26. November 2007

"Style ist extrem wichtig für Rockmusik"

Interview geführt von

An einem sonnigen Tag treffen wir, das sind Mathias Möller und Anja Lindenlaub, in einem stylish-trashigen Münchener Café auf Thomas und Matthias, von Beruf Sänger und Gitarrist der Nürnberger Band. Die beiden Franken zeigen sich während des Gesprächs äußerst entspannt, die Promoarbeit für ihr neues Album "Blunders & Mistakes" ist sichtlich keine Belastung für die beiden.Für großes Hallo sorgt ausgerechnet das Aufnahmegerät, Thomas hat das gleiche Modell. Und so beginnt das Gespräch mit ein wenig Fachsimpelei...

Was machst Du mit dem Aufnahmegerät?

Thomas: (überlegt) Unterwegs, wenn ich Songideen einsinge, verwende ich es. (lacht)

Wirklich?

T: Ja, dafür habe ich es mir gekauft. Habe es erst neu und muss mich da auch noch reinknien.

Der Promoter schaltet sich ein und stellt Fragen zu dem Aufnahmegerät, die Thomas gerne beantwortet.

T: Das ist ein Aufnahmegerät, gleich mit einem Stereomikro drin und hat verschiedene Vorverstärkereinstellungen, du kannst es in lauten Situationen sehr gut verwenden, stand in der Beschreibung.

Promoter: Läuft das jetzt schon?

Ja.

T: Das kann man dann im Bandraum einfach hinlegen.

Promoter: Und Du hast auch so was?

T: Ja. Ist klein, leicht und kostet ganz schön viel.

Echt?

T: 380 Euro.

Soviel? Bei uns war es ursprünglich dazu gedacht, dass wir unsere Podcasts aufnehmen.

Promoter zu Thomas: Man kann ja nun wirklich nicht erwarten, dass Du Deine Texte per Hand in ein kleines Buch reinschreibst.

T: Ist auch gut für Anweisungen an Bandmitglieder, mit denen man sich nicht mehr unterhält.

Die spielst Du dann ab?

T: Nee, die verschick ich dann als MP3s.

Hast Du noch ein Heft, in das Du Deine Texte aufschreibst? Oder singst Du sie nur noch ins Gerät ein?

T: Da geht es mehr um Melodien, und die Texte schreibe ich immer auf.

(Während unseres Gesprächs spielt Gitarrist Matthias mit seinem Handy.)

T: Was machst Du denn da?

Matthias: Ich schreibe dem Timo, dass ich heute nicht Tennis spielen werde.

Ah, das Freizeitverhalten der Krausis. Tennis, ganz schön mondän.

Wieder kichern alle.

Wo wärt Ihr denn eigentlich lieber, als heute hier zu sitzen und Interviews zu geben? Außer vielleicht auf dem Tennisplatz.

T: Heute?

M: Eigentlich ist das hier gerade doch super.

T: Ich finde es auch sehr schön.

M: Ich hätte auch gar nicht so viel vorgehabt, außer Tennis spielen.

Okay. Wir haben fest gestellt, dass Mehmet Scholls Abschiedsspiel hier heute Abend ist.

M: Ist es ausverkauft?

Ja, scheinbar schon lange. Was ich auch erstaunlich finde, aber Mehmet Scholl hört ja auch nicht jeden Tag auf.

M: Wir haben auch überlegt, denn das liegt ja genau am Weg.

Die Hidden Cameras hätte ich gerne gesehen.

M: Die spielen da?

Ja, die spielen im Stadion und auch danach gibt es wohl noch ein Konzert.

M: Und das kam alles von Mehmet Scholl?

Ja, der hat sich das gewünscht. Seid Ihr Fußballfans?

M: Ja. Zwar nicht alle in der Band, aber ich schon, ziemlich.

Nürnberg?

M: Ja.

Eigentlich müssten wir aber über Euer neues Album reden, oder?

(Alle lachen.)

T: Öhm, nö, wir können uns auch gerne über was anderes unterhalten.

Wie viel Bock hat man noch über das Album zu reden, wenn man es monatelang aufgenommen, produziert und abgemischt hat?

T: Ich möchte Euch fragen, wie es Euch gefällt, das ist sehr spannend, denn wir haben bis jetzt noch nicht so viele Reaktionen bekommen. Habt Ihr das Cover auch gekriegt? Und habt Ihr den Online-Player bekommen?

Ja. Das Cover ist super. Also, wenn Du uns fragst, wir finden es gut. Es ist halt super-poppig. Im Vergleich zum letzten Album wesentlich tanzbarer.

T: Tanzbarer findest Du es?

Ich hab es drei Mal aufmerksam gehört und finde es schon tanzbarer.

T: Findest Du es nicht schwieriger als das letzte, so wie schnell es reingeht?

Den Einstieg meinst Du jetzt?

T: Eher, wie eingängig Du es findest.

Nein, find ich eigentlich nicht. Ich finde es sehr zugänglich, also nicht negativ gemeint.

Matthias zu Thomas: Was wolltest Du eigentlich sagen?

T: Nix, ich hab nur gefragt.

M: Aber Du hast doch eben anders angefangen, denn die Frage war doch irgendwie anders, oder?

Ich hatte Euch gefragt, ob Ihr noch über Euer Album sprechen könnt.

T: Ja, mit Interviews ist das auch immer so ein Ding: Entweder du nimmst es ernst und machst es auch, obwohl es ein bisschen anstrengend ist, oder du machst es halt gar nicht. Dazwischen gibt es eigentlich nichts.

Ihr findet das Album schwieriger oder komplexer als das Vorhergehende?

M: Als Band kann man das, wenn man das selber gemacht hat, auch nicht immer ganz abschätzen. Ich finde auf jeden Fall, das es nicht so tanzbar ist.

T: Und ich finde auch, dass es auf jeden Fall nicht so sloganhaft und nicht ganz so offensichtlich ist, von den Refrains her. Wir haben auch versucht, das ein bisschen anders zu arrangieren. Ich unterschreibe auf jeden Fall, dass die Melodien poppiger sind, und dass es öfter große Melodiebögen sind. Es ist nicht mehr so stiff. Mein Empfinden ist, dass es nicht so direkt rein geht, sondern dass es verspielter ist, mal von hinten kommt, über Umwege. Bei dieser Platte haben wir das auch ganz bewusst so gemacht. Das war so ein bisschen ein Anliegen von uns.

Kann man so was bewusst machen?

T: Ein Stück weit schon. Wir haben sonst immer gesagt: "Wir machen gar nichts bewusst." Bei der Platte haben wir schon viel, viel, viel diskutiert und es war dann relativ schnell klar, was wir nicht machen wollten. Was wir vor allem nicht machen wollten, war uns selbst zu zensieren und zu sagen: "Das ist jetzt zu poppig." Oder: "Das geht nicht." Wir wussten, dass wir ein paar Sachen ausschließen, und ab da war es dann ein weites Feld, was wir machen wollten.

Unser alter Bassist Tobi ist ausgestiegen, da haben wir dann überlegt: "Machen wir überhaupt weiter? Und in welcher Konstellation? Holen wir uns einen Neuen dazu, oder machen wir das zu viert? Und auch unter Robocop Kraus oder einem anderen Namen?" Dann haben wir natürlich überlegt: "Was für Musik wollen wir eigentlich machen?" Und dann stand irgendwann fest, worauf wir Bock hatten und haben uns dann dafür entschieden, dass es unter dem Namen Robocop Kraus geht, denn der Name steht, nach unserem Empfinden, auch für ein recht offenes Konzept. Das war der Prozess. Danach haben wir uns schon bewusst dafür entschieden, welche Musik wir machen.

Nimmt man dann auch bewusst andere Einflüsse mit rein oder blendet sie bewusst aus? Ich frage mich halt, wie so eine Veränderung in dem Sound entsteht. Oder ist das dem Älterwerden geschuldet?

M: Beides, glaube ich. Musik, die man hört und die einem gefällt zu dem Zeitpunkt, an dem man die Songs schreibt, die beeinflusst einen auch.

Ist das unbewusst? Oder kannst Du da sagen: "Ich hab in letzter Zeit so viel von dem und dem gehört."

M: Nö, das ist gar nicht unbewusst. Wenn man gerade nicht so stiffes Zeug hört, sondern eher verspielte Sachen, dann möchte man auch gerne das machen, was einem gefällt.

Schreibt Ihr eigentlich alle Songs zusammen? Oder bist Du, Thomas, der Songwriter?

T: Nö nö, wir schreiben die Musik zusammen.

M: Wir treffen uns im Bandraum, irgendwer fängt irgendwas an. Richtig klassisch, ohne große Vorbereitung. So war es auf jeden Fall bei dieser Platte. Bei der davor war es ein bisschen anders, da hat Thommy oft irgendwelche Ideen gebracht und wir haben die Songs darauf aufgebaut, aber diesmal war alles sehr frei. Wir haben geschaut, was so passiert.

T: Einflüsse gibt es wirklich ganz viele, doch es ist auch wieder die Frage, wie man sie integriert. Wir können Euch auch gerne aufzählen, was wir in letzter Zeit gehört haben. Doch wahrscheinlich werdet Ihr Euch schwer tun, das heraus zu hören. Ich denke auch, es führt zu nichts, die Stilmittel seiner Lieblingsbands zu holen, sondern du musst dir überlegen: "Um was geht es da eigentlich?" Und du musst es dann für deine Musik übersetzen und da kommt dann was komplett anderes bei raus.

Ich hatte auch nicht den Eindruck, dass das ein richtiges Zitieren ist. Beim letzten Track "Ease The Pain" höre ich z.B. eine Johnny Marr-Gitarre raus. Das war so das einzige, was mir direkt aufgefallen ist.

M: Da haben wir jetzt zum Beispiel gar nicht dran gedacht.

Das ist eine ganz leichte Gitarre zwischen zwei Strophen.

M: Wir hatten eher Prince im Hinterkopf.

T: Mystic-Boogie.

Das habe ich mir beim Gesang manchmal gedacht (alle lachen)

M: Das zweite "Purple Rain".

T: Ja genau, "Purple Rain" und so ein Motown-Rhythmus, das ist echt zitathaft.

Ja, tanzbar halt. (Stille) Aber ich tanze vielleicht auch komisch.

T: Steh-Blues würde ich mal sagen. (alle lachen)

M: Auf jeden Fall Paartanz.

T: Ja, eher klassisch.

M: Mit Körperkontakt.

T: Ja. Gerne.

Das Artwork als psychedelischer Trip


Das Artwork hat ein Künstler gemacht. Könnt Ihr dazu noch etwas erzählen?

T: Ja, der heißt Kevin Hooyman, ist aus New York, und ich empfehle jedem mal auf die Webpage von ihm zu schauen, weil das ein totaler Trip ist. Unübersichtlich bis zum geht nicht mehr, Du verlierst dich darin total. Er hat eine Art Parallelwelt geschaffen. Er macht eigentlich so kinderbuchhafte Illustrationen mit erwachsenen Themen. Zum Beispiel hat er auch das Artwork zum letzten !!!-Album gemacht, und darüber sind wir auch auf ihn gekommen. Wir waren schon seit Wochen und Monaten auf der Suche nach Künstlern, denn wir wollten was Gemaltes haben und wir hatten auch vom Stil und der Ästhetik her genau vor Augen, was wir haben wollten. Im Nachhinein muss ich sagen, das schaut wirklich genauso aus, wie wir uns das vorgestellt haben. Das ist echt der Wahnsinn.

M: Wir sind wirklich sehr glücklich damit.

T: Wir haben ihm auch fast nichts gesagt. Wir haben ihm Musik geschickt; er ist ein Nachtmensch und hat abends angefangen, hat sich die Platte im Repeat im Atelier angehört und hat ein paar Tage wie ein Besessener gemalt. Das war echt klasse. Wir haben einmal eine Revision von dem Stück gemacht, weil als Zentralbild wollten wir etwas anderes haben, und er war auch nicht zufrieden, aber das war es dann. Work in progress, der hat gemalt, ohne vorher Skizzen anzufertigen.

Und er malt noch richtig klassisch?

T: Ja, ist ein richtiges Gemälde geworden. Wir hatten davor auch schon Kontakt zu anderen Künstlern, dann kam er irgendwann und dann war das sofort klar, das er das machen wird.

Wie wichtig ist es für Euch, eine Art Gesamtkunstwerk zuschaffen? Also einen Zusammenhang zwischen Musik und Artwork zu haben? Denn wenn man sich die letzten beiden Alben anschaut, waren die Artworks ja recht unterschiedlich.

T: Das ist uns total wichtig.

M: Ich glaube, dass das auch immer wichtiger wird. Vor allem in den heutigen Zeiten. Wenn man eine CD rausbringt, die sowieso nicht mehr allzu viele Leute kaufen, sollten die Leute auch etwas Wertiges in der Hand haben. Etwas, das man sich gerne anschaut.

Habt Ihr für die CD noch besondere Pläne?

T: Es gibt noch eine DVD dazu, auf der ein Film unserer Japan-Tour und Studiomaterial ist, einfach als Dreingabe. Ist gerade fertig geworden und ist einfach schön zum Anschauen.

Wie war Japan für Euch? Ist das schon länger her?

T: Ja, das ist schon länger her.

M: 2002 oder 2003. Das war der Hammer.

T: Wir haben dort auch privat geschlafen. Dadurch sind wir total in das Ganze eingetaucht und hatten viele Berührungspunkte mit den Leuten. Wir hatten aber keine Ahnung, wie man sich da bewegt. Du verstehst natürlich gar nichts, keiner von uns kann japanisch. Wenn du dir die Straßenschilder und –zeichen ansieht, du bist echt verloren.

M: Da muss man sich an der Hand nehmen, wenn man durchs Zentrum von Tokio läuft. Einmal verloren, dann ist es aus.

T: Da führt kein Weg mehr zurück.

M: Tot. Sofort. (alle lachen) Ja, Finger ab.

Im letzten Jahr wart Ihr ja in den USA unterwegs, oder? Wie kommt man als deutsche Band da an, wenn man keinen Rammstein- oder Einstürzende Neubauten-Sound hat, der ja in den USA ganz groß abgefeiert wird?

M: Sehr gut, eigentlich. Wir hatten ja das Glück, dass wir mit Art Brut unterwegs waren und das ist dann ja nicht unbedingt das Rammsteinpublikum. Auf den Konzerten waren immer so 200 bis 500 Leute, das war schon super. Alleine würden wir so etwas niemals erreichen. Die Westküste haben wir dann alleine gespielt, und da waren es immer so um die 30 Leute, was natürlich auch gut war. Es ist echt super, sich supportmäßig an eine Band ranzuhängen, die ein bisschen bekannter ist. In Amerika und in England ist das auf jeden Fall sinnvoll. Und hoffentlich klappt das auch mal wieder.

T: Ich hatte auch das Gefühl, dass dort Interesse bestand an einer Band, die nicht aus Amerika oder England ist. Das passiert nicht oft. Wir haben in den Clubs gefragt, wen die Leute aus Deutschland zum Beispiel kennen, und die kannten Notwist, Console und Mouse On Mars, noch ein, zwei andere und das war es halt. Oder eben größere Themen, aber die spielen dann nicht dort, wo wir gespielt haben. Zu den Merch-Ständen kamen dann auch Leute, die uns richtig ausgefragt haben.

Ein Kollege war im Frühjahr in den USA. In L.A. im Plattenladen hat er einen Stapel Eurer letzten Platte gesehen, die haben sie dort für 3,99$ verkauft.

T: Ja, war in den USA auf jeden Fall ein großer Verkaufsschlager.

M: Ganz dick. (Alle prusten los) Locker sind da 300-400 Platten über den Tisch gegangen.

T: Locker.

Für so ein kleines Land wie die USA top.

T: Absolut.

Wie bizarr ist Russland in der Hinsicht? Das stelle ich mir noch exotischer vor.

M: Ja, der Tagesablauf ist dort natürlich viel fremdartiger als in Amerika.

Inwiefern?

M: Moskau ist einfach eine ganz andere Welt als Amerika. Von Amerika hat man ja eine Vorstellung, wie es da ist. Als wir nach Russland gefahren sind, hatte ich keine Ahnung, wie eine Stadt wie Moskau wirklich ist. Man hat dann den Kreml im Kopf, aber wie die ganzen Straßen dann zum Beispiel verlaufen, das ist wahnsinnig interessant.

T: Was erstaunlich war: Man hatte ganz schnell Anknüpfungspunkte, weil die Leute auch auf Sonic Youth oder andere ähnliche Bands standen und auch ähnlich sozialisiert waren wie wir. Von Leuten, die auf dem Konzert waren und das mit veranstaltet hatten, hat man mitbekommen, dass gerade eine westlich geprägte Subkultur entsteht.

Also Gitarrenmusik?

T: Ja, genau. Das war erstaunlich und so ist man auch sehr schnell auf einen Nenner gekommen. Anderseits ist der Lebensalltag ein total anderer. Wir haben mit einer Band gespielt, Punk TV heißen die. Übrigens eine sehr tolle Band, die jetzt auch in England unterwegs war. Deren Sänger war Geschichtswissenschaftler und hat auch als Journalist gearbeitet. Ein paar Jahre wohnte er in London und hat auch dort für eine Zeitung geschrieben. Als er über Öl recherchiert hat, bekam er ständig Besuch vom KGB, war verwanzt und ihm wurde nahe gelegt, sich eine andere Karriere zu suchen. Jetzt ist er Vollzeitmusiker. Das sind Biografien und Geschichten, die zeigen, wie es in Putins Russland so ist. Das war echt schockierend.

Merkt man das auch bei der Jugend?

T: Ja, absolut.

Haben die dann auch Angst?

T: Teils, teils. Es wurde einfach auch viel nicht darüber geredet. Ich habe auch nicht ständig danach gefragt. Einer hat von einer Demo erzählt, zu der er nicht gegangen ist, da er einen festen Job und Frau und Kind hat und sonst alles verlieren könnte.

Macht man solche Touren auch, weil man auf den Märkten was verkaufen möchte, oder sind das reine Liebhabersachen und man einfach Lust hat, dort aufzutreten?

M: Reine Liebhabersachen. (Alle lachen.)

T: Wir wussten nicht, dass dort verkauft wird und auch nicht, dass wir dort einen Vertrieb haben. Lado hat dort scheinbar ein paar Platten verkauft, ich weiß aber nicht in welchem Ausmaß. Wir haben da gespielt, und die kannten die ganzen Lieder, das war total verrückt. Wir waren dort Headliner auf einem Festival, da waren ungefähr 500 Leute und es ging voll ab. Das hätte ich nie erwartet. Das war wirklich überraschend.

War das in Moskau?

M: Ja, Moskau und St. Petersburg.

T: Auf unserer Myspace-Seite ist ein Bild, wo ich das Publikum fotografiert habe, das ist von dem Festival. Das habe ich davor auch noch nie gemacht.

M: So was habe ich letztens bei Midlake gesehen. Die fotografieren bei jedem Konzert das Publikum und schreiben dann drunter: "Thank you, Boston", "Thank you, Washington". Ist doch eine Superidee.

Wo habt Ihr Euern neuen Bassisten denn kennengelernt?

M: Ja, wir kennen ihn schon ganz lange. Er hat vor sieben Jahren mal im JUZ Papenburg oder irgendwo ein Konzert für uns organisiert und seitdem ist er uns immer ein Mal im Jahr über den Weg gelaufen. Das waren glückliche Umstände, dass er auf einmal wieder da war. In Erlangen auf dem Konzert war das, oder?

T: Ich habe vorher mit ihm telefoniert und habe ihn gefragt, ob er jemand kennt, der Bass spielt. Daraufhin hat er sofort gemeint: "Ich mach's". Ich wusste auch gar nicht, dass er Bass spielt. Ich kannte seine letzten Bands, in denen er Gitarre gespielt hat. "Ja wie, Du spielst doch Gitarre?" - "Nee, ich spiel jetzt auch Bass. Ihr braucht keine anderen mehr einladen." Er hat dann jeden Tag angerufen, bis er bei uns gespielt hat. (lacht)

Ich finde sehr lustig, dass Ihr auf der Homepage geschrieben habt, ob Ihr jetzt Metallica seid und Bassisten ausprobieren müsst. Ist es wirklich so gewesen, dass Ihr überlegt habt, ob es überhaupt weiter geht? Seid Ihr so eine feste Einheit als Robocop Kraus, dass wenn einer weg geht, Schluss ist?

T: Es war ja schon der Zweite der weggegangen ist.

Stimmt.

T: Ja, genau. Johannes ist ja schon vor zweieinhalb Jahren weg gegangen. Das heißt, wir sind schon irgendwie daran gewöhnt. Bei uns kann eigentlich kommen und gehen wer will. Ich habe mir die Namen von den Neuen auch noch nicht gemerkt. (lacht)

Der hat ja vorher bei One Man And His Droid gespielt. Gibt es die noch?

T: Nein. Saboteur gibt es noch, da spielt er auch noch. Und er spielt noch bei Station 17, der Behindertenband aus Hamburg.

Wie macht er sich so?

Beide: Sehr gut.

Wo kommt er genau her?

T: Aus Ostfriesland.

M: Aurich, oder so. Jetzt wohnt er seit zwei Jahren in Hamburg.

Ihr probt hauptsächlich in Nürnberg?

T: In Nürnberg und Hamburg. Wir haben viel mit den Leuten von Station 17 geprobt. Und dafür mache ich auch Werbung, wir haben ein Lied mit ihnen geschrieben und auf einem Tributalbum wird das veröffentlicht. Mit dabei sind die Goldenen Zitronen, Tocotronic, Barbara Morgenstern und Ted Gaier.

(Matthias' Handy klingelt) M: Ich geh mal kurz ran.

T: Das ist unser Ex-Bassist. Ja, was will er?

M. zu uns: Er hat seinen Bass noch bei mir im Auto.

T: (Am Telefon) Ach, Du hast den Bass noch im Auto vom Matthias.

M: Und er hat noch meinen Hausschlüssel.

T: (Am Telefon) Du hast noch seinen Hausschlüssel, und wir sitzen gerade beim Interview.

Die Trennung ist wohl noch nicht ganz vollzogen. (alle lachen)

M: Nein.

Wie wichtig ist Euch eigentlich der Style bei Euren Auftritten? Ihr hattet ja bei der Tour zum letzten Album ein einheitliches Auftreten mit verschiedenfarbigen Hemden. Ich habe Euch letztes Jahr beim Berlinfestival gesehen und da hattet Ihr das nicht mehr.

M: Nein, das haben wir abgelegt.

T: Wir machen immer wieder was anderes.

Ist denn Style eine Frage bei Robocop Kraus?

T: Style ist extrem wichtig für Rockmusik.

M: Ja, schon, aber dieses Einheitliche haben wir komplett abgelegt. Da fällt uns jetzt auch nichts Besseres mehr ein.

T: Wir waren davon gelangweilt.

M: Dieses Anzug- und Krawattending hängt uns ja immer noch nach, obwohl wir das seit vier Jahren nicht mehr machen.

T: Überall steht: Krawattenträger aus Nürnberg.

Merken: Die Krawattenträger aus Nürnberg.

M: Die 70er-Jahre-Anzugsträger. Ich wüsste nicht, wann ich mal einen 70er-Jahre-Anzug an hatte. (Lacht.)

T: Als wir angefangen haben, hat sich das sehr spannend angefühlt. Wir haben in besetzten Häusern in schicken Paillettenanzügen gespielt, das fanden halt alle total bescheuert und für uns hat sich das irgendwie cool angefühlt. Mittlerweile machen das jedoch alle und es fühlt sich gar nicht mehr spannend an. Dann musst du dir wieder etwas anderes überlegen.

M: Das heißt jetzt aber nicht, dass wir uns auf der Bühne nie wieder blöd anziehen werden.

T: Nö, wir ziehen uns oft bescheuert an.

M: Aber jetzt nicht unbedingt uniformiert.

Das Credo: Stop making sense!


Habt Ihr schon eine Tour geplant?

T: Ja, durch ganz Europa.

M: Anfang Oktober geht es los. Deutschland, Benelux, Frankreich, Spanien, Österreich, Schweiz. Eigentlich zwei Monate am Stück.

Und dann ohne Busunfall.

M: Hoffentlich. Wir brauchen gerade einen neuen.

Seid Ihr immer noch mit so einer kleinen Kiste unterwegs?

M: Ja. Was größeres können wir uns nicht leisten.

Okay, dann denke ich, dass Ihr größer seid, als Ihr in Wirklichkeit seid.

M: Nein, wir sind schon groß.

T: Wir sind noch viel größer. (lacht)

Okay, die größten Krawattenträger Nürnbergs.

T: Irgendwas mit Bratwürsten könntet Ihr noch schreiben. Lebkuchen oder Christkindlmarkt wird immer gerne von unserer Seite aus gesehen.

M: War das nicht sogar in einer laut.de-Review? Hat die nicht so angefangen?

T: Das stimmt, ja, ja, absolut. Lest noch mal nach.

Echt, ich habe die letzte Platte gemacht.

T: Da haben dann aber viele von Dir abgeschrieben. (alle lachen)

Ich weiß nicht, ob ich das war.

T: Egal, Reichsparteitage kann man auch mal anbringen.

M: Auch ein schönes Thema.

Ich hatte doch noch irgendwas.

T: Über die Texte habt Ihr zum Beispiel noch gar nichts gefragt.

Das fanden wie beide etwas schwierig. Wir haben uns auch vorhin im Auto darüber unterhalten...

T: Habt Ihr die Texte denn gekriegt?

Nein, wir haben die Songs nur über den Player gehabt. Wir haben uns eben gerade darüber unterhalten, wie schwierig es ist, in der Redaktion auf Musiktexte zu achten, weil wir das Konzentrieren total schwierig finden. Willst Du uns was zu den Texten erzählen?

T: Nee, ich frage nur, weil wir dazu auch nicht so oft gefragt werden. Ich habe das Gefühl, das ist oft nicht so Thema.

Englisch ist uns zu kompliziert.

T: Macht Ihr das bei englischen Bands auch, das Ihr nicht nach den Texten fragt, oder ist das da dann mehr Thema?

Kommt drauf an. Wenn es sich anbietet, klar. Wenn sie entweder total absurd und unverständlich oder zum Beispiel politisch explizit sind. Du meintest vorhin, dass sie nicht mehr so plakativ sind?

T: Ja, nicht mehr so sloganhaft. Ich habe mehr darauf geachtet, wie es mit der Musik funktioniert und wie es mit den Arrangements ist. Ob es vielleicht eine Zeile gibt, die nach meinem Gefühl zu stark wiederholt wird. Ich glaube, die Wiederholung ist nicht mehr ganz so stark da. Dafür sind ein paar Texte total direkt und leicht entschlüsselbar, die Geschichten erzählen. Das Lied "Gibraltar" beschäftigt sich mit illegalen Immigranten, die Arbeit suchend in Europa sind und von Nordafrika über die Straße von Gibraltar nach Europa kommen. Das war ein Thema, das mich sehr interessiert hat. Also auf dem Album gibt es ganz explizite Geschichten.

Dann gibt es aber auch total kryptische, die totaler Quatsch sind. Das wollte ich auch immer machen und es ist auch überhaupt nicht einfach, etwas zu machen, das nicht aufgeht und nur assoziativ ist. Das finde ich total wichtig und ich bin auch Fan von Bands, die das bewusst machen. Das spiegelt so eine Art Loslassen und Lockerheit wider, eben dieses: "Ich muss jetzt keinen Sinn reinbringen." Oder: "Ich muss jetzt nicht auf den Punkt kommen." Das finde ich oft richtig gut.

Ich stelle es mir nur sehr schwierig vor, das so zu machen.

T: Ich weiß auch nicht. Robert Pollard ist schon ein cooler Hund. Er macht das so bei Guided By Voices. Das finde ich toll, wie die das machen. Ich habe kürzlich gelesen, sein Sohn macht auch Musik und er gab ihm das auch mit auf den Weg: "Stop making sense."

Ist das vielleicht etwas, wo der Sänger freier ist als der Musiker, der einem bestimmten Popsonggerüst gehorchen muss?

T: Da bin ich schon genauso drin. Das muss ja musikalisch sein.

Das ist klar, aber Du kannst ja sagen, was Du willst.

T: Ja, und ich kann auch melodisch auch mehr drüber malen als jetzt der Bass oder das Schlagzeug.

Es ist ganz interessant, dass Du das jetzt sagst. Beim Tocotronic-Interview meinte Dirk, das Idealbild sei es, einen Song zu schreiben, den sie selbst nicht mehr verstehen. Ist das bei Euch auch so?

T: Mal so, mal so. Das ist kein Konzept für jedes Lied. Es muss sich irgendwie anbieten und passen und irgendwann findet sich dann ein Thema. Ich fange immer erst mit der Musik an. Ich bin von Anfang an mit dabei, wir machen zusammen Musik, ich singe direkt und das ist Nonsens. Eigentlich ist das fast ein Idealzustand von einem Lied, einen Text zu haben, der nur Musik ist. Das finde ich total spannend. Bei der Konkretisierung geht meiner Meinung nach auch immer etwas verloren. Du gibst natürlich auch etwas mit rein, das den Text konkret macht und ihm eine Bedeutung gibt. Aber ich glaube, da geht auch was verloren. Dieses ganz Freie, was total wichtig ist. Ich stehe nicht auf Bands, die Dichterlesungen mit Schlagzeug machen. Daran kranken aber auch einige deutsche Bands. Das ist nicht unsere Baustelle.

Das klingt fast wie der New Wave-Ansatz der Achtziger. Ist das auch ein Rückgriff auf Sachen, die es schon gibt?

T: Das ist halt ein Schlagwort der Talking Heads. Ist mir gerade so eingefallen. Ich weiß jetzt nicht, ob das in den frühen Achtzigern stärker vertreten war. Es gab schon immer Sänger, die so gearbeitet haben, das ist schon weit verbreitet.

Wenn Du einen Text hast, der explizit und politisch ist, wie beispielsweise in "Gibraltar", ist das etwas, worauf Ihr Euch einigen müsst, oder sagt Ihr: "Mach du mal, ist ja dein Text."

M: Da gibt es eigentlich selten Probleme.

Ihr seid ja keine unpolitische Band.

M: (Wie aus der Pistole geschossen.) Doch!

Ja?

M: Ich würde uns aber auch nicht als politisch bezeichnen. Was ist überhaupt politisch?

T: Ich auch nicht.

M: Das hat immer so was Belehrendes und das wollen wir überhaupt nicht haben.

T: Wir sind ja auch eine völlig unpädagogische und undidaktische Band. Ich sage das jetzt etwas überspitzt, weil das manchmal in die Richtung geht und das ist etwas, von dem wir uns fernhalten. Es gibt schon Themen, die uns interessieren, die kommen dann auch manchmal mit rein, ist aber nicht zwingend. Was passiert mit der Band, die Organisation der Arbeit rund um die Band, das sind Dinge, die wir sonst zusammen diskutieren.

Ihr habt auf Eurer Newsseite im Internet noch Dinge erwähnt, um die es im Album gehen wird, unter anderem Noam Chomsky. Habt Ihr dort nur Quatsch reingeschrieben?

T: Ja! (alle lachen)

Es ging um drei Tiere. Ich weiß leider nur noch Hunde und Schlangen.

T: Schlangen sind natürlich mit drin.

M: Über eine Schlange ist wirklich ein Text dabei.

T: Ja, der erzählt eine ganz konkrete Geschichte, die mir auch passiert ist, als ich als Kind eine Schlange gefangen habe. Ich habe eine total unmetaphorische Geschichte geschrieben, die mir auch genauso passiert ist, die mir aber keiner glaubt. In Reichenschwand, wo ich aufgewachsen bin, habe ich eine Schlange gefangen. Das steht alles in dem Text drin, das müsst Ihr Euch noch mal durchlesen. Da brauche ich eigentlich nichts mehr erklären, da steht ja alles drin.

M: Ein Erlebnisaufsatz.

T: Ja, genau. Eine neue Kunstform. Das ist eine Fabel, eine Tiergeschichte, die Rückschlüsse auf das Leben der Menschen bietet. (alle lachen)

Ich dachte, Ihr seid unpädagogisch?

M: Jaaaaa, wir sind mal so mal so.

Widersprüchliche, große Krawattenträger aus der Stadt der Bratwürste.

T: (Kriegt sich kaum ein vor Lachen) Du hast die Überschrift.

Ich glaube, wir sind durch.

T: Ich bin auch durch. (lacht)

M: Fast alles abgehandelt. Fehlt noch was?

T: Ich weiß genau, wo Ihr nachher sagt: "Das haben wir vergessen."

Ja?

T: Als ich vorhin Lado gesagt habe, da habt Ihr gekichert.

M: Ich glaube, das hatte mit den CDs zu tun, die in Amerika so billig verkauft wurden.

T: Ach so.

Wir kichern doch nicht über den Tod von Lado.

T: Ich dachte, Ihr wollt über Lado noch irgendwas wissen.

Hat es noch Sinn darüber zu sprechen? Lado ist tot, oder?

T: Tragisch.

Tragisch, klar.

T: Das Label gibt es nicht mehr, aber unsere Rechte sind noch da. Uns entstehen keine großen Nachteile, ist alles glimpflich abgelaufen. Es war aber total schwierig, mitzukriegen, wie viele Leute, die man kennt, ihren Arbeitsplatz verloren haben.

Ein Freund und Kollege von uns hat auch erzählt, dass er ein ganz schlechtes Gewissen beim Ausverkauf im Lado-Shop hatte. Ist ja leider kein Einzelfall.

T: Genau.

Seid Ihr froh, dass Ihr bei einem internationalen Unternehmen seid?

T: Auf jeden Fall. Die bringen ja auch Bands wie Offspring raus, dadurch wird unsere Platte dann finanziert. So sieht das einfach aus. Das Gute ist, es handelt sich um eine Indie-Firma, die nur ein Büro europaweit hat. Wenn wir jetzt bei einem Major wären, da sitzen da Leute, die sagen, dass sie das Album in Deutschland rausbringen, aber ob es die in Spanien auch rausbringen, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Und die bringen Euch jetzt europaweit raus?

T: Genau. In Amerika bringen sie es glaube ich nicht raus, denn die haben da in L.A. noch einige Stapel zu viel. (alle lachen)

Mensch, so ein Ärger. Ich glaube, besagter Kollege hat nur eine gekauft.

T: Für 3,99$? Er hätte mal mehr kaufen sollen. Wegen einem USA-Release, wir suchen dort ein kleines Label, das ist für uns eigentlich viel besser in den USA.

M: Die haben auch gar keine Werbung gemacht.

T: Die haben wirklich nichts gemacht.

M: Das nennt sich Soft-Release. Ist auch ein Super-Wort. Man wirft einfach eine Platte auf den Markt, aber sagt es den Menschen nicht, dass es sie gibt.

T: Man versucht, so eine Art von Geheimnis um die Platte zu stricken.

M: Das war trotzdem abenteuerlich. Ist schon lustig, wenn die Platte in Amerika veröffentlicht wird.

T: Ja, ist schon super. Aber ich glaube, die schreiben den Rolling Stone und fünf weitere große Magazine an, und wenn die kein Interesse haben, dann lassen sie das mit der Veröffentlichung. Die haben auch keine wirkliche Ahnung von kleineren Strukturen, das machen die halt nicht.

Die Magazine haben ja bestimmt auch mit dem eigenen Markt zu tun.

T: Das ist doch kein Thema für die. Wenn, dann muss man an kleine Punk- oder Indie-Magazine ran, aber das machen die nicht. Leider. Es wäre toll, wenn wir ein kleineres Label finden würden.

Ginge das von Epitaph aus?

T: Da müsste man halt mit denen reden. Aber wenn sie es nicht rausbringen wollen, müssen sie ja irgendwann sagen: "Gut, bringt es über jemand anderen raus." Da gibt es meistens eine Klausel, die besagt, dass man es erst neun bis zwölf Monate später selbst rausbringen darf. Dann verfällt das Recht auf das Territorium. Ich weiß jetzt auch nicht, ob wir jemanden finden. Das letzte Mal war das erste Mal. Davor haben wir es auch immer versucht, aber das hat nie geklappt. Die denken sich wohl auch, dass das sehr risikoreich ist.

Die letzte Platte kam aber über Epitaph raus?

T: Ja, das kam da raus und war nicht ganz so der Knüller, von den Verkaufszahlen her.

Soft-Release wird zu Soft-Verkauf. (alle lachen)

T: Soft-Sell.

M: Stark, noch eine Überschrift (alle lachen wieder)

Ja Mensch, dann hoffen wir mal, dass das klappt. Und danke für das Interview.

Das Interview führten Anja Lindenlaub und Mathias Möller.

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