laut.de-Kritik

Monotonie und die unendliche Gleichgültigkeit.

Review von

Manche erfolgreiche Acts kommen irgendwann an einen Punkt, an dem sie veröffentlichen könnten, was immer sie wollen. Es wird gekauft und gefeiert. An diesem Zustand schnupperten die Smashing Pumpkins zu Zeiten von "Siamese Dream" und "Mellon Collie And The Infinite Sadness".

Es gibt auch jene, die das beste Lied aller Zeiten veröffentlichen könnten, es würde keine Sau mehr interessieren. Aus diesem düsteren Tal grüßen Billy Corgan und seine Teilzeitmitarbeiter im Jahr 2020. Netterweise kommt "CYR" noch nicht einmal in den Verdacht, dass sich zwischen diesen zwanzig Songschablonen etwas wirklich Beeindruckendes verstecken könnte.

Seit nunmehr zwanzig Jahren gibt sich Billy Corgan alle Mühe der Welt, das ehemalige Alternative Rock-Flaggschiff, das den Sound der 1990er mit definierte, auf den Grund des Sees der Bedeutungslosigkeit zu versenken. Unzählige Stilwechsel, Umbesetzungen, halbgare Alben, Verschwörungsmythen bis hin zu kruden Interviews bei rechten Radiomoderatoren schmückten den Weg nach unten. Dazu kommt ein sich immer weiter in Lappalien suhlendes Songwriting. Es gehört mittlerweile viel Anstrengung dazu, hier Künstler und Werk zu trennen.

Zum Glück macht es einem Album Nummer zehn sehr einfach. Es reiht sich nahtlos ein in eine unstete Karriere voller Abbrüche, voller loser Fäden, die sich immer wieder wie ein Purzelbaum um sich sehr dreht. Nicht, dass sie jemand vermissen würde, aber was wurde aus den letzten "Teargarden By Kaleidyscope"-Tracks? Was aus dem "Monuments To An Elegy"-Nachfolger "Day For Night"? Auf ein "Shiny and Oh So Bright, Vol. 2" sollte man besser auch kein Geld setzen. Für diesen acht Track-Longplayer brachte Corgan 2018 bis auf Bassistin D'arcy Wretzky noch einmal die Originalbesetzung - die Band! - zusammen. Die dürfte sich nun auf "CYR" allerdings ziemlich langweilen und sich fragen, was sie hier überhaupt soll.

"CYR" möchte so krampfhaft anders sein, folgt aber nur einem klassischen Gesetz. Der Weg einer Alternative- oder Indie-Band, die einmal etwas brachial anderes ausprobieren möchte, führt diese in 87 Prozent der Fälle zu mehr Synthesizern. Die anderen 13 Prozent lösen sich einfach gleich auf. Unzählige Acts nahmen diese Abzweigung, unzählige klangen dabei spannender und kreativer. Zu ihnen gehören auch die Pumpkins selbst mit "Adore".

Nur weil ich ausschließlich die Presets meiner teuren Synthesizer nutze, bin ich noch nicht New Wave. Nur weil ich meinen talentierten Schlagzeuger mit billigem Keyboardgeklatsche ersetze, bin ich noch nicht Synth-Pop. Nur weil ich alle Songs mit dem immer gleichen Background-Gesang im Stil von Sisters Of Mercys "More" unterlege, bin ich noch nicht Gothic Rock. "CYR" ist nichts Halbes und nichts Ganzes, davon aber ziemlich viel.

So glitzert und blingelt sich das ärgerliche Sounddesign ohne Überraschungen oder Ideen durch neunzehn konturlose Songs und "Wyttch". Nie bietet diese gleichförmige Masse eine Begründung für ihre Existenz. Schablonenhafter Klumpatsch, dessen Grundidee vielleicht für einen Track wie "The Colour Of Love" gereicht hätte, in dem Melodie und Corgans Essiggesang zumindest grob an die Dringlichkeit alter Zeiten erinnern. Für eine EP wäre es knapp geworden. Ein ganzes Album wäre pure Tristesse. Nun haben wir es hier mit zwanzig Stücken zu tun.

Jeder halbwegs netten Eingebung wie der melancholischen Stopfe von "Wrath" stehen vier Rohrkrepierer wie "The Hidden Sun", "Telegenix", "Haunted" oder "Birch Grove" entgegen. Über den Rand der Egalität tretend, verweigert sich Corgan dickköpfig dem Songwriting. Mit den lustlosen Arrangements versucht er dies nicht mal im Ansatz zu kaschieren.

Wenn einem so gar nichts mehr einfällt, dann hilft immer noch der alte "Jolene"-Kniff, einen Frauennamen in Dauerschleife zu wiederholen. Wenn du Glück hast, heißt du dann "Valerie", wenn du Pech hast "Lena". Die Ramonas dieser Welt müssen sich nun ungefragt mit den Pumpkins herumschlagen ("Ramona"). Die Qual dürfte sich aber in Grenzen halten, da dieses blasse Liedlein wohl eher über geringe Chancen verfügt, sich ins popkulturelle Gedächtnis einzuprägen.

Niemand weiß wie, aber irgendwie schmuggelte sich "Wyttch" in die Mitte des ganzen Gedöns'. Ein Stück, das trotz des ganzen Klangballastes kurz daran erinnert, welcher Band man hier eigentlich zuhört und über welche Kraft sie einst verfügte. Kein Übersong, aber grundsolide Handwerkskunst mit vollen Gitarren, Schlagzeug und vertrackten Breaks. Wer aber denkt, ab hier könnte es aufwärts gehen, bekommt gleich im Anschluss "Starrcraft" um die Ohren geklatsch-klatsch-klatsch-klatscht.

"CYR" wirkt, als hätte Billy Corgan versehentlich eine Raritäten-Compilation seiner Solo-Werke unter dem Namen Smashing Pumpkins veröffentlicht. Grundlos lang und ohne Wiedererkennungswert bleibt das Album ein Rätsel, aber kein gutes. Kitzelte die Band einst innerhalb eines Werkes jede Facette aus sich heraus, halten sie sich nun stur über siebzig Minuten an ihrer schlechtesten Version fest. Wohlwollend könnte man dies als Konzept bezeichnen. Nur ist das Konzept eben Belanglosigkeit.

Kann Spuren von James Iha, Jimmy Chamberlin und Jeff Schroeder enthalten.

Trackliste

  1. 1. The Colour Of Love
  2. 2. Confessions Of A Dopamine Addict
  3. 3. Cyr
  4. 4. Dulcet In E
  5. 5. Wrath
  6. 6. Ramona
  7. 7. Anno Satana
  8. 8. Birch Grove
  9. 9. Wyttch
  10. 10. Starrcraft
  11. 11. Purple Blood
  12. 12. Save Your Tears
  13. 13. Telegenix
  14. 14. Black Forest, Black Hills
  15. 15. Adrennalynne
  16. 16. Haunted
  17. 17. The Hidden Sun
  18. 18. Schaudenfreud
  19. 19. Tyger, Tyger
  20. 20. Minerva

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LAUT.DE-PORTRÄT Smashing Pumpkins

Sie sind eine der erfolgreichsten Alternative-Rockbands der Neunziger: die Smashing Pumpkins. Im Gründungsjahr 1988 trifft Billy Corgan (bürgerlich …

17 Kommentare mit 74 Antworten

  • Vor 9 Monaten

    Was ist das? Was sollte das bitte sein?

    Es bleiben nur Fragezeichen im Kopf nachdem dieses Album zu Ende geplätschert ist.
    Kann man sicher sein, dass es sich hier tatsächlich um den neuen Longplayer der einstigen Alternative-Darlings The Smashing Pumpkins handelt? Oder nicht doch vielleicht um eine weitere - unter dem SP-Siegel getarnte - Billy Corgan Solo-Spielerei? Waren James Iha und Jimmy Chamberlin überhaupt in irgendeiner Form an der Produktion dieser traurigen Synthie-Fahrstuhl-Tracks beteiligt? Ihre Fingerabdrücke sucht der Hörer nämlich vergebens.

    Es bleiben nur Fragen über Fragen.

    Zugegeben, den großen Wurf erwartet im Jahre 2020 keiner mehr von SP. Heutzutage ist man als Hardcore-Fan ja schon froh wenn Billy mal aus Versehen einen passablen/mittelmäßigen Song raushaut aber dennoch habe ich mir von einem Doppelalbum mit dem Großteil der Ur-Besetzung weitaus mehr erhofft.
    Einer der größten Fehler war es wohl auf einen Produzenten zu verzichten - 100% kreative Kontrolle zahlt sich selten bis nie aus, erst recht nicht wenn der vermeintliche Virtuoso niemanden um sich hat welcher den Mut hat ihm zu sagen, dass der Kaiser keine Kleider mehr trägt und den Künstler nicht ordentlich herausfordert, ihm konstruktive Kritik gibt und ihn und seine Band aus der komatösen Comfort-Zone zerrt oder einfach mal ein beherztes "NEIN" zu einer schlechten Idee oder einem überflüssigem Track sagt.
    Andererseits konnte auch Rick Rubin bei der 1. Volume der Shiny & Whiny Saga vor zwei Jahren kaum noch was retten.
    Die Qualität des Outputs der Gruppe ist in den letzten Jahren derartig seicht und unpersönlich geworden, dass selbst dem loyalsten Fan doch irgendwo langsam dämmern sollte, dass die Smashing Pumpkins als Band vielleicht einfach wirklich nichts relevantes mehr zu bieten haben - weder lyrisch noch musikalisch. Die guten Ideen scheinen ein für alle mal restlos aufgebracht.

    Die Vorab-Singles und die schauderhaften Fremdschäm-Musikvideos waren mehr als deutliche Warnsignale und dementsprechend habe ich meine Erwartungen auf arktische Temperaturen runtergeschraubt aber bei sage und schreibe 20 Tracks war die Hoffnung doch da, dass wenigstens ein paar mir vielleicht taugen könnten - Am *rsch!
    Nicht ein einziger Song blieb hängen, nicht einziges mal wollte ich einen Track nochmal anhören - im Gegenteil - jeglichen Hauch von Komplexität sucht man vergeblich, die Liedchen wirken einschläfernd, austauschbar, gleichklingend und vor allem schockierend uninspiriert. Musikgewordener White Noise von Anfang bis Ende. Hier und da ist mal zwar ein sehr schwacher Herzschlag zu vernehmen (Schaudenfreud oder Starrcraft) aber zu sagen das wäre zu wenig um das Album zu retten – wäre die Untertreibung des Millenniums. Seltenst ist eine der ohnehin kaum vorhandenen Ideen gut genug um auch nur einen 3-münitigen Song zu retten oder ihn zumindest halbwegs interessant zu machen.

    Das einzig Positive was ich über dieses Album sagen kann ist, dass es keinen einzigen Track gab welcher glatt abschreckend war oder akustischer Folter glich.
    Einen schändlichen und unrettbaren Totalausfall wie "Run2Me" oder "Travels" sucht man zum Glück vergebens. Aber stattdessen liefern die Kürbisköppe nur eine bedeutungslose Zusammenstellung monotomster Synthie-Tunes von der Stange, welche man nach weniger als 5 Minuten bereits wieder vergessen hat. Tut mir Leid aber das sind keine SP würdigen Tracks das klingt vielmehr nach „CopyrightFree Synth Background-Music you can use for your YouTube Videos“.

    Und nein, ich habe kein Problem damit wenn eine Band ungewohntes oder neues Territorium betritt – im Gegenteil ich vermisse die Zeiten in welcher diese Band von Album zu Album den Hörer mit etwas neuem und unerwarteten überrascht hatten – selbst dann wenn das Endresultat nicht an allen Fronten überzeugen konnte.
    Es soll also hiermit ein für alle mal den verzweifelten Defendern der Pumpkins von Heute gesagt sein:
    CYR steht NICHT für die Weiterentwicklung dieser Band!
    The Smashing Pumpkins haben bereits vor !!23 Jahren!! angefangen mit Electronic Rock und Synth Pop zu experimentieren - teils mit herausragenden Resultaten. Man denke nur an die starke Single "Eye" oder das göttliche und in manchen Kreisen teilweise immer noch sträflich unterschätzte "Adore"!
    Weitere Ausflüge in die Welt des Synth-Rocks/Pops gab es auch in Billys Solo Katalog oder auf Alben wie "Monuments to an Elegy" - von daher nein, Smashing Pumpkins setzen hier definitiv keine mutigen Schritte in neue/unerforschte Gefilde sondern im Gegenteil! Sie gehen fünf Schritte zurück und fallen dabei mit voller Wucht auf die Nuschel! Denn nichts auf diesem Album klingt ebenbürtig - geschweige denn besser - als die bisherigen, nicht gerade wenigen, Synth-Songs der Band.

    CYR entpuppt sich wie befürchtet als eine herbe Enttäuschung. Mit Chamberlin und Iha sind zwei essentielle Mitglieder wieder zurückgekehrt und sogar Corgans legendäre Gish-Gitarre aus den frühen Tagen der Band hat in der Zwischenzeit in bester Excalibur-Manier den Weg zurück in die Hände ihres rechtmäßigen Besitzers gefunden, nachdem sie 1992 nach einem Konzert gestohlen wurde, und dennoch hat die Truppe nichts besseres vorzuweisen als eine Anhäufung von 20 halbgaaren Synthie-Liedchen welche wie zurecht vergessene bzw. vergrabene B-Sides und Outtakes von "The Future Embrace" klingen.
    Ich bezweifle sehr stark, dass ich mir dieses Album jemals wieder nochmals in voller Länge anhören werde und kann es keinesfalls weiterempfehlen.

    Fazit: Für mich ist CYR eine musikalische Reiswaffel. Ein neuer Tiefpunkt für die Band und definitiv das schwächste Album welche die Smashing Pumpkins bisher veröffentlicht haben.
    Corgan & Friends besudeln leider einmal mehr ihr einst großartiges künstlerisches Vermächtnis mit einer weiteren lauwarmen und geradezu kriminell langweiligen LP.
    Angehört 1/5

  • Vor 9 Monaten

    Ich möchte daran erinnern, dass Billy bereits Shiny 3 - Cyr ist quasi Shiny 2 - angekündigt hat, das psychedelische Songs enthalten soll. Desweiteren arbeitet er an den Machina-Reissues und als krönender Abschluss soll eine "30 song rock opera" kommen, die den Abschluss der Trilogie mit Mellon Collie und Machina darstellt - warum auch immer das nun eine Trilogie ist. Jedenfalls sollen dort Ideen von damals, die nicht umgesetzt werden konnten, aufgegriffen werden, ich zitiere Chamberlin von vor ein paar Tage:

    “We just finished demoing and working on drum arrangements for a 33-song follow up to Melancholy and Machina,”

    2021 wird es erscheinen.

    Cyr ist natürlich abgrundtief schlecht; die Rezi bringt es auf den Punkt.

  • Vor 9 Monaten

    Eines der letzten großen Alben unserer Generation! Ein unübertreffliches Meisterwerk des sanften Genies B.C. oder Billy, wie ich ihn nenne. Freue mich schon, wenn in ein paar Jahren hier fünf Sterne nachträglich vergeben werden, weil man dann dieses Kunstwerk schätzen und lieben gelernt hat. Billy, ich will ein Kind von dir!

  • Vor 9 Monaten

    Ich trau mich und schreib was!
    Was bei Laut.de überhaubt nicht erkannt wurde ist eine traumhaft schöne EP! American Gothic! Da kommt der Songwriter durch. Es kommen bestimmt gute Zeiten in der Nach-Corona-Zeit! Alles Gute!
    In einem Monat schreibe ich dann eine Rezension über das neue Album! Ihr wartet nicht darauf. Ist mir trotzdem ein Bedürfnis. LG

    • Vor 9 Monaten

      Ich verstehe ja, dass die Serienschreiber sehr bemüht sind, einen Ersatz für Publikumsliebling Speedi zu finden, aber das war jetzt wirklich überhaupt nichts. Bitte zurück ans Reißbrett!

    • Vor 9 Monaten

      es braucht schon seit längerem einen neuen showrunner.

    • Vor 9 Monaten

      american[a] gothic als musik ist doch eher so 16 horsepower, wovenhand, lonesome wyatt, those poor bastards :suspect: :suspect:

    • Vor 9 Monaten

      Nach Zeitgeist war es die reduzierung auf zwei Gitarren ein Bass und den Drums von Jimmy Chamberlin! Also genau das gegenteil von Cyr!
      Und vor allem: Er hatte Songs geschrieben die mich beeindruckt hatten.
      Aber egal die Reise geht weiter. Mal sehen wie es weitergeht. Womöglich ein Jazz Album mit 5 Gosbelsängerinnen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.....
      Und ich wiederspreche wirklich schön geschriebene Songs. Halt American Gothic

  • Vor 9 Monaten

    zum teil schon recht coole liedtitel ♥ ich glaube in den 90ern hätte ich mir das angehört

    • Vor 9 Monaten

      scheisse, ich hätte es mir sogar vor 20 jahren angehört. ich meine ernsthaft "confessions of a dopamine addict"? really? was kommt als nächstes? "dear diary my ̶t̶̶e̶̶e̶̶n̶̶a̶̶n̶̶g̶̶s̶̶t̶ midlife crisis has a bodycount" :koks:

  • Vor 9 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 7 Monaten durch den Autor entfernt.