laut.de-Kritik

Live aus der Sicht von Gothic-Gerda und Grufti-Gustl.

Review von

Robert Smith und seine Jungs sind offenbar tierische Rampensäue. Nach der wirklich anstrengenden 2004er Welttour mit fast 50 Shows zog es die Bühnenaddicts auch im Jahre 2005 vor das Publikum diverser Sommerfestivals in Europa zurück. Presse und Fans jubilierten damals einstimmig bei der Nachricht, dass Cure-Urvieh und Ex-Gitarrist Porl Thompson wieder mit von der Partie sein sollte. Diesen Plan fasste man allerdings nicht ganz ohne kommerziellen Hintergedanken, sollten doch die Events auf Film für den kommenden DVD-Release gebannt werden.

Die Idee, ein Live-Konzert nicht von Profis abfilmen zu lassen, sondern ausgewählte Fans mit Mini-DV-Kameras auszustatten und diese direkt aus dem Publikum filmen zu lassen, ist nicht mehr ganz neu. Warum aber gerade Perfektionist Robert Smith die Idee der Beastie Boys ("Awesome: I F**kin' Shot That") für seine eigene Live-DVD aufgreift, bleibt mir als kleinem Musikredakteurlichtlein durchweg schleierhaft.

Ja, die Sicht des Fans mag wohl sehr wichtig sein - vor allem die eines Cure-Fans - und manches mal gerät die auch viel spannender, als der Blick des Profis mit der Steadycam. Jener besitzt aber das Privileg des besseren Blickwinkels. Nicht von unten, sondern direkt auf Augenhöhe, im 360-Grad-Winkel um die Stars herum, mit der Möglichkeit, jede noch so kleine Bewegung oder Mimik per Closeup einzufangen. Und wenn ich mir eine DVD zulege, dann will ich eben gerade kein Bootlegvideo kaufen, sondern erwarte Professionalität in der Kameraarbeit. Wenn ich den neuen Scorsese im Kino sehe, dann verlange ich ja auch, dass Genies wie Michael Ballhaus hinter der Kamera stehen und nicht Gothic-Gerda und Grufti-Gustl, die mit ihrem wüsten Digitalzoom das komplette Bild ruinieren.

Und ich will genau deshalb ohnmächtig aus meinem Kinosessel fallen, weil der Kameramann Robert Smith schon backstage auf Schritt und Tritt verfolgt, diesen andauernd wie ein Spanner beobachtet, um dann gemeinsam mit ihm vor die tobende Masse zu treten und Zeuge zu werden, wie Smith seine Trauerweidenperücke ins Publikum wirft und mit GI-Haarschnitt "Shake Dog Shake" vor antiker Kulisse intoniert. Für die weniger Eingeweihten: ich spreche von "Live in Orange", dem '87er Konzertfilm, mit dem The Cure schon einmal Geschichte geschrieben haben. Damals kamen derartige Streifen noch im Kino und damals war noch Tim Pope der Hausregisseur der Band und zeichnete neben den bekanntesten Cure-Videos auch für besagten Film verantwortlich.

Heute stehen eben eine Hand voll Devotees verteilt im Publikum und bannen das Ganze auf ihre Mini DVs. Natürlich gab es als Fallbacklösung zusätzlich auch noch Profikameras rund um die Bühne. Die Tatsache, das Robert Smith daheim am G5 mit Final Cut Pro noch ein paar schicke Effekte hinzufügt und das Material dann auf DVD-Länge schnippelt, lässt meine Zweifel an der Qualität nicht unbedingt schwinden. Okay, wenn auch früher alles besser war und "Festival 2005" eben nicht unbedingt state of the art ist, bin ich natürlich als Fan trotzdem dankbar für jedes Stück Cure-Live-Erlebnis.

Allein schon die Tatsache, dass Porl Thompson wieder in die Cure-Familie aufgenommen wurde und mit Robert grinsend im Duett "Just Like Heaven" spielt. Oder dass man extrem selten live gespielte Songs wie "The Blood", "Never Enough" und "Signal To Noise" endlich wieder zu hören bekommt, entschädigt für die Tatsache, dass an der Bildqualität und -komposition extrem gespart wurde. Und es stimmt letztlich auch versöhnlich, wenn tausende Fans vor der Amphitheater-Kulisse des Taormina Arte Festivals in Sizilien einstimmig die Hookline von "Play For Today" johlen. Da kribbelts dann doch im Nacken. Fast wie damals in Orange ...

Trackliste

  1. 1. Open
  2. 2. Fascination Street
  3. 3. alt.end
  4. 4. The Blood
  5. 5. A Night Like This
  6. 6. The End Of The World
  7. 7. If Only Tonight We Could Sleep
  8. 8. The Kiss
  9. 9. Shake Dog Shake
  10. 10. Us Or Them
  11. 11. Never Enough
  12. 12. The Figurehead
  13. 13. A Strange Day
  14. 14. Push
  15. 15. Just Like Heaven
  16. 16. Inbetween Days
  17. 17. From The Edge Of The Deep Green Sea
  18. 18. The Drowning Man
  19. 19. Signal To Noise
  20. 20. The Baby Screams
  21. 21. One Hundred Years
  22. 22. Shiver And Shake
  23. 23. End
  24. 24. At Night
  25. 25. M
  26. 26. Play For Today
  27. 27. A Forest
  28. 28. Plainsong
  29. 29. Disintegration
  30. 30. Faith

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