laut.de-Kritik

Sting weigert sich, mit der Zeit zu gehen.

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"Set them free - free, free / Set them free!" Solche Zeilen platzen vor garantierter Wiedererkennbarkeit. In einem Musikquiz erleichtert Sting das Gewinnen. Das Intro-Riff zu "Every Breath You Take" kehrte bei Puff Daddy in "I'll Be Missing You" wieder und besitzt Ewigkeitsrang. Unter den drei Silben "Fields Of Gold" liegt einer der Akkorde der Neunziger. Die Reggae-Zeile "Well, somebody told me yesterday" und das Schlagzeug-Pattern in "So Lonely" gelten als Allgemeingut der Popgeschichte. Von Punk bis Reggae, von Rock bis Hip Hop sind sie Musikfans ein Begriff. Da dürfte es für Sting doch gewiss ein Leichtes sein, aus seinen alten Tracks neue Spielarten herauszukitzeln.

Den Klassikern einen neuen Anstrich zu verpassen, lautet seine Idee für "My Songs". Manchmal funktioniert so etwas super, wenn ein Autor die Stücke in der zweiten Fassung zu gänzlich anderen Liedern ummodelt. Das gelang Sting schon einmal mittelmäßig gut, nämlich 2010 in "Symphonicities". Schon damals schlich der Engländer bei einigen seiner Song-Juwelen um die Herausforderung herum, wie die Katze um den heißen Brei. Das eigene Material wirklich neu zu interpretieren, wagte er nicht und blieb oft nahe am Original.

Diesen Fehler wiederholt er. Obwohl es sein Anspruch ist, den Titeln etwas vorher nicht Vorhandenes hinzuzufügen, spielt er etliche Tunes einfach nur neu ein. So nölt er "Desert Rose" uninspiriert herunter. "Fragile" wirkt gar in der neuen Version älter als die Siebziger Police-Klassiker. So hat 'man' damals Musik gemacht: Das Latin-verträumte Slow-Mo-Zupfen der Saiten folgt Bryan Adams auf dem Fuße; das Softe lehnt sich an Phil Collins und Mike & The Mechanics an. Die Nummer in die Jetztzeit zu transferieren, wäre interessant. Das lässt Sting aber bleiben."Fields Of Gold" spielt er so weit eins zu eins nach, dass es langweilt.

Besonders die ältesten Lieder punkten: "Can't Stand Losing You" aus "Outlandos D'Amour" von 1978 kratzt punkiger als damals die Glätte auf, die den späteren Sting so charts- und radiotauglich machte. Den Reggae-Rhythmus des Tracks kehrt Sting heute deutlicher hervor. Diese neue, schroffe, harte, relativ akustische Version profitiert von der bewegten englischen Musikszene der Punkrock-Welle damals. Gerade dieses Stück könnte noch viel ausführlicher sein und weitergehen, verabschiedet sich aber nach drei Minuten. Sting verspielt sein Potential. Man wünscht sich beim Zuhören den Spirit jener Zeit zurück. Dieses Gefühl ist das stärkste, das durch das Hören von "My Songs" wiederholt entsteht, und doch versperrt Sting irgendwie die Brücke zurück in jene Ära.

"So Lonely" schob sich immer als äußerst eingängiger Tune ins Ohr. Obwohl Schwermut ihn regiert. Hier nimmt sich Sting Zeit, lässt den Track fließen, mehr als in früheren Fassungen. So hilft ein sehr gelungenes Gitarrensolo dem recht stillen Song, sich breit auszudehnen. Auch die 2019er-Version eines sehr originellen Titels kann sich hören lassen: "Message In A Bottle". Traumhaft gleitet die Musik wie die Flaschenpost auf dem Wasser. Es ist kein Stewart Copeland zur Stelle, doch der anwesende Drummer lässt die Taktschläge smooth und zugleich kantig fließen. Die Kombination aus Tristesse und Tempo ist immer wieder ein Faszinosum, so auch hier.

Über die gesamte Dauer ist "My Songs" leider arm an Höhepunkten. Selbst mancher Police-Kracher leidet unter Ladehemmung. Das Intro-Riff zu "Every Breath You Take" klingt abgenutzt und Stings Stimme wirkt müde. Die Ehrenrettung des Albums gelingt Sting in Form der neuen Version von "Next To You (Live)". Der ungestüme Rock dieser Nummer bewahrt den Release vor dem Eindruck der belanglosen Geldschneiderei. "Walking On The Moon" klingt erhebend. Voller Aura schwebt das Understatement-Lied. Beim Mondspaziergang gewinnt Sting der Rhythmusgitarre Neues ab. Sie setzt ein experimentelles Twäääng-Echo. Die Drums sind jazzig und kunstvoll gespielt, alles wirkt edel. Zugegeben, es sind auch hier nur feine Nuancen, die dem Alten einen neuen Anstrich verpassen.

"If You Love Somebody Set Them Free" kann man auch auf der Habenseite verbuchen. Der Titel mutet anfangs an, als versuche ein Ersatz-Nile Rodgers die Nummer auf funky zu trimmen. Im Intro misslingt das noch. Aber es lohnt sich, dran zu bleiben. Vor allem rhythmisch entfernt sich das Stück vom Original und entwickelt sich mitreißender. Der sehr gleichmäßige Rhythmus hypnotisiert und führt weg vom ursprünglichen Soft-Rock.

Dagegen verlieren sich viele Titel in Farblosigkeit und ketten sich ans Original, als traue sich Sting nicht zu, die Titel entschieden anders darzustellen. Das blasse "Demolition Man" und das gezwungene "Brand New Day" enttäuschen. Letzteres singt er lasziv, aber doch saftlos. "Shape Of My Heart" verkommt zum einschläfernden Geklimper und von der Live-Aufnahme "Spirits In The Material World (Live)" bleibt ohne den ursprünglichen Gast Pato Banton wenig übrig.

Von "Englishman In New York" vergesse ich nie, wie ich das Stück einmal live gesehen habe. Sting wollte gar nicht mehr aufhören und dehnte die Nummer auf eine Viertelstunde. Seine Musik wirkte wie statisch aufgeladen, als ob einer in Trance stecke. Gegen solche Erlebnisse ist diese Studioaufnahme hier einfach nur fad. In Bezug auf Live-Material kann man es erst einmal begrüßen, dass sechs Tracks in sehr guter Tonqualität beigefügt sind. Abgesehen vom Gütegrad des Sounds wirkt in "Roxanne (Live)" sonst nichts bestechend. Einzig bei "Synchronicity II (Live)" lässt sich von einer geglückten Platzierung sprechen, weil jenes so viel unbekannter ist als all die Hits auf dieser Best Of.

Wie bei einer Greatest Hits-CD fehlt hier völlig der inhaltliche rote Faden. Weder sind die Titel chronologisch geordnet noch bauen sie spannend aufeinander auf. Genauso wenig erzählen sie eine zusammenhängende Geschichte und sind auch nicht nach Stilen sortiert. Sie versetzen den Hörer nicht in eine Stimmung, sondern lassen einen mit einem großen Rätsel zurück: Wie schaffte es dieser Songschreiber all die Moden und Trends der letzten 35 Jahre zu ignorieren? Sting weigert sich, mit der Zeit zu gehen.

Trackliste

  1. 1. Brand New Day
  2. 2. Desert Rose
  3. 3. If You Love Somebody Set Them Free
  4. 4. Every Breath You Take
  5. 5. Demolition Man
  6. 6. Can't Stand Losing You
  7. 7. Fields of Gold
  8. 8. So Lonely
  9. 9. Shape Of My Heart
  10. 10. Message In A Bottle
  11. 11. Fragile
  12. 12. Walking On The Moon
  13. 13. Englishman In New York
  14. 14. If I Ever Lose My Faith In You
  15. 15. Roxanne (Live)
  16. 16. Synchronicity II (Live)
  17. 17. Next To You (Live)
  18. 18. Spirits In The Material World (Live)
  19. 19. Fragile (Live)

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7 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Warum bitte sollte Sting seine Songs völlig neu interpretieren?
    Das mach(t)en doch andere Musiker schon zuhauf.
    Sting nimmt hier seine Stücke, passt sie seiner gut gealterten Stimme an und nimmt sie mit auf seinem Weg in die Gegenwart.

    Warum wird von Sting, wie auch anderen Künstlern, bei Neuauflagen der eigenen Songs immer erwartet gleich ein völlig neuer Künstler zu werden?
    Sting ist Sting, nur eben ein paar Jahrzehnte älter.
    Soll er wie Ed Sheeran oder gar Justin Biber klingen?

    • Vor einem Jahr

      Was ist eine interessante Coverversion? Bsp. Cat Power coverte "Satisfaction" von den Stones ohne Refrain. Bsp. 2 Nosie Katzmann coverte seinen eigenen Rave-/Eurodance-Titel "Mr Vain" (Culture Beat) als akustisches, beinahe Unplugged-Stück.
      ___
      Wir leben generell in einer Phase, in der Grenzverschiebungen nur in Trippelschritten gedacht werden, und ich erwarte von Künstler/innen, dass sie eine fantasievolle Welt erschaffen.
      ___
      Und bezogen auf Sting: sei auf Stings eigenes PR-Statement hingewiesen. "'My Songs' is my life in songs. Some of them reconstructed, some of them refitted, some of them reframed, but all of them with a contemporary focus." (Quelle: https://www.sting.com/discography/album/43…)
      Antwort: 'rekonstruieren' (bedeutet für mich) erst mal den ursprünglichen Song auseinander zu nehmen.
      __
      Gerne angehört hab ich das Album dennoch, nur bezieht sich das vor allem auf die The Police-Songs. Ich habe Sting in meiner Kindheit mal in den Sommerferien kennengelernt, als im Nachtradio ein phänomenaler Live-Mitschnitt von "Message in a bottle" lief. Bei einem an sich schon so spannenden, starken, alten Track akzeptiere ich ja noch, wenn S ihn so lässt wie er war. Dann müsste für mich ringsherum aber mehr an Überraschungen kommen....

    • Vor einem Jahr

      Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

    • Vor einem Jahr

      "und ich erwarte von Künstler/innen"

      Damit hat sich das Thema schon erledigt.

      Es muss nicht gefallen und jeder kann es finden wie er will.
      Nur Künstler als Dienstleister zu betrachten, die gefälligst den eigenen Erwartungen und nicht sich selbst folgen sollen ist nun einmal eine egozentrische Verschiebung der Verhältnisse.

      Kann man so sehen, nur ist man dann bei Künstlern an der falschen Adresse und muss sich an kommerziell auf den Konsumenten getrimmte Erfüllungsgehilfen halten.

    • Vor einem Jahr

      Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

    • Vor einem Jahr

      ach komm schon, Sting gibt SELBST noch weit gehendere Erwartungen vor - siehe Zitat. Gemessen daran kommt er hier milde weg

  • Vor einem Jahr

    natürlich nicht. aber so ein vorhaben ergibt ja nur sinn, so der künstler dem ganzen eine nee facvette beifügt oder akzente anders setzt.

    so betrachtet finde ich die 3 punkte von kollege philipp noch milde. denn fatal ist: sting bleibt sogar unter den selbst (!) vorgegebenen möglichkeiten.

    "message in a bottle" etwa brachte er schon in den 80ern und frühen 90ern live als akustische bzw. a capella gebrachte ballade und verlieh dem track damit eine melancholische tiefe, die sich hören lassen konnte. das hier ist ja nix besonderes im vergleich.

    "desert rose" hingegen empfinde ich als poaitiv. gerade weil der gesang beabsichtig nölt, bildet er den angebrachten kontrapunkt zum euphorischen wüstegesang cheb mamis.

    bei "every breath", "fields of gold" oder "fragile" ist es aus meiner sich fast schon ein trauerspiel, dass ein mann, der oft bewies, ein begnadeter arrangeur zu sein, so einfallslosen krempel liefert, der die originale weder erreicht noch ergänzt. er kann es doch eigentlich. warm tut er es nicht?

    auch de ewig hypnotischen burner "russians" hat er so oft live als kammermusikalisches juwel gebracht. hier fehlt ausgerechnet dieses stück, mit dessen beeindruckender alternativfassung man hätte punkten können. stattdessen gibt es den ohnehin langweiligsten song der welt - "brand new day" - in noch sedierenderer seichtheit. furchtbar! was sind denn das für prioritäten bei mr s?

  • Vor einem Jahr

    Ganz so ohrwurmhaft können seine Songs für den Rezensenten ja gar nicht sein, wenn er schon eine seiner bekanntesten Zeilen falsch zitiert.

  • Vor einem Jahr

    Auch wenn man über die Qualität streiten kann: Innerhalb von weniger als 3 Jahren 3 so unterschiedliche Alben rauszuhauen ist in seinem Alter schon ˋne Leistung.

  • Vor einem Jahr

    Die CD ist für meine Ohren erschreckend. Die Stimme trägt nicht mehr: Alter Mann versucht jung-dynamisch zu klingen, was trotz technischer Hilfsmittel nicht (mehr) gelingt. U.a. Leonard Cohen hat gezeigt, dass man sein Alter akzeptieren kann und gerade dadurch Neues sagen/singen kann; auch wenn der Vergleich natürlich mächtig hinkt.
    Keinen anderen Künstler habe ich häufiger im Konzert gesehen. Das tue ich mir jetzt nicht mehr an. Zum Glück bleiben viele CDs und DVDs gut und kraftvoll.

  • Vor einem Jahr

    War beim Radio-Listening von SWR1 letztes Wochenende mit am Start, und was der Moderator da alles auch lobte, ich konnte es einfach nicht nachvollziehen. Sting ist ein Tüftler, ein Arrangeur, er springt zwischen Genres umher mit Leichtigkeit und wirkt Live wie ein Tausendsassa. Er ist der einzige, der in der Lage ist, seinen Legendenstatus einzureißen. Und mit „My Songs“ gibt er sich irgendwie auch Mühe.

    Nichts gegen das Recycling von Hits, als Unplugged, mit Orchester oder sonst was kann man da schon eine neue Facette freilegen. Aber Studio aufschließen, 1:1 einspielen, geringfügig ändern (an aktuelle Hörgewohnheiten anpassen) und ab in die Plattenpresse – ernsthaft? Den Charme der Originale kann man halt nicht reproduzieren – und dass ist halt musikalisches Umami.