisch übersteuert-heiseren Gesang Casablancas favorisieren, wie er neben "All The Time" auch in "50/50" noch einmal aufgewärmt wird. Die anderen bevorzugen vielleicht eher die etwas leiseren, teils verführerischen Songs, in denen Casablancas immer wieder oder sogar durchgängig seine Kopfstimme bemüht.

Das erinnert zwar wieder hier und da an Phoenix, erreicht aber leider nie den unterschwelligen Sex-Appeal der Franzosen. Und doch gehören das über weite Strecken sehr sparsam instrumentierte "Slow Animals" und das von sanften 80er-Jahre-Synthie-Flächen getriebene "Chances" zu den besseren Momenten des Albums.

Zu guter letzt wartet "The Comedown Machine" doch noch mit einem Superlativ auf: Kein anderes Strokes-Album endet mit einem so bezaubernden Stück wie das von einzelnen Keyboard-Tönen, jazzigen Gitarren, unruhigen Violinen und der wie von fern erklingenden Falsett-Stimme Casablancas getragene "Call It Fate, Call It Karma".

Man kann den Strokes hoch anrechnen, dass sie sich schon seit dem dritten Album vom todsicheren Erfolgsrezept verabschiedet haben und nun den mit "Angles" eingeschlagenen Weg konsequent weitergehen. Zumal "Comedown Machine" das unausgegorene und selbst von der Band gehasste Werk von vor zwei Jahren locker in die Tasche steckt.

Den Mythos Strokes, das zeigt "Comedown Machine" aber auch, kann man endgültig zu Grabe tragen. Sie werden den Rock - sollte er es wieder einmal nötig haben - nicht mehr retten. Die Band, die die aktuelle Pop-Epoche einst losgetreten hat, gibt längst nicht mehr den Ton an. Die Strokes sind nicht mehr die Coolsten auf dem Schulhof, dafür aber die Lockersten.

Trackliste

  1. 1. Tap Out
  2. 2. All The Time
  3. 3. One Way Trigger
  4. 4. Welcome To Japan
  5. 5. 80's Comedown Machine
  6. 6. 50/50
  7. 7. Slow Animals
  8. 8. Partners In Crime
  9. 9. Chances
  10. 10. Happy Ending
  11. 11. Call It Fate, Call It Karma

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33 Kommentare

  • Vor 5 Jahren

    Hier eine alberne Geschichte aus dem Nähkästchen die keine Sau interesiert:
    Anfang 2001 hab ich mir für meinen Urlaub neue Schuhe gekauft. Anfang der Neunziger bin ich nur in Chucks rumgelaufen. Ganz nach dem Motto: "Chucks sind keine Schuhe, Chucks sind ein Lebensgefühl." Ich dachte, es wäre mal wieder Zeit für welche. Die waren aber so out wie.... Jetzt! Nein, eigentlich noch schlimmer. Ich habe ewig nach neuen gesucht und dann welche in der hintersten Ecke eines Sportladens irgendwo auf dem Land gefunden. Genau drei verschiedene Farben. Keine Schnick-Schnack. Habe mir dann rote gekauft. Danach bin ich mit denen auf eine Party und hab mit ihnen einiges an Aufmerksamkeit auf mich gezogen. "Hahaha, boah, die gibt es noch" war so in etwa das, was ich zu hören bekam.
    Dann kamen The Strokes und This Is It. Am Ende des Jahres hatten im O25 so ziemlich alle Chucks an. Ulkige Wendung. Ein letztes mal wahr ich dem Zeitgeist voraus.
    Naja, jetzt ist das ganze 12 Jahr eher und ebenso wie meine Schuhmode hinken die Strokes dem Musikgeschehen hinterher. Damals vorne dabei quetschen sie jetzt oftmals etwas uninspiriert den Sound anderer Bands in ihren eigenen, ohne wirklich zu wissen, was sie damit anfangen sollen. Ein paar nette Lieder kommen dabei rum aber auch viel Mumpitz. 3/5 gehen da vollkommen klar. Der letzte Absatz der Kritik fasst das Dilemma ziemlich gut zusammen.