laut.de-Kritik

Spannend wird es jenseits des angestammten Terrains.

Review von

Als polyvalent bezeichnen Fußballfachleute gerne Spieler, die besonders anpassungsfähig und dadurch vielseitig einsetzbar sind. Gemein ausgelegt, können sie alles ganz gut, aber nichts so richtig überragend. Ein bisschen steckt auch Jesse Barnett, Kopf von Stick To Your Guns, in diesem Dilemma.

Er ist ein vielbeschäftigter Mann, dessen Stimme zwischen melodischem Punk ("Ways Away"), akustischer Melancholie ("Trade Wind") und dem ursprünglichen Haudrauf-Hardcore einiges hergibt. Ein echtes Allround-Talent eben. In jedem seiner Projekte blitzen Musikgespür und Herzblut auf. Doch restlos überzeugend setzt sich seine Handschrift zu selten durch. Genau das wird auch dem nunmehr siebten Langspieler "Spectre" zum Verhängnis.

Barnetts stimmlicher Tragweite und einigen Glanzmomenten ist es zu verdanken, dass auch diese Platte nie unter das Prädikat 'solide' rutscht. Der rohe Sound kombiniert mit der melodischen Strahlkraft macht "Weapon" zu einem Aushängeschild für das verlässliche Handwerk der Kalifornier. Stark stechen die sanfteren Augenblicke hervor, in denen Barnett mit warmer Stimmfarbe Ruhe bringt und für den nötigen Kontrast in der Dynamik sorgt.

Darüber hinaus steckt viel Wut in diesem Album. "Hush", "Liberate" oder "More Of Us Than Them" machen dem Verdruss über gesellschaftliche Fehlentwicklungen kompromisslos Luft, gleichwohl ohne sich nachhaltig ins Gedächtnis zu rufen. Na klar, es geht nach vorne, es gibt einige Ausrufezeichen im Moshpit, aber so ganz will der Funke nicht überspringen. Zu sehr mangelt es dem Songwriting an Finesse, zu viele "Woho"-Rufe ssind zu hören. In Vorfreude auf druckvolle Breakdowns trübt auch die minimalistische Produktion vereinzelt den Hörgenuss. Authentisch hin oder her.

Stick To Your Guns versäumen es auch diesmal nicht, die Menschheit wachzurütteln. "Open up your mouth, if you got something to say!", ruft "A World To Win" zum Kampf gegen die weit verbreitete Lethargie auf. Wild herumhüpfend verständigt sich ein Track wie dieser oder "Who Dares Wins" auf eine schnellere, punkige Grundhaltung. Das klingt dann ein bisschen so, als hätten Rise Against mehr Härte für sich entdeckt. Hardcore der alten Schule, massentauglich in Szene gesetzt sozusagen.

Richtig interessant wird es eigentlich immer dann, wenn die Band das angestammte Terrain verlässt. So baut "Open Up My Head" zum Beispiel ausschließlich auf eingängige Hooks. Das funktioniert ganz prima, ohne dabei an aufmüpfiger Energie einzubüßen. Der Song erinnert am ehesten an Barnett's vielversprechendes Nebenprojekt Ways Away.

Weniger ist mehr gilt auch für den abschließenden Track "No Way To Live". Auf Zimmerakustik heruntergedämpft, schnappt sich Barnett die Klampfe und trällert schwermütig drauf los. Währenddessen kommt mehr Gefühl herüber als in zig unauffälligen Songs zuvor. Für Barnett dürfte es sich lohnen, noch mehr auf seine gesanglichen Stärken zu setzen. Vielleicht liegt darin auch der Schlüssel, um endlich seine feste Position zu finden.

Trackliste

  1. 1. My Heart Is A.)
  2. 2. Weapon
  3. 3. Who Dares
  4. 4. Hush
  5. 5. A World To Win
  6. 6. Open Up My Head
  7. 7. Liberate
  8. 8. The Shine
  9. 9. Instruments Of The End
  10. 10. Father
  11. 11. More Of Us Than Them
  12. 12. No Way To Live

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